Huai Rang: wie wollt Ihr mit Sitzen ein Buddha werden?


Während der Kai-Yaan-Periode der Tang-Dynastie gab es einen Mönch namens Dau-I, der den ganzen Tag in seinem Tempel im Meditationssitz verbrachte. Meister Huai Rang, der in ihm eine künftige Leuchte des Buddhismus erkannte, fragte ihn eines Tages, was er mit seinem ewigen Sitzen zu erreichen beabsichtige.

«Ich möchte die Buddhaschaft erlangen», ewiderte Dau-I.

Daraufhin nahm Meister Huai-Rang einen Ziegelstein zur Hand, setzte sich in der Nähe des Mönches nieder und begann mit einem Stein daran herum zu reiben.

«Was tut Ihr denn da?», fragte ihn Dau-I verblüfft. «Ich möchte daraus einen Spiegel machen.»

«Wie um Himmels willen wollt Ihr aus einem Ziegel einen Spiegel machen?», entgegnete Dau-I entgeistert.

«Wenn ich aus einem Ziegel keinen Spiegel herstellen kann, so verhält es sich damit wie mit Eurem Sitzen. Denn wie wollt Ihr mit Sitzen ein Buddha werden?»

«Was müsste ich dann Eurer Meinung nach tun, um mein Ziel zu erreichen?», fragte der Mönch.

«Das verhält sich so wie mit dem Kutschieren», sagte Huai-Rang. «Wenn der Wagen nicht vorwärtskommt, schlägt man dann den Wagen oder den Ochsen?»

Dau-I erstaunte die Frage sehr.

«Wozu verbringt Ihre Eure Zeit mit Sitzen?», fuhr der Meister fort. «Wollt Ihr Euch die Zen-Lehre ersitzen oder damit ein Buddha werden? Wenn es sich um die Zen-Lehre handelt, so tut es nichts, ob Ihr sitzt oder liegt. Handelt es sich aber um das Buddha-Wesen, so gibt es dafür keine bestimmte Verhaltensart. Die Dinge ändern sich unaufhörlich; wie sollte es da eine feste Regel geben? Doch mit Eurem ewigen Sitzen tötet Ihr nur Buddha in Euch. Nie werdet Ihr damit das Buddha-Wesen erlangen.»

Diese Belehrung tat Dau-I gut; sie ernüchterte ihn auf dem Weg zur Erleuchtung.

aus: Ernst Schwarz, „Die Glocke schallt, die Glocke schweigt“

Gestern sagte Kodo Sawaki: „Man kann nicht sagen, dass das Streichholz selbst Feuer ist.“ Und: „Wir müssen das Feuer der Buddhanatur entflammen.“ Heute sagt Huai Rang:Wollt Ihr Euch die Zen-Lehre ersitzen oder damit ein Buddha werden? Wenn es sich um die Zen-Lehre handelt, so tut es nichts, ob Ihr sitzt oder liegt. Handelt es sich aber um das Buddha-Wesen, so gibt es dafür keine bestimmte Verhaltensart.“

Mit anderen Worten sagt Huai Rang: Ihr könnt euch auf den Kopf stellen und mit den Beinen „Hurra!“ Schreien – Buddha-Wesen ist auf keine nur erdenkliche Art zu erlangen. Und Kodo Sawaki: Das Streichholz beinhaltet nur das Potenzial für die Entfaltung der Buddhantur. Es muss sich auch noch entflammen. Na ja, eigentlich sagt er: Wir müssen das Feuer entflammen. Wir. Und damit hat er schon wieder unendlich viele mögliche Missverständnisse in die Welt gesetzt. Kodo Sawaki und Huai Rang sagen dasselbe, auch wenn es unterschiedlich klingt.

Dau-I sitzt und sitzt und sitzt. Nichts passiert. Von Entflammen keine Rede. Dann geschieht etwas Zusätzliches: Huai Rang sieht ihn da sitzen und fragt ihn, was er da eigentlich treibt? Und als das noch nicht reicht, setzt er sich hin und poliert mit einem Stein einen Ziegel. Auch das genügt noch nicht. Dau-I kapiert immer noch nicht. Huai Rang hilft ihm noch mal auf die Sprünge und beantwortet seine Frage. Jetzt fällt der Groschen. Ernüchterung geschieht. Oder anders gesagt: Dau-I geht ein Licht auf über die Absurdität seiner Bemühungen. Das Entflammen hat zumindest begonnen.

Man könnte der Geschichte entnehmen, dass es für das Entflammen eines Meisters bedarf. Ich würde sagen, dass es in diesem Fall wohl so war, dass es aber nicht notwendigerweise so sein muss. Entflammen kann auch einfach so geschehen – nur ohne dieses Entflammen, ist ein Streichholz einfach nur ein Streichholz.

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7 Antworten zu Huai Rang: wie wollt Ihr mit Sitzen ein Buddha werden?

  1. Nitya schreibt:

    Heute Abend angucken: „Der Islam passt zu unseren westlichen Werten!“

    http://www.3sat.de/page/?source=%2Fdebatte%2F164031%2Findex.html

    Und hier die Debatte zu „Religionsfreiheit oder Kindeswohl“ von letzter Woche:

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  2. Ernie schreibt:

    Wahre Meditation ist ja keine Technik oder Methode, sondern das reine wache Leben selbst. Also die Aussage von Hual Rang: Wie wollt ihr mit Meditation oder sitzen ein Buddha werden? Kann auch zur falschen Schlussfolgerung führen: Dass man nichts tun soll…was ja immer noch eine subtile Aktivität eines Ego ist…
    Was kann ich also tun???

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Ernie,

      ich bin ganz aus dem Häuschen:
      Am Ende deines Kommentars steht eine unbeantwortetete Frage !!!
      Wow! Jetzt hast du mich richtig glücklich gemacht.

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    • Sw. Prem Punito schreibt:

      Lieber Ernie
      „Was kann ich also tun??? “
      Nichts tun .
      Am allerwenigsten einen einzigen Gedanken daran verschwenden
      ein Buddha zu werden .
      Keinen einzigen Augenblick danach fragen. EINFACH TUN .

      Etwas „einfach“ zu tun bedeutet, es jetzt auf der Stelle zu tun. Es bedeutet, nicht die Zeit deines Lebens zu verschwenden.
      ( Kodo Sawaki )
      Liebe Grüße
      PUNITO

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  3. ralphbuttler schreibt:

    Reblogged this on Auf dem Dao-Weg.

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  4. selmya schreibt:

    Weshalb eines von beiden ausschließen, einem Meister lauschen ist eine Möglichkeit, allein in sich selbst zu lauschen die andere. Ich habe nie einem Meister „gesessen“, doch ihr alle hier und auch die „Meister“, deren Bücher ich studierte, sind es, denen ich lauschte, die mir halfen, wie der alte Löwe dem jungen Löwen half, indem er ihn zu einem klaren Fluss führte, so dass dieser darin sein Spiegelbild sehen konnte und er sah auch, dass zwischen ihm und dem Meisterlöwen kein Unterschied bestand. Das allein ist für mich der Sinn eines wirklichen Meisters, dem zu zeigen, dass er völlig unnötig ist, weil der „Jünger“ bereits DAS IST WAS ER IST, es ihm nur noch nicht bewusst war. Und wenn mir ein anderer den Spiegel vorhält und ich so schneller sehen darf, welch ein Segen. Auch ganz „unerleuchtete“ Menschen, auch Tiere, Bäume, Blumen, Steine sind Meister für mich gewesen und sind es bis heute.

    Ich habe die letzten Tage klar für mich erkannt, dass der Verstand, dass das Denken sehr wohl einbezogen werden kann, und nicht dauernd im Sein sein muss, um glücklich zu sein. Im Gegenteil fehlte mir stets etwas Wesentliches, wenn ich mir einzureden versuchte, dass Verstand, dass mein Denken mir feindlich gesinnt sei. Obwohl ja angeblich Worte völlig sinnlos sind, werden doch überall im „Advaita“ Worte ohne Ende benutzt. Da musste ich mich doch ernsthaft fragen, was das sollte. Und deshalb schrieb ich vor einigen Tagen hier auch. Ich werde mich in meinen Verstand verlieben, mit ihm eine Liebesaffaire eingehen. Mir war klar, dass das vielleicht lächerlich klingen würde, aber etwas tief in mir „wusste“, dass das geht und wenn mir noch hundertausendmal irgend ein „NICHT-JEMAND“ „von oben herab in guruhafter Gelassen- und Abgehobenheit“ ins Hirn blasen würde. Dass der Verstand ES niemals verstehen kann. Da alles was existiert, formgewordene Energie ist, und ich diese Energie, die allem innewohnt, bzw. aus der alles auftaucht für mich Liebe nenne, weil ich kein adäquates anderes Wort dafür kenne, kann folgich auch der Verstand, das Denken nur verkörperte Liebe sein. Und so haben sich urplötzlich die Worte in meinem Denken verliebt und verströmen nun ihren poetischen Duft, wie ein voll aufblühender Jasminstrauch in einer heißen Sommernacht. Ich habe kein LSD in mir,😉 Die Lebenskraft macht diesen Menschen Selma high.🙂

    Selma

    „In den Upanischaden sagte der große Meister Uddalaka zu Swetaketu seinem Sohn und Schüler: „Das bist du – tat twam asi, Swetaketu.“ Das bist du – da gibt es keine Trennung zwischen „das“ und „du“. DAS ist deine Wirklichkeit. DU bist die Wirklichkeit. Es gibt keine Möglichkeit, es so zu kennen, wie du einen Stein kennst. Es gibt keine Möglichkeit, es so zu wissen, wie du andere Dinge weißt. Du kannst es nur sein.

    Am Tempel von Delphi musste natürlich stehen: „Erkenne dich selbst.“ Darin drückt sich die griechische Denkungsart aus. Weil der Tempel in Griechenland steht, ist es eine griechische Inschrift. An einem indischen Tempel würde die Inschrift lauten: „Sei du selbst“ – denn DAS bist DU. Das hinduistische Denken hat sich immer mehr dem eigenen Sein genähert und deshalb wurde es unwissenschaftlich, doch damit verlor es jede Verankerung in der äußeren Welt. Die hinduistische Denkweise wurde innerlich sehr reich, aber äußerlich sehr arm. Eine große Synthese ist notwendig, zwischen der hinduistischen und der griechischen Denkweise. Das könnte zum größten Segen für die ganze Welt werden. Bisher war es nicht möglich, aber jetzt sind die Grundvoraussetzungen dafür gegeben. Ost und West vermischen sich auf ganz subtile Weise. Die Menschen des Ostens gehen in den Westen, um die Wissenschaft zu studieren, um Wissenschaftler zu werden, und die westlichen Sucher reisen in den Osten, um zu lernen, was Religion ist. Ein großes Vermischen und Verschmelzen ist im Gange. Die Erde wird zum globalen Dorf. Dann wird man anfangen, nicht mehr in Gegensätzen zu denken, zu denken, wass man, wenn man als Sucher von Wissen und Erkenntnis nach außen geht, seine Wurzeln im Sein verliert. Oder dass man, wenn man nach seinem inneren Sein forscht, seine Wurzeln in der Welt, im Bereich der Wissenschaft, verliert. Beides zusammen ist möglich, und sobald der Mensch beides miteinander verbindet, hat er beide Flügel und kann in den höchsten Himmel fliegen.

    In meinen Augen ist die hinduistische Denkweise genauso einseitig wie die griechische. Beide sind nur die halbe Wirklichkeit, Religion ist halb, Wissenschaft ist halb. Es muss etwas geschehen, um Religion und Wissenschaft zu einem größeren Ganzen zusammenzubringen.

    Wie kommt es, dass die Inschrift am griechischen Tempel von Delphi: „Erkenne dich selbst“ und nicht „Liebe dich selbst“ lautet? – Dich selbst zu lieben wird erst möglich, wenn du zu dir selbst wirst, wenn du du selbst bist, sonst ist es unmöglich. Die griechische Denkungsart entwickelte eine enorme Fähigkeit zum logischen Denken. Aristoteles wurde zum Vater aller Logik und Philisohpie. Das östliche Denken ist unlogisch, denn Meditation besagt ja, dass du erst dann erkennen kannst, wenn du den Verstand aufgibst, wenn du das Denken aufgibst, wenn du total im eigenen Sein aufgehst, dass nicht ein einziger ablenkender Gedanke mehr da ist. Das griechische Denken sagt, dass du nur erkennen kannst, wenn das Denken klar und logisch, onal, systematisch ist. Das ist also völlig konträr und absolut entgegengesetzt.
    Doch kann man eine Synthese daraus machen. Man kann seinen Verstand gebrauchen, wenn man mit der Materie zu tun hat; dafür ist die Logik ein großartiges Werkzeug. Und derselbe Mensch kann Denken und Verstand beiseite lassen, wenn er meditiert, um sich ins Nichtdenken zu begeben. Beides kann in derselben Person geschehen – und wenn ich das sage, spreche ich aus eigener Erfahrung, ich praktiziere beides. Wenn es nötig ist, kann ich so logisch sein wie ein Grieche, und wenn Denken unnötig ist, kann ich so absurd und unlogisch sein wie ein Hindu.

    Osho

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  5. selmya schreibt:

    ALLES IST ALLES, also auch der Verstand und das Denken🙂 Wer ist es, der immer noch trennt?

    „Das Böse ist der Thronsitz des Guten

    Das Übel und das Böse sind zu einem Hauptproblem unserer Gesellschaft geworden. ist diese Erste Wirklichkeit, die wir Gott nenn, nicht der Urheber der ganzen Misere? Fast sind wir geneigt zu sagen, dass uns eine bessere Schöpfung gelungen wäre. Es müsste für einen Schöpfer doch ganz einfach gewesen sein, die schönen Dinge zuzulassen und was wir für schlecht halten, zu verhindern – und auch den Menschen so zu schaffen, dass er nichts Böses tun kann. Aber je tiefer wir in den Makrokosmos und den Mikrokosmos eindringen, um so mehr müssen wir erkennen, dass schwarz und weiß nur die zwei Seiten einer Münze sind. „Gott“ hat auch eine dunkle Seite. Zu dieser dunklen Seite scheint unser Verstand keinen Zutritt zu haben. Sie bleibt ein Mysterium, zu dem auch Theologen nur unbefriedigende Antworten bereit halten. Das Böse nur auf den Menschen zu schieben, hält einem kritischen Blick nicht stand. Eckehart predigte eines Tages – und stellt euch vor, es war eine ganz „normale“ Predigt:

    „In jedem Werk, auch im bösen, im Übel der Strafe ebenso sehr wie im Übel der Schuld, offenbart sich und erstrahlt gleichmaßen Gottes Herrlichkeit.“

    Nur auf einer tieferen Ebene lässt sich dies verstehen. Nur dort lässt sich auch die Frage nach dem Bösen lösen. Unser wahres Wesen kennt Geborenwerden und Sterben nicht. Dort gibt es auch nicht Gut und Böse. Diese metaphysische Gewissheit ist der Ratio fremd. Diese Erfahrung schafft auch das, was wir böse nennen, nicht aus der Welt, aber sie gibt ihm einen ganz anderen Stellenwert. Auf dieser Ebene, wo es noch kein Für und Wider gibt, ist alles ohne Unterschied der Vollzug des göttlichen Urprinzips. Was wir böse nennen, ist die dunkle Seite „Gottes“. Das Ergebnis jeder mystischen Erfahrung ist die Aufhebung der Dualität. Ob wir den Endzustand Unio mystica nennen oder Satori, es ist immer erst der Tod des Ich, der diese Erkenntnis zulässt.
    Sind dann Verbrechen und Liebe gleich? Woher kommt dann die Motivation für unser soziales Verhalten? Das Innerste Gottes und so auch jeder Mystik ist Liebe. Aber es nicht die Liebe, die alles Leid verhindern will. „Je tiefer die Erfahrung, um so größer das Mitgefühl!“
    Diese Liebe kommt nicht aus dem Ego. Sie hat nichts zu tun mit „Ich liebe dich“. In der mystischen Erfahrung steigt ein universales Wohlwollen auf, dass wir Christen „Agape“ nennen. Es kennt keinen anderen und kein Anderes mehr. Es schließt alles ein, weil es im Einen keine Teilung gibt. Diese Liebe ist wie die Sonne, die nicht zwischen Gut und Böse unterscheidet, sondern allen scheint.“

    Willigis Jäger

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