Niutou: lass das Meditieren und das Halten von Geboten


buddha
Im Geist gibt es nichts, das vom Geist verschieden wäre,
Darum ist es nicht nötig, Begierden abzutöten;
Ihre Natur ist leer, also verschwinden sie von selbst,
Wenn du ihr Auf und Ab einfach geschehen lässt.

Weder rein noch verblendet,
Weder seicht noch profund –
Der Ursprung liegt nicht in der Vergangenheit,
Phänomene zu sehen ist nicht die Gegenwart.

Was wir sehen, das hat keine Dauer,
Was wir sehen, das ist im Grunde Geist.
Eigentlich gibt es keinen „Ursprung“,
Der Ursprung, das ist eben Jetzt.

Erleuchtung (Bodhi) ist immer schon vorhanden,
Es ist nicht nötig sie zu kultivieren;
Verblendung hat noch nie existiert,
Es ist nicht nötig, sie auszuräumen.

Die natürliche Weisheit ist aus sich erleuchtet,
Die Myriaden Phänomene kehren zurück in Soheit.
Es gibt kein Zurückkehren und kein Empfangen,
Drum lass das Meditieren und das Halten von Geboten.

aus: Niutou Farong, „Xinming, die Herz-Geist-Einmeißelung“

B„Erleuchtung (Bodhi) ist immer schon vorhanden, es ist nicht nötig sie zu kultivieren; Verblendung hat noch nie existiert, es ist nicht nötig, sie auszuräumen.“ Es ist nicht nötig … Zu glauben, dass es nötig sei, was auch immer zu tun, geht von der Vorstellung aus, dass es da eine Entität gäbe, die in der Lage wäre, was auch immer zu tun. Nur vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung, dass irgendetwas nötig zu tun sei, verständlich. Ja aber, ja aber, … eine alte Frau stürzt auf der Straße und kommt nicht wieder hoch. Ist es denn da nicht nötig, ihr zu helfen? Niutou verneint die Notwendigkeit. Das heißt nicht, dass er der alten Frau nicht helfen würde. Er verneint lediglich die Notwendigkeit. Notwendigkeit würde immer ein „du sollst, du musst, es gehört sich dass, …“ bedeuten, wäre also die Anerkennung der Existenz einer separaten Entität.

Niutou: „Erleuchtung (Bodhi) ist immer schon vorhanden, es ist nicht nötig sie zu kultivieren; Verblendung hat noch nie existiert, es ist nicht nötig, sie auszuräumen.“ Warum sagt er das? Wenn nur Erleuchtung existiert, aber kein Jemand, der sie haben könnte, dann trifft natürlich auch auf die Verblendung zu, dass da niemand ist, der verblendet sein könnte. Und wie sollte es Verblendung geben können, wenn nur Erleuchtung existiert?

Fredo fällt mir wieder ein und sein Hinweis: „Werden solche Texte aber von Leuten konsumiert, deren Ich-Hypnose uneingeschränkt aktiv ist, bin ich mir sicher, dass dieses ‚mein‘ SELBST als MEINSelbst verstanden wird, ja verstanden werden muss, da diese Art der Interpretation ja gerade den ‚Ich‘-Überzug ausmacht .“ Irgendwie kann ich dem ja auch zustimmen, nur scheint mir auch dieser Gedanke von der Vorstellung separater Entitäten auszugehen. Da ist ein Jemand, dessen Ich-Hypnose nicht mehr uneingeschränkt aktiv ist und der nun Rücksicht zu nehmen versucht auf einen Jemand, dessen Ich-Hypnose uneingeschränkt aktiv ist. Niutou verneint jede Notwendigkeit. Er verneint sie, weil diese Jemande nicht existieren. Er verneint sie, weil es nur ein unpersönliches Geschehen gibt und keinen Verursacher für dieses Geschehen.

Wenn dies so ist, wird vielleicht auch dieser Vers aus dem Xinming verständlich: „Die natürliche Weisheit ist aus sich erleuchtet, die Myriaden Phänomene kehren zurück in Soheit. Es gibt kein Zurückkehren und kein Empfangen, drum lass das Meditieren und das Halten von Geboten.“

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8 Antworten zu Niutou: lass das Meditieren und das Halten von Geboten

  1. Giri schreibt:

    Eine englische Übersetzung des gesamten Textes (allerdings kann man da deutliche Unterschiede erkennen) findet man z.B. unter http://zeta.robotcat.org/yt/reading/song%20of%20mind.html
    Niutou Farong ist im übrigen der Begründer der Niu-tou oder Ochsenkopf-Schule des Zen (https://de.wikipedia.org/wiki/Ochsenkopf-Schule) – Soviel zum Thema meditiert nicht😉

    Abgesehn davon (und davon das da in der englischen Übersetzung Stop contemplating, forget keeping steht) ist doch „Ihre Natur ist leer, also verschwinden sie von selbst,
    wenn du ihr Auf und Ab einfach geschehen lässt.“ eine gute Beschreibung von Meditation im Sinne von Zazen.

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    • Nitya schreibt:

      Ich spekuliere einfach mal wild drauf los: Meditation als spirituelle Veranstaltung von morgens 5:00 Uhr bis 5:30 Uhr vs. Meditation als innere Haltung.rund um die Uhr. Ich vermute, dass der Ochsenkopf mit „Meditation“ hier die spirituelle Veranstaltung im Visier hatte, während sich das Geschenlassen von Auf und Ab auf Medition als innerer Haltung bezieht.

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      • fredo schreibt:

        dem schließe ich mich an … und finde sogar eine gewisse Entsprechung zu dem was ja Nitya hinterfragend von mir zitiert hat …😀
        bei all dem , was „die davorne“ sagen ist der Kontext des „Gespräches“ , also der Adressat , zu beachten .

        so wie man den meisten Reden des Buddha zu gute halten muss , dass sie sich an eine Sangha , also Mönchsgemeinde richteten , muss man dem „unterlasst Meditation“-Verkünder zugute halten , dass seine Rede sicherlich an einen Haufen „Meditation-Fanatikern“ gerichtet war .

        Im Zusammensein mit Ramesh Balsekar konnte man beobachten , dass auch dieser „Advaita“-Mann neben seinen fast schon manisch zu nennenden täglichen Bewegungsertüchtigungen ( er war mal Bodybuilder !🙂 , ab und an in Meditation fiel . Er sagte dazu : „ich meditiere nicht , aber ab und zu ergreift mich Meditation“ .
        Ich denke , dass dieses Erleben auch der Aussage des Niotou zu grunde liegt .
        wenn wir etwas zum Werkzeug unseres Willens machen , etwas besonderes damit schaffen wollen , entreißen wir es dem natürlichen Fluss des Ereignisses und füllen es beschwerend mit unseren Erwartungen . ( auch wenn sich dies halt > genau so in besagtem „Fluss“ ereignet :- )

        außerdem muss ich bei derartigen Aussagen von einem „davorne“ immer an Herrn Gurdieff denken , der seine „dahinten sitzer“ damit nervte , dass er ihnen täglich wechselnde und sich zumeist widersprechende Anweisungen für ihre „Praxis“ gab .

        ich denke es geht bei derartigen „Anweisungen“ gar nicht um „irgendetwas“ , also zu erreichendes , es geht schlicht um den Bruch der „Schlaf“-Routine und um Ent-Täuschung von „Methoden“ . Meditation und ähnliches kann , ab und an „erduldet“ , durchaus „erodierend“ an der Hypnose der „ich bin als ICH wirklich“-Idee mitwirken . Wird sie jedoch zur Methode , also damit von besagtem Ich ergriffen , stärkt sie diese Ich-Idee sogar. Aus dem „normalen“ Ego wird dann ein noch aufgeblaseneres „spirituelles Ego“.

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  2. fredo schreibt:

    „““ Phänomene zu sehen ist nicht die Gegenwart „““.

    diesen Satz des Niutou halte ich übrigens für besonders beachtenswert .
    Ist er doch eine gute Antwort auf die „Gehe ins Jetzt“-Allüren eines Herrn Tolle .

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  3. Michaela schreibt:

    Was ist die Gegenwart? Gegenwart ist in Zeit, oder? Der Moment? Moment für Moment?

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  4. Elwood schreibt:

    Mit Meditation (phänomenal) in Soheit schauen zu wollen(machen,müssen)?
    Ist das nicht wie von außen nach innen schauen zu wolllen?
    Versuch Ich(Vorgestellter) mir damit eine bestimmte vorgestellte Vorstellung eines äußerlichen Vorgestellten zu MEINer Vorstellung zu machen?
    Ha, ich Götzendiener, da stell ich mir doch lieber vor, dass Beckenbauer im Grunde ein anständiger Kerl ist. Da weiß ich wenigstens wer ihn korumpiert, oder doch nicht?

    nix genaues weiß ich nich

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  5. Giri schreibt:

    Ich glaub nicht, das der Ochsenkopf in seinen Klostern das formale Zazen abgeschafft hat. Zumal da eben nix von „meditiert nicht“ im Text steht, jedenfalls nicht in der englischen Übersetzung. Daher denk ich nicht, dass er in die Argumentskette des „Meditation ist Sünde“ des Neo“advaita“ passt. Im gegenteil – für mich ist es ein Text, der sehr gut erklärt, was Meditation ist.
    Man sollte nicht vergessen, das er sicher an seine Mönche gerichtet ist, denen Zazen ja das normalste der Welt ist, nix anders als atmen und schlafen. Es ist ja die Rückkehr zum einfachen, nichtwissenden.
    Aber es ist ein feiner Text, vor allem da man an ihm den daoistischen Stallgeruch noch spüren kann. Also vielen Dank für den Tip. Werd mir das Wochenende auch mal das Kapitel über Nio-tou Fa-yong in der „Weitergabe der Leuchte“ vornehmen.

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  6. Nitya schreibt:

    Ich muss da mal was Grundsätzliches zum Besten geben. Ich bin kein Historiker, kein Sinologe, keiner der Sanskrit versteht und auch mein Englisch kannn ich glatt vergessen. Alles was ich hier zitiere, ist logischerweise aus zweiter oder keine Ahnung wievielter Hand und selbst wenn ich die erste Hand vor mir hätte, ist alles, was ich dazu schreibe, immer noch nur meine Interpretation. Auf gut Deutsch: Ich hab keine Ahnung von nix. Insofern sind die Zitate hier – ob falsch, ob richtig – für mich nur Anregungen für mein Gehirnkasterl und Gelegenheit, meinen eigenen Bockmist loszuwerden. Ich missbrauche die Autoren also schamlos für mein eigenes Vergnügen. Alles klar?

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