Seng-ts’an: das subtile Prinzip

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Der große Weg ist ganz einfach,
wenn du keine Vorlieben hast und aufhörst zu wählen.

Wo weder Liebe noch Hass,
wird alles klar und unverhüllt.

Wenn du jedoch die kleinste Unterscheidung triffst,
werden Himmel und Erde unendlich weit voneinander getrennt.

Soll die Wahrheit sich dir offenbaren,
Lass jede Meinung für oder gegen etwas beiseite.

Der Kampf zwischen Neigung und Abneigung
ist die Krankheit des Geistes.

Der Kampf zwischen Verschiedenheit und Übereinstimmung
führt zur Krankheit des Geistes.

Wer das subtile Prinzip nicht kennt, müht sich vergeblich,
die Gedanken zur Ruhe zu bringen.

aus: Jiànzhì Sēngcàn, „Xìnxīn Míng“

Sēngcàn fängt sein“Xìnxīn Míng“ mit den Worten an: „Der große Weg ist ganz einfach, wenn du keine Vorlieben hast und aufhörst zu wählen.“ Hmm, hab ich denn Vorlieben? Na und ob! Ich mag keine Muscheln, keine Schnecken, keine Krabben, … ich hör mal lieber gleich auf, die Liste würde ewig lang werden. Also: Is nix mit dem „großen Weg“. Oder wie? Oder doch? Nee, is nix. Ich wähle den lieben langen Tag. Ob der Sēngcàn nicht mehr gewählt hat? Hat der wahllos alles in sich reingestopft? Hatte er wirklich keine Vorlieben mehr?

Ich behaupte mal, dass das alles völliger Quatsch ist. Sēngcàn sagt: „Soll die Wahrheit sich dir offenbaren, lass jede Meinung für oder gegen etwas beiseite.“ Es scheint um Meinungen zu gehen. Meinungen, die ich zu meinen Neigungen und Abneigungen haben könnte. Wenn ich also beispielsweise von meinen Nachbarn zum Muschelessen eingeladen werden würde, könnte ich der Meinung sein, dass ich eine derartige Einladung nicht ablehnen dürfte. Ich gehe also über meine Abneigung gegen Muscheln hinweg und höre auf, eine Wahl zu treffen. Ich sitze mit meinen Nachbarn zusammen und verspeise ihre Muscheln, während ich dabei glückselig lächle wie ein Buddha. Jetzt bin ich sicher auf dem „großen Weg“.

Pustekuchen. Ich weiß nicht, wie Sēngcàn das gemeint hat. Ich kann immer nur sagen, wie ich das sehe: Muscheln nicht zu mögen, ist völlig okay. Wenn das jemand bestreiten würde, würde ich ihm vielleicht ein Gläschen Salzsäure kredenzen. Mal gucken, ob er dann nicht die Wahl trifft, dankend abzulehnen. Ich behaupte, es geht ausschließlich um Meinungen. Ohne wählende Meinung zu sein, bedeutet: „Wenn ich hungrig bin, esse ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich.“ Wenn ich keine Muscheln mag, esse ich sie nicht. Jedes Tier ist weise genug, sich so zu verhalten.

Die schwarze Fahne oben steht für „keine Herrschaft“, die weiße für „keine Gewalt“. Beides gehört untrennbar zusammen. „Keine Vorliebe, keine Wahl“ bedeutet für mich: Ich bin nicht gespalten, ich führe keinen Krieg gegen mich selbst, ich lebe in der Soheit des Seins. Das ist für mich das, was Sēngcàn das subtile Prinzip nennt.

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4 Antworten zu Seng-ts’an: das subtile Prinzip

  1. MaulBaer schreibt:

    Heute hisst Oberbefehlsgenralfeldmar s c h a l l Nitya die schwarzweiße Fahne und verkündet damit:
    „Keine Herrschaft“ und „Keine Gewalt“
    Ja, eiverbibscht nochmal, was soll das denn?
    Und wie soll das gehen?
    Es ist zum Verrücktwerden!
    Wie soll ich/wir dem als Gefreyte gerecht werden?
    Ich blick mich um, und sehe überall Lebewesen, welche auch gewaltmäßig interagieren und Dinge, Sachen, Geräte, Werkzeuge, welche auch mittels Gewalt hergestellt wurden und werden und über die wir nicht nur Herrschaft ausüben, sondern wir auch beherrscht werden und sei es nur dieser Computer mit Hilfe dessen ich mittels Herrschaft über die Tastatur diese Nachricht schreiben ähnlich wie es wohl auch Oberbefehlsgeneralfeldmar s c h a l l Nitya tat und tut….
    …und jetzt ist die schwarzweise Fahne gehisst:
    „Keine Gewalt / Keine Herrschaft“
    Ja, Herr Oberbefehlsgeneralfeldmar s c h a l l, ja, ich habe Sie gehört, aber verstanden habe ich Sie nicht.
    Bitte verschonen Sie mich in Zukunft mit solchen unverständlichen, will nicht sagen, schwachsinnigen und irrsinnigen Aufforderungen: sie könnten mein Gemüt erregen und zum Überschäumen bringen und meine mehr oder weniger bemittelte Intelligenz ahnlich meinen Verstand ertränken und zu was das führen kann, wage ich jetzt nicht auszusprechen….😦 😦 😦
    Wer oder was kann mir jetzt in meiner jetzigen prekären Lage als Gefreyter helfen? Bitte melden!!!
    Ach ja!
    Ich hörte von einem meiner Vorgänger: Gefreyter Wolfgang Neuss, das soll ein ganz pfiffiges
    Kerlchen gewesen sein, vielleicht hilfts weiter…. mal schauen:

    Es grüßt aus ganzem Herzen
    eines hilflos helfenden Gefreyten

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  2. Elwood schreibt:

    Jedes Tier weiß, wer der Babo ist.
    Es kann nur einen geben.

    Sei Dir selbst ein Licht.

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  3. fredo schreibt:

    Diese merkwürdigen Unverständnisskeiten bei derartigen Texten lösen sich verblüffend leicht , wenn man den Imperativ der Übersetzung ganz einfach in eine Beschreibung ( voller Verblüffung ) umwandelt ….

    Also nicht bei „““Der große Weg ist ganz einfach, wenn du keine Vorlieben hast und aufhörst zu wählen.“““ vermutet es ginge um eine Anweisung , halt keine Vorlieben mehr zu haben …..
    sondern es als einfache verblüffte Beschreibung „eigener“ Vorgänge zu betrachten , im Sinne von “ Mensch Meier da sind ja gar keine Vorlieben mehr ( wie gewohnt ) !“

    Dieses ( wie gewohnt ) ist ein recht wichtiger Zusatz , denn es bedeutet keinesfalls ohne Gewohnheiten und Eigen-Arten durch ein Leben zu wandeln ..
    Auch ich würde mich eher dem drohenden Hunger aussetzen , als jemals ein Schalentier oder gar eine ( iiiih Schleim ) Schnecke oder Frosch zu verspeisen …. Bei allo Frankophilie hat sich mir diese Essgewohnheit nie erschlossen …..
    Und doch ist ein Unterschied erkennbar , der diese Verblüffung beinhaltet ….
    Während sich in der aktiven Ich-Hypnose Vorlieben nicht als Zuneigung sondern viel mehr als Aversionen zeigen im Sinne von “ das WILL ich nicht !“ , äußert sich diese Eigen-Art oder Vorliebe jetzt eher gleitend , quasi automatisch ……. sie wird so bemerkt , als hätte sie nix mit „mir“ zu tun , sondern wäre einfach Ausdruck der natürlichen Gegebenheiten des JetztGeschiehtEs-Stromes …
    Dieser kleine , fast unmerkliche „Switch“ in der LebensErlebnisSpähre ist meiner Meinung nach mit dem „subtilen Prinzip“ gemeint ..

    ein Begriff, der mir übrigens gar vortrefflich „mundet“ ….. ( is ja auch keine Schnecke ) 🙂

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    • Nitya schreibt:

      Ich vermute mal ganz leichtsinnig, du meinst mit diesem „Switch“ dasselbe, was ich mit diesen Sätzen ausdrücken wollte:

      “Keine Vorliebe, keine Wahl” bedeutet für mich: Ich bin nicht gespalten, ich führe keinen Krieg gegen mich selbst, ich lebe in der Soheit des Seins. Das ist für mich das, was Sēngcàn das subtile Prinzip nennt.“

      „…äußert sich diese Eigen-Art oder Vorliebe jetzt eher gleitend , quasi automatisch ……. sie wird so bemerkt , als hätte sie nix mit “mir” zu tun , sondern wäre einfach Ausdruck der natürlichen Gegebenheiten des JetztGeschiehtEs-Stromes …“

      Ja.

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