Alan Watts: Double-Bind-Spiel


Das-Hochzeits-Spiel
Statt unseren Kindern die Spielregeln unserer Gemeinschaft ausdrücklich und deutlich zu erklären, machen wir sie hoffnungslos dumm, weil wir Erwachsene auch einmal dumm gemacht worden sind und – da wir es geblieben sind – das Spiel, das wir spielen, nicht verstehen. …

Dem sozialen Double-Bind-Spiel kann man mehrere Namen geben:

Die wichtigste Regel dieses Spiels lautet, dass es kein Spiel ist.
Jeder muss mitspielen.
Du musst uns gern haben.
Du musst weiterleben.
Sei du selber, aber spiele eine überzeugende und akzeptable Rolle.
Kontrolliere dich selber und sei natürlich.
Versuche aufrichtig zu sein.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

Da gehen die spirituellen Sucher zum Satsang um die Ecke oder zu einem Guru in Indien oder sonst wohin und es ist alles todernst – ganz wie bei den sonntäglichen Kirchgängern. Letzten Sonntag waren Wahlen und die Wähler gehen hin und erfüllen ihre staatsbürgerliche Pflicht. Usw. usw. … Wer weiß schon, dass er gerade spielt, dass er ein Spieler ist? Wer sagt schon: Ich spiele jetzt das Sucher-Spiel oder das Wähler-Spiel oder das Hochzeits-Spiel oder das Geldverdiener-Spiel oder sonst irgendein Spiel?

Wenn Kinder Hochzeit spielen, wissen sie noch, dass sie spielen, selbst wenn sie ihr Spiel mit großer Ernsthaftigkeit spielen. Es soll ja auch möglichst echt aussehen. Und es bereitet ihnen ein diebisches Vergnügen, so zu tun, als ob das jetzt die Wirklichkeit wäre.

Spätestens im Kindergarten ist Schluss mit lustig. Da „dürfen“ die Kinder zwar noch im Kindergarten spielen, aber sie sind sich schon nicht mehr bewusst, dass sie jetzt „Kindergarten“ spielen. Und wer wüsste noch, dass „Schule“ ein Spiel ist? Senecas „Non vitae, sed scholae discimus“ gibt es ja auch in der umgekehrten Version. Lernen Kinder, wenn sie Kaufladen spielen für das Leben oder wollen sie einfach ihren Spaß haben, wenn sie die Erwachsenen spielerisch imitieren? Ich vermute mal Letzteres, was nicht heißt, dass sie so nicht auch für das Leben lernen würden. Nur geschieht dieses Lernen ohne jede Absicht.

Spätestens beim Beerdigungs-Spiel kriegen wir dann (nicht mehr) mit, dass wir nicht einmal die Spieler sind, sondern selbst nur gespielt werden. Unsere letzte Rolle ist dann die Rolle der todernsten Leiche.

Das sind die Möglichkeiten, die ich im Augenblick sehe: Gefangen im totalen Double-Bind-Spiel zu sein, das Spiel nicht mehr als Spiel zu erkennen und ein trübsinniges Leben zu leben. Oder das Spiel als Spiel zu spielen und seinen Spaß daran haben. Oder fasziniert das Spiel ohne Spieler zu bewundern, das sich da ganz von selbst entfaltet, und nicht mehr aus dem Staunen herauszukommen. Vielleicht seht ihr ja noch mehr Möglichkeiten?

Letzte Fahrt

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –
da soll es mittags Rote Grütze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht …
Von wegen: Leibgericht.

Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger
aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger.
Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.
Und ich lieg da und denk: „Ach, polk dich aus!“

Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.
Nun fasst der Karlchen die Blondine unter,
die mir zuletzt noch dies und jenes lieh …
Sie findet: Trauer kleidet sie.

Der Zug ruckt an. Und alle Damen,
die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:
vollzählig sind sie heut noch einmal da …
Und vorne rollt Papa.

Da fährt die erste, die ich damals ohne
die leiseste Erfahrung küsste – die Matrone
sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.
Altmodisch war sie – aber sie war gut.

Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!
Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?
Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:
mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.

Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,
da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere
die Orden durch die ganze Stadt
die mir mein Kaiser einst verliehen hat.

Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten,
da schreiten zwoundzwanzig Nutten –
sie schluchzen innig und mit viel System.
Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.

Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!
Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch.
Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!
Ich schweige tief.
Und bin mich endlich los.

Kurt TucholskySarg

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10 Antworten zu Alan Watts: Double-Bind-Spiel

  1. fredo schreibt:

    was soll man zum ollen Kurti schon sagen , außer vielleicht :

    “ ach schade , wie bedauerlich ,
    gab keinen zweiten je wie dich .
    und gäb es dich, dann doch noch mal ,
    wärs Freude dir ? wärs Jammertal ?

    Zwar gibts bei allen Lebenssachen
    stets Heulen , aber halt auch Lachen .
    doch wenn wir alle dann verrecken ,
    bleibt beides uns im Halsestecken. „

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  2. Elwood schreibt:

    „Nur geschieht dieses Lernen ohne jede Absicht.“

    Dieses Gespür für unsere Natur der Absichtslosigkeit gerät in unserem Verstand beim „Erwachsen werden“ immer weiter in Vergessenheit und in unserer „Meinung und Glauben“ über uns Selbst verfestigt sich der Klebstoff. So wird die Sprache unser Kinder für uns zur Fremdsprache und wir führen sie wiederum in Verwirrung.
    Vielleicht wird umgekehrt mal ein Schuh draus? Ihre Absichtslosigkeit als Lösungsmittel unseres Klebstoffes wirken lassen, so dass wir uns verwirrt fragen dürfen:
    Wer ist hier eigentlich der Dumme?
    Oder werden wir dann von unseren Kindern verhauen?

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  3. fredo schreibt:

    als ich einst zu füssen „eines davorn“ saß , und allen anderen zu füssen-sitzer fragen über fragen stellten ( vor allem ob ein erwachter noch sex hat🙂 ) , und ich jedoch einfach nach den ersten sätzen des zuhörens still zustimmend schweigend da saß ( wer meine schwatzigkeit kennt , ahnt welch besonderheit dies war ) , kam nach wochen des stillen zuhörens doch ein frage . „warum fallen wir menschen aus der natürlichen präsenz des kleinkindes in die ignoranz des erwachsenen ? die natur macht doch nix überflüssiges ? “
    die erste antwort war ( die antwort aller antworten ) . “ warum denn nicht ?“
    und mir wurde klar , dass ja genau dieses „warum ?“ meiner ignoranz entstammte …
    dann wurde jedoch ( wohl als „trösterchen“ für meine arme ignoranz-befindlichkeit ) folgendes noch gesagt ( soweit ichs noch erinnere ) : “ das kleinkind lebt zwar im natürlichen fluss der ereignisse , ist aber auf eine andere art „ignorant“ , da es nur dieses „natürliche“ er-leben kennt . der „erwachte“ weiß um beides , das ignorante , da es erlebt wurde , und das „natürliche“ , da es (wieder)erkannt wurde “ .
    das Bewusstsein spielt halt auch gerne „ignorant“ . Es macht ja nicht den geringsten unterschied für das was da IST und sich im dynamischen spiel äußert , ob die fürs spiel benutzte figur „ignorant“ ist oder nicht …

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    • Nitya schreibt:

      „Es macht ja nicht den geringsten unterschied für das was da IST und sich im dynamischen spiel äußert , ob die fürs spiel benutzte figur ‚ignorant‘ ist oder nicht …“

      So viel zum Thema „menschliche Weiterentwicklung“. „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

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      • fredo schreibt:

        Es gibt keinen Unterschied …. in dem was IST ….

        bedeutet ja nicht , dass die Figur keinen Unterschied macht …
        als Figur kann sie ja gar nicht anders , als Unterschiede zu machen …

        also ist auch der Hinweis dass es im IST , keinen Unterschied gibt , für die Figur letztlich ohne Belang ..
        – der Hinweis kann lediglich der eigenen „Rück“vergewisserung dienen , in das ( einst mal offenbarte ) IST hinein …
        – oder dem Nicken derer , die ähnliches bemerken konnten …:-)
        – oder der Ermutigung , der Stärkung , der vertraunsvollen Ahnung bei so manch einem …

        oder halt auch nicht ….😀 ….

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  4. fredo schreibt:

    Ich glaube durchaus an eine „menschliche Entwicklung“ …
    ich sehe nur kein echtes „Weiter“ …
    dies „weiter“ ist für mich nur temporäre Effekterscheinung eines Dynamischen Prozesses , der keine Ursache , und kein Ziel hat , sondern nur (Ent)-Äußerung ( = im „Außen“ erkennbare ) eines Prinzips / einer Eigenart der Schöpfung ist …..
    Schöpfung kann nur als dynamisch „vibrierendes“ universal sich gegenseitig beziehendes Kompendium erscheinen … damit ist ein „weiter“ oder ein „zurück“ nur Phänomen der ( künstlich fixierten ) Betrachtung dieses „Vibrierens“ …

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