Wei Wu Wei: Ist das alles?

 

xDas Ding da auf der Briefmarke wird Torques genannt. Es handelt sich um einen vorne offenen, silbernen keltischen Halsreif, in diesem Fall dem eines Fürsten. Die Endstücke werden gebildet durch zwei Widderköpfe (?), die sich gegenseitig anschauen, als ob sie gleich aufeinander losgehen würden. Nachdem ich ja ein alter Kelte bin und den Druiden geradezu Unglaubliches zutraue, behaupte ich mal ganz frech, dass sie mit einem Torques genau das zum Ausdruck bringen wollten, was uns Terence Gray im Folgenden nahe zu bringen versucht.

Existierst du?
Noumenal gesehen denke ich, dass ich bin, aber ich kann »Mich-selbst« nicht finden. Das gilt auch für dich und für alle anderen Lebewesen.

Warum?
Aus demselben Grund, der uns hindert, unser eigenes Gesicht zu sehen.

Aber du kannst doch mein Gesicht sehen, und ich sehe deins.
Unsinn, völliger Unsinn! Wir sehen nichts dergleichen! Was wir sehen, wenn wir uns gegenseitig anschauen oder irgendetwas anderes, das wir betrachten können (einschließlich unserer eigenen Füße), ist allein unser Objekt. Und unser Objekt ist Teil von uns selbst (als seinem Subjekt). Kein anderer kann uns sehen, da wir keinerlei objektive Existenz haben; und auch wir können niemand anderen sehen, weil er ebenfalls keine hat. Jeder von uns kann nur seine eigenen Objektivierungen sehen – was immer diese sein mögen.

Als Objekte existieren wir also nicht?
Natürlich nicht! Kein Ding existiert als Objekt. Aus diesem Grund gibt es auch kein solches Ding wie eine Entität. Wie könnte es eine geben? Raum und Zeit sind rein begrifflicher Natur, Vorstellungen im Bewusstsein. Und wo sonst sollte eine Entität sich entfalten?

Dann ist also kein Objekt unabhängig?
Aber abhängig ist auch keines! Die »Anderen« sind du-selbst (als das, was ihr »beide« seid), und ihre scheinbare Andersheit (als deine Objekte) ist gänzlich Teil deines phänomenalen Geistes. Phänomenale Existenz oder phänomenales Sein ist noumenal gesehen Nicht-Sein. Absolut gesehen kann man es Wie-es-ist-heit nennen.

aus: Wei Wu Wei, „Die Einfache Erkenntnis“

»Ist das wirklich alles?« soll ein Mönch seinen Meister lachend gefragt haben und ich geh mal davon aus, dass sein Meister einfach nur gegrinst hat.

Das Beispiel mit dem fürstlichen Torques hinkt natürlich, weil sich ein Torques als Ding darzustellen scheint. Aber jeder Buchstabe, der hier erscheint, leidet unter demselben Makel. Terence Gray sagt: „Kein Ding existiert als Objekt. Aus diesem Grund gibt es auch kein solches Ding wie eine Entität.“ Also auch keinen Torques als Objekt und auch keinen Buchstaben. Der Kopf meines gegnerischen Widders ist aus demselben Stoff gemacht wie ich: aus Gewahrsein. „Jeder von uns kann nur seine eigenen Objektivierungen sehen – was immer diese sein mögen.“ sagt Terence Gray.

Der Verstand bemächtigt sich gern solcher Erkenntnisse, die ja nicht seine eigenen sind, und versucht sie in handhabbare Formeln zu gießen und in gute Verhaltens-Vorsätze umzuwandeln. Ich greif mir mal einen Satz heraus. Terence Gray sagt: „Die »Anderen« sind du-selbst (als das, was ihr »beide« seid), und ihre scheinbare Andersheit (als deine Objekte) ist gänzlich Teil deines phänomenalen Geistes.“ Jetzt könnte der Verstand, der ja selbst nur als Erscheinung existiert, auf die Idee kommen zu sagen: Okay, ich hab’s kapiert. Wenn mir einer auf die linke Wange haut, dann hau ich mir selbst auf die linke Wange. Warum soll ich meine eigene Objektivierung schlagen, die doch nur ein Teil von mir selbst (als meinem Subjekt) ist. Man könnte natürlich weiterfragen: Warum hab ich Trottel mir eigentlich selbst auf die linke Wange gehauen? Und weiter: Warum soll ich jetzt meiner Objektivierung erlauben, auch auf meine rechte Wange zu hauen?

Aber auch diese ziemlich schrägen Gedanken sind nichts anderes als das, was Terence Gray ganz unemotional die „Wie-es-ist-heit“ nennt. Fredo würde es vielleicht „Kuriosität“ nennen, „so oder so ähnlich … kurios anyways“

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