Raoul Vaneigem: die Ausdünstung der Menschlichkeit


Als ich beschloss, die intellektuellen Schützengräben und ihre trügerische Solidarität zu verlassen, verlernte ich wieder, den Menschen wie einen Gegenstand einzuschätzen, der manipuliert und manipuliert wird. Weder messe ich ihn ab noch beurteile ich ihn. Beim ersten Kontakt nehme ich ziemlich deutlich die Menschlichkeit wahr, die mich einer Person nahe bringt, oder die Unmenschlichkeit, die mich von ihr entfernt. Diese Ausdünstung genügt mir, um sie anzunehmen oder zu meiden. Das ist fortan das Fundament meiner Affinitäten.

Ich schmeichle mir, heute nur mit Menschen zusammenzukommen, bei denen die Menschlichkeit Vorrang vor den Ideen hat, mit Personen, denen, auch wenn sie zu der einen oder anderen Dummheit neigen, es nie an Großmut fehlt und die sich nie gegen das Leben verfehlen könnten. Meine Erfahrungen in einer bedrohten Gruppe, die zur Beute der Negativität wurde, deren Auswirkungen sie doch bekämpfte, haben mich zum bedingungslosen Anhänger  der individuellen, schöpferischen Autonomie gemacht.

aus: Raoul Vaneigem, „Zwischen der Trauer um die Welt und der Lust am Leben“

Mittwochabend guckte ich mir auf Arte den Film „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ an. Da gab es eine Szene, in der ein junger amerikanischer Grenzpolizist den Mexikaner Melquiades Estrada ohne Sinn und Verstand und ohne jedes Gefühl erschießt, nur weil der ihn beim Onanieren gestört hat. Gestört durch Schüsse auf einen Kojoten, der sich an seine Ziegen heranmachen wollte. Der Polizist stellt sich anschließend vor den sterbenden Mexikaner hin und fragt: „Alles okay?“ Das war wie ein Schlag in die Magengrube. Mir blieb buchstäblich die Luft weg. Alles okay? Das Entsetzen ist immer noch da.

Ich kann das so gut nachvollziehen, was Raoul Vaneigem schreibt. Es sind ja oft nur Kleinigkeiten. Gestern bin ich in ein Einkaufszentrum gegangen und hab der Frau, die hinter mir kam, die Tür aufgehalten. Manche übernehmen dann die Tür, ein kurzer Augenkontakt, ein Lächeln und ein Danke! – und alle fühlen sich wohl. Die Frau gestern übernahm die Tür nicht, sondern rauschte hoch erhobenen Hauptes an mir vorbei, als ob sie die Königin von Saba und ich ein Hotelboy wäre. Zurück blieb bei mir ein schales Gefühl. Die Welt schien ein wenig grauer und kälter geworden zu sein. Die Ausdünstung der Unmenschlichkeit, die für allzu viele schon zum Alltag geworden ist.

Die Entscheidung, von der Raoul Vaneigem schreibt, habe ich schon in jungen Jahren getroffen, aber ich muss gestehen, dass ich sie des Öfteren in meinem Leben vergessen habe. Immer wenn ich von einer Idee besessen und für ihre Umsetzung auf andere Menschen angewiesen war, konnte dieses Vergessen geschehen und ich konnte stur und engherzig werden. Dann zählte nur noch das Ziel, nur doch das Ergebnis, und ich schonte die anderen dabei so wenig wie mich. Was für eine Gnade des Alters oder der Götter oder von wem auch immer, nicht mehr von Ideen besessen zu werden. Die Ausdünstung der Menschlichkeit ist ein sehr empfehlenswertes Fundament für die eigenen Affinitäten.

Vermutlich zum Thema der Ausdünstung der Menschlichkeit hat mir gestern der Olf den Link zu diesem Video geschickt – viel Vergnügen damit:


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Raoul Vaneigem: die Ausdünstung der Menschlichkeit

  1. Brigitte schreibt:

    Solche Menschen machen Mut. Danke für den Buchtipp, lieber Nitya
    http://www.adbusters.org/blogs/adbusters-blog/Raoul_Vaneigem-german.html

    Gefällt mir

  2. Eno Silla schreibt:

    nochmal, zur erinnerung, dieses wunderbare gedicht von günter eich:

    Gefällt mir

  3. Sw . Prem Punito schreibt:

    Lieber Nitya ,
    erst einmal herzlichen Dank für Deine Anfrage an mich .
    Gestern bin ich nach gründlichsten med. Untersuchungen aus dem Krankenhaus entlassen worden . Die Tumor- Diagnose hat sich bestätigt . Jetzt steht eine Lebertransplantation bevor .
    Mit der Lebensverkürzung meinte ich : Sich grämen , oder die “ Warumausgerechnet-Ich-Gedanken . Jeder Tag ist ein guter Tag , mit und ohne Schmerz . Zu spüren und wahrnehmen Teil eines großen Ganzen zu sein .
    Was soll denn da noch passieren , wenn bei derGeburt , als Eintrittskarte ins Leben , die Verwandlungskarte am Ende desselbigen , gleich mitgebucht wurde ?
    Dem Leben gegenüber undankbar sein , ist meine Sache nicht .
    Viele Menschen habe ich kommen und gehen sehen , bei 30 Menschen , darunter gehören enge Freunde , habe ich sterbebegleitend mit ihnen die restliche Zeit ihres Lebens verbracht .
    Nichts geht verloren – alles wandelt sich .
    Zu Deinen heutigen Gedanken fällt mir nur wenig ein , außer dieses :
    “ Mitmenschlichkeit – wer sie sich nehmen lässt , in der sogenannten “ Sachzwang-alternativlos -Gesellschaft „, hat noch nicht verstanden , das alle Wesen dieser Erde miteinander verbunden sind .
    Heute bin ich glücklich , das es Dich und mich , und viel michs auf dieser Erde gibt , die sich bei allen Turbulenzen , die uns umgeben , eines bewahren , nämlich die Herzensbildung , und den Mut , gegen tumbe Dumpfbackigkeit zur rechten Zeit , am rechten Ort das richtige Wort auszusprechen .

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    an Alle im Forum
    Punito

    P.S. Lobgesang
    Unzählig die Gestalten ; sie alle dürfen so sein , wie sie sind –
    Grenzenlose tiefgreifende Befreiung verstellt Dir immer noch den Blick .
    Wer wohl ist stark genug , um diesen Garten auszufegen ?
    So tief in Dir versteckt , noch tiefer , weckt er ganz von selbst Gefühle auf .
    Hong- zhi

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      „Nichts geht verloren – alles wandelt sich .“

      Lieber Punito,

      stimmt ja – und doch bin ich froh, dass du dich noch nicht vom Acker gemacht hast.

      Du schreibst: „Heute bin ich glücklich , dass es Dich und mich , und viel michs auf dieser Erde gibt , die sich bei allen Turbulenzen , die uns umgeben , eines bewahren , nämlich die Herzensbildung , und den Mut , gegen tumbe Dumpfbackigkeit zur rechten Zeit , am rechten Ort das richtige Wort auszusprechen .“

      Dich und mich und viele michs … und da bist du ja auch dabei bei diesen dichs und michs. Und wenn da einer plötzlich verschwunden ist, dann ist zwar immer noch alles vollständig und doch … und doch ist da eine Lücke, die sich nicht einfach dadurch schließen lässt, dass auf Vollständigkeit bestanden wird. Insofern also hab ich mich einfach total gefreut, dich hier wieder auftauchen zu sehen.

      Ich wünsch dir von Herzen das Allerbeste.

      Gefällt mir

      • Selma schreibt:

        Heute wachte ich auf und fühlte mich, als ob ich statt Blut Champagner in den Adern habe. Doch kein Verstand fragte mehr: WARUM lachst du, weshalbbist du so froh? Gibt es einen besonderen Grund dafür? NEIN!!! Grundlose Freude hat keinen Grund und ist dennoch so tieftieftiefgründig, ein ewiges Geheimnis, das ich weiterhin mit all meiner Neugier erforschen werde, auch wenn bekannt ist, dass ich niemals „unten“ ankommen werde. Weil Leben ein Mysterium ist. Ja auch Verstand, Ego, Ich dürfen mitspielen. Alles ist Leben pur.

        ES ist wundervoll, dieses Geheimnis Leben. Ich sitze auf diesem Wunder, trinke das Wunder, atme das Wunder ein, bin das Wunder, umarme das Wunder, oh Wunder, dass ich noch nicht verrückt geworden bin. Seit ich nicht mehr auf der Suche nach dem Sinn, dem Wert, der Erklärung, was „leben“ ist, bin, kann ich mich als einzigartiger Charakter und damit alle anderen auch erst wirklich wahrnehmen.

        Gestern abend war ich noch kurz einkaufen und plötzlich sah ich zwischen einem Berg von grauem Steingeröll eine einzige Mohnblume. Mich traf es wie ein Blitz. Wann jemals zuvor hatte ich in dieser Intensität eine Mohnblume angesehen? muss ich sie da noch verstehen? Wo sie herkommt, weshalb sie so ganz allein unter Geröll wächst? Absichtslos, so prachtvoll und rot? Ein Blatt war bereits abgefallen. Doch sie jammerte nicht, hilfe, ich bin verletzt, ich habe ein Blatt verloren, sie stand ganz still, zuckte nicht ängstlich vor meinen intensiven Blicken zurück und ich spürte das Wort Gnade. Dieses Wort war wieder ganz rein und klar. Gnade ist, ein lebendiger Mensch zu sein und das bei vollem Bewusstsein. Danken, danken, das entrang sich von selbst, wie ein Freudenschrei, das hatte nichts damit zu tun, dass ich irgend jemandem dankbar war. Dank, Gnade, Wunder, Geheimnis. Alle Worte sind wieder jungfräulich, wie sie mal waren. Mir ist klar, dass das nur Gestammel ist, doch ich kann nicht anders, diese Schönheit will sich verströmen wie ein blühender Jasminbusch im Sommer.

        Selma

        http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=17189&edit=0

        Gefällt mir

    • Eno Silla schreibt:

      Von mir ebenfalls herzliche Grüsse, lieber Punito!!!
      Schön mal wieder was von dir zu lesen im ewigen Auf und Ab des Lebens.
      Alles Liebe
      Eno

      Gefällt mir

  4. Selma schreibt:

    Gnade

    „Was für eine Gnade des Alters oder der Götter oder von wem auch immer, nicht mehr von Ideen besessen zu werden.“ Schaf Selma dankt dafür, täglich auf der Blumenwiese „Nityas blog“ grasen zu dürfen. 🙂

    http://images.google.com/imgres?q=Danke&hl=de&gc=de&biw=1024&bih=454&tbm=isch&tbnid=SufYioxcRgJZMM:&imgrefurl=http://grannylieseln.blogspot.com/2012/04/danke-bea.html&docid=Bgxba2et2kXhjM&imgurl=http://2.bp.blogspot.com/-DRSXzXw5Aw8/T4vQX0z-iJI/AAAAAAAAAjE/OBntTeCeov0/s1600/3868345.jpg&w=400&h=284&ei=SzvKT83RHcnrOY2Lxf0P&zoom=1

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s