Daniel Odier: Die Nicht-Wahl hebt das Schuldgefühl auf


Daniel Odier
Der Begriff der Nicht-Wahl basiert darauf, dass alle Dinge miteinander verbunden sind. Da alles miteinander verbunden ist, hat alles einen unmittelbaren Einfluss auf die Gesamtheit und konditioniert sie. In diesem riesigen Wirbel werden wir mitgerissen und von Sekunde zu Sekunde auf das Unbekannte zugetragen. Welchen Platz nähme da eine persönliche Wahl ein?

Die Nichtwahl hebt das Schuldgefühl auf. Sowohl das unsere als auch das der anderen. Wir können den anderen nicht mehr für unser Leiden verantwortlich machen. Er wird durch ein Funktionieren zum Handeln gedrängt, das weit über seine oder unsere Person hinausgeht. Es gibt also eine absolute Freiheit. Aber diese Vorstellung zu akzeptieren, wird Ihnen nirgendwo weiterhelfen. Das ist nur noch ein weiterer innerer Konflikt. Also was tun?

Das Wirkliche betrachten, mit den Ereignissen in Verbindung treten, mit der Bewegung der Gesamtheit mitgehen, indem wir unsere Kräfte nicht länger damit erschöpfen, ihr entgegenzuwirken. Aus diesem Verzicht entsteht eine tiefe Freude. Wir haben nicht mehr den Anspruch, zu kommandieren und uns durchzusetzen. Wir werden empfänglich für die Kreativität, die uns geschenkt wurde. Wir erforschen, was da ist, anstatt dem hinterherzulaufen, was nicht vorhanden ist.

aus: Daniel Odier, „Freude“

Kugelbahn„In diesem riesigen Wirbel werden wir mitgerissen und von Sekunde zu Sekunde auf das Unbekannte zugetragen. Welchen Platz nähme da eine persönliche Wahl ein?“ Mir fiel dabei wieder eine Kugelbahn ein. Ich hatte sie, glaube ich, schon einmal vor einem halben Jahr hier drin. Das ist jetzt ein ungemein vereinfachtes Modell und es ist nur ein winziger Ausschnitt aus einer gigantischen Kugelbahn. Oben wird eine Kugel eingegeben und bei den abgebildeten drei Weichen gibt es bereits vier Möglichkeiten, wo die Kugel wieder austreten kann. Wo sie austreten wird, können wir nicht wissen, weil die Bahnen und Weichen durch eine Platte verdeckt sind. Die Kugel sind wir, die wir uns vielleicht einbilden, eine Wahl zu haben, obwohl wir bei jeder neuen Weiche von der Weichenstellung einfach überrascht werden.
WeicheWas bleibt uns, wenn wir schon unbedingt wählen wollen, vernünftigerweise anderes übrig, als das zu wählen, was mit uns gerade geschieht? Aber natürlich können wir nicht einmal das wählen, weil es dazu erst einmal eines Wählers bedürfte.

Doch damit sind „wir“ immer noch nicht fein heraus und können uns nicht zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Wir sind eben keine Kugel in einer Kugelbahn. Wir müssen wählen und wir müssen handeln. Wir – obwohl dieses Wir doch nur eine Erscheinung ist. Darüber zu diskutieren ist völlig müßig. Zwei finstere Gestalten stehen vor mir und verlangen mit vorgezeigter Waffe: „Geld oder Leben!“ Sag ich jetzt: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Herr, dein Wille geschehe!“ oder werde ich in irgendeiner Weise aktiv werden? Werde ich mir in dieser Situation die Frage stellen: „Wer bin ich? Ist da jemand, der wählen kann?“ Ich vermute mal, ich werde einfach handeln – als ob es mich gäbe. Nicht, dass mir in der Situation dieser schlaue Gedanke käme. Handeln geschieht einfach. Wie auch immer. Sind wir also doch so etwas wie die Kugel in der Kugelbahn? Wir wissen nicht, wie wir handeln werden. Und wir wissen nicht, wie viele und welche Weichen da gestellt worden sind, bis es zu einer Handlung kommt.

Daniel Odier sagt: „Das Wirkliche betrachten, mit den Ereignissen in Verbindung treten, mit der Bewegung der Gesamtheit mitgehen, indem wir unsere Kräfte nicht länger damit erschöpfen, ihr entgegenzuwirken. Aus diesem Verzicht entsteht eine tiefe Freude.“ Das ist seine Erfahrung. Diese Erfahrung kann nicht gemacht werden, wenn man aufhört, eine Wahl zu treffen, sondern nur dann, wenn die eigene Wahl als Nicht-Wahl erkannt wird. Für einen anderen, der sich dabei nur als Opfer sehen kann, bedeutet das vielleicht, in tiefe Depression zu fallen. Aber Probieren geht über Studieren. Vielleicht entsteht ja tatsächlich tiefe Freude – „in schā’a llāh“.

 

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7 Antworten zu Daniel Odier: Die Nicht-Wahl hebt das Schuldgefühl auf

  1. Gerhard Mersmann schreibt:

    Hallo Wilhelm, rauchst du eigentlich auch Zigarre?

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  2. fredo schreibt:

    es schafft eine ungeheure entspannung ( da nix mehr „falsch“ sein kann ) .
    und eine viel tiefere freude am „handeln“ , da es spontaner und zweifelsfreier stattfinden kann .

    ( wobei dieses „spontaner und zweifelsfreier“ er nur ein vergleichendes Phänomen der Erinnerung ist , was im Lauf des weiteren Lebenflusses immer mehr verblasst , da auch dieses gelegentlich zaudernde, bedenkende , bezweifelnde des Handelns , als Teil des (eigenen) Funktionierens im DynamikKontext des Nun gesehen wird ……… und wenn mal nicht , dann halt auch fein ….😀 )

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  3. MaulBaer schreibt:

    Zum Thema Mensch, Person, Nicht-Wahl und Schuld-en hier ein meiner Meinung nach interessantes ergänzendes Gespräch:

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