Zibo: „Das wissende Subjekt ist der Dieb!“

ZiiboZibo, der Freund von Meister Hanshan, schrieb das folgende Gedicht:

Wie viele Trauerlieder? Wie viele Freudenlieder?
Bis wir schließlich erkennen, dass es außerhalb des Geistes
Nichts davon Verschiedenes zu finden gibt.
Alle Situationen, seien sie widrig oder günstig,
Sind unsere Lebensmeister.

Und Zibo sagt auch klar: „Das wissende Subjekt ist der Dieb!“ Foyan meint: „Wer die Zen-Erleuchtung verwirklicht, transzendiert Subjekt und Objekt. Darüber hinaus gibt es kein Geheimprinzip.“

Im Chan verfolgen wir nicht den Traum, das Gemüt zu unterdrücken oder es zu vernichten. Viel einfacher: Wir lassen ihm einfach seinen Lauf, ohne ihm Aufmerksamkeit zu schenken, bis es zum Augenblick der großen Entspannung kommt. Das Shûrangama-Sûtra schreibt dem Geist die Eigenschaft des Raumes zu: „Dein Geist und dein Körper, die Berge, Flüsse und alle Ebenen der Erde sind nichts anderes als Erscheinungen, die im Einen Geist existieren, leuchtend und authentisch.“

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“

Hmm,… also vor vielen Jahren, ich hatte gerade das Therapeutenhandwerk erlernt, um u.a. meinem „Lebenslänglich“ als Beamter zu entkommen, vor vielen Jahren also ging das los: Ich hatte zu einer Siebentages-Gruppe eingeladen, die Teilnehmer saßen ordentlich in einem großen Kreis herum und harrten wie ich der Dinge, die da kommen würden. Irgendwann meldete sich eine Teilnehmerin zu Wort und begann mit dem Satz: „Ich hab da mal ein Problem.“ Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, ich konnte mich jedenfalls nicht zurückhalten. Ich kugelte mich auf dem Boden und lachte wie ein Blöder und konnte mich gar nicht mehr einkriegen. Das war natürlich saublöd. Ich mein, schließlich ist das ja auch traumatisierend, wenn man von seinem dicken Problem erzählt und der andere dann zu lachen anfängt. Es war ja kein Auslachen und es fehlte mir auch nicht an Mitgefühl, nur – es war einfach alles so absolut absurd, dass ich es nur noch komisch fand. Eigentlich war das schon das Ende meiner Therapeutenkarriere, bevor sie richtig begonnen hatte, und da der Mensch von irgendwas schließlich leben muss, fing ich schon mal an, mich nach einem anständigeren Broterwerb umzusehen. Gott sei Dank kapierte ich noch rechtzeitig, dass nichts sich ausschließt und dass die Welt und das, was „nicht von der Welt“ ist, untrennbar eins ist und es nichts gibt, was heilsamer wäre, als die beiden Aspekte nicht zu trennen. Und so lernte ich halt, nur noch un-sicht-und-hör-bar zu lachen.

„Das wissende Subjekt ist der Dieb!“, sagt Zibo. Die Frage, warum das wissende Subjekt der Dieb ist, beantwortet das Shûrangama-Sûtra so: „Dein Geist und dein Körper, die Berge, Flüsse und alle Ebenen der Erde sind nichts anderes als Erscheinungen, die im Einen Geist existieren, leuchtend und authentisch.“

„Ich hab da mal ein Problem.“ ist mitsamt dem dazu gehörigen angeblichen Subjekt nichts anderes als eine Erscheinung, die im Einen Geist existiert, leuchtend und authentisch. Hier also mal ein echtes Problem:


.
Zibo sagt: „Alle Situationen, seien sie widrig oder günstig, sind unsere Lebensmeister.“ Na ja, unsere potenziellen Lebensmeister, müsste man wohl sagen. Lebensmeister können die Situationen ja nur sein, wenn erkannt wird, dass sie nichts als eine Erscheinung im Einen Geist sind. Fragt sich mal wieder nur, von wem Zibo da spricht, wenn er sagt, dass Situationen unsere Lebensmeister seien. Und wer könnte das schon wieder sein, der erkennen könnte, dass Situationen nichts als Erscheinungen im Einen Geist sind? „Das wissende Subjekt ist der Dieb!“, sagt Zibo – und das erkennende genauso. Auch dieses angebliche Subjekt ist nichts als eine Erscheinung.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zibo: „Das wissende Subjekt ist der Dieb!“

  1. Elwood schreibt:

    Heute Morgen wachte MEIN Subjekt Elwood auf und mit seinem Glauben, den es zu MEINEN absoluten Wissen beförderte, stiehlte Elwood sich aus den Anfängergeist.
    Nachdem ICH diesen schönen Text von DIR lieber Nitya gelesen habe und scheinbar auch verStanden habe, versuchte ich MEIN VersStändnis in MEINE Wissensdatenbank einzuordnen.
    Doch dieses Video dieses frechen Philosophen brachte MEINE Wissensdatenbank irgendwie ganz durcheinander.
    Soviel Doofheit verwirrte mich.
    Vor lauter Selbst-Rettungsversuche gab das Subjekt Elwood erschöpft auf und schlief wieder ein.
    Im Halbschlaf hörte ich kurz später aus dem Nachbarhaus einen Schlagbohrer die Fliesen von der Wand lösen.
    Was soll ich dir sagen, wat fürn herliches Geräusch, dat mir noch die letzten verkrusteten Überreste aus meinen Schubladen kratzt.
    Als ich wieder aufwachte rollte die Erinnerungs-MEINS-Maschine wieder an. ICH versteh das nicht? Da kann ?ICH? wohl NICHTS MACHEN?!
    Was auch? Wie auch? Wann auch? Warum auch? hi hi….
    :mrgreen:😎

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s