Kurt Tucholsky: Da ist mir der Humor vergangen


Tiger
Der Zerstreute

Mein Blinddarm, der ruht in Palmnicken;
ein Backenzahn und überdies
ein Milchzahn liegen in Saarbrücken.
Die Mandeln ruhen in Paris.

So streu ich mich trotz hohen Zöllen
weit durch Europa hin durchs Land.
Auch hat die Klinik in Neukölln
noch etwas Nasenscheidewand.

Ein guter Arzt will operieren.
Es freut ihn, und es bringt auch Geld.
Viel ist nicht mehr zu amputieren.
Ich bin zu gut für diese Welt.

Was soll ich armes Luder machen,
wenn die Posaune blasen mag?
Wie tret ich an mit meinen sieben Sachen
am heiligen Auferstehungstag?

Der liebe Gott macht nicht viel Federlesen.
»Herr Tiger!« ruft er. »Komm hervor!
Wie siehst du aus, lädiertes Wesen?
Und wo – wo hast du den Humor?«

»Ich las« – sag ich dann ohne Bangen –
»einst den Etat der deutschen Generalität.
Da ist mir der Humor vergangen.«
Und Gott versteht.
Und Gott versteht.

Theobald Tiger
Die Weltbühne, 22.03.1932

Dem Herrn Tiger scheint das Lachen vergangen zu sein. Blinddarm, Backenzahn, Milchzahn, Mandeln, Nasescheidewand – das alles macht ihn zwar ein wenig bange, wenn er an den heiligen Auferstehungstag und das Gesicht vom lieben Gott denkt, aber das ist alles nichts gegen den Etat der deutschen Generalität, den er einst gelesen hat. Der Krieg ist gerade mal 14 Jahre vorbei und hat nur Elend für Land und Leute mit sich gebracht und nun muss er sehen, wie diese Vollidioten schon wieder mit den Hufen scharren und sich auf den nächsten Krieg vorbereiten. Da ist ihm der Humor vergangen – und Gott versteht.
800px-Stamps_of_Germany_(DDR)_1990,_MiNr_3321Na ja, das ist natürlich ein sehr dualistisches Bild und Tucholsky hat das wohl auch nicht so ganz ernst gemeint mit dem lieben Gott – der Humor ist ihm trotzdem vergangen und zwar gründlich. Eben lese ich im Linksnavigator: „Nach offiziellen Angaben sind über 300 Bergarbeiter in Soma durch das Unglück am 13. Mai 2014 ums Leben gekommen. Was in Soma geschah, war weder ‚Gottes Wille‘, noch ‚ein normaler Arbeitsunfall‘, wie es der türkische Premierminister Erdogan zynisch ausdrückte. Das Unglück in Soma war ein Massaker an den Arbeitern, das jeden gewissenhaften und mitfühlenden Menschen bestürzte und in tiefe Trauer versetzte. Die Bergarbeiter wurden Opfer von Profitgier und unzureichenden Sicherheitsbedingungen an ihren Arbeitsplätzen.“ Die haben natürlich recht damit und Erdogan – natürlich auch. Ein echtes Dilemma und das bedeutet im Zweifelsfall Krieg, weil sich jede der beiden Seiten ganz allein im Recht fühlt. Wer will schon was vom Tetralemma hören? Vielleicht die trauernden Hinterbliebenen? Von Erdogan ganz zu schweigen.

Würde Tucholsky heute noch leben, würde er sehen können, dass auch der nächste Weltkrieg und auch der über- und der überübernächste Krieg oder Weltkrieg die Menschen nicht schlauer gemacht hat und haben wird, was seine tiefe Resignation vermutlich nicht mehr hätte steigern können. Aber wer ist verantwortlich für den ganzen shit? Gott? Die da oben? Die Menschen, wie sie nun mal sind? Niemand? Eigentlich gibt es darauf aus meiner Sicht nur drei Antworten: Entweder „nix sehen, nix hören, nix sagen“ oder man bringt sich baldmöglichst um die Ecke oder …

huhuhihii

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9 Antworten zu Kurt Tucholsky: Da ist mir der Humor vergangen

  1. Eno Silla schreibt:

    “nix sehen, nix hören, nix sagen”
    finde ich gut, wäre klasse, wenn es eine lösung gäbe, eine für alles passende antwort.
    diese ist natürlich ganz besonders universell:

    und das sich möglichst bald um die ecke bringen scheint mir manchmal auch sehr passend, vor allem, wenn mich die ischiasschmerzen plagen oder andere körperliche beeinträchtigungen. zu denen gehören auch die wut- und schrei- attacken angesichts des ganzen unsinns und leidens dieser verrückten welt und das plötzlich auftauchende versinken in melancholie und verzweifelung, wenn ich sowas lese:
    https://www.change.org/de/Petitionen/sudan-stoppen-sie-die-hinrichtung-der-im-8-monat-schwangeren-mariam-yehya-ibrahim-savemariam?alert_id=LoPGDSIRFl_sxta3oZZTNCqR4mZIodPuMahLYceElgFNsd7uDt8gss%3D&utm_campaign=65950&utm_medium=email&utm_source=action_alert
    einfach nur unfassbar, unglaublich…
    dann wieder diese vollkommene hilflosigkeit gegenüber allem erscheinenden…
    sich totzulachen ist wunderbar, aber auch diese antwort stellt sich ein oder nicht ein. so geht es einfach weiter, jeden neuen tag, wenn ich aufwache und mich wundere, dass wieder die sonne scheint und die mauersegler an meinem fenster laut pfeifend vorbeiflitzen, da ist wieder die wahrnehmung des nun schon längst vertrauten schmerzes und ich mich aufstehen sehe und die tägliche routine anläuft…
    patrick äigner hat recht, ja er hat recht!
    „Es bleibt scheiße! Macht euch keine Sorgen, es bleibt scheiße!“
    http://www.file-upload.net/download-8943794/Schei–ePatrickAigner.mp3.html

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    • Brigitte schreibt:

      TOTALY YES.
      Mir aus dem Herzen gesprochen.
      So erstaunlich, so absurd.
      no way out. no way in.

      Schüler: Was heisst „gate, gate, parasamgate, bodhi svaha“?
      Kobun Chino: Eigentlich heisst es gar nichts. Alles zerfällt. „Zerfalle, zerfalle, alles zusammen zerfalle; wir können nichts dagegen tun.“
      Das ist wirklich, was „Gate, gate“ bedeutet: Es gibt nichts, woran man sich hängen kann.

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  2. fredo schreibt:

    keine Lösung ist Lösung … so dann und wann … gelöst von Lösungsdrang … vertraut auch mit dem Ungelösten … durch die Faszination der Kuriosität … gelöst oder ungelöst … kurios ist beides …

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  3. Eno Silla schreibt:

    aus
    nix sehen nix hören nix sagen
    wird
    ganz plötzlich
    ich sehe ich höre ich sage
    vollkommene verwirrung
    was ist denn das
    ich

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