Saint Sri Samartha Ramdas: die Realität sein

omWenn man über die sichtbaren Erscheinungen hinausgeht,
bleibt die nicht sichtbare Leere bestehen.

Wenn man glaubt, dass das Brahman wäre,
kehrt man daraus zurück.

Auf der einen Seite ist das Sichtbare,
auf der anderen ist der merkmallose Gott.
Zwischen den beiden ist nichts,
die Leere …

Zuerst müssen die sichtbaren Erscheinungen aufgegeben werden.
Dann, wenn man über die Leere hinausgeht,
sieht man die ursprüngliche Illusion (Moolamaya).
Von hier aus wird die absolute Realität, Parabrahman, realisiert. …

Sei die Realität selbst,
um die Realität zu erfahren.
Wenn man es mit einem Gefühl von Getrenntsein betrachtet,
macht man nur die Erfahrung der Leere.

Die Erfahrung der Leere kann niemals
die Verwirklichung der absoluten Realität sein.
Durch ‚die Realität sein‘ sieht man
die Realität mit seiner eigenen Erfahrung.

Saint Sri Samartha Ramdas – aus „Dasbodh“

Der Text war im letzten Newsletter von Hermann R. Lehner zu finden. Saint Sri Samartha Ramdas lebte 1608 – 1682 und ich hatte tatsächlich noch nie von ihm gehört. Na, so was.

Beschrieben werden drei Stufen. Erstens die Erscheinungen, also die sichtbaren Objekte. Zweitens die Leere. Und drittens die Realität. Man kann das wieder als Karotten bezeichnen, aber man könnte genauso sagen: Die Karotte hängt im Auge des Betrachters. Samartha Ramdas beschreibt seine Erfahrung. Und er gibt denjenigen, die auf dem Weg zur Realität sind, als Wegzehrung gewissermaßen ein paar Hinweise mit.

Wenn „man“ über das Sichtbare hinausgeht, entsteht nicht sichtbare Leere. Viele machen aus Leere ein Objekt und halten sie für ihr höchstes Ziel, für die absolute Realität. Wer an dieser Vorstellung festhält, wird immer wieder zurückfallen in die Welt der Erscheinungen, die sich dann immer wieder als real darstellt. Wenn „man“ über die Leere hinausgeht, sieht man die ursprüngliche Illusion, sagt Samartha Ramdas. Das „man“ hab ich in Tüttelchen gesetzt, weil eine Vorstellung nicht über etwas hinausgehen kann – außer als Vorstellung. Könnte man das nicht auch umdrehen, weil es eh nicht ein zeitliches Hintereinander ist: Wird sowohl alles Sichtbare wie die nichtsichtbare Leere als reine Erscheinung gesehen, ist „man“ über die Leere hinausgegangen.

Man kann sich der absoluten Realität in keiner Weise nähern, weil damit auch aus der absoluten Realität ein Objekt gemacht worden wäre. Samartha Ramdas sagt: „Sei die Realität selbst, um die Realität zu erfahren.“ Und „Durch ‚die Realität sein‘ sieht man die Realität mit seiner eigenen Erfahrung.“ Es gibt keine andere Möglichkeit. Das „man“ muss verloren gegangen sein. „Man“ kann die Realität niemals erreichen.

Die gute Nachricht ist: Absolute Realität war nie nicht da. Und: „Man“ war nie da außer als Vorstellung.

Das Bildchen oben hat mir gut gefallen. Was Samartha Ramdas da wohl zwischen seinen Fingern hält und betrachtet. Mir fällt wieder dieser Text aus dem Thomas-Evangelium dazu ein: Jesus sprach:

Das Königreich des Vaters gleicht einem Kaufmann, der Ware hatte und eine Perle fand. Jener Kaufmann war schlau. Er verkaufte die Ware und kaufte sich die Perle allein. Sucht auch ihr den zuverlässigen und dauerhaften Schatz, dort, wo keine Motte hinkommt, um zu fressen, und wo kein Wurm zerstört.

 

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8 Antworten zu Saint Sri Samartha Ramdas: die Realität sein

  1. Savitri schreibt:

    „Was Samartha Ramdas da wohl zwischen seinen Fingern hält und betrachtet.“

    Er hält dort Nichts …
    wunderbar!

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  2. Savitri schreibt:

    „Wird sowohl alles Sichtbare wie die nichtsichtbare Leere als reine Erscheinung gesehen, ist “man” über die Leere hinausgegangen.“

    Keine Chance, dass „man“ das „machen“ könnte…

    In dieses „keine Chance“ einzutauchen, das ist köstlich…

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  3. Eno Silla schreibt:

    „Was Samartha Ramdas da wohl zwischen seinen Fingern hält und betrachtet.“

    Also ich habe den Eindruck, dass er da einen Popel zwischen den Fingern hält und begutachtet…
    Ein Hinweis auf alltägliches, reales Sein!

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  4. Marianne schreibt:

    Im Sufismus steht die „Perle“ für die „persönliche Essenz“.

    Der Text, auf den hier (auch) Bezug genommen wird, heißt „Perlenlied“ und findet sich in den so genannten „Thomasakten“ – eine apokryphische (nicht-biblische) syrische Schrift aus dem 3. Jh. nach Christus. http://12koerbe.de/euangeleion/perle.htm

    Alle anderen Essenzen werden im Sufismus unpersönlich gedeutet.

    Ich bin noch nicht wirklich schlau daraus geworden, was mit „persönlicher Essenz“ gemeint ist.

    Eine Spur scheint mir zu sein, wie C.G. Jung den Archetypus der „persona“ gemeint hat: als das „Wie“ wir mit der Welt Kontakt aufnehmen/in Kontakt sind. Das klingt natürlich jetzt schon wieder objekthaft – vielleicht wäre das Phänomen besser als „in-kontakt-sein“ beschrieben.

    In einer taoistischen Geschichte von TschuangTse taucht die Perle auch auf, hast du selbst hier schon mal zitiert: https://satyamnitya.wordpress.com/2012/03/14/dschuang-dsi-wer-findet-die-perle/

    So wie der Samartha Ramdas das „Ding“ in seiner Hand ansieht, scheint es mir allerdings auch eher ein „Popel“ zu sein …😉


    Marianne

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  5. Nitya schreibt:

    auge

    Auch hier gilt: Der Popel liegt im Auge des Betrachters.

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  6. fredo schreibt:

    Dann doch mal was „klugscheißerisches“ …
    Es ist eine im indischen bekannte geste … mudra … auch bei manchen statuen des buddaha zu finden …
    daumen und zeigefinge bilden einen kreis … die restliche drei finger ausgestreckt …
    steht bei meditation ausgestreckt auf den beinen für klarheit des geistes in leere ..
    bei erheben , und nur einer erhobenen hand , steht es für unterweisung …
    dafür spricht auch das löwen/leopardenfell auf der schulter …

    das wirklich skurile ist jedoch , entweder unfähigkeit des malers , oder gar gewollt ( ? ) , dass er die erhobene rechte Hand verkehrtherum , als al linke Hand gezeichnet hat …

    seltsam ….

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