Jeff Foster: der Versuch einer unsäglichen Bewegung


kaffee
Der Geist, der ja dualistisch ist, nimmt den Schmerz und formt daraus das gegenteilige Konzept: keinen Schmerz. Und dann beginnt der Versuch, vom Schmerz (der da ist) weg- und zum Nicht-Schmerz (der nicht da ist) hinzukommen. Und wie wir gesehen haben, gibt es ja in Wirklichkeit keine Gegensätze.

Diese tatsächliche Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks als Tanz der Empfindungen, Augenblick nach Augenblick, hat keinen Gegenpol. Was wir jedoch alle in unserem Suchen zu tun versuchen, ist, von den augenblicklichen Empfindungen weg- und zum Fehlen dieser Empfindungen hinzukommen. Wir versuchen, von dem gegenwärtigen Schmerz weg und zu unserer Vorstellung von Nicht-Schmerz hinzukommen. Ganz offensichtlich ist dies eine unsinnige Bewegung, denn dem Schmerz zu entkommen und uns zu einem Ort hinzubewegen, wo es keinen Schmerz gibt, braucht vor allem Zeit. Aber: Ich will ja jetzt, in diesem Moment, frei von Schmerz sein. Aber das Leben kann mir nicht das geben, was ich in diesem Moment will. Ich versuche, mich in diesem zeitlosen Augenblick vom Hier zum Nicht-Hier zu bewegen. Ich versuche, mich von dem, was ist, zu dem zu bewegen, was nicht ist, von dem, was ist, zu meiner Vorstellung von dem, was sein sollte – und das ist mein Leid, das ist meine Frustration, das ist meine Verzweiflung.

Leiden ist der Versuch einer unsäglichen Bewegung, und deshalb tut es so weh.

aus: Jeff Foster, „Radikales Erwachen“

Ist das wahr?

Ich nehme mal etwas ganz Einfaches: Ich habe Durst. „Ich versuche, mich von dem, was ist, zu dem zu bewegen, was nicht ist, von dem, was ist, zu meiner Vorstellung von dem, was sein sollte.“ Sein sollte: Kein Durst. Ich stehe auf und hole mir was, womit ich meinen Durst löschen kann. Ob mit oder ohne Vorstellung, das ist ein völlig natürlicher Prozess. Mangel entsteht und führt zur Anspannung, Mangel wird beseitigt, und der Organismus kann sich wieder entspannen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jeff Foster darauf abzielt. Was könnte er also dann meinen? Ich nehme mal an, ich habe nichts im Kühlschrank und man hat mir das Wasser abgesperrt. Ich habe Durst und da ist weit und breit nichts Trinkbares. „Leiden ist der Versuch einer unsäglichen Bewegung, und deshalb tut es so weh.“ Ich habe quälenden Durst. Meint er das? Kann ich mir auch nicht vorstellen. Letztes Jahr mit meinem Bandscheibenvorfall und der Gürtelrose und den unerträglichen Schmerzen – hätte ich da kein Opium nehmen, sondern stattdessen einfach den Schmerz da sein lassen sollen? Also, ist mir wurscht, ob der Jeff Foster das meint oder nicht, so weit reicht mein Masochismus nicht.

„Der Geist, der ja dualistisch ist, nimmt den Schmerz und formt daraus das gegenteilige Konzept: keinen Schmerz. Und dann beginnt der Versuch, vom Schmerz (der da ist) weg- und zum Nicht-Schmerz (der nicht da ist) hinzukommen. Und wie wir gesehen haben, gibt es ja in Wirklichkeit keine Gegensätze.“ Gibt es wirklich keine Gegensätze? Ja, im Moment, in dem Schmerz da ist, ist nur Schmerz und nicht Nicht-Schmerz da. Nach Einnahme meiner Opium-Tabletten war Nicht-Schmerz da. Also gibt es doch Gegensätze?

In meinen beiden Beispielen gibt es einen wesentlichen Faktor: Den Faktor Zeit. Die entscheidenden Sätze bei Jeff Foster scheinen mir diese zu sein: „Ich will ja jetzt, in diesem Moment, frei von Schmerz sein. Aber das Leben kann mir nicht das geben, was ich in diesem Moment will. Ich versuche, mich in diesem zeitlosen Augenblick vom Hier zum Nicht-Hier zu bewegen.“ Es liegt auf der Hand, dass das nicht möglich ist. Möglich wird es vielleicht in einem zukünftigen Moment sein, aber niemals jetzt und hier.

Andere haben den Suchenden auf die Dynamik alles Seienden verwiesen. Heraklit: „Alles fließt, nichts ruht.“ Jeff Foster verweist auf diesen einen zeitlosen Augenblick, der immer nur sein kann, wie er gerade ist. Jeder Wunsch, er sollte anders sein, bedeutet Leiden.

Und jetzt stelle ich fest, dass ich einen Kaffee haben möchte. Mal gucken, wie sich das entwickelt. Vielleicht steh ich ja auf und mach mir ein Tässchen.

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3 Antworten zu Jeff Foster: der Versuch einer unsäglichen Bewegung

  1. Michaela schreibt:

    Interessanterweise scheint Zeit immer dann eine Rolle zu spielen, wenn man sich im Zustand des Sehnens befindet, wenn man darauf „wartet“, dass sich etwas verändert.

    In diesen „zeitlosen Augenblicken“, wo einfach nichts gewollt wird, spielt diese Zeit überhaupt keine Rolle. Ich behaupte nicht, dass ich es als Zeitlosigkeit wahrnehme oder überhaupt wahrnehme, dass da kein Wollen ist, aber rückblickend muss ich sagen, dass es diese Momente offenbar gibt. In diesem Zustand von ? (ich nenne es mal „neutral“) gibt es nur ein Auf und Ab von Gedanken und Gefühlen, Wahrnehmung, etwas, das seine eigene Dynamik hat. Hier hält das Ich endlich mal die Klappe und hat sich einfach zurückgezogen. Vielleicht ist das sowas wie der natürliche Zustand dieses ansonsten sehr vorlauten und wichtigtuerischen Ichs.

    Bis es sich wieder erneut ins Spiel bringt und diese „unsägliche Bewegung“ versucht. Als Ronny gestern schrieb, dass dieses Hinterherrennen nach der Möhre schon dieses Verweilen in den Gedanken ist, muss ich sagen, dass ich das so noch nicht betrachtet hatte. Der Geschichte hinterherrennen. Hmmmm…Ich hab noch kein probates Mittel entdeckt, Gedankenlärm auszuschalten. Vielleicht geht es auch gar nicht darum. Keine Ahnung, kann man sicher machen.

    Heute gibt’s auf jeden Fall „Möhrendurcheinander“ hihi…- ich finde, das passt im Moment ganz gut zu mir und schmecken tut’s auch. 🙂

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  2. Elwood schreibt:

    „Jeder Wunsch, er sollte anders sein, bedeutet Leiden.“

    Betonung liegt auf SOLLTE(muss).
    Der Wunsch(Vorstellung) an sich, ist im Spiel der Gegensätze noch kein Leiden.
    Durch den Totalitätsanspruch – sollte, muss – kommt die Zeit und mit ihr das Leiden ins Spiel.
    Dadurch wird auch die Vorstellung wichtiger als der augenblickliche Moment und somit die Verwechslung mit der Wirklichkeit.
    Das Leiden, dass dadurch entsteht wird gebraucht um den Götzen(Ich) am Leben zu halten.
    Vielleicht sind wir deswegen so vernarrt auf die sollte, muss Vorstellung?

    Nix muss, alles kann…
    Ohne muss kann ich zum Opium greifen um die Schmerzen zu lindern.
    Ohne muss kann ich ja auch die Entzugs-Kur vom Opium (oder vom Ich?) ausprobieren.
    Mal sehn obs schöö macht….

    Nur ein spontanes Deppenkonzept….

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