Ryokan: Meine Gedichte sind keine Gedichte.


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Wer nennt meine Gedichte Gedichte?
Meine Gedichte sind keine Gedichte.
Nur wenn du weißt, dass meine Gedichte keine Gedichte sind,
können wir zusammen über Gedichte sprechen.

aus: Ryokan in „Hoher Himmel – Großer Wind“ von Tanahshi/Boissevain

 Die erste Hausaufgabe, die uns Heinz Butz mit auf den Weg gab, lautete: „Blick aus dem Fenster“. Ich verbrachte den Nachmittag bei meiner Freundin und als ich aus dem Fenster sah, blickte ich auf die Seitenwand des ziemlich heruntergekommenen, großen, fensterlosen Nachbarshauses. „Au Backe“, dachte ich, „das wird ja was werden!“ Aber ich machte mich alsbald ans Werk, probierte gleich einmal aus, wie man eine Eitempera herstellen und damit malen kann, und versuchte mein Glück mit diesem ollen Gemäuer. Sah ziemlich abstrakt aus, als es fertig war. Am nächsten Tag guckte ich mir an, was die anderen mitgebracht hatten und dachte schon wieder „Au Backe!“ Das waren zum Teil die reinsten Kunstwerke mit schmissigem Architektenstrich und allem Pipapo, die ich da zu sehen bekam. Einige hatten bereits ein Passepartout angebracht, was ihr Werk noch besser zur Geltung bringen sollte. Ich kam mir vielleicht doof vor mit meinem Gekleckse. Ich saß also da wie ein armes Sünderlein und erwartete das vernichtende Urteil von Heinz Butz. Zur allgemeinen Überraschung fiel sein Urteil völlig anders aus, als wir erwartet hatten. „Wir machen hier keine Kunst.“ sagte er und lobte, oh Wunder, meine „ehrliche Arbeit“. Andere, die offenkundigen Könner, und vor allem die mit Passepartout, kriegten richtig ihr Fett weg. „Wir arbeiten hier für den Papierkorb und nicht für den eigenen Ruhm und die nächste Ausstellung.“ In diesem Punkt war Heinz Butz, der ansonsten die Sanftheit und Liebenswürdigkeit in Person war, absolut gnadenlos. Was immer wir machten, es musste authentisch sein. Aus diesem Grund war natürlich der Gebrauch eines Radiergummis beim Zeichnen strikt verboten. Jeder Strich, der einmal gezogen wurde, durfte nicht mehr korrigiert werden. Das war eine echte Herausforderung beim Aktzeichnen. Da war er ganz bei den chinesischen und japanischen Malern. Diese Zeichnung von Hakuin hätte ihm sicher gefallen. Jeder Strich vollkommen authentisch.

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Aber das kann ja jeder, wird vielleicht mancher denken. Na und?

„Meine Gedichte sind keine Gedichte.“ sagt Ryokan und meint damit genau dasselbe. Auch Ryokan macht keine „Kunst“. Er drechselt nicht irgendwelche schönen Worte, um den ersten Preis im Dichterwettbewerb zu gewinnen. Seine Worte strömen einfach ungefiltert aus ihm heraus. Mit Gedichtkunst hat das absolut nichts zu tun. Die machen dann irgendwelche angeblichen Kunstkenner daraus und später die Kunstkäufer und –verkäufer. Was ist denn Kunst? Nur ein Wort. Nur eine Vorstellung. „Kunscht mir mal zwei Mark leihen?“ haben die Kunstbanausen gelästert und ich bin als bekennender Banause da ganz bei ihnen. Ohne diese Begrifflichkeiten, ohne diesen innewohnenden elitären Anspruch, gäbe es niemanden mehr, der nicht malen könnte oder dichten oder singen oder oder oder … Was für eine Befreiung!

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Eine Antwort zu Ryokan: Meine Gedichte sind keine Gedichte.

  1. Nitya schreibt:

    Fischadler 1

    Fischadler 2

    Fischadler Horst 1 und 2 sind wieder da.

    Gefällt mir

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