Yongjia: Die Nicht-Form ist weder leer noch nicht-leer.

Zen-Kreis

Suche nicht nach der »Wahrheit«,
Kämpfe nicht gegen »Verblendung«,
Erkenne diese beiden Seiten
Als leer und ohne Form,
Doch diese Nicht-Form ist weder leer
Noch ist sie nicht-leer –
Sie ist vielmehr die wahre Form
Des Zur-Soheit-Gegangenen.

aus: Yongjia Xuanjue, „Zhengdaoge“

Ich merke schon, es scheint mir Spaß zu machen, immer wieder mein Lieblingssteckenpferd zu satteln und zu reiten. Was Yongjia hier schreibt, ist nicht die Wahrheit, es sind nur schwarze Buchstaben auf einem weißen Hintergrund. Aber sie stehen – vielleicht – für die Wahrheit. Die ist allerdings letztlich nur in dir, besser jenseits davon, zu finden. Wer die Buchstaben für die Wahrheit nimmt, befindet sich ganz sicher im Reich der Illusionen. „Suche nicht nach der »Wahrheit«, kämpfe nicht gegen »Verblendung«, erkenne diese beiden Seiten als leer und ohne Form.“ sagt Yongjia und zerstört damit alle Vorstellungen über den richtigen oder den falschen Weg zur Befreiung. Diese Zerstörungsarbeit ist von eminenter Bedeutung. Jeder Glaube an was auch immer muss erst zerstört sein, damit die notwendige Offenheit für das, was ist, möglich ist.

Gestern war ich ja mal wieder mit Bismarck zugange, und da kam mir diese Erkenntnis von ihm vors Visier: „Es gibt kaum ein Wort heutzutage, mit dem mehr Mißbrauch getrieben wird als mit dem Wort ‚frei‘. Ich traue dem Wort nicht, aus dem Grunde, weil keiner die Freiheit für alle will: jeder will sie für sich.“ Vermutlich keine Freundin von Bismarck kam Rosa Luxemburg offensichtlich zu derselben Erkenntnis, wenn sie formuliert: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Beide wirken damit zerstörerisch auf die Vorstellungen derjenigen ein, die sich einbilden Freiheitskämpfer zu sein und damit doch immer nur die eigene Freiheit im Auge haben. In diesem Sinn zerstörerisch gemeint ist auch der Satz: „Triffst du Buddha unterwegs, töte Buddha!“

Xongjia fährt fort: „Doch diese Nicht-Form ist weder leer noch ist sie nicht-leer – sie ist vielmehr die wahre Form des Zur-Soheit-Gegangenen.“ Wie könnte diese Nicht-Form auch anders beschrieben werden als so, dass alle „Dinge“ negiert werden? Zu sagen, dass die Nicht-Form leer ist, wäre genauso falsch, wie zu sagen, dass sie voll ist. „Neti neti“ – „weder noch“ ist die einzige Möglichkeit einer Annäherung an die Wahrheit. Diese Wahrheit ist zugleich „die wahre Form des Zur-Soheit-Gegangenen.“ sagt Xongjia und weist damit auf etwas hin, was bei Matthäus 5,44-45 auf sehr dualistische Weise so ausgedrückt wird: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.’Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

„Der Zur-Soheit-Gegangene“ ist dualistisch nicht zu verstehen. Gemeint ist damit ganz sicher nicht eine Person. Gleichzeitig aber ist diese Nicht-Person immer auch eine Person, also ein Mensch, wie uns Fredo gestern dankenswerter mit seinem Balsekar-Zitat in Erinnerung bringen wollte: „Glaubst du etwa, ich bin ein Gemüse?“ Nein, Balsekar war kein Gemüse und ich bin es auch nicht und hoffentlich auch niemand von euch. Und so ist es durchaus möglich, dass der Zur-Soheit-Gegangene es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte – einschließlich der Person, zu der „Ich“ gesagt wird.
 

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Eine Antwort zu Yongjia: Die Nicht-Form ist weder leer noch nicht-leer.

  1. MaulBaer schreibt:

    In meiner Vorstellung gibt´s keinen „freien Willen“, sondern „nur“ den freyen, freyenden, gefreyten Willen, bei Interesse zum besseren Verständnis siehe unter dem Begriff „Freya“ nach und lese in:
    „Die Stimme des Herzens“ von Safi Nidiaye
    http://www.amazon.de/Die-Stimme-Herzens-gr%C3%B6%C3%9Ften-Geheimnisse/dp/3404701534/ref=cm_cr_pr_pb_i

    Gefällt mir

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