Hui-neng: die Reinheit jedes Gedankens


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Verehrte Zuhörer, was ist das, was man „Sitzen in Versenkung“ nennt? In meiner Lehre bedeutet es Freiheit von Hindernissen und Hemmnissen. Wenn sich nach außen hin in allen guten und schlechten Umständen kein Gedanke im Geist erhebt (keine Wertung der Umstände entsteht), ist das „Sitzen“. Wenn im Inneren das ursprüngliche Wesen, die Unbewegtheit des eigenen Geistes, gründlich erkannt wird, ist das „Versenkung“. …

Verehrte Zuhörer, erkennt selbst in jedem Gedanken die Reinheit des ursprünglichen Wesens, übt euch selbst, und verwirklicht den Buddha-Weg selbst.

aus: „Das Sutra des Sechsten Patriarchen – Das Leben und die Zen-Lehre des chinesischen Meisters Hui-neng“

Nur ein paar Zeilen, aber sie kommen ganz wundervoll auf den Punkt. Vorhin stieß ich im Netz mal wieder auf das Angebot „in Stille sitzen“ und bemerkte, wie ich die Augen verdrehte. Meistens heißt „in Stille sitzen“: Quasseln verboten. Oder für Fortgeschrittene: Denken verboten.

Hui-neng legt hier sein Verständnis der Begriffe „sitzen“ und „Versenkung“ dar. Nicht quasseln und nicht denken dürfen sind ganz sicher Hindernisse und Hemmnisse. Vorausgegangen sind solchen Verboten Bewertungen: Quasseln ist schlecht und Denken auch. Die Schüler sollen „die Unbewegtheit des eigenen Geistes“ üben. Das wird dann „in Stille sitzen“ genannt.

„Verehrte Zuhörer, erkennt selbst in jedem Gedanken die Reinheit des ursprünglichen Wesens.“ sagt Hui-neng. In jedem Gedanken! Das bedeutet: Es gibt keine „unreinen“ Gedanken. Und auch das Denken selbst stellt keine Verunreinigung dar. Warum sollte also das Quasseln und Denken verboten werden? Darum geht es doch überhaupt nicht.

Warum ist jeder Gedanke rein? Und nicht nur jeder Gedanke, auch jede Handlung. Nun, sie sind rein von persönlicher Urheberschaft. Sie sind so rein von persönlicher Urheberschaft wie ein laues Frühlingslüftchen oder ein Tsunami. Sie geschehen einfach und der Urheber ist unbekannt.

„Wenn sich nach außen hin in allen guten und schlechten Umständen kein Gedanke im Geist erhebt (keine Wertung der Umstände entsteht), ist das ‚Sitzen‘.“ Nun bei „keine Wertung der Umstände“ wird bestimmt wieder jemand „Schwachsinn!“ denken. Also wenn mir der Gemüsehändler einen vertrockneten, schon leicht angeschimmelten Spargel andrehen will, dann bewerte ich das natürlich und kaufe den Spargel nicht. Jede Katze beschnuppert erst mal ihre angebotene Mahlzeit und verweigert immer wieder das Angebot. Also was soll das: Keine Bewertung? Ich geh mal davon aus, dass Hui-neng kein Idiot war, sondern einfach etwas anderes meinte. Aber was?

Ich verstehe Hui-neng so: Wenn mir ein Dachziegel auf den Kopf fällt, dann muss ich das keineswegs gut finden. Nur – es ist geschehen. Ein Dachziegel fällt mir auf den Kopf. Es geschieht. Reflexhaft geschieht ein „Au, Scheiße!“ Auch das geschieht einfach. Vielleicht geschieht danach noch der Gedanke: „Den Hausbesitzer knöpf ich mir jetzt aber vor.“ Und vielleicht geschieht dann, dass ich mich wütend auf den Weg zum Hausbesitzer mache. Es spielt keine Rolle, was da geschieht. Wichtig ist zu sehen, dass es geschieht und geschieht und geschieht – so unpersönlich wie ein laues Frühlingslüftchen oder ein Tsunami.

„Verehrte Zuhörer, erkennt selbst in jedem Gedanken die Reinheit des ursprünglichen Wesens, übt euch selbst, und verwirklicht den Buddha-Weg selbst.“ Mit Üben ist hier gemeint: Vielleicht erinnert ihr euch ja: Es gibt keinen Handelnden.

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2 Antworten zu Hui-neng: die Reinheit jedes Gedankens

  1. Nitya schreibt:

    Die egoistischen Staaten von Amerika

    http://www.stern.de/politik/ausland/rolle-der-usa-in-der-ukraine-krise-die-egoistischen-staaten-von-amerika-2108267.html

    „Verehrte Zuhörer, erkennt selbst in jedem Gedanken die Reinheit des ursprünglichen Wesens, übt euch selbst, und verwirklicht den Buddha-Weg selbst.”

    Manchmal gar nicht so leicht.

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