Alan Watts: der Begriff „leer“ bezieht sich nicht auf ES

AlWa
Was jenseits der Gegensätze liegt, muss – wenn überhaupt – mit Hilfe von Gegensätzen artikuliert werden, und das heißt mit Hilfe der Sprache der Analogien, Metaphern und Mythen. Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, dass die Sprache dualistisch ist, insofern als die Worte Zeichen für einander ausschließende Klassen sind. Das Problem betrifft den Umstand, dass ES so sehr meine bisherigen Vorstellungen von dem, was ich bin, übersteigt, so zentral und grundlegend für meine Existenz ist, dass ich ES nicht zum Objekt machen kann. Es gibt keine Möglichkeit, außerhalb von ES zu stehen, es ist in der Tat auch nicht notwendig, denn solange ich mich bemühe, ES zu begreifen, impliziere ich, Dass ES in Wirklichkeit nicht mein Selbst ist. Wäre es möglich, dann würde ich den Sinn dafür verlieren, indem ich versuchen würde, ES zu finden. Aus diesem Grund sagt aber auch wirklich ein jeder, der wirklich weiß, dass er ES ist, dass er ES nicht versteht, denn ES versteht das Verstehen – nicht umgekehrt. Man kann nicht – und braucht auch nicht – tiefer als tief zu gehen!

Doch die Tatsache, dass sich ES jeder Beschreibung entzieht, darf nicht, wie es so häufig geschieht, mit der Beschreibung von ES verwechselt werden, wonach ES die luftigste aller Abstraktionen ist, ein buchstäblich transparentes Kontinuum oder ein gleichförmiges kosmisches gelatineartiges Gebilde. Die konkreteste Vorstellung von Gott als Vater mit weißem Bart und goldenem Gewand ist immer noch besser. Doch westliche Studenten der östlichen Religionen und Philosophien beschuldigen Hindus und Buddhisten hartnäckig, sie glaubten an einen gelatineartigen Gott ohne Merkmale, nur weil die Buddhisten betonen, dass jeder Begriff oder jede objektive Vorstellung von ES leer ist. Doch der Begriff „leer“ bezieht sich auf alle solche Begriffe, nicht auf ES.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

Ach ja, die Leere. Das ist schon komisch. Wie oft taucht dieser Begriff in der sog. spirituellen Literatur auf. Kürzlich hatten wir ja Ronnys Buddha-Bar im Visier und konnten uns an dem altdeutschen Wort „bar“ erfreuen. Bar: ohne etwas, ohne ein Ding, nackt, leer, … Alan Watts verwendet hier den Begriff leer für Begriffe, die für etwas stehen, aber nicht das sind, wofür sie stehen. Der Begriff Brot ist leer von dem Ding „Brot“. (J. Krishnamurti: Das Wort ist nicht das Ding.)

Ist ES tatsächlich „die luftigste aller Abstraktionen, ein buchstäblich transparentes Kontinuum oder ein gleichförmiges kosmisches gelatineartiges Gebilde“? Das ist natürlich Quatsch, weil ES so schon wieder objektiviert worden wäre. Selbst die transparenteste Transparenz ist noch ein Objekt, mit dem sich der vermeintliche Sucher scheinbar auseinander-setzen kann. Alan Watts: „Es gibt keine Möglichkeit, außerhalb von ES zu stehen, es ist in der Tat auch nicht notwendig, denn solange ich mich bemühe, ES zu begreifen, impliziere ich, dass ES in Wirklichkeit nicht mein Selbst ist.“

Wenn es überhaupt so etwas wie Sünde geben sollte, dann wäre dies die einzig mögliche Sünde: Zu glauben, dass ES nicht ich bin. Aber nennen wir es lieber Torheit oder von mir aus Ignoranz. Wie schön dass ich diese Torheit oder Ignoranz nicht zu verantworten habe. Nur, sicherheitshalber – wenn nicht ich, dann auch „kein anderer“ – und schon gar nicht ES.

Alan Watts schlägt im Folgenden vor, lieber Götzenbilder aus Bronze zu benützen, als an seine eigenen Abstraktionen zu glauben. Bei den Götzenbilder wissen wir (hoffentlich) wenigstens, dass sie nicht das sind, wofür sie stehen. Da muss ich gleich wieder an die kleine Plastikfigur aus meiner Kindheit denken (eine aus der Reihe der sieben Schwaben), die als mein Götze herhalten musste und der ich Wurstreste auf einem Streichholzscheiterhaufen opferte, damit sie meine Wünsche erfüllte. Queequeg im „Mobby Dick“ hatte seine Spuren bei mir hinterlassen. Ob ich das allerdings damals so fein säuberlich getrennt habe, den Götzen und das, wofür er stand, also da bin ich mir heute nicht mehr so ganz sicher. Hat schon was so’n Privat-Götze.

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11 Antworten zu Alan Watts: der Begriff „leer“ bezieht sich nicht auf ES

  1. Elwood schreibt:

    Ganz im Ernst:
    ICH gib ES auf…
    ICH wird ES wohl nie lernen…
    ICH kann ES getrost vergessen…
    =B)

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  2. Ingeborg schreibt:

    Das Erste Küken ist da .Ganz pünktlich nach 38 Tagen.
    Gruß Ingeborg

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  3. fredo schreibt:

    „““Dass ES in Wirklichkeit nicht mein Selbst ist.“““
    tja … das ist so ein Satz , der mir „aufstößt“ … ( ansonsten gehe ich sehr dacor mit dem Text …)
    wie kann es „mein“ Selbst geben ? ( dann müsste es ja auch ein unterschiedliches „dein“ Selbst geben ) .
    Es kann doch nur gesagt werden , dass es EIN Selbst gibt , und das dies , letztlich für uns alle nicht nur dasgleiche , sondern sogar dasselbe sein muss !

    es ist ohnehin ein häufiges Missverstehen der Vokabel „Selbst“ zu bemerken …
    Häufig wird da eine Art SuperIch „verstanden“ .
    Dabei hat „Selbst“ gar nix mir „mir selbst“ zu tun , sondern meint das „von selbst“ , aus sich heraus …
    Es entspricht in etwa dem „ziran“ der Daoterminologie .
    „dao fa ziran“ schrieb ErrLi im DaoDeGing … in etwa zu übersetzen mit : „das Dao wirkt durch das sich automatisch > selbst entwickelnde“ soll heißen ( in anderer Terminologie ) , dass in der Urschöpfung bereits alle anscheinenden Handlungen / Ereignisse und deren Folgen auf Grund der dynamischen Qualität aller Aspekte und ihrer Beziehungen untereinander automatisch fest stehen . ( wobei sie halt nicht „fest stehen“ , sondern unabänderlich im WandelKontext sind ) .:)

    diese Selbstverständlichkeit , das sich selbst verstehende , ist ein Attribut des SELBST .
    Es kann sich jedoch nie um „mein“ Selbst handeln , sondern mir möglicherweise lediglich aus personifizierter Sicht AUCH als ( mein ) „Selbst“ erscheinen . Dann reden wir aber nicht über etwas was IST , sondern über etwas was „als ob“ erscheint .

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    • Nitya schreibt:

      Du liebst es anscheinend, dir die vermeintlichen Haare in der Suppe in der Suppe heraus zu fischen und sie genüsslich hin und her zu wenden.😉

      Es gibt keine Möglichkeit, außerhalb von ES zu stehen, es ist in der Tat auch nicht notwendig, denn solange ich mich bemühe, ES zu begreifen, impliziere ich, Dass ES in Wirklichkeit nicht mein Selbst ist.

      Also ich finde, dass Alan Watts hier sehr eindeutig nicht von einem persönlichen Selbst spricht. „Es gibt keine Möglichkeit, außerhalb von ES zu stehen.“ Wo wäre da noch Platz für ein getrenntes Selbst? Lediglich „mein“ Bemühen, Es zu begreifen, scheint mich allem, was ist (ES) zu trennen. In diesem Sinn gibt es nur MEIN SELBST in jeder Manifestation. Du kennst sicher die Metapher mit dem Diamanten und seinen unzähligen Facetten, die alle die eine Wahrheit widerspiegeln.

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      • fredo schreibt:

        yep … dies ist auch meiner meinung nach völlig richtig ….
        aber … ( immer wieder dieses aber🙂 )
        es ist auch „mein selbst“ im Gespräch untereinander ( ! ) … also in einer Situation wo zwei sich treffen , deren ich-hypnose bereits inaktiv oder aber „durchschaut“ durch EINsicht ist ( ich meine hier nicht die intellektuelle Einsicht sondern direkt „Sicht“ in das EINE ohne ein zweites )

        werden solche Texte aber von Leuten konsumiert , der Ich-Hypnose uneingeschränkt aktiv ist , bin ich mir sicher , dass dieses „mein“ SELBST als MEINSelbst verstanden wird , ja verstanden werden muss , da diese Art der Interpretation ja gerade den „Ich“-Überzug ausmacht .
        Da dann von DEM Selbst zu reden , verhindert zwar nicht diese Ich-Interpretation , aber es „füttert“ sie zumindest nicht noch von vermutet „wissender“ Seite …

        Ich formuliere meist nach der Devise , besser nicht verstehen , als falsch verstehen …
        denn ein nicht verstehen , lässt diese innere „Erosion“ der Konzepte vorangehen , wärend ein falsch verstandenes die Annahmen der Ich-Welt noch nährt …

        so … halt dann … wenn ichs mal wieder mit den Worten habe ….🙂
        geht aber auch vorbei …..

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Fredo, gestern schriebst du:

        “ werter Sunny …
        Da braucht wohl jemand den Hinweis auf ein “brauchen” bei anderen … oder ?🙂 “

        Da wird sich die Sunny aber freuen, wenn sie heute liest, wie du dich heute um Leute sorgst, deren Ich-Hypnose uneingeschränkt aktiv ist,😉

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  4. Alles ist Illusion schreibt:

    „Ist ES tatsächlich die luftigste aller Abstraktionen“?

    „Illusion“ ist ganz okay, weil es gleichzeitig Prozess und Zustand, aber dann auch wieder nicht ist. Außerdem befreit es einem von nichts. Wie es so schön heißt: „Nirwana UND Samsara sind Illusion.“

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  5. fredo schreibt:

    tja nitya … gut bemerkt … die besten fallen stellt man sich selbst …😦 ……🙂

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