Tsching-Ljang Wen-I: Das Alltagsauge


Sand
Meister Tsching-Ljang Wen-I fragte einen der Mönche:
»Wenn eine Quelle verstopft ist, so hat Sand sie verschüttet. Wenn nun dem Menschen das Auge des Geistes, das die Wahrheit Buddhas zu erkennen vermag, verschlossen ist und er blind durchs Leben geht, was hat ihm den Blick geraubt?«

Der Mönch wusste keine Antwort darauf. So antwortete der Meister für ihn: »Das Alltagsauge versperrt ihm die Sicht.«

aus: Ernst Schwarz, „Die Glocke schallt, die Glocke schweigt“

Sand hat die Quelle verschüttet und Sand wurde uns allen in die Augen gestreut. Ob wir wollten oder nicht, es blieb uns allen nicht erspart, die Meinungen unserer Eltern und Lehrer und der ganzen Gesellschaft zu übernehmen. Und wenn wir nicht dafür waren, dann waren wir halt dagegen, was nicht den geringsten Unterschied macht. Auf der sog. relativen Ebene macht es natürlich einen Unterschied, wenn es aber um das Erkennen der Wahrheit Buddhas geht, ist es Hose wie Jacke.

Der Glaube an die Richtigkeit unserer Überzeugungen ist das, was Tsching-Ljang Wen-I unser Alltagsauge nennt. Unsere Überzeugungen sind uns so zur Gewohnheit, zum Alltag geworden, dass wir sie für die einzig wahre Realität halten und bereit sind, dafür erbittert zu streiten.

Gestern schrieb Fröschin: „Also keine Egoüberwinderei mehr ’nötig‘. Und auch die ‚Egoüberwindereiübungen‘ – alles das Selbst. Was trennt also den ‚Erleuchteten‘ vom schnöden ‚Rest? Nix. Alles nur ein Spiel. Der eine spielt ‚erleuchtet‘, der andere die ‚materiell denkende Hausfrau‘.“

Ja, klar, alles das Selbst und nichts ist nötig. Und doch – Selbst hin oder her – werde ich zum Zahnarzt gehen, wenn ich Zahnschmerzen habe, und werde mir den Sand aus den Augen reiben, wenn ich ihn als Behinderung erkenne. Hier gibt’s ein lesenswertes PDF von Satyam Nadeen zum Thema „Alles das Selbst“: Quell der Weisheit . Hoffentlich denkt jetzt niemand: „Na bitte, ich hab’s doch gewusst. Ich hab recht. Schließlich bin ich das Selbst.“ Der andere ist natürlich auch das Selbst und hat recht.

Un nu  – wat nu, wenn se alle recht haben?

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Eine Antwort zu Tsching-Ljang Wen-I: Das Alltagsauge

  1. Sandra schreibt:

    „Sie haben bestimmt schon etwas von Lao Tse gehört,“ fragte ein Schüler seinen Lehrer Konfuzius. „Er spricht von einem inneren Zustand, in dem es nur Frieden, vollkommene Stille und Ungestörtsein gibt. Werden Sie mir auch beibringen, wie ich nach Innen gehen kann?“

    Konfuzius wurde zornig. „Hören Sie mit diesem Unsinn auf. Lernen Sie lieber, was es bedeutet, tugendhaft zu sein und Sünden zu vermeiden. Benehmen Sie sich wie ein Gentleman. Lernen Sie die Manieren der Gesellschaft. Was die innere Welt anbelangt, die werden Sie noch früh genug erfahren: Dann, wenn Sie im Grab liegen. Dort können Sie sich bis in alle Ewigkeit damit beschäftigen. Dort können Sie forschen und meditieren und herausfinden, was Innen ist. Aber jetzt verschwenden Sie nicht Ihre Zeit damit.“ Das war seine Einstellung.

    Über die Zeit hinweg sprachen immer mehr Leute über Lao Tse. Endlich nahm Konfuzius seinen ganzen Mut zusammen und plante, ihn zu besuchen. Er hatte große Angst, denn die Geschichten, die er von Lao Tse gehört hatte, waren furchterregend: „Dieser Mann ist unberechenbar. Er reitet auf einem Büffel mit dem Gesicht nach hinten. Er ist ein gefährlicher Bursche.“

    Je mehr Konfuzius versuchte, Lao Tse zu vermeiden, desto mehr wollte er über ihn wissen. So funktioniert das menschliche Denken. Was immer du vermeiden willst, das begegnet dir immer und immer wieder. Du wirst magisch davon angezogen. Also entschied sich Konfuzius eines Tages Lao Tse zu treffen.

    Lao Tse lebte nicht weit weg in einer Höhle in den Bergen, außerhalb der Hauptstadt. Vor der Höhle hielt Konfuzius seine Schüler an, die mit ihm gekommen waren, weil er Angst hatte. „Dieser Mann ist zu allem fähig. Es kann sein, dass er mich schlägt und das möchte ich nicht vor den Augen meiner Schüler geschehen lassen. Deshalb lassen Sie mich zuerst alleine zu ihm gehen. Ich werde Sie dann später hinzu holen.“

    Lao Tse saß sehr still in der tiefen, dunklen Höhle. Er blieb so auch nachdem Konfuzius herein gekommen war. Er sagte nicht „Guten Tag“ zu ihm oder „Setzen Sie sich doch bitte!“ Er beachtete ihn gar nicht. „Das ist kein sehr feines Verhalten,“ sagte Konfuzius zu ihm. „Zumindest könnten Sie sich mir gegenüber wie ein guter Gastgeber benehmen.“ Lao Tse sagte: „Ich dachte, du würdest nicht den Mut besitzen in meine Höhle zu kommen. Hier lehren wir keine Moral oder was es bedeutet, Manieren zu haben. Hier lehren wir, wie wir sterben und wiedergeboren werden. Bist du dafür bereit?“ Dabei schaute er Konfuzius gerade in die Augen und zog sein Schwert.

    Konfuzius sagte schwitzend: „Bitte verzeihen Sie mir, was ich gesagt habe. Ich werde niemals wieder Ihre Höhle betreten!“ Er verließ den Raum und sagte zu seinen Schülern: „Dieser Mensch ist höchst gefährlich. Er ist ein Drache. Er hätte mich fast umgebracht.“

    Er hatte Lao Tse überhaupt nicht verstanden. Lao Tse hatte nicht über den gewöhnlichen Tod gesprochen, er bezog sich auf den Tod des Egos. Solange das Ego nicht stirbt, kannst du nicht dein authentisches Selbst sein und zu deinem ursprünglichen Gesicht werden. Konfuzius hatte einen falschen Schluß gezogen.“

    (Osho, Zitat – Auszug aus One Seed Makes the Whole Earth Green )

    Ahhhhh, wenn ich als lese, was ihr hier so Schlaues auf den Bildschirm zaubert…
    dann denke ich…klar, die wissen über alles Bescheid und kennen sich aus und ich bin hier nur der Idiot, der überhaupt nichts weiß!
    „Un nu – wat nu, wenn se alle recht haben?“

    na dann…
    …dann hat mir das „Alltagsauge“ wohl mal wieder die Sicht versperrt…

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