Chuck Hillig: was ist und was sein sollte


nrJedwedes Richten von anderen erschafft automatisch eine Hierarchie, innerhalb derer sich das persönliche „du“ seinen Platz erkämpfen will. Unterscheidung hingegen besteht einfach darin, die augenscheinlichen Unterschiede zwischen den Dingen wahrzunehmen, ohne etwas zu deinen Beobachtungen hinzuzufügen. Letztlich muss jedenfalls absolut alles von dir mit offenem Herzen und ohne Widerstand willkommen geheißen werden.

Himmel und Erde werden nur durch die Unterschiede geteilt, die du zwischen dem siehst, „was ist“, und dem, von dem du sagst, dass es da statt dessen sein „sollte“… ganz egal, wie gering die Unterschiede auch sein mögen.

aus: Chuck Hillig, „Samen für die Seele“

Gestern habe ich mir ja dieses klasse Video mit Rüdiger Lenz angeguckt, das Eno vorgestern dankenswerter Weise hier reingestellt hat. Und damit es nicht in den Kommentaren untergeht, stell ich es vorsichtshalber hier nochmal rein:

Hier kommt ihr auf seine Seite und als Zugabe noch ein Video von ihm:
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Buddha soll gesagt haben: „Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“ Ganz in diesem Sinn sagt Rüdiger Lenz: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg.“ Wer das nicht begreift, dem ist eigentlich kaum noch zu helfen.

Chuck Hillig sagt: „Himmel und Erde werden nur durch die Unterschiede geteilt, die du zwischen dem siehst, „was ist“, und dem, von dem du sagst, dass es da statt dessen sein „sollte“… ganz egal, wie gering die Unterschiede auch sein mögen.“ Na ja, deswegen, dass du die Unterschiede siehst, wirst du schwerlich aus dem Himmel katapultiert werden. Ganz im Gegenteil, ich halte es für ausgesprochen segensreich, diesen Unterschied zu sehen, bedeutet es doch das Ende der Verwechslung: Das, was angeblich sein sollte, ist nicht das, was ist. Und der Versuch, das, was sein sollte, in das zu verwandeln, was ist, bedeutet – Konflikt, bedeutet die SOLL-IST-Spannung.

Was ich da in meinem jugendlichen Leichtsinn behaupte, verdient es, überprüft zu werden. Wenn Rüdiger Lenz sagt „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg.“, dann meint er genau das, was ich meine. Ein Weg zum Frieden bedeutet immer, den Frieden in die Zukunft auf den St. Nimmerleinstag zu verlegen. „Weg“ bedeutet immer Zeit, bedeutet Denken und Planen. Nehmen wir eine Situation an … jemand nennt mich ein altes Arschloch. Nehmen wir weiter an, dass ich nicht darüber lachen kann, sondern dass ich sofort die berühmte Hasskappe auf dem Kopf habe und den anderen irgendwie bestrafen will für sein Verbrechen. Nehmen wir weiter an, dass die Götter mir gerade gnädig sind und es mich merken lassen, was da gerade in mir abgeht. Und vielleicht passiert sogar dieses „STOP!“ Ich agiere meinen Hass nicht aus, sondern bleibe einfach ganz bewusst bei dieser überschießenden Energie. Nichts ist passiert. Ein anderer hat sich gerade über mich geärgert und mein Ego mag nicht „klein gemacht werden“. Die Sonne scheint immer noch und die Vögel zwitschern, als ginge sie das ganze Drama gar nichts an. Warum denn auch? Das ganze Drama spielt sich eh nur in meiner Vorstellung ab. „Aha,“ kann ich denken, „so funktioniert also diese Mindmachine, für die ich mich halte.“ Darf sie so funktionieren? Blöde Frage. Sie funktioniert so. Also „darf“ sie so funktionieren.

Das ist Frieden jetzt.

Wenn ich den Eichhörnchen vor meinem Fenster zuschaue, wie sie geradezu tollkühn auf die dünnsten Zweiglein springen, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern oder gar erst mal abzuwägen, zu prüfen und zu planen, dann sehe ich, dass alles ganz wunderbar ohne die menschlichen Errungenschaften funktioniert, auf die wir uns so viel einbilden. Sie erzeugen keinen Konflikt. Ich muss gerade wieder an die Situation denken, in der ich beinahe zwischen zwei Lastern zerquetscht worden wäre und wo ich genau wie ein Eichhörnchen einfach blitzschnell „gesprungen“ bin, in einen winzigen Feldweg, der gerade im letzten Augenblick vor mir auftauchte. Nicht ich sprang. Es sprang. Das ist Frieden jetzt. Wie sagt man: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.“ Genau so geschieht es. In einem Moment. Es geht um’s Erkennen – und das ist immer jetzt. Und der Rest geschieht wie von selbst.

„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“ Wer den Weg zum Glück beschreitet, hat sich schon für die Hölle entschieden. Kennt ihr ja alle, dieses Himmel-Hölle-Spiel. Bei dem weiß man allerdings nie, was man gerade gewählt hat. Es gibt aber auch die Möglichkeit, ganz bewusst den Himmel zu wählen: Glücklichsein ist der Weg.

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5 Antworten zu Chuck Hillig: was ist und was sein sollte

  1. Marianne schreibt:

    Und wie geht „Glücklichsein“ angesichts autoritärer und totalitärer Machtstrukturen? Wie geht „Frieden“?
    Lasse ich mich durch sie demütigen – verschließe ich mich in Resignation ob meiner Hilflosigkeit?

    Als Kinder haben wir das Himmel und Hölle-Spiel selbst gebastelt. Wenn wir unsere Mitspieler ein bisschen auf den Arm nehmen wollten, dann gab es dort nur „Himmel“ oder nur „Hölle“.

    Watzlawick beschreibt in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“, wie depressive Menschen sich ihre eigene Dauer-Hölle „basteln“. Funktioniert das mit dem „Glücklichsein“ genauso?

    Die „Strukturen des Bösen“ kennen wir. Gibt es auch „Strukturen des Guten“?

    Der Biologe und radikale Konstruktivist Maturana vertrat die These, dass es in den Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen ein ordnendes Prinzip des Guten gibt und nannte es „Liebe“.
    🙂
    Marianne

    (Habe ich gerade in diesem Buch gelesen: http://www.amazon.de/Welten-ohne-Grund-Buddhismus-Konstruktion/dp/3849700364/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1398591349&sr=1-1&keywords=welten+ohne+grund )

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    • Nitya schreibt:

      Gleich, wie du dich erlebst, als erstes braucht
      es „deine“ Anwesenheit, damit du als Person darin auftauchen kannst.
      Diese nackte Anwesenheit verändert sich nicht, sie ist immer das, was sie
      ist. Darin kann Freude, Schmerz, Trauer, Frieden oder Bliss auftauchen.
      Deine unveränderliche Natur ist unbedingt, ist vor Annahme und Ab-
      lehnung, vor Frieden und Unfrieden, sie ist das, was Frieden ist.
      Du bist vor Anwesenheit und Abwesenheit
      das, was du bist.
      Alles, was auftaucht,
      ist Beweis deiner Existenz.
      Wenn du das erfassen kannst, kennst du dich als das, was du bist; das,
      was unbedingte Freiheit ist.

      Ronny
      http://rameshwara.wordpress.com/2014/04/27/weis-nicht-geist/

      Und wie geht “Glücklichsein” …

      Gar nicht.

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      • Eno Silla schreibt:

        Die Zen-Wahrheit des Tages meint heute dazu:

        Die allerhöchste Erleuchtung bedeutet,
        mit einem Mal und unmittelbar
        den ursprünglichen Geist zu erkennen,
        zu erkennen, dass das eigene
        Wesen ursprünglich ohne Geburt und Tod ist,
        und es bedeutet, immer
        und überall mit jedem Gedanken zu erkennen,
        dass die zehntausend
        Dinge nicht still stehen.


        Hung-jen

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      • Marianne schreibt:

        Jedes Erkennen ist Tun und jedes Tun ist Erkennen.

        Maturana & Varela

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      • Brigitte schreibt:

        Weil die Welt genauso sein darf, in all dem Chaos
        in dem sie sich befindet, für einen Moment, dann ist
        da Deckung. Auch mit dem Chaos kann Veränderung
        geschehen, weil sie nicht muss. HO

        „Grundlos jetzt und hier in der Schärfe des Momentes entspannen“

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