Alan Watts: vor der Auseinandersetzung begrüßen

 

VDies müssen vor allen Dingen diejenigen verstehen, die sich mit zivilen Rechten, der Erhaltung des internationalen Friedens und der Beschränkung nuklearer Waffen befassen. Ohne jeden Zweifel sind dies Unternehmungen, für die man sich mit aller Macht einsetzen sollte, aber niemals in dem Geist, der der Gegenseite jede Ehre abspricht oder sie als vollkommen böse oder verrückt betrachtet. Nicht ohne Grund erfordern die formalen Regeln des Boxens, des Judosports, des Fechtens und sogar des Duellierens , dass die streitenden Parteien sich vor ihrer Auseinandersetzung begrüßen. Soweit man überhaupt in die Zukunft sehen kann, wird es immer Tausende und Abertausende von Menschen geben, die Neger, Kommunisten, Russen, Chinesen, Juden, Katholiken, Beatniks, Homosexuelle und „Haschbrüder“ ablehnen und hassen. Diese gehässigen Vorurteile werden nicht ausgelöscht, sondern nur geschürt werden, wenn man diejenigen beleidigt, die sie haben.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

Gestern zitierte Fredo Ramesh Balsekar mit dem Satz:“Warum sollte Gott nicht auch ( ! ) brutal und sadistisch sein?“ Jetzt wollte ich eigentlich das Video einer Massenhinrichtung bringen, aber youtube fand, dass das wohl gewaltverherrlichend sei, hat das Video gesperrt und mich verwarnt. Komisch, diese Gewalt ist allgegenwärtig auf der ganzen Welt, aber gezeigt werden darf sie nicht.

Mir scheint, auch Alan Watts versucht in seinem Text, genau der Erkenntnis („Warum sollte Gott nicht auch ( ! ) brutal und sadistisch sein?“) aus dem Weg zu gehen. Können wir Gott vielleicht nicht ein bisschen zivilisieren und kultivieren? Nein, können wir natürlich nicht. Und doch werden die einen vermutlich das auch weiterhin versuchen, währen den Gewalttätern solche Gedanken nun wirklich völlig am Arsch vorbeigehen. Alan Watts führt unter anderem das Beispiel des Duellierens an. Das pflücke ich mir einmal heraus, weil es für mich in besonderer Weise die Absurdität Wattscher Überlegungen in diesem Zusammenhang zeigt. Mein Vater kommt ja noch aus einer Zeit, in der man sich auf Leben und Tod zu duellieren pflegte. Er erzählte mir, mit welchen Befürchtungen er seinerzeit eine Kneipe aufsuchte. Jederzeit konnte irgend so ein Heini auftauchen und behaupten: „Mein Herr, Sie haben mich soeben fixiert. Ich werde Ihnen meinen Sekundanten schicken.“ Da half kein Abstreiten oder gar eine Entschuldigung, wenn man sein Gesicht nicht verlieren wollte, musste man sich auf diesen Blödsinn einlassen. Und dann traf man sich im Morgengrauen außerhalb der Stadt auf einer Wiese mit den Sekundanten und wenn man Glück hatte, war auch ein Wundarzt dabei. Pistolen, Degen oder was weiß ich und es ging wirklich um Leben und Tod. Und tatsächlich, wie Alan Watts es sagt, erwies man sich, bevor man sich abschlachtete, mit irgendeiner Geste formal den nötigen Respekt.

Die Herren in dem Video, das ich zeigen wollte, machen mit ihrer Mordlust nicht so viel Federlesens. Fechtergruß, Handschlag, Verbeugung, … können im Fall eines freundschaftlichen Kampfes daran erinnern, dass es nicht um den Sieg, sondern um Kampfkunst geht. Sollte das Motiv jedoch die Vernichtung des Anderen sein, dienen solche Höflichkeitsfloskeln nur der Verschleierung der eigenen brutalen Impulse. Dann sind wir wirklich ganz ungeschminkt bei der Wahrheit des Satzes: „Warum sollte Gott nicht auch
( ! ) brutal und sadistisch sein?“

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7 Antworten zu Alan Watts: vor der Auseinandersetzung begrüßen

  1. fredo schreibt:

    Ich möchte dazu erwähnen …
    nicht das Streben nach einer besseren Welt ist das Problem …. dies ist durchaus lebendiger Ausdruck des ja auch (!) moralischen Wesens Homo Sapiens ….
    das Problem entsteht mit der inneren Haltung , dabei Erfolg haben zu wollen oder gar zu müssen ….
    Wenn der Mensch seinen Teil bereits in dem Streben nach Verbesserung erfüllt sehen kann , aber das Resultat dann dem Geschehen selbst ( damit dem Impuls-Gott ) zu überlassen vermag , funktioniert ein feines (HomoSapiens) Leben …

    Und … es wurde bereits hier erwähnt … hilfreich war mir da bereits das Begreifen der Klugheit des „als ob“ … wenn ich strebe „als ob“ ich etwas erreichen könnte , ändert das nix an dem moralischen Streben ( das muss ohnehin „einfach raus“ , da wir auch über unsere Moral keine wirkliche Kontrolle haben ) … aber es befreit von der Bindung an ein erwartetes Resultat …

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    • Nitya schreibt:

      “Wenn der Mensch seinen Teil bereits in dem Streben nach Verbesserung erfüllt sehen kann , aber das Resultat dann dem Geschehen selbst ( damit dem Impuls-Gott ) zu überlassen vermag , funktioniert ein feines (HomoSapiens) Leben.”

      Dazu würde ich gern erwähnen😉, dass jede Streben auf ein Ziel hin ausgerichtet ist, also auf ein Ergebnis. Nehmen wir an, ich möchte einen Streit schlichten. Na ja, dann möchte ich ihn schlichten. D.h., dass ich vermutlich befriedigt bin, wenn ich Erfolg hatte, und unbefriedigt, wenn ich keinen hatte.

      Die “Edlen” im taoistischen I GING zeichnen sich vermutlich dadurch aus, dass sie unfähig waren, irgendetwas zu tun, womit sie anderen schaden würden. Da gibt es dann gar nichts mehr zu erreichen. Da gibt es einfach keine Absicht mehr. Also wird auch kein bestimmtes Resultat erwartet.

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  2. fredo schreibt:

    ergänzend :
    dies ist nicht zu verwechseln mit einem frustrierten „ich kann ja eh nix ändern“ … was nur der negativ gepolte Ausdruck eines selbst (!) unbedingt erreichen wollens ist …
    sondern es führt sogar zu noch mehr Energie im Streben , da die permanente Beobachtung der Effektivität dieses Strebens entfallen kann . ( its gods job )
    Es findet ein Streben zum Guten um des Strebens willen statt … ( this is „my“ job )

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  3. Eno Silla schreibt:

    nichts zu schreiben
    außer dies
    nichts wissend
    außer dies
    offenbares hiersein
    leere und fülle
    der ganze lärm
    und wohltuende stille
    unendlicher wandel
    kein konzept von dauer
    keine vorstellung steht fest
    das ist es
    schon wieder vorbei
    staunen über all dies
    mittendrin und doch nicht
    unberührtes
    berührt
    sein

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