Abdullah ben Yahya: Belehrung

hb-UsmanAbdullah ben Yahya zeigte seinem Besucher ein von ihm verfasstes Manuskript.

Dieser Mann sagte: „Das Wort hier ist falsch geschrieben.“

Sofort strich er das Wort aus und schrieb es so, wie der Besucher vorschlug.

Als der Mann gegangen war, wurde Abdullah gefragt: „Warum habt ihr das getan, denn die ‚Berichtigung‘ war verkehrt und Ihr schriebt das falsche Wort anstelle des richtigen?“

Er antwortete: „Es geht hier um ein menschliches Problem. Der Mann glaubte, mir zu helfen, und hielt seine zum Ausdruck gebrachte Unkenntnis für ein Zeichen von Bildung. Ich verhielt mich so, wie es Erziehung und Höflichkeit gebieten, nicht wie es die Wahrheit verlangt hätte, denn wenn jemand Höflichkeit und menschlichen Kontakt sucht, kann er die Wahrheit nicht ertragen. Hätten wir eine Beziehung wie Lehrer und Schüler gehabt, lägen die Dinge anders. Nur Dummköpfe und Pedanten glauben, sie müssten jeden belehren. Die Menschen suchen im Allgemeinen nicht Belehrung, sollen wollen auf sich aufmerksam machen.

aus: Idries Shah, die Weisheit der Narren

Wenn das da oben nicht Abdullah ben Yahya sein sollte, bitte ich Abdullah ben Yahya vielmals um Entschuldigung, aber Goggle hat mir nix Besseres hergegeben. Mir gefällt die Geschichte, weil hier sehr schön die westliche und die östliche Haltung in menschlichen Beziehungen gezeigt wird. Ich muss das natürlich gleich wieder zurücknehmen, denn wenn ich mir anschaue, wie von mir aus ein Pierre Vogel alias Abu Hamza die Leute belehrt, dann scheint er nicht eben vom Geiste Abdullah ben Yahyas zu sein.

„Wenn jemand Höflichkeit und menschlichen Kontakt sucht, kann er die Wahrheit nicht ertragen. Hätten wir eine Beziehung wie Lehrer und Schüler gehabt, lägen die Dinge anders.“ Ein Sufi sagte mir einmal: „Ein Sufi versucht, die Blöße seines Freundes zu bedecken. Ein Westler reißt ihm im Namen der Wahrheit auch noch den letzten Fetzen Stoff vom Leib.“ Ich habe das in Therapiegruppen erlebt, in denen es geradezu Pflicht war, sich in seiner ganzen Nacktheit und Erbärmlichkeit zu offenbaren. Und oft genug wurde derjenige, der „den Mut“ dazu hatte, anschließend auch noch fertig gemacht oder belehrt. Meist war es ja eigentlich gar kein Mut, sondern der Gruppendruck, der diese Selbstoffenbarung zuwege brachte.

Abdullah ben Yahya unterscheidet ganz klar zwischen dem ganz normalen Alltag und der Sondersituation, dass jemand zu einem anderen geht und um Hilfe bei seiner Suche nach einem Ausweg aus seinem Illusionsdickicht bittet. Ein Lehrer braucht also die Erlaubnis desjenigen, der sein Schüler werden will. Da muss ich natürlich sofort an unser Schulsystem denken, das ja mit der Schulpflicht beginnt und jede wirkliche Freiwilligkeit weitgehendst ausschließt. Und so muss sich niemand wundern, dass sich der Staat in immer mehr Lebensbereiche seiner Untertanen einmischt. Diese Haltung ist aber auch in immer mehr privaten Bereichen zu entdecken. Gerade die sog. helfenden Berufe neigen dazu, ihre Hilfsangebote in die reinsten Vergewaltigungsorgien umzuwandeln. Ein gutes Beispiel sind die Vorsorgeuntersuchungen oder dafür dieser Irrsinn der sog. Missionsarbeit. Leute, die glauben, sie seien die Wissenden oder sie hätten das Gelbe vom Ei gefunden, belehren die vermeintlich Unwissenden und schrecken dabei weder vor Glasperlen noch im Zweifelsfall vor Feuer und Schwert zurück. „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“

Abdullah ben Yahya sagt: „Nur Dummköpfe und Pedanten glauben, sie müssten jeden belehren.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Wo er recht hat, hat er recht.

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4 Antworten zu Abdullah ben Yahya: Belehrung

  1. fredo schreibt:

    Das mit dem „Belehren“ ist ohnehin so ne Sache …
    Was belehrt denn ? … egal ob unverlangt oder verlangt geäußert ?
    Etwa gute oder richtige Konzepte dessen davorne ?
    Oder einfach nur die Zuwendung des Belehrenden ?
    Oder das was man irgendwie Darshan nennt ?
    Belehren da Energien oder irgendwelche hilfreichen Geister ?

    Wen oder was Belehren sie denn überhaupt ?
    Gibt es denn so etwas wie eine „belehrte“ Überzeugung ?

    und kann Belehrung tatsächlich gewalttätig sein ?
    hmmm …. ?

    Sicherlich gibt es so etwas wie eine unhöfliche Klugscheißerei …
    und auch so etwas wie ein rechthaberisches Überzeugungsgetue …
    und auch so etwas wie ein süßlich muffiges Heiligkeitsgeschwalle …

    klar , all dies kann sein … so oder so .

    letztlich ist jedoch das eigentlich „belehrende“ stets die sich in Lebendigkeit ergebende Konstellation , das Kompendium der Figuren , die sich ohnehin permanent einander gegenseitig beeinflussend , dann auch „belehrend“ auswirken können …

    wobei halt die Frage ist , ob Belehrung stets als fördern anschiebend empfunden wird vom Belehrten , oder aber , ob das Belehrende eher ein Ent-leerendes subversives Unterminieren ist , dass sich aus der Konstellation ergibt … manchmal bei Mancheinem …
    und ob es dazu immer der Einladung / Erlaubnis bedarf , ist eher eine Frage der Höflichkeit .

    Ich denke da eher , egal ob höflich oder unhöflich , eine fein gesetzte „Zeitbombe“ der verbalen Unterminierung hat ihre eigene Berechtigung … wenns „wirkt“ , hats so sein sollen … wenn nicht , schadet es auch nichts ….😀

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    • Nitya schreibt:

      „Was belehrt denn ? … Wen oder was Belehren sie denn überhaupt ?“

      Na, jetzt biste aber ganz schön hin und hergetanzt. Von „da ist niemand, der belehrt oder belehrt wird“ zu „wobei halt die Frage ist , ob Belehrung stets als fördern anschiebend empfunden wird vom Belehrten , oder aber , ob das Belehrende eher ein Ent-leerendes subversives Unterminieren ist , dass sich aus der Konstellation ergibt … manchmal bei Mancheinem …“ Aus Nicht-Personen wurden plötzlich wieder Personen.

      „und kann Belehrung tatsächlich gewalttätig sein ? hmmm …. ?“

      Kürzlich haben ein paar Inder zwei Mädchen belehrt, indem sie sie vergewaltigten und anschließend am Baum erhängten. Nenn das „Energien“ oder “ die sich in Lebendigkeit ergebende Konstellation , das Kompendium der Figuren“ , ich nenne das Arschlöcher. Auf der personalen Ebene gibt es Gewalt. Aber hallo! Und das nicht nur mit Taten, sondern auch mit Worten. Auf der nicht-persönlichen Ebene brauchen wir darüber kein Wort verlieren. Aber wen interessiert schon die nicht-persönliche Ebene? Wen interessiert schon das, was er ist? Heute habe ich die 5. Leberreinigung hinter mich gebracht, um meine Gallenblase noch ein wenig behalten zu können. Das finde ich ganz persönlich sehr interessant. Die Person Nitya will nämlich nicht mehr in die Klinik. Was die Person halt alles so will, wenn der Tag lang ist.

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  2. Elwood schreibt:

    Eine Belehrung setzt ein Wahrheits-Standpunkt voraus.
    Da es diesen festen Stand-Messpunkt nicht gibt, nicht geben kann,
    muß ich leider zugeben keine Ahnung zu haben worum es überhaupt geht.
    Und wenn ich von nicks ne Ahnung habe:
    „Einfach mal die Klappe halten“
    Man wat herlich still auf einmal!
    Und mein Verstand bekommt auch noch dem ihm angemessenden Platz:
    Als Werkzeug.

    Unsere Missionskultur sizt tief in unseren Knochen, wie ich an dieser Belehrung wieder sehe.
    Vieleicht schenke ich meinen Gedanken nicht mehr allzuviel Glauben…..

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