Jean Klein: Der Geist muss sich erschöpfen.



Kennen Sie die Geschichte, die man von dem Sufi Mulla Nasruddin erzählt? Ich passe sie bei jedem erneuten Erzählen ein bisschen an:

Mulla überquerte eine Straße in seinem Dorf, als sich ihm ein Mann näherte und zu ihm sagte: «Weißt du, dass deine Frau dich betrügt?» Mulla antwortete sogleich: «Das ist unmöglich. Meine Frau würde mir niemals untreu sein.» Der Mann entgegnete: «Ich kann es dir beweisen. Heute Nacht, um Mitternacht, hat sie ihrem Liebhaber ein Rendezvous unter dem Feigenbaum am Ende des Dorfes gegeben.»

Mulla war sehr aufgebracht, und da er ein Duell mit dem Liebhaber seiner Frau kommen sah, ging er sich einen Säbel kaufen. Er übte den ganzen Tag damit und dachte an den Zweikampf, und um elf Uhr abends ging er in einem schrecklichen Geisteszustand zum Feigenbaum. Er kletterte auf den Baum, und da er ein sehr leidenschaftlicher Mann war, sprang er rasend vor Eifersucht und Wut von Ast zu Ast. Er malte sich seine Frau in den Armen ihres Liebhabers aus und probte den Hieb, den er seinem Rivalen versetzen wollte, aus allen möglichen Winkeln.

Zehn Minuten vor Mitternacht hielt er inne, um zu lauschen, hörte aber noch nichts. Fünf Minuten vor Mitternacht befand er sich in einem unerträglichen Zustand der Aufregung und Erwartung. Drei Minuten vor Mitternacht war noch kein Ton von den beiden zu hören, und jeder Nerv seines Körpers war zum Zerreißen angespannt. Um Mitternacht war er so unbeweglich wie ein zum Beutesprung ansetzender Tiger. Aber unter dem Baume geschah immer noch nichts.

Da traf eine ungeheuerliche Einsicht blitzartig sein ganzes Wesen: «Ich bin Junggeselle.»

Welche großartige Geschichte Er war anscheinend buchstäblich verrückt, jenseits seines Geistes. In welchem Geisteszustand war er aber, als die Einsicht ihn erschütterte? Wenn ich dies verstehe, brauche ich vielleicht nicht so weit zu gehen wie der Mulla.

Bis um Mitternacht war er auf das Objekt, die Repräsentation der Szene konzentriert. Dann kam der Augenblick, in welchem der Geist keinen Halt mehr fand, und die Repräsentation verschwand. Nasruddin war nicht mehr auf der Ebene des Geistes. Die äußere Situation nährte keine weitere Tätigkeit mehr.

Der Geist muss sich erschöpfen. Wenn er aufgibt, werden wir von unserem wahren Wesen aufgenommen. Aber die zwölfte Stunde des Geistes kann jeder Augenblick sein.

aus: Jean Klein, „Wer bin ich? Was ist der Mensch?“

Wie gerne haben wir immer wieder die Geschichten über Don Quixote de la Mancha und seinen Begleiter Sancho Panza  gelesen. Wir freuen uns sowieso ganz besonders über die offensichtliche Verrücktheit unserer Mitmenschen und wissen stets genau: Das hätte mir nie passieren können. Mir doch nicht! Das gibt uns so ein geiles Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit.

Jean Klein sagt: „Aber die zwölfte Stunde des Geistes kann jeder Augenblick sein.“ Die zwölfte Stunde des Geistes ist die Stunde des Erwachens, in der wir erkennen, dass wir schon die ganze Zeit über Mulla Nasruddin, schon die ganze über Don Quixote de la Mancha sind. Diese Stunde kann jeder Augenblick sein.

Z.B. jetzt?

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4 Antworten zu Jean Klein: Der Geist muss sich erschöpfen.

  1. Selma schreibt:

    Hört sich an wie eine Drogenerfahrung 😉 Doch als Jungeselle warten bald andere Höllen :

    Karl Renz: Jede Drogenerfahrung ist dazu da. Du bekommst Morphine, damit sich das Bewusstsein von der Identifizierung mit dem Körper löst. Und in der Lösung von der Identifizierung hört der Schmerz auf. Als ich 5 Jahre alt war, bekam ich Lachgas bei einem Zahnarzt. Sofort war ich draußen aus dem Körper und habe zugesehen, wie mir der Zahnarzt die Zähne zog. Kein Schmerz mehr. Totale Faszination! Und das Bewusstsein frei im Raum.

    Frager: Aber wenn die Wirkung aufhört…

    K: Dann ist der Schmerz sofort wieder da. Es gibt kein Entkommen.

    F: Das meine ich doch! Der Schmerz lässt sich nicht verleugnen.

    K: Wenn es einen gibt, der den Schmerz haben könnte, dann entsteht Schmerz.

    F: Also wenn es einen Körper gibt, dann entsteht Schmerz?

    K: Nein, Schmerz entsteht mit der Idee „Ich habe Schmerzen?“

    F: Okay, und du hast diese Idee nicht? Wenn ich dir jetzt ein Messer in den Arm steche…

    K: Dann gibt es eine Sensation von Schmerz. In dem Moment ist Schmerz.

    F: Schön, dass du das zugibst.

    K: In dem Moment ist eine vollkommene Erfahrung von Schmerz. Kurz danach ist die Erfahrung weg. Es gibt keinen mehr, der so etwas in der Zeit als Erfahrung anhäuft. Der die Mein-Schmerz-Erfahrung von vor fünf Minuten konserviert. Oder die Erfahrung von vor einem Jahr. Das mag als Memory-Effekt noch da sein, aber es gibt keinen mehr, der sagt: Das war MEIN Schmerz.

    F: Jetzt hat du es gesagt.

    K: Nicht ich. Das Reden redet von allein. Das Reden redet. Aber es gibt nicht „mein“ Reden. Es gibt kein Ich-habe-gesagt.

    F: Und wie geht es dir jetzt?

    K. Wie immer. Selbst wenn du mich im Tod fragst: Wie immer. Das, was ich bin, ist immer da. Deshalb kann ich nur sagen. Es geht mir wie immer.

    F: Mit der kleinen Verbesserung, dass du nicht mehr auf Lachgas angewiesen bist.

    K: Oh, ich habe mich sehr bemüht, an Lachgas ranzukommen. Meine Mutter warnte mich vor Süßigkeiten: Dann musst du zum Zahnarzt! Und ich war begeistert: Jaaa! Ich war der einzige in meiner Klasse, der gerne zum Zahnarzt ging. Der eine macht die Erfahrung, dass er an einem Ort in die Hölle geht, der andere, dass er gerade aus der Hölle heraus kommt. Ähnlich wie einer, dessen Schmerz so stark wird, dass er nicht mehr auszuhalten ist – der verlässt den Schmerz.

    F: Der wird ohnmächtig.

    K: Und ohnmächtig bedeutet: Das Bewusstsein löst sich vom Körper. Du bist immer noch das Bewusstsein, du bist nur nicht mehr im Körper. Du bist nicht mehr definierbar. Wo dieses „nicht mehr auszuhalten“ auftaucht, da löst es sich von allein.

    F: Ohnmächtig – ohne Macht.

    K: Ungemacht. Das ist wie bei dem Suchenden. Wenn die Suche nicht mehr ertragbar ist, löst sich das Bewusstsen. Nicht, weil irgendwer etwas dafür gemacht und getan hätte. Es ist einfach unerträglich. Dann löst sich das individuelle Bewusstsein ins Kosmische. Weil diese Hölle des Getrenntseins unerträglich war.:

    F: Und das ist dann die Lösung im doppelten Sinne, also auch Heilung?

    K: Nein. Es hat keinen Vorteil. Denn was sich lösen kann, kann sich auch wieder zurückbewegen in die Verbindung. Was in die Einheit geht, kann auch wieder in die Zweiheit gehen. Von der Zweiheitsidee in dieses einheits-kosmische Bewusstsein zu kommen, in dieses Nichts, das Zentrum des Universums zu sein, das sich selbst durchdringende Bewusstsein zu sein: Da bin ich durchgegangen. Und ich habe gesehen, es hat keinen Vorteil. Das, was ich in meiner Essenz war, war noch genau dasselbe wie vorher. Ob ich als Ich-Bewusstsein oder als kosmisches Bewusstsein da bin – ich bin nicht das Bewusstsein. Bewusstsein ist ein Aspekt der Zeit. Es ist die Reflexion meiner Existenz. Und alle Schmerzen und jede Erfahrung sind Teile des Bewusstseins. Die grundlegende Heilung ist

    v o r Bewusstsein zu sein. Vor Zeit.

    Karl Renz
    „das Buch Karl – Erleuchtung und andere Irrtümer“

  2. Selma schreibt:

    Ich wachte heute auf mit dem Gedanken: „Bewusstsein ist auch nur eine Idee, denn ohne ein „Ich“ gibt es auch kein Bewusstsein. Doch das was vor Bewusstsein ist, reines Sein? hm.
    Pure Energie, Lebenskraft? Ach Mister Verstand, wann gibst du endlich auf, Konzepte zu suchen, dieses ES oder DAS ist einfach nicht zu fassen.

    fassungslose Selma oder Nicht-Selma

    Immerhin body-mind dreht nicht mehr durch in dieser Grenzenlosigkeit des Seins oder Nicht seins oder oder oder

    Es ist was es ist oder was es nicht ist. Aber, schreit da gleich das erheblich leiser gewordene Verstandes-Stimmchen, wer schreibt denn dann das hier? Antworte dir doch selber du Trottel, kicher.

  3. TomGarn schreibt:

    antworte mir selbst … test … test …

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