Peter Pfrommer: Selbst-Bewusstsein bedeutet Einbuße der Unschuld.

KasperJeder hat vermutlich schon selbst die Erfahrung gemacht, dass im unschuldigen Tun wundervolle Dinge entstehen können, zum Beispiel ein Gedicht voll Poesie, der anmutigste Tanz, eine mitreißende Melodie oder ein wunderbarer Vortrag vor hingerissenem Publikum. In zauberhafter Weise verschwindet manchmal für einen kleinen Augenblick die eigene Enge, und es tut sich stattdessen eine Weite auf, die wir in vollen Zügen genießen. Wahrscheinlich besteht danach der Drang, diese Erfahrung zu wiederholen. Doch alles Bemühen, alles Leistenwollen, bringt diese Erfahrung nicht zurück, sondern verhindert zuverlässig, dass sie sich wieder einstellt.

Kleist vergleicht diesen Vorgang in seinem berühmten Aufsatz „Über das Marionettentheater“ mit der Bewusstwerdung des Menschen. Im Bewusstsein seiner selbst verliert der Mensch seine natürliche Grazie, die sich im Tanz der Marionetten so anmutig auszudrücken vermag. Mit der Erkenntnis seiner selbst  als separates Wesen büßt er seine Unschuld ein, die sich nicht gedanklich zurückerobern lässt.

In Eugen Herrigels Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“  geht es um nichts anderes. Nur im Fehlen jeglicher Intention vermag der Schüler sein Ziel exakt zu treffen. Andererseits ist auch der klitzekleinste Wunsch nach Erfolg eine verlässliche Methode die Scheibe zu verfehlen. Daran ändert auch die beste Technik und stundenlanges Üben nichts. Beide Beispiele lassen sich letztlich auf viele alltägliche Situationen übertragen, in denen der Mensch sich mit seinem Ich-Bewusstsein selbst blockiert.

aus: Peter Pfrommer, „Die Entdeckung der Ichlosigkeit“

„Zen in der Kunst des Bogenschießens“ war eines der wenigen Bücher, die uns damals Heinz Butz empfohlen hatte. Besonders imponierend darin war natürlich die Geschichte vom Meister, der im Dunkel tanzend auf eine nur vom winzigen Licht einer Moskitokerze markierten weit entfernten Scheibe schoss und genau ins Schwarze traf und mit dem zweiten Pfeil den ersten exakt in der Mitte spaltete. Peter Pfrommer hat völlig recht: Das lässt sich selbst mit der besten Technik und stundenlanges, na ja, jahrelanges Üben nicht erreichen.

Die zentrale Aussage stammt von Kleist: „Im Bewusstsein seiner selbst verliert der Mensch seine natürliche Grazie, die sich im Tanz der Marionetten so anmutig auszudrücken vermag. Mit der Erkenntnis seiner selbst als separates Wesen büßt er seine Unschuld ein, die sich nicht gedanklich zurückerobern lässt.

Aber natürlich ist das wieder eine völlig paradoxe Angelegenheit: Wer glaubt, er müsse nur auf den Augenblick seiner Unschuld warten, um Meisterwerke zu vollbringen, kann natürlich lange warten. Sein Warten auf den Moment der Unschuld hat ja schon von Anfang an jede Unschuld verunmöglicht. Aber wie geht es dann? Geht es überhaupt?

Stell dir vor, du wolltest ein tief bewegendes Gedicht schreiben. Du kaust an deinem Bleistift und kaust und kaust und nichts will dir einfallen. Nun gibt es ja Leute, die so etwas beruflich betreiben. Nehmen wir mal einen Werbetexter. Na, der kann glatt einpacken, wenn ihm nichts einfällt. Wenn ihm nicht einfällt und der Abgabetermin steht kurz bevor, wird er sich vermutlich irgendwas abquälen, was dann keiner haben will, weil es nur doof ist.

Guckt euch mal folgendes Video an und überlegt, wie der Typ zu diesen Leistungen gekommen ist:

Es liegt auf der Hand, dass so was nicht vom Himmel fällt. Da hilft nur Üben, Üben und nochmals Üben. Aber dann – ohne absolute Unschuld wird sich der Kerl alle Knochen brechen. Im übrigen haben wir hier ein schönes Beispiel vom Zusammenwirken von Kausalität und Nicht-Kausalität, von Machbarem und nicht Machbarem.

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11 Antworten zu Peter Pfrommer: Selbst-Bewusstsein bedeutet Einbuße der Unschuld.

  1. Tom schreibt:

    Hi Nitya,

    ich würde ja gern mal olympische Sportschützen befragen, wie sie üben. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sie die Empfehlung zu üben, ohne treffen zu wollen, für absurd halten….

    Grüße,
    Tom

  2. Eno schreibt:

    Klasse dieser Typ, der da so durch die Gegend hüpft. Was treibt den bloß an? Vielleicht die Freude am Rumhüpfen… Und diese Geschichte vom Zenmeister, der mit einem Pfeil den anderen spaltet… Konnte das nicht schon Winnetou? Ein schönes Kunststückchen. Aber was hat das mit mir zu tun? Mit dem Hiersein, dem Jetztsein? Ich liebe es mit dem Fahrrad durch die Landschaft zu gleiten. Was für ein Wunder das ist und wie erstaunlich, dass ich das kann. Das ist für mich Meditation. Alle Sinne auf Empfang gestellt…
    Manchmal wird geübt, wenn geübt wird. Manchmal wird gewollt, wenn gewollt wird. Manchmal ist es so, dann wieder so. Wenn ich etwas will kann es schwierig werden und doch gelingen, oder nicht… Möglicherweise gibt es keine Regeln zum dran Festhalten. So spüre ich einfach in das hinein was ist und folge dem Geschehen mit allem Auf und Ab und weiß doch auch sofort, dass diese Worte nur andeuten und im Grunde schon zuviel sind. Dies ist meine Art durchs Leben zu hüpfen was könnte ich da sonst auch tun? 😉


    Diese Kröte, die ich gestern im Wald traf, schaut übrigens genauso aus der Wäsche wie ich, bevor ich morgens meine Betriebstemperatur erreicht habe!

    • Brigitte schreibt:

      hi eno, zu mir hat mal einer kleiner junge gesagt: „du läufst ja gar nicht, du hüpfst ja.“ 🙂
      am liebsten schwebe ich durchs leben, federleicht. kommt selten vor, aber der genuss ist dann um so größer. schöne grüße


  3. Roswitha schreibt:

    Ich liebe diesen Film……. 🙂

    Leben ist ein Spiel, das nicht zu gewinnen ist, man kann es nur spielen!
    Ich gebe das Beste, was auch immer es zu jedem Zeitpunkt ist.

  4. selmya schreibt:

    „In einem dritten Schritt ist es möglich auch diese „tatsächliche Welt“ als Illusion zu erkennen und in die Welt des „bewussten Kindes“ einzutreten. Diese dritte Ebene ist wieder eine heile Welt, aber sie hat transzendentalen Charakter und kann nur durch Innenschau erlebt werden, ein Konzept, das vom rein rationalen Verstand eher nicht erfasst werden kann. Das Erleben der tatsächlich wirkenden Kraft hinter unserer Realität kann man sich auf viele unterschiedliche Weisen erschließen, aber eine Abkürzung, um direkt aus der Kinderwelt in die Welt des „bewussten Kindes“ zu gelangen gibt es wohl nicht.“

    Alexander Wagandt
    http://www.gf-freiburg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=806:die-macht-des-eigenen-weltbildes&catid=1:allgemein

    OSHO Born Again Meditation

    „In diesem großartigen Experiment das du durchläufst, geht es grundsätzlich darum deine verloren gegangene Kindheit wieder zu erlangen. Wenn ich von verlorener Kindheit spreche, dann meine ich deine Unschuld, deine Augen voller Erstaunen, nichts wissend, nichts haben , aber mit dem Gefühl ganz großartig zu sein. Diese goldenen Momente des Erstaunens, der Freude, ohne Anspannung, ohne Sorgen, ohne Ängstlichkeit, sollten wieder entdeckt und zurückgewonnen werden.“

    http://www.oshoketan.de/born_again.htm

    „Wenn ihr nicht WIEDER werdet wie die Kinder…!“

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