Warum ich k/ein Anarchist bin


Kurt Tucholsky
„Denn diese beiden Charaktereigenschaften sind … am Deutschen auf das subtilste ausgebildet: sklavisches Unterordnungsgefühl und sklavisches Herrschaftsgelüst. Er braucht Gewalten, Gewalten, denen er sich beugt, wie der Naturmensch vor dem Gewitter, Gewalten, die er selbst zu erringen sucht, um andere zu ducken. Er weiß: sie ducken sich, hat er erst einmal das ›Amt‹ verliehen bekommen und den Erfolg für sich. Nichts wird so respektiert wie der Erfolg.“

aus dem Vorwort von Kurt Tucholsky zu Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ (Juli 1914)

untertannach oben buckeln, nach unten treten

Ich sag’s mal so: Wo kein Handelnder, da weder Herrscher noch Untertan. Wo kein Handelnder, da kann es nur Anarchisten geben, ohne dass diese um ihr Anarchistensein überhaupt wüssten. Auf der konzeptuellen oder Traumebene scheint es Handelnde zu geben, Herrscher und Beherrschte und in Abgrenzung dazu Anarchisten, also Leute, die weder Lust haben, andere zu beherrschen noch sich von anderen beherrschen zu lassen.

Mahatma Gandhis Zukunftstraum: „Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regelt, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinen Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.“

Heinrich Mann und Kurt Tucholsky haben’s da mehr mit der Gegenwart. Und die sieht, was die hehre Vision der Anarchie für alle betrifft, mehr als düster aus. Wenn mich nun jemand fragen würde, ob ich die Anarchie für alle befürworten würde, müsste ich wahrheitsgemäß sagen: „Um Gottes willen, nein!“ Ja, aber auf was liefe das hinaus? Alle Freiheit für mich und keine für andere? Hört sich ja beschissen an, ist aber wohl so. Ich versuch’s mal an einem Beispiel zu zeigen. Gestern war ich mal wieder auf der Autobahn unterwegs. Die Autobahn ist wirklich ein phantastisches Studienfeld. Ich guck regelmäßig in den Rückspiegel, wenn ich auf der Überholspur bin und mache schnelleren PKWs Platz. Wenn ich überhole, blinke ich nach einem Blick in den Rückspiegel rechtzeitig, bevor ich die Fahrspur wechsle, usw. usw. – will sagen, es macht mir Spaß niemanden zu behindern und darauf zu achten, dass der Verkehr möglichst reibungslos fließen kann. Ich kann nicht sagen, dass ich bei anderen Autofahrern eine ähnliche Freude an einem reibungslosen Verkehrsfluss bemerken kann. Und dann freue ich mich, dass es Gesetze und Regelungen und Strafen gibt. Schöner Anarchist, der sich darüber freut!

Ich kenne das Thema seit den sechziger Jahren, als mir Alexander Sutherland Neills „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ in die Hände fiel. Neill hatte eine Werkstatt und natürlich durften die Schüler in Summerhill seine Werkstatt benützen. Wenn sie aber ein Werkzeug unsachgemäß behandelten, es verschlampten, etwa die Feilen nach Gebrauch nicht ausbürsteten etc. kriegten sie Werkstattverbot. Neill redete seinen Schülern nicht in ihr Leben rein, aber er ließ sich auch nicht die Butter vom Brot nehmen. Und natürlich kamen dann welche, die sagten: „Das soll antiautoritär sein, wenn du Werkstattverbote aussprichst?“ Gandhi sagt: „Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regelt, …“ Es kann nur gelingen, wenn bei den Beteiligten eine gewisse Reife vorhanden ist. Fehlt diese … also ich bin kein Gandhi, der unbewaffnet auf die schießwütigen Tommies losmarschiert wäre und auch kein Jesus mit seinem Postulat, auch die andere Wange hinzuhalten. Bin ich halt nicht, finde ich so nicht bei diesem komischen Kerl vor, zu dem ich „ich“ zu sagen pflege. Und so bin ich halt auch ein komischer Anarchist, der sich freut, dass unbewusste Egos durch den Staat und seine Gesetze vielleicht am Schlimmsten gehindert werden. Wenn es nach mir ginge, bräuchten wir nun wirklich keinen Staat.


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Mein Vater war kein Pfarrer wie der Vater von Gerhard Schöne. Gott sei Dank.

 

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7 Antworten zu Warum ich k/ein Anarchist bin

  1. MaulBaer schreibt:

    YES:
    Mauern, Regeln sind Oberflächen an dem man sich mehr oder weniger intensiv reiben kann. Ohne die Oberflächen und deren innewohnenden Regeln könnte kein Streichholz zur leuchtend brennenden Flamme entzündet werden. Sie sind das Diktat, die Disziplin des Lebens, an denen sich das Leben (ES) erfährt, an den Oberflächen mit endlos verschiedenen Texturen, oder?
    Einen wunder-schönen, -samen, -vollen, -baren magischen neuen Tag wünscht der MaulBaerenEsel.
    Don’t you know it’s my way out
    To be on my own.
    When I feel like crying out
    I do it best alone.
    Can you give me love and
    Protection to shield my heart.
    All the fear I feel from doubt
    Is tearing me apart.

    I wanna love, I wanna give,
    I want to find another way to live.
    Another shout, another cry,
    And the walls come tumbling down.

    Don’t you know there’s no way out;
    Your pain’s your own,
    And the more we scream and shout
    The more we feel alone.
    I can feel my anger rising-
    Am I to blame?
    And I’m not gonna keep it inside me.
    Do you feel the same?

    I wanna love, I wanna give,
    I want to find another way to live.
    Another shout, another cry,
    And the walls come tumbling down.
    And I’m calling you.

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  2. Gerhard Mersmann schreibt:

    Ja, Wilhelm, eine klassische Aporie! Die Deutschen sind ohne Staat undenkbar, und ihr Verhältnis zu demselben ist das verkrampfteste, das man sich denken kann.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Gerd, das ganze Leben ist eine klassische Aporie und endet für die Lebewesen gewöhnlich mit ihrem Ableben. Die alten Chan-Meister haben dies meist vergeblich ihren Mitmenschen zu verklickern versucht.

      Dass die Deutschen ein ausgesprochen verkrampftes Verhältnis zu dem Gebilde haben, ohne das sie glauben nicht leben zu können, liegt eigentlich in der Natur der Sache. Der (vermeintlich) Abhängige beißt die Hand, die ihn (vermeintlich) füttert.

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  3. Elwood. schreibt:

    Unser Ego, dass sich in Abhängigkeit der Zeit befindet, läuft die Zeit davon. Es kann somit nur auf eine grüne Welle für sich wollen. Deswegen braucht es rote Ampeln in der Werdens-Zeit, damit unsere Ungedult nicht eine sofortige Massenkarambolage verursacht. Ein aufgeklärter Anarchist kann man nicht werden sondern nur sein, d.h. er ist Zeit-Unabhängig, braucht auch keinen roten Ampelstaat und ihm läuft auch nicht die Zeit davon. Aber um sich Nachts um 2.45Uhr sich so ein Scheiß auszudenken, braucht es Zeit – komisch…..ich gib mir jetzt die rote Ego-Ampel…..

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  4. LOB schreibt:

    Hat dies auf LOB's Metier rebloggt.

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  5. toberg2 schreibt:

    Hat dies auf wideblick rebloggt und kommentierte:
    “Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regelt, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinen Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.”

    Mahatma Gandhi

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