Jean Klein: Bewusstsein allein ist Sein, erlebtes Erkennen.


Symbol
Bewusstsein ist unser wahres Wesen. Wir können aller Empfindung und aller Gedanken ledig sein, nicht aber des Bewusstseins. Es kann nicht wie ein Objekt erlangt werden, denn es ist gegenwärtiges Erleben in Abwesenheit eines jeden Objektes. Es scheint mit dem Auftauchen eines Objektes zu verlöschen, jedoch immer wieder wird es für Sie dauerhafte Gegenwart, selbst während der Abwesenheit von Objekten.

Aus pädagogischer Sicht sollten jegliche Empfindungen und alles Denken wie etwas Objektives betrachtet werden, das einem ständigen Wechsel unterworfen ist, einem Erscheinen und Verschwinden. Das Bewusstsein, das eines Wechsels gewahr ist, steht innerhalb dieser Strömungen, und die Objekte, die eines Wesens mit ihm sind, entsteigen ihm. Ansonsten wäre es zum Beispiel unmöglich zu sagen: Ich war deprimiert, ich habe Angst etc. Nur ohne ein Durchschauen scheint das Bewusstsein ebenfalls dem Wechsel unterworfen zu sein, man entnimmt dies seiner eigenen Verbindung mit den Objekten. Das Bewusstsein als der ständige Wechsel kann niemals zum Objekt eines anderen Kenners werden; es ist die Kenntnis selbst. Es allein ist Sein, erlebtes Erkennen. ..

Wenn man Sie fragt: Sind Sie ein bewusstes Wesen? so antworten Sie, ohne zu zögern, mit Ja, ohne dass Sie sich dabei auf etwas Objektives beziehen. Der Mensch, der sich als den Denkenden, den Handelnden, als denjenigen, der leidet, als persönliches Ich, betrachtet, ist an die Objekte gehaftet und unterliegt deren Wechsel. Er versucht verzweifelt, durch die verschiedensten Mittel hieraus zu entkommen, ohne dass er sich gewahr ist, dass er reines Bewusstsein ist. Der auf das Objektive gelegte Schwerpunkt verlagert sich. Die Objekte sind nichts anderes als die Offenbarung des Bewusstseins.

aus: Jean Klein, „Freude im Sein“

„Das Bewusstsein, das eines Wechsels gewahr ist, steht innerhalb dieser Strömungen, und die Objekte, die eines Wesens mit ihm sind, entsteigen ihm.“ Symbolhaft wird das gerne als Kreuz dargestellt: Die Vertikale steht für Bewusstsein, die Horizontale für die ihm entsteigenden Objekte. Im I Ging findet sich die geteilte Linie für das, was Anfang und Ende hat und damit für den ständigen Wechsel steht, und die ungeteilte Linie für das, das keinen Anfang und kein Ende kennt. Das Ganze ist wie ein Tanz des Bewusstseins. Ein Objekt erscheint, ein Bezug zu diesem Objekt wird hergestellt – ich nehme dich wahr: Die Zweiheit von angeblichem Subjekt und angeblichem Objekt. Das Subjekt wird in Frage gestellt durch die Frage, wem das erscheint. Das scheinbare Subjekt wird als ein weiteres Objekt erkannt, das sich nicht von dem betrachteten Objekt unterscheidet, während gleichzeitig ein Bewusstsein für das Gewahrsein auftaucht, für das also, das sich der beiden Objekte bewusst ist. Die konzeptuelle Trennung verschwindet möglicherweise, Objekte und Gewahrsein sind im Erleben nicht mehr zwei.

KreuzJean Klein sagt u.a.: „Der Mensch, der sich als den Denkenden, den Handelnden, als denjenigen, der leidet, als persönliches Ich, betrachtet, ist an die Objekte gehaftet und unterliegt deren Wechsel.“ Der Mensch, der sich als was auch immer betrachtet ist nur eine Möglichkeit im Spiel des Bewusstseins. Bewusstsein kann sich mit jedem seiner Manifestationen identifizierten. Ein Beispiel hierfür ist der Künstler und „sein“ Werk. Nehmen wir einen Goldschmied der einen einzigartigen Ring geschaffen hat. Dieser Ring ist wie ein Stück von ihm. Kritisiere den Ring und der Künstler wird sich kritisiert fühlen. Lobe das Werk und der Künstler wird voller Stolz auf sein Werk sein. Mütter und Väter möchten stolz auf ihre Kinder sein, der Börsenspekulant auf einen besonders gelungenen Coup. Es gibt nichts, womit sich Bewusstsein nicht identifizieren könnte. Und das ist, was so gern dabei vergessen wird: Nicht der Künstler, nicht die Mutter oder der Vater, nicht der Börsenspekulant identifizieren sich, es ist immer das Bewusstsein. Wenn das gesehen wird, verliert die ganze Geschichte ihre Dramatik. Nicht ich bin mal wieder so blöd, gekränkt zu sein oder stolz oder was auch immer, es ist nur ein Spiel des Bewusstseins. Bewusstsein spielt Identifikation, wie ein Schauspieler, der auf der Bühne ständig seine Rollen wechselt. „All the world’s a stage, and all the men and women merely players.“ Spieler? Spielfiguren. Puppets, würde Tony Parson wohl sagen.

 

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3 Antworten zu Jean Klein: Bewusstsein allein ist Sein, erlebtes Erkennen.

  1. Nitya schreibt:

    Müsst ihr gucken: Bacon Brock im „Gespräch“ mit Tina Mendelsohn in Kulturzeit:

    http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=43382

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