Yongjia: … und springst dafür ins Feuer


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Wer nur bis zur offenen Leere gelangt
Und Ursache und Wirkung (das Karma) leugnet,
Ist allzu leichtfertig, allzu liederlich,
Und lädt damit nichts als Unheil ein,
Das Sein zu negieren und sich an die Leere zu halten,
Auch das ist eine schwere Krankheit;
So magst du dem Ertrinken entgehen
Und springst dafür ins Feuer.

aus: Yongjia Xuanjue, „Zhengdaoge“

„Es ist hier.“ Es ist immer hier. Na klar, wie auch nicht? Dieses „hier“ ist so selbstverständlich, dass es eigentlich müßig ist darauf hinzuweisen. Und doch – ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen immer wieder mit ihrem Finger auf den Mond zeigten. Gleichzeitig wird da irgendwie ein falsches Bild erzeugt: „Ich bin hier und dort ist der Mond. Schau doch, da oben ist er doch! Starr nicht auf meinen Finger, schau auf den Mond dort!“

HIERDer Mond ist nicht dort, der Mond ist hier. Er ist immer hier.

Yongjia scheint auch das irgendwie genervt zu haben: Ja, ja, ist ja schon gut, ja, es ist hier. Du musst nicht den Rest deines Lebens immer wieder sagen: Es ist hier. Es ist hier. Das ist nur die halbe Miete.

Osho wurde vorgeworfen, dass er jeden Tag was anderes erzählen würde, möglicherweise das Gegenteil von dem, was er am Vortag gesagt hatte. Man könne nur verrückt werden mit ihm. Aber was soll man denn machen, wenn es um die Wahrheit geht, die keinen Platz hat? Da brauche ich bloß an unser heiß geliebtes Tetralemma denken. Wer das nicht aushält, der kriegt echt Probleme mit Leuten wie Osho oder Jesus mit seinem „in der Welt und nicht von der Welt“ oder mit Buddhas Blümchen oder dem Rest dieser verrückten Heinis: „Es ist nicht ‚von der Welt’und nur ’nicht von der Welt‘. UND: Es ist ‚in der Welt‘ und nur ‚in der Welt‘. UND: Es ist sowohl ’nicht von der Welt‘ wie es ‚in der Welt‘ ist. UND: Es ist weder ’nicht von der Welt‘ noch ist es ‚in der Welt‘.“

Yongjia wendet sich in diesem Vers aus dem Zhengdaoge an die Fraktion, die nicht müde wird, die Nicht-Existenz der Welt zu beschwören und auf das Illusionäre der Welt-Erscheinung hinzuweisen: „Die Welt ist nur ein Traum. Erwache – und die Welt ist verschwunden.“ Ich hab’s ausprobiert. Ich bin erwacht, hab mir die Äuglein gerieben und – die Welt war immer noch da. Ergo: Ich bin gar nicht erwacht. Ich hab nur geträumt, dass ich erwacht bin, und ich träume immer noch. Mein Gott, was bin ich doch für ein Versager! Ich krieg’s einfach nicht hin mit dieser Erwacherei!

Ramana Maharshi schrieb dazu in seinen Vierzig Versen über Das, was ist:

Was soll das Streiten, ob die Welt nur Schein,
Ob Wirklichkeit? Ob ihr Bewusstsein eigen,
Ob nicht – und ob sie Freude oder Leid bedeute?
Gilt doch für alle gleich das Glück:
Die Welt zu lassen, um das Selbst zu finden,
Und ohne <ich> und ohne alles Streiten
In jenem höchsten Stande <Selbst> zu sein.

 Yongjia sagt: „Das Sein zu negieren und sich an die Leere zu halten, auch das ist eine schwere Krankheit; so magst du dem Ertrinken entgehen und springst dafür ins Feuer.“ Also, Traum hin oder her: Wenn du Zahnschmerzen hast, geh um Gottes willen zum Zahnarzt und rede dir nicht ein, dass deine Zahnschmerzen nur eine Illusion seien.

 

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13 Antworten zu Yongjia: … und springst dafür ins Feuer

  1. Eno Silla schreibt:

    Da hilft kein Zetern und kein Schreien!
    Dem was ist – hier – ist einfach nicht zu entkommen.
    Und es hilft doch manchmal, so scheint es!
    Und es hilft und hilft nicht!
    Und weder hilft es noch hilft es nicht!
    Puh, Leute, das kann einen Eno ganz schön zermürben.
    Nichts zum Festhalten, kein Haltegriff zu finden.
    Immer wieder versucht ers zu packen.
    Und doch zerrinnt alles vermeintlich Erkannte sofort wieder.
    Immer wieder neu und frisch erscheinen die Strategien.
    Wenn sie einen Tag funktionieren, bin ich schon froh.
    Aber heute gehe ich dann doch zum Arzt.
    Jedenfalls habe ich einen Termin.
    Vielleicht hilft es ja, zumindest dem schmerzenden Rücken.
    Was also tun?
    Ich weiß es nicht, aber irgendwie gehts immer weiter – dieses HIER…
    Darüber hinaus: keine Ahnung!

    Die Zen-Weisheit des Tages meint:

    Ihr, die ihr den Weg sucht, ich bitte euch, verliert nicht den
    gegenwärtigen Moment.
    Sekito Kisen

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    • Nitya schreibt:

      Guck ma, Eno, der Uhu hat’s erfasst.
      http://webcam.pixtura.de/SWR_UHU/index.php
      Er hat übrigens mindestens ein Küken.

      Übrigens, mir hat mal eine Rückenschullehrerin gesagt, ich solle mich „aushängen“. Wir müssen den Rücken den ganzen Tag über in eine aufrechte Haltung zwingen. Wir hätten nicht zu wenig Rückenmuskulatur sondern zu viel und die in ständigher Anspannung. Also einfach nach vorne beugen und ganz locker den Oberkörper baumeln lasse. Immer wieder mal zwischendurch. Hat sie gesagt.

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    • Nitya schreibt:

      Ah ja, da gibt’s auch noch viel zu staunen:
      http://www.worldofanimals.de/webcam_greifvoegel.htm

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        danke für den Uhu (so ein schöner Vogel, gibt seltsame Laute von sich, hat der Arme Schnupfen?) und die anderen Webcams, ne Menge zum Stöbern…
        Und danke auch für die Gesundheitstipps. Werde das Aushängen mal versuchen, wenn die Schmerzen es zulassen.
        Der Arzt hat eine Lumboischialgie, Piriformis Syndrom diagnostiziert und mir Krankengymnastik verschrieben, die ich bei einer Freundin einlösen werde. Schlepp mich jetzt 4 Wochen mit dem Kram rum… Solange braucht es manchmal, bis es reicht!😉
        Herzliche Grüsse
        Eno

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  2. fredo schreibt:

    ein schlüssel für mich … in diesem kontext > neugier ( ! )…
    ( neugier aufs fortlaufend erscheinende leben ) .
    auch wenn der neugierige als erscheinung ( illusion ) erkannt wurde ,
    verbleibt die „wirklichkeit“ der neugier .

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    • fredo schreibt:

      Ich mag im semantischen die englische version für neugier sehr > curiosity .
      während im deutschen semantisch eine „gier“ aufs neue also haben wollen formuliert wird , formuliert das englische die kuriosität jedes (neuen) augenblickes , und meint eher ein staunen.

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      • Roswitha schreibt:

        Wer nur bis zur offenen Leere gelangt
        Und Ursache und Wirkung (das Karma) leugnet,
        Ist allzu leichtfertig, allzu liederlich,
        Und lädt damit nichts als Unheil ein,
        Das Sein zu negieren und sich an die Leere zu halten,
        Auch das ist eine schwere Krankheit;
        So magst du dem Ertrinken entgehen
        Und springst dafür ins Feuer.

        Witzig, am Samstag auf einer Hochzeitsfeier, kam die Diskussion auf: „Gibt es Ursache und Wirkung“?

        Während ich der Meinung war, auf der dualen/personalen Ebene gibt es so etwas wie Ursache und Wirkung bzw. Konsequenzen, gab es andere Meinungen, die Ursache und Wirkung grundlegend ablehnten.

        Vielleicht werden da gerne die Ebenen verwechselt?

        Natürlich, wenn man Ursache und Wirkung bis zum Letzten zurückverfolgt, ist man beim Thema, was war zuerst? Huhn oder Ei. Kein Anfang, kein Ende.
        Auf der personalen Ebene haben bestimmte Verhaltensweisen einfach Konsequenzen, bzw. Ursache und Wirkung.

        Ach ja: “Es ist nicht ‘von der Welt’und nur ‘nicht von der Welt’. UND: Es ist ‘in der Welt’ und nur ‘in der Welt’. UND: Es ist sowohl ‘nicht von der Welt’ wie es ‘in der Welt’ ist. UND: Es ist weder ‘nicht von der Welt’ noch ist es ‘in der Welt’.”

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      • Nitya schreibt:

        „curiosity“ – ja, das ist schön. Dieses kindliche Staunen, wenn da plötzlich Seifenblasen durch den Raum schweben und bald darauf wieder zerplatzen. „Neugier“ hat so was Grämliches, fast schon Krankhaftes.

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  3. Eno Silla schreibt:

    Hier hab ich noch was von Epikur gefunden, so zum Teilen:

    Aus: Epikur. Brief an Menoikeus. Zitiert nach: Epikur. Philosophie der Freude. Eine Auswahl aus seinen Schriften übersetzt, erläutert und eingeleitet von Johannes Mewaldt. Stuttgart 1973, S. 40 – 42.

    Ferner gewöhne Dich an den Gedanken, daß der Tod für uns ein Nichts ist. Beruht doch alles Gute und alles Üble nur auf Empfindung, der Tod aber ist Aufhebung der Empfindung. Darum macht die Erkenntnis, daß der Tod ein Nichts ist, uns das vergängliche Leben erst köstlich. Dieses Wissen hebt natürlich die zeitliche Grenze unseres Daseins nicht auf, aber es nimmt uns das Verlangen, unsterblich zu sein, denn wer eingesehen hat, daß am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Leben nichts schrecken. Sagt aber einer, er fürchte den Tod ja nicht deshalb, weil er Leid bringt, wenn er da ist, sondern weil sein Bevorstehen schon schmerzlich sei, der ist ein Tor; denn es ist doch Unsinn, daß etwas, dessen Vorhandensein uns nicht beunruhigen kann, uns dennoch Leid bereiten soll, weil und solange es nur erwartet wird!

    So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.

    Freilich, die große Masse meidet den Tod als das größte der Übel, sehnt ihn aber andererseits herbei als ein Ausruhen von den Mühsalen des Lebens. Der Weise dagegen lehnt weder das Leben ab, noch fürchtet er sich vor dem Nichtmehrleben, denn ihn widert das Leben nicht an, und er betrachtet das Nichtmehrleben nicht als ein Übel. Und wie er beim Essen nicht unbedingt möglichst viel haben will, sondern mehr Wert auf die gute Zubereitung legt, so ist er auch beim Leben nicht auf dessen Dauer bedacht, sondern auf die Köstlichkeit der Ernte, die es ihm einträgt.

    Wer nun aber verkündet, der junge Mensch müsse ein schönes Leben haben, der alte aber brauche einen schönen Tod, der ist albern, und zwar nicht nur, weil das Leben stets erwünscht ist, sondern auch darum, weil die Übung eines schönen Lebens gleichbedeutend ist mit der Vorübung für ein schönes Sterben. Noch viel minderer aber ist, wer da sagt:

    „Schön ist’s, gar nicht geboren zu sein, . . . Ist man geboren, aufs schnellste des Hades Tor zu durchschreiten.“(1)

    Ist dies nämlich seine wirkliche Überzeugung, warum gibt er dann das Leben nicht auf? Das steht ihm ja frei, wenn er es sich fest vornimmt. Redet er aber nur aus Spott so daher, dann gilt er bei denen, die solches Gerede nicht mögen, erst recht als Narr.

    (1) Homer im „Wettkampf Homers und Hesiods“, S. 37,7f. (Wilamowitz-Möllendorf), ferner Theognis, Elegien V. 425. 427.
    http://www.uni-hildesheim.de/~stegmann/epikur.htm

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  4. Michaela schreibt:

    „Das Sein zu negieren und sich an die Leere zu halten, auch das ist eine schwere Krankheit“

    Wo geht man hin, wenn man unter seiner Scheißangst so leidet, dass man jeden Tag lieber sterben möchte als das weiterhin zu ertragen. Ist das dann eben so? Ich könnte echt Hilfe gebrauchen und bin für jeden Hinweis dankbar. Mein Kind versteht nicht warum ich so vor mich hin heule und ich hab einfach Schiss, dass ich sie einfach verlassen könnte.

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  5. fredo schreibt:

    > michaela
    es lohnt sich , diese angst genau anzuschauen …
    es ist nämlich ganz merkwürdig mit der angst . wenn der mut da ist , sie genau anzuschauen ,
    sie also geschehen , stattfinden zu lassen , und ihr damit endlich ihren platz zu gestatten ,
    ( „hi angst , ich erlaube dir , dich zu zeigen , und zwar in deiner ganzen größe und pracht „)
    dann … ja dann verschwindet die schlimmste angst sofort , nämlich die angst vor der angst !
    die angst taucht dann auf , zeigt ihre heiße natur , darf also ( endlich ) „da“ sein ,
    und kann ( nachdem sie ihren „auftritt“ hatte ) wieder ( in ruhe ) pausieren .

    dann kann deutlich werden , dass angst gar nix unbedingt negatives ist ,
    sie ist letztlich ( auch ) eine form , wie sich die große liebe zum leben zeigt .
    ein kind , das ich besonders liebe , werde ich besonders „angstlich“ behüten …
    also ist angst immer in einem direkten zusammenhang zur liebe . …
    und je stärker diese ( persönliche ) liebe zum leben ist , um so häufiger
    kann sie angstbegleitet sein . deine angst ist also kein zeichen von verzweiflung
    oder gar destruktion , es ist im gegenteil ein zeichen von einer besonders
    intensiven form von liebe zum leben .
    nur weil da der glaube vorhanden ist , dieses leben dann auch unbedingt selbst
    machen / meistern zu müssen , taucht da angst auf .
    ( dies ist auch völlig berechtigt , denn niemand kann leben „machen“ …
    schmeiß dich vertrauensvoll in das , was du bereits so sehr liebst ,
    in den ( mutter)-schoss des lebens und vertraue dich einfach dem leben an .
    dann verliert die angst ganz von allein ihre notwendigkeit .

    wenn dann so ganz langsam , peu a peu , immer mehr erfahren werden kann ,
    dass nicht „du das leben lebst “ , sondern dass das leben „mit dir“ lebt ,
    dann verliert die angst einfach ihre grundlage … sie verpufft …
    und darf sich verabschieden …

    so oder so ähnlich hat sich bei mir der angst-tanz abgespielt ….

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  6. margarete schreibt:

    Angst ist nur ein Label für eine bestimmte Energieform. Wenn du genau hinspüren kannst, wirst du feststellen, dass es pure Energie ist, die ans Licht möchte. Unterdrückte Emotionen machen sich nun Luft. Wie Fredo schon schreibt. Beobachte diese Energie, und versuche das Wort Angst auszublenden. Beobachte genau ob die Energie sich verändert. Wird sie mehr oder weniger? Indem du das beobachtest, bist du im Hier und jetzt, und der Mind wird ruhig. Das wirst du wahrscheinlich öfters machen müssen, aber es sollte helfen. Du kannst dann auch immer wieder bei dieser Beobachtung die Frage stellen:“Wie ist die Haltung? Und es kommt dann immer genau das was du brauchst. z.B. Trauer usw. Und immer weiter diese Energie beobachten. Nicht an den Geschichten festhalten, die sich vielleicht zeigen. Ich wünsche dir von Herzen, dass du damit klar kommst, egal welchen Tip du nun ausprobierst.
    Margarete

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