Johannes Tauler: lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren


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Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten,
draußen,
so könntest du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher,
was du auch tust.
Und so hättest du den Frieden deines Herzens
und Freude,
und dich störte nichts mehr von dem,
was dich jetzt ständig stört,
dich bedrückt und dich leiden läßt.

Johannes Tauler

Und der Juden Passa-Fest war nahe, und Jesus zog hinauf gen Jerusalem. Und er fand im Tempel sitzen, die da Ochsen, Schafe und Tauben feil hatten, und die Wechsler. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen und verschüttete den Wechslern das Geld und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben feil hatten: tragt das von dannen und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause!

Johannes 2, 13-16

Man könnte, wenn man unbedingt will, die Welt als Gottes Tempel sehen und die Bankster und Gangster und Politiker und Pfaffen als die Verkäufer und Käufer aus der Geschichte, die Johannes da erzählt. Und ja, wartet die Welt nicht gerade wieder sehnsüchtig auf einen Jesus, der diese ganze Mischpoke zum Teufel jagt?

Man könnte aber auch die Geschichte von Johannes als eine Geschichte über unseren dualistischen, kleinkarierten, raffgierigen und streitsüchtigen Verstand sehen und über das grenzenlose Bewusstsein. Letzteres wäre dann „meines Vaters Haus“ und Ersteres die Welt mit ihrem Geschachere. Johannes Tauler sagt: „Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren und mache und halte seinen Tempel leer.“ Und er fährt fort: „Denn wäre der Tempel entleert, und wären die Phantasien, die den Tempel besetzt halten, draußen, so könntest du ein Gotteshaus werden, und nicht eher, was du auch tust.“

Hmm, hmm, … ich muss gerade an jenen 162 Jahre alten Hambo Lama Daschi-Dorsho Iltigelow denken, der seit über 75 Jahren im Samadhi existiert. Ist es dieser Zustand, auf den Johannes Tauler verweist? Ich denke nicht. Ich hoffe nicht. Für mich geht es nicht um das, was Tauler sagt: „Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren und mache und halte seinen Tempel leer.“ Ich würde eine winzige Änderung vorschlagen: Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren, indem er nicht an ihnen klebt. – Und falls ihm das nicht gelingen sollte? – Wen kümmert’s?

Ich möchte ganz gewiss kein Hambo Lama Daschi-Dorsho Iltigelow werden. Ich möchte überhaupt nichts werden. Zum Teufel mit all diesen komischen Karotten! Ist es nicht mehr als genug, zu sein, der man ist, wie immer man ist?

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2 Antworten zu Johannes Tauler: lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren

  1. Nitya schreibt:

    Morgenmeditation

    Morgenmeditation

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  2. Elwood schreibt:

    Alseo errlisch, doller dipp!
    Mannn sieet doch wat presiert, wenn de klebstoff net fescht it:

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