Nur Tränen und Schweigen und keine Antwort



Osho

Bodhidharma: „Ich will nur eine Frage stellen, ‚Was ist die Essenz meiner Lehre?‘ Wer mir die richtige Antwort gibt, wird mein Nachfolger.“

Es entstand eine große Stille, eine erwartungsvolle Spannung. Alle sahen auf den ersten Schüler, den gebildetsten, den gelehrtesten. Der erste Schüler sagte: Über den Verstand hinauszugehen – darauf läuft deine ganze Lehre hinaus.“ Bodhidharma antwortete: „Du hast meine Haut, aber nicht mehr.“

Er wandte sich an den zweiten Schüler, und der sagte: „Es ist niemand da, der über den Verstand hinausgehen könnte. Da ist nur Stille. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, was es zu transzendieren gilt, und dem, der es transzendiert. Das ist die Essenz deiner Lehre.“ Bodhidharma antwortete: „Du hast meine Knochen.“

Und er wandte sich an den dritten Schüler, der sagte: „Die Essenz deiner Lehre kann nicht in Worte gefasst werden.“ Bodhidharma lachte und antwortete: „Aber du hast sie in Worte gefasst. Du hast etwas darüber gesagt. Du hast mein Mark.“

Und er wandte sich zum vierten Schüler, der nur Tränen und Schweigen hatte und keine Antwort. Er fiel Bodhidharma zu Füßen … und er wurde sein Nachfolger, obwohl er nichts geantwortet hatte. Aber er hatte geantwortet, ohne zu antworten, ohne Worte zu gebrauchen, ohne Sprache zu gebrauchen. Seine Tränen zeigten viel mehr, als jede Sprache enthalten kann. Und sein Dank, seine überfließende Verehrung und Dankbarkeit seinem Meister gegenüber … wie kann man mehr sagen?

Osho

Keine Ahnung, ob sich die Geschichte so zugetragen hat, wie sie von Osho erzählt wurde. Wie jeder gute Erzähler passte Osho seine Geschichten immer ganz dem gegenwärtigen Augenblick an. Ich könnte mir vorstellen, dass es sich bei der Darstellung der Antworten der vier Schüler auch um vier Entwicklungsschritte im menschlichen Verständnis für das Dao hätte handeln können – das Dao, das nicht beschrieben werden kann.

Es ist schon ein Elend mit so einem Blog. Worte, Worte, nichts als Worte. In dem Moment, in dem Worte versuchen, das Unsagbare zu sagen, haben sie schon das Unzerstörbare zerstört. Als Buddha sein Blümchen hochhielt, hat ihn außer Mahakashyapa niemand verstanden. Und doch gab es einen Mittler zwischen den beiden: Das Blümchen. In diesem Sinn können auch Worte Mittler sein oder Bilder oder eine Melodie oder ein Lächeln oder ein Eichhörnchen … eigentlich kann alles Mittler sein für den, der Ohren hat zu hören oder Augen zu sehen. Was mögen das nur für Ohren sein oder für Augen? Muss man ein absolutes Gehör haben oder ein Kunststudium absolviert haben? Mit Sicherheit nicht. Völlige Offenheit genügt. Ohne Wissen, ohne vorgefasste Meinung sich dem gegenwärtigen Augenblick auszuliefern ist genug. Was habe ich immer gelitten, wenn ich mal wieder Zeuge wurde, wie irgend so ein Klugscheißer meinte, er könne ein Kunstwerk analysieren, definieren. „Was wollte uns der Künstler mit seinem Werk sagen?“ Sie wussten es immer ganz genau, und mir drehte sich der Magen um.

Ich muss gerade wieder an eine Ausstellung tibetischer Kunst denken. Welche Fülle gestalteter Form, welche Farbenpracht! Aber dann sah ich IHN. Ein goldener sitzender nackter Mann auf einem Hocker. Es hat mich richtig umgehauen. Ich ließ alles andere stehen und liegen und setzte mich vor diesen Buddha. Er sah zwar so gar nicht aus, wie man sonst einen Buddha darstellt, aber für mich war es …. Mir wurde ganz flau in der Magengegend, ich schnappte förmlich nach Luft. Puuhhh… Stundenlang saß ich vor dieser kleinen Figur und war vollkommen darin verschwunden. Gott war ich froh, dass da niemand war, der mir erklären wollte, was der Künstler mit dieser Figur aussagen wollte!
Buddha

 

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Eine Antwort zu Nur Tränen und Schweigen und keine Antwort

  1. fredo schreibt:

    es ist 25 jahre her …. eine gemeinsame reise nach ägypten mit meiner damaligen frau … es war der „beginn“ meiner tochter … aber auch das beginnende ende der ehe …
    und ein konfrontation mit einer kultur der monumentalität …. karnak … tat der könige … grab des tutanchamun … palast des ramses … hadjepsut … und und und …
    und dann zum ende der reise … die pyramiden von gizeh …. und dann das ägyptische museum in kairo … ( ich empfehle jedem diese reihenfolge )
    ein gebäude auch wieder voller monumentalität … allein zwei etagen nur der grabinhalt des tutanchamun … geborgen aus einem winziges zwei-raum-grab im vergleich zu den anderen pharaonen im tal der könige … von einem jugendlichen pharao der schnell erstarb , schnell beerdigt wurde , und schnell vergessen war …
    und doch ….. zwei ganze etagen voll in einem monumentalen museumsgebäude der britischen kolonialzeit … ( wie gigantisch müssen da die anderen gräber ausgestattet worden sein , die teilweise hunderte von metern in den kalksteinfels hineingegraben wurden )
    ich war allein zwei tage nur in diesem museum unterwegs , und interessierte mich dabei besonders als schmuckdesigner für die teilweise noch heute unerklärlichen fertigungstechniken der prachtvollen ritualschmuckstücke ….
    dann …
    bei einem eher der entspannung dienenden rundgang durchs gebäude … eher beiläufig …. in einem seitenraum …. anfangs völlig unscheinbar ….. eine eher kleine figur …. vielleicht 60 bis 80 cm ….. im vergleich zum den granitmonstrositäten der pharaonen , ein unikum ….
    ein schreiber … die figur selbst von einer schlichten perfektion , so vollendet , dass sie geradezu 3-d-fotografisch real wirkte … quasi „lebendig“ … und dieser schreiber hatte „allsehende“ augen ( aus einer noch heute nicht ganz erklärten komposition verschiedener quarzschichten gefertigt ) …
    augen , die dich , egal wo du im raum standest , immer anschauten …. aber nicht fokussierend überwachend … gar kontrollierend … sondern irgendwie …. hmmm … wohlwollend … wahr-nehmend … damit dich als „wahrheit“ nehmend …
    das ganz eigentümliche faszinosum dieser kleinen figur in einer umgebung der moumentalitäten wirkte nicht nur auf mich so „be-ein-druckend“ sondern , zu meinem erstaunen konnte ich später feststellen , dass sie auch von anderen freunden und bekannten , die dort irgendwann vor ort in diesem museum waren , als be-merkens-wert gesehen wurde …
    für mich gehört diese figur zu den beeindruckensten kunstwerken , die ich je sehen durfte …

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