Ikkyû Sôjun: nur ein Lachen


Regen

Männer inmitten ihrer Trunkenheit,
was können sie tun für ihre weingetränkten Gedärme?
Nüchtern, am Ende ihrer Kraft, trinken sie den Bodensatz.
Die Klage dessen, der den Sand umarmte
und sich in den Fluss Hsiang-nan stürzte,
kostet diese Verrückte Wolke nur ein Lachen.

Ikkyû Sôjun

Angespielt wird in diesem Gedicht auf den chinesischen Beamten Ch’u-yüan, der sich trotz seiner Tugendhaftigkeit von Feinden verleumdet sah. Im Gespräch mit einem Fischer am Flussufer, wo er stand und an Selbstmord dachte, sagte er: „Alle Welt ist getrübt durch Verwirrung, ich allein bin rein! Alle Menschen sind wie betrunken, nur ich bin nüchtern!“ die Parodie eines Unerleuchteten auf die erleuchtete Feststellung des Buddha: „In allen Himmeln und unter dem Himmel bin ich allein der Ehrwürdige.“ Der Fischer erwiderte: „Der wahre Weise haftet nicht an bloßen Dingen … Wenn alle Welt ein trüber Wirbel ist, warum folgst du nicht seiner Strömung und schwimmst auf seinen Wellen? Wenn alle Menschen betrunken sind, warum trinkst du nicht den Bodensatz und schluckst den wässrigen Wein mit ihnen?“ Aber Ch’u-yüan war zu sehr in seine dualistischen Konzepte von Tugend und Laster verstrickt, um sich den Zen-Ratschlag des Fischers zu Herzen zu nehmen; er schrieb ein Gedicht über das Umarmen des Sandes“, sprang in den Fluss und ertrank.

Ikkyûs Verwendung dieser Anspielung auf die vollendete konfuzianische Tugend im Rahmen seiner eigenen „trunkenen“ Zen-Lehrmethode gibt nicht nur die Worte des Fischers wieder, sondern erfüllt sie mit Leben. Sein mit Zen-Anwendungen erfülltes Gedicht wurde selbst zum vielschichtigen koan, den die Schüler erst durchdringen müssen; eine Bühne für die Frage von Recht und Unrecht, Trunkenheit und Nüchternheit, Tugend und Laster. Das Lachen der Verrückten Wolke war eine lakonische Antwort auf die Frage nach der Einheit von Form und Leere, Verblendung und Erleuchtung.

Bessermann/Steger in „Verrückte Wolken“

Tja, was gibt’s denn da zu lachen? Das sind doch nun wirklich die wesentlichsten Fragen überhaupt: Recht und Unrecht, Trunkenheit und Nüchternheit, Tugend und Laster. Genau der Stoff, mit dem man sich etwa im Religions- oder Ethikunterricht unbedingt auseinandersetzen sollte. Und anschließend sollte man dann in einer Schulaufgabe zeigen, dass man gut aufgepasst hat und fortan ganz genau weiß, was richtig und was falsch ist. Na und die Frage nach der Einheit von Form und Leere, Verblendung und Erleuchtung – das ist ja nun das Allertiefste überhaupt. Wer da lacht … na ja, am Lachen erkennt man den Narren, sagt man. Nun, ein Narr war er ja, mein heiß geliebter Ikkyû, nur vermutlich nicht im Sinn des eben zitierten Sprichworts – dafür käme dann schon eher dieser unglückselige Ch’u-yüan in Frage, obwohl der vermutlich nie in seinem Leben gelacht hat.

„Der wahre Weise haftet nicht an bloßen Dingen [der Satz hätte irgendwie von der lieben Marianne stammen können] … Wenn alle Welt ein trüber Wirbel ist, warum folgst du nicht seiner Strömung und schwimmst auf seinen Wellen? Wenn alle Menschen betrunken sind, warum trinkst du nicht den Bodensatz und schluckst den wässrigen Wein mit ihnen?“ fragt der Fischer den lebensmüden Ch’u-yüan. Was er wohl damit gemeint haben könnte? Vielleicht: „Wieso versuchst du bloß, etwas Besonderes zu sein?“ Aber Ch’u-yüan war in seinem Besonders-Sein-Wollen wohl nicht mehr zu bremsen. Er stürzte sich in den Fluss Hsiang-nan, was diese Verrückte Wolke nur ein Lachen kostete.

hui

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3 Antworten zu Ikkyû Sôjun: nur ein Lachen

  1. Elwood schreibt:

    Das ist ja echt son Ding mit diesen eitlen Fatzke in meiner Person.
    Ständig reißt er das Maul auf und weiß es besser als alle anderen (alle doof, außer ich).
    Und es ist doch echt n Witz: Den wirrste nich los!
    Denn – dann willste ja wieder was besseres sein!
    Da kannste einfach „NICHTS MACHEN“.
    Aber anschauen kann ich mir den Heini schon, was er alles so vom Stapel läßt.
    Je öfter ich ihm zuhöre umso mehr könnt ich mich darüber beömmeln.
    So langsam wird er wie son verrückter Onkel.
    Den kannste dann auch mal sagen, dass er jetzt mal die Fresse halten soll, wenn ich mit den Jungs von nebenan, im Puff auf unsere Tugendlosigkeit anstoßen will.

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  2. Eno Silla schreibt:

    Ach das tut gut:

    Patrick Aigner:

    http://www.file-upload.net/download-8943794/Schei–ePatrickAigner.mp3.html

    Das ganze Interview auf Jetzt-TV, obwohl der eine Satz mir vollkommen ausreicht (aber ich mußte vorher auch das ganze Interview hören, um auf diesen Satz zu stoßen):

    http://www.jetzt-tv.net/fileadmin/video/vimeoplayer.php?id=95669440&d=43

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  3. Ingeborg schreibt:

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