Hafiz: für einen Leberfleck


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Der Sufi-Dichter Hafiz aus Schiras schrieb das berühmte Gedicht:

Nähme das Türkenmädchen aus Sharaz
mein Herz in ihre Hand
Gäb ich ihr für ihren Leberfleck
Buchara und Samarkand.

 Der Eroberer Tamerlane (Temür ibn Taraghai Barlas) ließ Hafiz vor seinen Thron bringen und sagte: „Wie kannst du Buchara und Samarkand für eine Frau hergeben? Außerdem liegen sie in meinem Herrschaftsbereich, und ich werde niemandem gestatten, etwas anderes zu behaupten.

Hafiz antwortete: „Eure Engherzigkeit hat euch Macht verschafft. Meine Großzügigkeit hat mich in eure Gewalt gebracht. Offensichtlich ist also eure Kleinlichkeit erfolgreicher als meine Verschwendung.“

Tamerlane lachte und ließ den Sufi ziehen.

aus: Idries Shah, „Die Weisheit der Narren“

Ich weiß nicht genau, warum mir die Geschichte gefiel. Ich glaube, es war diese Weite, die mich da anwehte, das Spielerische und das offensichtliche Fehlen jeglicher Angst. Ich dachte an das indische Kastensystem. Ganz oben die Brahmanen (die Priester), gleich darunter die Kshatriyas (die Krieger), darunter die Vaishyas (die Geschäftsleute, Bankiers, Banker) und ganz unten die Shudras (die Bauern, Handwerker, Arbeiter ohne Grundbesitz). Dazu kommen noch die außerhalb stehenden Parias. In einem Gesellschaftssystem wie dem unserem, in dem all überall nivelliert wird und gern das Lied von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gesungen wird, wird gern vergessen, dass dies Ideale sind, die etwas beschreiben, das nicht existiert, aber angestrebt werden soll. Insofern ist das Kastensystem, das es ja nicht nur in Indien gab und gibt, möglicherweise sehr viel realistischer. Menschen sind nun mal höchst unterschiedlich. Interessant ist übrigens, dass in unserem System die Vaishyas an der Spitze stehen, während die Brahmanen und Kshatriyas ziemlich abgerutscht sind. Möglicherweise scheint deswegen bei uns gerade alles vor die Hunde zu gehen.

In unserer Geschichte haben wir es mit den Angehörigen der beiden höchsten Kasten zu tun. Tamerlane galt als grausamer Eroberer, und Buchara und Samarkand gehörten eindeutig zu seinem Machtbereich. Hafiz war Sufi und Dichter. Ein Krieger und ein Brahmane begegnen sich. Tamerlane ließ Hafiz vor seinen Thron bringen. Es war schon klar, was das bedeutete. Es ging um Kopf und Kragen. Aber man könnte es auch eine Prüfung nennen. Tamerlane hatte von dem Gedicht gehört und wollte den Kerl kennen lernen, der so etwas verbrochen hatte. Er stellte Hafiz zwei Fragen: Einmal interessierte ihn, wie man einer Frau für ihre Liebe ein solches Geschenk machen kann. Vermutlich war er so gestrickt, dass er sich die Frauen, die ihm gefielen, einfach nahm. Dann interessierte ihn, wo der Kerl die Frechheit hernahm, etwas verschenken zu wollen, was ihm, dem großen Tamerlane, gehörte. Anstatt aber um Gnade zu winseln, sagt doch dieser Kerl zu ihm: „Eure Engherzigkeit hat euch Macht verschafft. Meine Großzügigkeit hat mich in eure Gewalt gebracht. Offensichtlich ist also eure Kleinlichkeit erfolgreicher als meine Verschwendung.“ Was für eine Dreistigkeit, was für eine Unverschämtheit!

Aber Tamerlane lachte. Er hatte ein Gegenüber gefunden, dass ihm ebenbürtig war. Er, der jeden Tag auf dem Schlachtfeld sein Leben aufs Spiel setzte, sah einen Mann vor sich, der genau so wenig Angst vor dem Tod hatte, wie er selbst. Er sah einen Spieler, der in diesem Spiel alles einsetzte und es wagte, ihm, dem großen Tamerlane, „Engherzigkeit und Kleinlichkeit“ um die Ohren zu hauen. Und vielleicht begriff er in diesem Moment, dass nicht nur er diesen Sufi prüfte, sondern dass er in gleicher Weise selbst geprüft wurde. Sein Lachen offenbarte seinen Respekt. Da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Ich vermute sehr, dass auch Hafiz in Tamerlane einen ebenbürtigen Geist erkannte und lachend seiner Wege ging.

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Eine Antwort zu Hafiz: für einen Leberfleck

  1. froeschin schreibt:

    Lieber Nitya,
    vielen Dank für den schönen Text – was bin ich doch selber für eine „Bangbüx“… und vielen Dank für die schnuckelige tanzende Maus und alle anderen bewegten Bilder, die Du da immer wieder verzapfst – hält Dich vielleicht ein wenig von den zahnmedizinischen „Jugend forscht“ Menschversuchen ab….

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