Hans Vaihinger: Handle


Hans-Vaihinger
Facebook ist voll davon: „Empört euch!“ – „Wehrt euch!“ – „Die da oben sind an allem schuld!“ ….. Aber natürlich nicht nur Facebook. Es ist das Lieblingslied der meisten Menschen: „Du bist schuld, dass es mir so beschissen geht!“ Schaut man sich die Sache etwas genauer an, kommt einem sehr schnell der Gedanke, dass diese Schuldzuweisungen, die Anklagen, die Empörung, dass das Jammern und Klagen – möglicherweise Ersatz für eigenes Handeln ist.

„Bloß keine Konsequenzen ziehen!“ scheint das Credo der meisten Menschen zu sein. Konsequenzen zu ziehen, überlässt man lieber den anderen. Sollen die sich doch die Hände schmutzig machen. Ich hab dann hinterher wieder genug Stoff, mich über all das zu beschweren, was sie falsch gemacht haben.

Mich zu beschweren, das ist dann allerdings das Ergebnis meiner Projektionen. Abgesehen von einer schnell vorübergehenden möglichen Befriedigung, werde ich mich immer schwerer und schwerer fühlen. Vielleicht erscheint mir dann so was wie Advaita als der goldene Ausweg: „Alles ist, wie es ist.“ Halleluja! Jetzt habe ich eine wirklich Klasse-Ausrede dafür, keine Konsequenzen mehr ziehen zu müssen. Wer sollte sie denn auch ziehen können? Mich gibt es doch überhaupt nicht. Da ist niemand, der Konsequenzen ziehen könnte.

Hans Vaihinger war ein wirklich kluger Mann. Ich spiel jetzt mal Bauchredner und lasse ihn sagen: „Ja, ja, ist ja schon gut. Das hast du alles brav verstanden: Da ist niemand, der handeln könnte. So – und jetzt handle trotzdem!“ Er hat’s natürlich etwas philosophischer ausgedrückt mit dem Satz, den ich hier immer wieder mal zum Besten gegeben habe:

Handle,
ALS OB du der Handelnde wärest,
mit dem Wissen,
dass du nicht der Handelnde bist!

Wenn du mitkriegst, dass dein Schuhbändel aufgegangen ist, bück dich gefälligst und versuche eine ordentliche Schleife hinzukriegen! Schimpf nicht auf das miese Schuhbändelmaterial, meckere nicht darüber, dass niemand kommt, um dir die Schuhbändel zuzubinden, handle! Das ist so selbstverständlich, dass man sich richtig blöd vorkommt, das auch nur auszusprechen. Aber komischerweise scheinen die meisten Menschen da einen Knoten im Hirn zu haben. Wenn jemand aufs Klo muss, denkt er (hoffentlich) ja auch nicht: Kann das nicht jemand für mich erledigen? Und wenn er dann die Hosen voll hat: „Da ist XY schuld; warum hat er das auch nicht übernommen!“

„Tun ohne Tun“ ist nicht die Verweigerung von Tun, ist nicht die Verweigerung von Ver-Antwort-ung. Wenn eine Gazelle einen heranschleichenden Löwen bemerkt, flieht sie. Das ist ihre Antwort auf die bedrohliche Situation. Die Gazelle übernimmt damit Verantwortung für ihr Überleben. Sie tut, sie ist jederzeit bereit, Konsequenzen zu ziehen – und das alles ohne diese komischen Begriffe „Verantwortung“ oder „Konsequenz“ zu kennen.

Wir handeln sowieso den ganzen Tag über. Wir atmen, unser Herz schlägt, unser Verdauungssystem arbeitet mehr oder weniger leise vor sich hin, … Wenn Buddha sagt, dass Handeln geschieht, dass es jedoch keinen Handelnden gäbe, dann meint er genau das. Teil dieses Tuns ohne Tun können jedoch auch Gedanken sein wie „jetzt werde ich mir mal einen Kaffee machen“ oder „oh, verdammt, ich hab meine Einkommensteuer immer noch nicht gemacht; jetzt aber ran!“ Auch der sog. Ich-Gedanke geschieht ganz von selbst genau wie ein Furz. Und genau deshalb kann Hans Vaihinger sagen: Handle!“ Er müsste es eigentlich nicht sagen, weil Nicht-Handeln gar nicht möglich ist. Er sagt es im Grunde all den frustrierten Handlungsverweigerern. Frustriert sind sie allesamt deshalb, weil sie versuchen, sich dem Leben und seinen ständigen Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu verweigern. Das kann ja nur schief gehen.


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10 Antworten zu Hans Vaihinger: Handle

  1. MaulBaer schreibt:

    (Anderson / Howe / Wakeman / Bruford / Vangelis)
    Let us be together, let’s pretend that we
    Are free, let’s all be where the angels
    Find us, we all have the key
    Shall we seal the truth of life
    Shall we light the heavens
    We’re so good at finding pleasure
    As to what we are, and how we fit
    Together

    Let us sing the song it is
    Let the sound of all belief
    Let’s all find that space in life
    To follow in between
    It’s something that I feel
    To pour upon my soul
    Countenance of love

    Lyrics – Yes – Let’s Pretend Lyrics
    Let’s Pretend Lyrics – Yes
    Review The Song (0)

    Hier geht es zum „Let’s Pretend“ Lied

    (Anderson / Howe / Wakeman / Bruford / Vangelis)
    Let us be together, let’s pretend that we
    Are free, let’s all be where the angels
    Find us, we all have the key
    Shall we seal the truth of life
    Shall we light the heavens
    We’re so good at finding pleasure
    As to what we are, and how we fit
    Together

    Let us sing the song it is
    Let the sound of all belief
    Let’s all find that space in life
    To follow in between
    It’s something that I feel
    To pour upon my soul
    Countenance of love
    sponsored links
    For one n‘ all
    To know there’s so many ways
    The force of nature prevails
    I lay down, I lay down and I pray

    Let’s get our hearts together
    And as before, and like before
    We’ll do again

    To know there’s so many ways
    The force of nature prevails
    I lay down, I lay down and I pray

    Let’s get our hearts together
    As before, and like before
    We’ll do again
    Let’s get our hearts together
    As before, and like before
    We’ll do again
    Let’s get our hearts together
    As before, and like before
    We’ll do again

    Do again…

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  2. fredo schreibt:

    Ein schöner Spruch zumNityaText …. von den Arabern …

    “ Wenn du möchstest , daß Allah auf dein Kamel aufpaßt , binde es an ! “

    soll heißen , das Wissen um die ausschließliche Ursache / Quelle alles Geschehens aus dem Wirkkontext des „Allem“ heraus , heißt ja nicht , das das „Mit-Wirken“ der Figur „Ich“ damit entfällt oder „un-nötig“ oder gar unmöglich würde.
    Es ist halt stets nur MIT-wirken ( der Figur ) und kein BE-wirken .
    Dies meint der Hinweis des Buddha ( und des Advaita ) : “ Es gibt Handlungen und es gibt die Konsequenzen dieser Handlungen , aber es gibt keinen Handelnden“ .

    Damit wird ja nicht das MIT-wirken der Figur (anscheinend) „Handelnder“ in Abrede gestellt , sondern lediglich die Vorstellung „demonttiert“ , die automatisch beim MIT-Wirken im (anscheinend) „Handelnden“ entsteht , nämlich ALLEIN Handelnder als seperates Subjekt mit einem seperatem Handlungs-Objekt zu sein.
    MIT-wirken jedoch ist immer ein Mit-Wirken am GesamtKontext der Lebendigen Dynamik , ohne erwartestes „eigenes seperates“ Handeln , sondern in Form eines mit dem allgemeinen Handlungsflusses mit-fliessendes Handeln .

    „Dein Wille geschehe“ ( sagte Jesus )
    Und ich werde entdecken , dass „mein“ Handeln stets mit „deinem Willen“ übereinstimmt , da ich nur Deinem Willen gemäß handeln kann ,
    „Mein“ Handeln ist aber erforderlich , da nur „mein Handeln“ „Deinen Willen“ darstellen kann .

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    • rotegraefin schreibt:

      ” Es gibt Handlungen und es gibt die Konsequenzen dieser Handlungen , aber es gibt keinen Handelnden” .
      Alles klar Fredo! Jetzt weiß ich Bescheid! Hihihi, „da lachen ja die Hühner und der Hahn dazu!“ Spruch meiner Ma

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      • fredo schreibt:

        is halt nicht von mich , sondern vom ollen buddha , der belachte spruch …😀

        da scheinen die hühner und der hahn aber mit einem ordentlichen dünkel gepudert zu sein …😀

        mit proletarischem gruß

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      • rotegraefin schreibt:

        Oh Du kennst die Sprüche meiner Ma nicht.
        Ich wußte danach nie, ob ich noch Männlein oder Weiblein war und wenn der „olle Buddha“ so etwas gesagt haben soll,dann sehe ich es heute als gefährlich an sie aus dem Zusammenhang gerissen zu präsentieren. Was willst Du damit erreichen?

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  3. fredo schreibt:

    ergänzend :
    Es kann nur die Figur „handeln“ . … soll heißen , sich bewegen und beziehen .
    Denn „Handlung“ ist immer Ausdruck von Beziehung .
    Was jedoch eine spezielle Beziehung erst ermöglicht , ist der spezielle KONTEXT der Schöpfung.
    Erst die jeweils durch die Dynamik / Bewegung entstehende (zufällige) Nähe der sich „beziehenden / damit wirkenden“ Energiekompendien zueinander , lassen dann Handlung als Ausdruck genau dieser Konstellation ( ! ) entstehen.

    Damit „handelt“ eigentlich nix und niemand , noch nicht einmal Gott , sondern , die sich ergebende Konstellation im Kontext der Schöpfung erschafft die zwangsläufige AUS-handlung dieser Konstellation .
    Die Karten sind gemischt , es ist ein abgekartetes Spiel der Schöpfung , … grins …..
    Der Mensch ist damit nicht Handelnder sondern ausführendes Organ der Konstellation .
    Und doch ist es stets der „eigene“ (Reaktions)Anteil auf den Gesamtkontext , der da erst ein „Handeln“ sich ereignen lässt .
    Damit hat der Mensch zwar keine Wahl . Er vermag gar nicht gegen „seinen“ Willen zu handeln .
    Denn sein „eigener“ Wille ist bereits Ausdruck des „eigenen“ Anteils am Gesamten .
    Und doch wird das was in ihm als „eigener Wille“ dekoriert auftaucht , immer nur Ausdruck des GESAMT-WILLENS sein können . ( “ Dein Wille geschehe“ )

    Wenn da diskutiert wird über „freien Willen“ meint das ja stets die hypothetische ( potentielle ) Möglichkeit , sich anders zu entscheiden , als man halt normalerweise „wollen“ würde.
    klar … kann man jederzeit „anders ( und damit als „frei“ deklariert ) wollen“ .
    Wobei nur übersehen wird , das auch bereits dieses ab und an „anders“ wollen , Ausdruck der eigenen Prägung und damit die exact persönlich übereinstimmende Entsprechung des Anteils am GESAMT-WILLENS-KONTEXT ist .
    Auch im (angeblich) anders / frei wollen , kann nur das , was alles „wollend“ lebendig erscheinen lässt , dann Handlung geschehen lassen .
    Ansonsten wäre ja jedes „anders wollen“ außerhalb der Schöpfung ….
    Und damit ein Absurdum.

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  4. Michaela schreibt:

    Fredo, du schreibst „Die Karten sind gemischt , es ist ein abgekartetes Spiel der Schöpfung , … grins …..“

    „Abgekartet“, also schon „vereinbart“ im Sinne von „so und nicht anders“ oder doch ganz anders? Sind die Karten schon längst gemischt oder wann sind sie gemischt? In der Zeit scheint es immer eine Entfaltung/Entwicklung zu geben.

    „Außerhalb von Zeit“, lässt sich da sagen, dass dieses Rollenspiel längst abgedreht ist? Gibt es den raumlosen Raum außerhalb von Zeit (von mir aus), an dem ALLES permanent IST?

    Wenn du sagst „Damit “handelt” eigentlich nix und niemand , noch nicht einmal Gott …“ dann gibt es also wieder zwei?

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  5. Michaela schreibt:

    Nochmal erklärend dazu hört man immer wieder mal, dass „alles schon längst passiert ist“. (abgedrehtes Rollenspiel) Das ist aus dieser Sicht völlig unverständlich, da sich die Dinge für mich immer gerade jetzt ent-wickeln oder bzw. jetzt geschehen. In dem Zusammenhang ergab sich die Frage.

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  6. fredo schreibt:

    Es ist letztlich ohne jeden Nutzen , zu verstehen , wie das mit dem „eigenen freien Willen“ ist ,
    da es da keine „richtige“ Version der Definition gibt .

    der „freie Wille / das eigene Handeln“ ist als Vorstellung des „Eigenen“ dem Selbstbild dessen was da „ich sagt im inneren Dialog und ICH meint“ nur so nahe , und für das gewünschte Tatsächliche des „Ich“ so begründend , dass ein „Aufmischen“ dieser Vorstellung sehr erfolgreich „subversiv“ sein kann …

    es ist auch nicht so , dass es eine andere Vorstellung / Wahrnehmung vom „eigenen“ Willen beim Erwachten gäbe , die dann richtiger wäre , die Vorstellung des „eigenen“ wird schlicht nicht mehr benötigt … wird also obsolet …. es „will“ dann weiter wie eh und je … nur der Stempel „mein“ wird schlicht nicht mehr benötigt … da schlicht Alles als „mein“ erkannt wurde ( ! ) … und dieses „nur mein“ gar nicht mehr gibt … sowohl das als „gewollt“ Hervortretende , wie auch das im Ungewollten Verbleibende ist dann „mein“ ….
    Letztlich zieht sich das „mein“ dann auf ein Staunen zurück …

    ich hab ja versucht , es darzustellen ( wahrscheinlich wieder mal viel zu kompliziert😦 ) , das „Wille und Handlung“ letztlich das grundsätzliche InteraktionsPrinzip in der Welt der Erscheinungen ist.
    Auch ein Planet , der sich um eine Sonne dreht , „will“ dies und „handelt“ drehend , dem gemäß .

    Es ist das Label , der Stempel , „mein“ Wille der da etwas in Vorstellung festigt , weil dieses „mein“ halt ein automatisch ein gegensätzliches „nicht-mein“ behauptet !!! … also Trennung schafft …
    Letztlich ist es ein einziger Buchstabe … das M … was aus … ein Wille dann Mein Wille behauptet . . und damit die Vorstellung des NUR „meinigem“ noch mehr füttert …

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    • Michaela schreibt:

      Also ich konnte deiner Darstellung sehr gut folgen, Fredo, und ich finde es spannend, immer wieder verschiedene verbale Interpretationen zu erhalten. Obwohl aus dieser Perspektive „mein“ hier bedingt geglaubt wird, kann eine andere Sichtweise immer wieder „die Vorstellung aufmischen“ und für temporäre Erleichterung sorgen. Was für eine Freude!

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