Daniel Odier: die Bürde des Religiösen


0
Ich würde sie definieren als die Bürde des Religiösen, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden die ikonoklastische Botschaft der chinesischen Chan-Meister, die sich durch eine grandiose Abwesenheit von Formalismus auszeichnet, zu überdecken droht. Diese Dharma-Tiger lebten zu einer Zeit, da das religiöse Regelwerk in China noch nicht festgeschrieben war, in kleinen Gemeinschaften überaus freier Individuen. Sie waren stark vom Daoismus beeinflusst, den viele von ihnen zuvor praktiziert hatten, und sie hatten ein kosmisches Konzept des Buddhismus, das sehr stark an der Natur, der Schönheit und der Kunst verknüpft war. In ihrem Ansatz gab es nichts Puritanisches. Sie unterschieden sich total vom indischen Buddhismus und dessen strenger Morallehre, die darauf aus war, die Sinnlichkeit auszulöschen, und für die die Ausübung der Künste im Widerspruch zum Weg stand.

Die chinesischen Meister haben die Schönheit der abgeschiedenen Berge, auf denen sie lebten, in wundervollen Gedichten besungen. Sie spielten die Flöte oder die Zither, sie waren Maler oder Kalligraphen, sie schätzten es, einen einfachen Beruf auszuüben, der manchmal ihre Existenzgrundlage bildete, da sie wenig geneigt waren zu betteln. Sie feierten in der Gesellschaft anderer Einsiedler frugale Bankette unter dem Mond, sie ließen sich in tiefer Ekstase in einem Boot auf dem Wasser dahintreiben, uns sie ließen sich dazu hinreißen, die Sehnsucht, die Einsamkeit, die Tristesse langer Winter, die Liebe, die Gefühle, die Freundschaft, das Verlangen und das Brodeln der gesamten Schöpfung zu besingen.

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“

KompassGefällt mir sehr, was Daniel Odier da beschreibt. Genau so ist mir Zen oder Chan oder wie auch immer in jungen Jahren begegnet, wofür ich unendlich dankbar bin. Ohne die Bürde des Religiösen, ohne jeden Formalismus, ohne irgendeine Vorschrift, ja, im Grund ohne Worte. Es war mehr wie ein bestimmtes Aroma, ein Hauch, ein Duft, eine Melodie. Nichts, was irgendwie zu fassen gewesen wäre oder zu begreifen. Und da war nicht einmal der Wunsch, irgendetwas begreifen zu wollen. Da war nur „Jaaaa!“ und genau das, was Bodhidharma mit seinem Hinweis „offene Weite – nichts von heilig“ zum Ausdruck gebracht hatte. Nichts von heilig oder alles aber so was von heilig. Es war, wie wenn meine innere Kompassnadel, die bis dahin völlig orientierungslos herumkreiselte, plötzlich von einem ganz unglaublichen Magneten angezogen wurde.

Ich merke, wie ich immer wieder widerborstig werde, wenn es um sog. Advaita-Diskussionen geht. Advaita oder sonst so’n Kram. Die ganze Rumphilosophiererei mag ja eine Zeit lang ganz gut sein und ist zwischendurch vielleicht sogar gar nicht übel, um alte Glaubenssätze in Frage zu stellen und vielleicht sogar über Bord gehen zu lassen, aber letztlich ist sie total für den Müll. Rumi sagte: „Der Mund soll dem Geschwätz nicht dienen, sondern des Lebens Süße kosten.“ Des Lebens Süße gekostet haben ganz offensichtlich die alten Chan-Meister. Und sie teilten ihre Begeisterung in ihrer Musik, ihren Liedern und Gedichten, in ihren Bildern und Kalligraphien. Sie liebten das Leben mit all ihren Sinnen in seiner ganzen Fülle. „Und Schlag auf Schlag! Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ ließ Goethe den Faust sagen. Die alten Chan-Meister hätten sicher zustimmend gegrinst.

Verweile doch, du Augenblick, du bist so schön! Wer will denn da noch sabbeln? Es sei denn, das Sabbeln macht grad richtig Spaß, so als grundloses Sabbeln.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Daniel Odier: die Bürde des Religiösen

  1. MaulBaer schreibt:

    Es kann Dir passieren,
    es kann mir passieren,
    es kann jedem anderen passieren,
    dass wir uns grundlos freuen.
    dass wir uns grundlos fürchten,
    dass wir grundlos reden, plappern, schwätzen,
    dass wir uns grundlos wie die letzten Idioten benehmen,
    dass wir grundlos was auch immer fühlen,
    dass wir grundlos was auch immer bewerkstelligen…..

    Gefällt mir

  2. zaungast schreibt:

    „Des Lebens Süße gekostet haben ganz offensichtlich die alten Chan-Meister. Und sie teilten ihre Begeisterung in ihrer Musik, ihren Liedern und Gedichten, in ihren Bildern und Kalligraphien. Sie liebten das Leben mit all ihren Sinnen in seiner ganzen Fülle.“

    das ist aber schön gesabbelt… mundet mir ausgezeichnet🙂

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s