Linji: alltäglich oder heilig?


P
Linji wird in ein Militärlager zum Essen eingeladen. Am Eingangstor begegnen ihm zwei Offiziere.

Linji, indem er auf den unbehauenen Türpfosten weist, fragt: „Ist das etwas Alltägliches oder etwas Heiliges?“ Die beiden Offiziere sind sprachlos.

Linji schlägt an den unbehauenen Pfosten und sagt: „Was immer man dazu sagen mag, es ist nichts als ein hölzerner Pfosten“, und damit ging Linji durch das Tor.

aus dem Linji Lu

Die kleine Geschichte ist über tausend Jahre alt. Irgendwas könnte ja da dran sein, dass sie sich so lange erhalten hat.

„Linji wird in ein Militärlager zum Essen eingeladen.“ Wieso wurde ich eigentlich noch nie in ein Militärlager zum Essen eingeladen? Liegt’s an mir oder waren die Soldaten damals noch anders gestrickt oder was war da los? Das Ganze muss wohl in der Zeit um 850 herum stattgefunden haben, als Kaiser Wuzong tausende von buddhistischen Klöstern zerstören und die Mönchen in den Laienzustand zurückversetzen ließ. Umso erstaunlicher also diese Einladung zum Essen.

„Linji, indem er auf den unbehauenen Türpfosten weist, fragt: ‚Ist das etwas Alltägliches oder etwas Heiliges?‘ Die beiden Offiziere sind sprachlos.“ Na ja, wenn ich mir vorstelle, ich würde zu einer Bundeswehrkaserne marschieren und an der Wache dieselbe Frage stellen, was ich da zu hören bekommen würde, wäre wahrscheinlich auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss. Vielleicht müsste ich diese Frage eher einem Pfarrer am Kirchentor stellen. Der würde mir schon verklickern, wie ungemein heilig doch schon der Boden ist, auf dem ich da stehe.

„Linji schlägt an den unbehauenen Pfosten und sagt: ‚Was immer man dazu sagen mag, es ist nichts als ein hölzerner Pfosten‘, und damit ging Linji durch das Tor.“ Also dieser Linji wäre wohl eine herbe Enttäuschung für meinen Pfarrer gewesen. Es ist ganz klar, der Pfarrer operiert mit Gott und dem Satan, mit Himmel und Hölle, mit heilig und nicht heilig. Ganz im Sinne Bodhidharmas kennt Linji nur offene Weite, in der weder Heiliges noch Unheiliges einen Platz haben. Ein hölzerner Pfosten ist einfach ein hölzerner Pfosten und sonst nichts.

Ich weiß noch, wie mir meine Mutter oft auf den Keks gegangen ist, wenn sie während eines Spaziergangs immer wieder anhielt, mit dem Finger irgendwohin zeigte und dabei in verzückte Jubelschreie ausbrach: „Guck doch, mein Junge, wie schön!“ Ich hatte immer das Gefühl, das Gesehene nun ebenfalls schön finden und damit das Gefühl meiner Mutter bestätigen zu müssen. Es war wie ein Schulungskurs, der das Ziel hatte, mir beizubringen, was als schön und was als hässlich zu gelten habe. Nie war ein hölzerner Pfosten einfach nur ein hölzerner Pfosten. Später dann in meiner Kunsterzieherzeit habe ich es gehasst, Noten geben und damit wieder dem, was ist, etwas hinzufügen zu müssen. Was war da dieses „Spüren Sie’s?“ meines Kunstdozenten für ein Balsam für meine gequälte Seele. Endlich einmal keine Wertung, nur ein Innehalten und Schauen. Ein hölzerner Pfosten ist ein hölzerner Pfosten. Ist das nicht Wunder genug?

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12 Antworten zu Linji: alltäglich oder heilig?

  1. Savitri schreibt:

    „Denn wir leben auf einem Blauen Planeten
    Der sich um einen Feuerball dreht
    Mit ‘nem Mond der die Meere bewegt
    Und du glaubst nicht an Wunder “

    …aus dem Lied „Welt der Wunder“ von Materia
    …damit bin ich am Sonntag im Auto „geflogen“, als ich es das erste Mal hörte
    …ich mag diese Momente

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  2. Eno schreibt:

    alltäglich oder heilig
    ein holzpfosten ist nur ein holzpfosten
    ein mann ist nur ein mann
    eine frau ist nur eine frau
    ein kind ist nur ein kind
    ein dazwischen ist nur ein dazwischen
    eine idee ist nur eine idee
    eine ideologie ist nur eine ideologie
    ein krieg ist nur ein krieg
    ein gedanke ist nur ein gedanke
    ein gefühl ist nur ein gefühl
    eine handeln ist nur ein handeln
    alles ist was ist
    ein flüchtiges traumhaftes erscheinen
    unbeständig
    alltäglich oder heilig
    was immer dazu zu sagen ist
    es ist was ist
    erschreckend einfach
    viel zu banal
    für den verstand
    der das besondere sucht
    ein verstand ist eben nur ein verstand

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  3. Eno schreibt:

    und die zenwahrheit des tages meint heute dazu:

    Wenn alles Innere wie Äußere, Körperliche wie Geistige aufgegeben
    wird, wenn, wie in der Leere, keine Bindungen zurückbleiben, wenn
    jede Handlung allein von Ort und Umständen diktiert wird, wenn
    Subjekt und Objekt vergessen sind – das ist die höchste Form des
    Loslassens.

    Huang-Po

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    • Nitya schreibt:

      Und die Nitya-Wahrheit des Tages meint heute dazu:

      Wenn Huang-Po scheißen musste, dann wurde seine Handlungsweise von Ort und Umständen diktiert. Ich kann nur hoffen, dass er dabei das Klo-Objekt nicht vergessen hat und nicht alles in die Hose gegangen ist.

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      • Elwood schreibt:

        Es kommt zusammen, was zusammen kommen muß!
        http://de-bug.de/medien/archives/scheisse-im-all.html

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      • fredo schreibt:

        auch hier >
        „““Wenn alles Innere wie Äußere, Körperliche wie Geistige aufgegeben
        wird, wenn, wie in der Leere, keine Bindungen zurückbleiben, wenn
        jede Handlung allein von Ort und Umständen diktiert wird, wenn
        Subjekt und Objekt vergessen sind – das ist die höchste Form des
        Loslassens.“““

        keine anweisung von voraussetzung für „erwachtes“ scheissen…..
        sondern ( nachträgliches ) beschreiben von scheissen …
        geschissen wurde da bereits …

        also wirkt die formulierung “ wenn alles aufgegeben wird “ auch hier verfälschend . da sie als „bedingend auffordernd“ im deutschen verstanden wird …
        allso besser übersetzt mit “ als geschissen wurde , und zu bemerken war , dass dabei alles aufgeben war …….“ …. kommt ein wenig näher ….

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  4. Nitya schreibt:

    Bodhidharma erschlug die Räuber, die den Tempel belagerten.
    Räubererschlagen ist Räubererschlagen.
    Alles ist, was ist –
    ein flüchtiges traumhaftes Erscheinen.
    Bodhidharma erschlug die Räuber, die den Tempel belagerten.
    Räubererschlagen ist Räubererschlagen –
    ob flüchtiges traumhaftes Erscheinen oder nicht:
    Bodhidharma erschlug die Räuber, die den Tempel belagerten.

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  5. Ingeborg schreibt:

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