Heinz Butz


Kürzlich ist das Buch von Wolfgang Wunderlich (Redaktion) „Heinz Butz. Das bildnerische Werk 1949-1994.“ bei mir eingetroffen. Ich habe es gerade noch antiquarisch ergattern können.

Heinz Butz war der Mann, der mich vielleicht am meisten geprägt hat. Geprägt nicht in erster Linie durch seine Worte und Taten, sondern in erster Linie durch sein Sein, das durch all seine Worte und Taten hindurchstrahlte. Es ist wahrscheinlich unschwer zu erkennen und ich gestehe es freimütig, dass ich mich völlig in ihn verliebt hatte. Wir hatten Farblehre, Komposition, Aktzeichnen und Schriftgestaltung bei ihm und ich hätte mir keinen besseren Lehrer wünschen können. Ich habe noch nie einen achtsameren, sanftmütigeren, geduldigeren, liebevolleren Menschen getroffen. In seltenen Momenten konnte er auch richtig zornig werden. Dies konnte geschehen, wenn er auf einen Studenten traf, dem es mehr um den Schein als um das Sein ging. Mit 19 an die Ostfront und mit 20 in russische Kriegsgefangenschaft, das hatte Spuren hinterlassen. In gewisser Weise war er bei all seiner Heiterkeit ein sehr ernsthafter und absolut wahrhaftiger Mann.

Das ist jetzt schon bald 50 Jahre her, aber wenn ich heute an ihn denke, ist es so frisch, als stünde er mit seinem schmalen Gesicht, den eindringlichen Augen und in seinem weißen Arztkittel unmittelbar vor mir. Sein oben gezeigtes Selbstporträt muss aus einer sehr frühen Zeit stammen, denn zu meiner Zeit gab es da nur noch einen schmalen Haarkranz auf seinem Haupt.

Das Besondere an Heinz Butz war für mich u.a., dass er in einem ansonsten völlig auf materielle Ziele ausgerichteten Umfeld seinen Kompass auf das Sein und nicht auf das Haben ausgerichtet hatte. Und so erzählte er mit Vorliebe Geschichten von Zen-Malern, die sich etwa jahrelang in einen Bambushain zurückzogen, um dort „zum Bambus zu werden“ und erst dann zu Tusche und Pinsel griffen, um sich auf dem Papier zu entfalten. Über Heinz Butz gelangte ich an das Thema Zen und das auf eine Weise, die mir vollkommen entsprach. Wenn er irgendetwas berührte, geschah dies stets mit einer so liebevollen Achtsamkeit, dass man meinte, er würde gerade ein Baby oder seine Geliebte berühren. Ich konnte ihm stundenlang einfach nur zuschauen. Es war der reinste Kannibalismus, wie ich ihn in mich aufnahm. Auf diese Weise konnte sein Kompass zu meinem Kompass werden, ohne dass ich mich in irgendeiner Weise darum hätte bemühen müssen. Wie oft hat mir dieser Kompass im Leben meinen Weg zeigen können!

Hin und wieder ist er mit uns nach draußen gegangen und wir haben die Altstadt von Augsburg unsicher gemacht. Dabei blieb Heinz Butz immer wieder stehen und deutete etwa auf einen Riss im Mauerwerk oder ein altes Türschloss oder sonst eine Kleinigkeit, an der wir vermutlich achtlos vorbeigegangen wären, und flüsterte fast verschwörerisch: „SpürenS‘ die Spannung?!“ Es war immer ein geradezu magischer Moment, in dem die Zeit den Atem anhielt und das Denken aussetzte.

Oft habe ich noch den einen oder anderen Satz von ihm in den Ohren, etwa diesen: „Wir arbeiten nur für den Papierkorb.“ Das sagte er manchmal, wenn wieder mal jemand ein großes Kunstwerk von bleibendem Wert schaffen wollte. Was für ein wundervoller Satz! Was immer wir tun, es ist alles für den Papierkorb. Keine Spuren hinterlassen – wie die bekannten Zen-Wildgänse, die über den See fliegen. Von Heinz Butz habe ich kein einziges Foto im Internet finden können, so als hätte er auch da keine Spur hinterlassen wollen. (Auf das Foto unten wurde ich erst am 11.11.11 aufmerksam gemacht.)

Ich erinnere mich gerade mit einem Schmunzeln an seine Reaktion, wenn ich ihn wieder einmal in eine meiner Ostermarsch-Geschichten verwickeln wollte: Dann hörte er mir freundlich lächelnd zu und sagte dann fast schon im Gehen: „Ja gell, das sind so Gschichten!“ Er ließ sich einfach in nichts mehr verwickeln.

Heinz Butz wird dieses Jahr 85. Ich habe ihn nie wieder gesehen seit damals. Aber ich bin voll Liebe und Dankbarkeit dafür, dass ich ihm begegnen durfte.

Prof. Heinz Butz
© Klaus F. Linscheid

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3 Antworten zu Heinz Butz

    • Nitya schreibt:

      Lieber Tan,

      was für eine Freude am frühen Morgen!
      Ich bedanke mich ganz herzlich für diesen Link!
      Ich habe Heinz Butz auch nach 50 Jahren sofort wiedererkannt.

      Mal sehen, vielleicht krieg ich von der Augsburger Allgemeinen
      die Erlaubnis zur Veröffentlichung in meinem Blog.

      Nochmal ganz herzlichen Dank und einen wundervollen Tag!

      Gefällt mir

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