Detlev Albers, Gert Hinnerk Behlmer: … Muff von 1000 Jahren

kreuzFrage: Wenn ich Ihre Unterweisungen recht verstanden habe, dann setzen Sie sich radikal von dem ab, was ich – als Echo auf Michel Onfray, der in seinen Philosophischen Publikationen von der „christlichen Neurose“ spricht – versucht bin, die „buddhistische Neurose „zu nennen. Wenn es eine buddhistische Neurose gibt, wie würden Sie diese definieren?

Antwort: Ich würde sie definieren als die Bürde des Religiösen, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden die ikonoklastische Botschaft der chinesischen Chan-Meister, die sich durch eine grandiose Abwesenheit von Formalismus auszeichnet, zu überdecken droht. Diese Dharma-Tiger lebten zu einer Zeit, da das religiöse Regelwerk in China noch nicht festgeschrieben war, in kleinen Gemeinschaften überaus freier Individuen. Sie waren stark vom Daosimus beeinflusst, den viele von ihnen zuvor praktiziert hatten, und sie hatten ein kosmisches Konzept des Buddhismus, das sehr stark mit der Natur, der Schönheit und der Kunst verknüpft war. In ihrem Ansatz gab es nichts Puritanisches. Sie unterschieden sich total vom indischen Buddhismus und dessen strenger Morallehre, die darauf aus war, die Sinnlichkeit auszulöschen, und für die die Ausübung der Künste im Widerspruch zum Weg stand.

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“

Vorgestern schrieb Fredo: „Natürlich kann dann trotzdem so etwas wie Töten stattfinden …. die Geschichte Arjunas zeigt dies eindrucksvoll … doch trifft dann der Satz des Krishna „die da drüben sind schon tot“ zu, der das Eingebundensein in einem Geschehen bestens aufzeigt … so dass dies Töten eines Kriegers nicht „sein“ Handeln ist, sondern die Folgerichtigkeit aus Konstellation … (doch auch da gilt …. die Konsequenz des Handelns … gehört so oder so stets dazu).

Das ist eine gefährliche Aussage und jeder „normale Mensch“ wird sie als eine oberfaule Ausrede betrachten, was ggf. seinen Rachedurst wohl eher anstacheln wird. Ich kenn das noch aus dem Internat. Einer tritt einem anderen unter dem Tisch ans Schienbein und macht dabei ein völlig unbeteiligtes Gesicht. „Was ich? Nee, ich war’s nicht.“ In unserem Fall: „Was ich? Nee, das war ein völlig unpersönliches Geschehen.“ Aber das sind natürlich alles nur dämliche Egospiele. Genauso wie das ganze religiöse Regelwerk. Jede Religion kreiert ihre eigene Neurose. Und wenn mir jemand sagt, Buddhismus sei keine Religion, dann kann ich dem nur zustimmen, wenn damit der Buddhismus der alten Chan-Meister gemeint ist. Sobald es nach Moral stinkt, haben wir es auch mit Religion zu tun. Die Chan-Leute waren jedenfalls völlig amoralisch.

Matthäus 10, 38: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert.“ Für meine vorgeschädigte Nase stinkt das gewaltig nach christlicher Neurose. Jesus, der unter der Last des Kreuzes zusammenbricht, ist denn auch ein beliebtes Symbol der christlichen Religion. Den alten Chan-Meistern wäre so etwas völlig fremd gewesen. Und auch mit der berühmten Nachfolge hatten sie es so ganz und gar nicht. Der bekannte Werbespruch „‚Ich will so bleiben, wie ich bin.‘ – ‚Du darfst.'“ wäre ihnen da wahrscheinlich sympathischer gewesen, würde es sich dabei nicht um den Ausdruck von Identifikation mit der eigenen Person und Täterschaft handeln.

9. November 1967 in der Uni Hamburg:

MuffInzwischen ersticken wir schon längst wieder unter dem Muff der Jahrtausende, die öffentliche Heuchelei ist allgegenwärtig, die Sittlichkeitswächter, Schlüssellochgucker, Unterhosenschnüffler und dergleichen mehr sind wieder eifrig auf der Jagd und kaum jemand traut sich noch, dagegen anzustinken. Es sind ja auch nicht nur die Religionen, ja nicht einmal nur die C-Parteien, die sich auf die Jagd gemacht haben. Ich kenne überhaupt keine Partei, die sich nicht an diesem unappetitlichen Spiel beteiligen würde. Schließlich geht es ja auch bei Moral um Macht und um sonst gar nichts.

Die alten Chan-Meister umgab eine Aura von Natürlichkeit, Schönheit, Kunst, offener Weite – ganz ohne den Gestank heuchlerischer Heiligkeit.

Einatmen, Ausatmen – aahhh…

 

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4 Antworten zu Detlev Albers, Gert Hinnerk Behlmer: … Muff von 1000 Jahren

  1. Nitya schreibt:

    Heut hat hier irgendjemand Geburtstag.

    http://www.audepicault.com/fanfare/fanfare.htm

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