Heinz Butz: Wir arbeiten hier nur für den Papierkorb


Prof. Heinz Butz

© Klaus F. Linscheid

So, jetzt habe ich also zu meiner großen Freude doch noch ein Foto von meinem alten Lehrer bekommen. Sogar mit der Lizenz, es in meinem Blog zu veröffentlichen. Ich habe diese Bild sofort geliebt, weil es mir meinen Lehrer genau so zeigt, wie ich ihn schon vor 50 Jahren sehen konnte. Sehr wach, sehr präsent, ganz Auge, sehr verinnerlicht, vollkommen still. Ich weiß nicht, was in ihm vor sich ging, während er so dastand und schaute, ich erlebte ihn einfach nur als Schauenden. In seinem Schauen war nie ein Werten, nur ein absolut unpersönliches Aufnehmen. Sein Schauen war wie ein Lauschen auf einen Ton, den niemand hören konnte. Sein Schauen war reine Andacht.

Jetzt hätte ich beinahe mein Thema vergessen, so andächtig wurde ich bei meiner Erinnerung und diesem Bild. „Wir arbeiten hier nur für den Papierkorb.“ Ist es nicht seltsam, wie manche Sätze nicht nur einen Zugang zum Herzen finden, sondern dort auch über eine so lange Zeit ihre Heimat? Wir arbeiten hier nur für den Papierkorb. Wir schaffen hier nichts, was Dauer haben soll. Nichts, was unser Besitz werden soll oder Beweis für unser künstlerisches Genie.  Da sitzt man beim Aktzeichnen und versucht diese Drehung des Schienbeins hinzubekommen und dann ist es einem vielleicht annähernd gelungen und dann … weg damit. Papierkorb. Das nächste Blatt. Der Fuß. Schauen. Versinken in diesem Fuß. Eine erste Skizze. Nein, das ist es noch nicht. Radiergummi? Ein Sakrileg. Jeder Strich authentisch, unbarmherzig die augenblickliche Wahrheit zeigend. Also noch einmal und noch einmal … und ja, das kommt schon in etwa hin. Noch einmal. Und irgendwann – Papierkorb.

Ein Kleinkind lernt laufen. Fällt hin. Steht auf. Fällt hin. Steht auf. … Unzählige Male. Läuft irgendwann. Lernt sprechen. Geht zur Schule. Kommt in die Pubertät. Lernt Leben. Fällt hin. Steht auf. Fällt hin. Steht auf. … Unzählige Male. Und irgendwann – Papierkorb.

Gestern schrieb Eno:

eno umherblickend
vom gipfel des unsinns
ins
leere

Klingt für viele vielleicht ziemlich deprimierend. Ich denke an Heinz Butz, wie er da steht und schaut und leise sagt: „Spüren Sie’s?“ Nur dieser Augenblick. Innehalten. Wenn kümmert Sinn oder Unsinn? Wen die Leere, die doch unendliche Fülle ist. „Spüren Sie’s?“ Jetzt?

Mehr ist nicht. Aber reicht das nicht um Gottes willen?

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5 Antworten zu Heinz Butz: Wir arbeiten hier nur für den Papierkorb

  1. Selma schreibt:

    Dem Verstand reicht es nie, er ist ein ewig Dürstender, Suchender.

    Platon hat einmal gesagt, der Mensch sei wie ein zerbrochenes Gefäß, das sich nie füllen lässt. Es ist, als ob wir uns mit einer Nahrung sattessen wollten, die nichts hergibt. Sie füllt uns zwar, aber unser innerster Hunger wird nicht gestillt, sondern eher angefacht. Wir können überdrüssig werden, aber niemals satt. Die Dinge lassen sich nicht besitzen und lassen uns daher ewig unbefriedgt.

    Ernesto Cardenal –

    Das was sättigt ist nicht zu besitzen, und doch trage ich die Sehnsucht seit Geburt in mir, nach diesem, was jenseits aller Dinge ist. Ich kann es Liebe, Gott, Das, oder sonst wie nennen. All diese Namen bringen mir nicht DAS, WAS FÜLLE IST. Doch irgendwann, wenn endlich das Denken mal aufhört, vielleicht nur für kurze Augenblicke, schaut „SEIN LICHT“ hindurch und ich schaue und sehe: AH, DAS IST ES. Und dann, ja dann kommt meist das Denken zurück und zerfleddert genau
    dieses AH, DAS IST ES, und dieses Zerfledderte des Verstandes, das, ja das ist für den Papierkorb.

    Lieber Nitya, es berührt mich bis ins Tiefste, was du über diesen Heinz Butz schreibst. Hinter jedem deiner Worte ist dein Herz greifbar für mein Herz. Selbst der Verstand schweigt da für Momente ehrfurchtsvoll, weil er von wahrer Herzensliebe nichts versteht.

    Für den Papierkorb sind alle Bestrebungen des Verstandes, vom lebendig sein je etwas verstehen zu können. Dafür ist er nicht gemacht. Er ist lediglich ein Werkzeug des EINEN, mehr nicht. Nein, das was du schreibst, ist nie für den Papierkorb, das erzählt mir DIE LIEBE dahinter.

    Selma

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    • Nitya schreibt:

      Ich umarme dich.

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    • Alexandra schreibt:

      Liebe Selma, das spricht mir absolut aus dem Herzen!!! Leider ist meine Denkmaschine noch gewaltig aktiv, ich bin vom Typ her ein „Denker“. Das Gelaber ist zwar zu 80% entlarvt, aber er schiebt sich noch immer mit aller Macht vor die kurzen Momente, in dem das „Spüren sie’s?“ Raum in mir bekommt. Mein Gedankenschweinchen muss anscheinend so viel gefüttert werden mit Texten die es dekonditionieren, bis es sich selbst irgendwann mal auskotzt. (Autolyse oder Selbstverdauung nennt das der liebe Jed Mc Kenna). Aber da bietet sich hier ja noch ne Menge Lesestoff!

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  2. Selma schreibt:

    Ich freu mich narrisch darüber und drück dich feste.

    Selma

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  3. Pingback: Eno hat gesagt: Der Arsch ist immer hinten. | satyamnitya

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