Karl Renz: Es gibt kein Entkommen

 

karl-renzEs gibt kein Entkommen.

Wenn du sagst, dass da niemand ist, ist da immer noch einer.  Um „da ist keiner“ zu sagen, muss einer da sein. Wenn du sagst, dass es kein Innen und Außen gibt, dann gibt es immer noch ein Innen und ein Außen, weil es jemanden geben muss, der sagt, dass es kein Innen und Außen gibt. Er ruft allein dadurch ein Innen und Außen hervor, dass er darüber spricht. Es gibt kein Entkommen.

Das ist immer noch Teil dieses Verstehens. Es ist immer noch Unwissenheit. Alles, was du definieren kannst, ist Unwissenheit. Alle Definitionen entspringen einem Definierenden und dieser Definierende ist sowieso ein Lügner. Deshalb ist alles, was der Definierende zu sagen hat, Lüge. Der erste Definierer „Ich“ ist bereits schon Lüge, schließlich ist er eine Imagination. Er ist nicht, was du bist, da du dem Lügner vorausgehst. Aus dieser Lüge geht nur Lüge hervor.

aus: Eight Days in Tiruvannamalai

 
Gestern schrieb ich in einem Kommentar zum Zikr der Sufis: „Scheiß-Aufklärung.“ Warum, weil Aufklärung den Verstand nicht transzendiert und auch gar nicht die Absicht hat, ihn zu transzendieren. Aufklärung kann einen Zustand des Beobachtens und Reflektierens erreichen, aber der Beobachtende und Reflektierende geht dabei nie verloren und soll auch gar nicht verloren gehen. Genau dies geschieht jedoch im Zikr. Die rhythmischen Bewegungen und das rhythmische Anrufen Allahs führen zu einem Überschreiten des Zustands des Beobachtenden und Reflektierenden. Ich hab das mal mit einem Sheikh in einem Hinterzimmer mit einer Freundin ganz ohne Trommeln oder Musik praktiziert. Es war wirklich beeindruckend.

 
„Wenn du sagst, dass da niemand ist … wenn du sagst, dass es kein Innen und Außen gibt, …“ – das ist der reflektierende Verstand. Er macht Aussagen und versucht zu verstehen bzw. zu erklären bzw. zu definieren. Derjenige, der all dies tut, wird dabei, während er dies tut, in keiner Weise in Frage gestellt. Verschwindet er denn, wenn er in Frage gestellt wurde? Wer stellt ihn denn in Frage? Der Infragesteller, der selbst auch wieder nicht in Frage gestellt wird. Und Karl sagt dazu aufmunternd: Es gibt kein Entkommen. „Der erste Definierer ‚Ich‘ ist bereits schon Lüge, schließlich ist er eine Imagination. Er ist nicht, was du bist, da du dem Lügner vorausgehst. Aus dieser Lüge geht nur Lüge hervor.“

Also ich finde das ganz wundervoll, wie der Karl das auf den Punkt bringt. Aber bringt das Verstehen dessen, was er aufzeigt, ein Verschwinden der Imagination und ein Erscheinen dessen, das dem Lügner vorausgeht? Jedes Erscheinen wäre ja schon wieder Imagination. Das, was dem Lügner vorausgeht, geht dem Lügner natürlich nicht voraus, da es jenseits von Raum und Zeit ist. Es ist schon immer allgegenwärtig. Die Sufis haben eine Methode gefunden, das zu sein, was jenseits jedes Lügners ist.

derwisch

 

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Dschuang Dsi: seine Natur nicht der Moral unterordnen

 

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Dass nun einer seine Natur der Moral unterordnet, und ob er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne. Dass einer seine Natur dem Geschmackssinn unterordnet, und wenn er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne. Dass einer seine Natur den Tönen unterordnet, und wenn er es darin noch so weit brächte, ist nicht das, was ich Hören nenne. Dass einer seine Natur den Farben unterordnet, und wenn er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich Schauen nenne.

Was ich gut nenne, hat mit der Moral nichts zu tun, sondern ist einfach Güte des eigenen Geistes. Was ich gut nenne, hat mit dem Geschmack nichts zu tun, sondern ist einfach das Gewährenlassen der Gefühle des eigenen Lebens. Was ich Hören nenne, hat mit dem Vernehmen der Außenwelt nichts zu tun, sondern ist einfach Vernehmen des eigenen Innern. Was ich Schauen nenne, hat mit dem Sehen der Außenwelt nichts zu tun, sondern ist einfach Sehen des eigenen Wesens.

Wer nicht sich selber sieht, sondern nur die Außenwelt; wer nicht sich selbst besitzt, sondern nur die Außenwelt: der besitzt nur fremden Besitz und nicht seinen eigenen Besitz, der erreicht nur fremden Erfolg und nicht seinen eigenen Erfolg. Wer fremden Erfolg erreicht und nicht seinen eigenen Erfolg, dessen Erfolg ist […]  unwahr und falsch, und ich würde mich seiner schämen angesichts der urewigen Naturordnungen. Darum halte ich mich auf der einen Seite zurück von allem Moralbetrieb und auf der andern Seite von allem zügellosen und unwahren Wandel.

aus: Dschuang Dsi, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

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Kennt ihr den noch? Also der Typ fiel mir wieder ein, als ich Dschuang Dsis Geschichte las. Alexander S. Neill, Freund von Wilhelm Reich und Gründer der genialen Summerhill-Schule sowie Autor u.a. des Buches „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill“. Dschuang Dsi sagt: „Dass nun einer seine Natur der Moral unterordnet, und ob er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne.“ Das Unterordnen der eigenen Natur, um dieses Thema ging es auch A.S. Neill. Das Wort „antiautoritär“ findet sich zwar in dem genannten Buchtitel, aber wahrscheinlich war das die Idee des Verlags. Neill soll diesen Begriff nicht sonderlich gemocht haben, weil er nur Missverständnisse erzeugen würde. Ich würde sagen, Neills Anliegen war weder das Autoritäre noch das Antiautoritäre, sondern ein Höchstmaß an Freiheit und Intelligenz im Spannungsgefüge zwischen der eigenen Natur des Einzelnen und der eigenen Natur aller Mitmenschen.
rViele sind überrascht, wenn sie Summerhill besuchen, dass diese angeblich antiautoritären Chaoten jede Menge Regeln für sich aufgestellt haben und dass es dort auch Sanktionen bei Regelüberschreitungen gibt. Zoë Neill Readhead, heutige Leiterin der Summerhill-Schule und Tochter von A.S. und Ena May Neill, zitiert ihren Vater: „Mein Vater hat immer gesagt, dass in einem guten Zuhause Eltern und Kinder gleiche Rechte haben. In einem schlechten Zuhause haben die Eltern zu viel Macht – oder die Kinder.“ In diesem Satz stecken schon die Begriffe autoritär und anti-autoritär. Letzteres ist ja auch nichts anders als eine Form des Autoritären. Neill und Dschuang Dsi geht es jedoch um Freiheit und die Verantwortung, die untrennbar zur Freiheit gehört, wenn Freiheit nicht bedeuten soll: „Alle Freiheit für mich und keine für dich.“ Dies wäre ja schon wieder im höchsten Maße autoritär. In Summerhill muss kein Schüler am Unterricht teilnehmen, er darf aber auch nicht seine Mitschüler oder die Ordnung, die sich die Schülerversammlung in Eigenverantwortung gegeben hat, beeinträchtigen.

Das Dschuang Dsi-Zitat schließt mit dem Satz: „Ich halte mich auf der einen Seite zurück von allem Moralbetrieb und auf der andern Seite von allem zügellosen und unwahren Wandel.“ Das könnte auch als Motto für Summerhill gelten.

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Mansūr Hallādsch: Dir gebührt der Preis für das, was du tust

 

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Hier sind deine Diener,
die sich versammelt haben,  um mich zu töten
aus Eifer für deine Religion und im Streben nach dir.

Verzeih ihnen und sei ihnen gnädig;
denn wenn du ihnen den verhüllenden Schleier weggezogen hättest wie mir, so würden sie das nicht mit mir tun.

Und wenn du mir dasselbe verdeckt hättest wie ihnen,
so wäre ich nicht in dieser Prüfung.

Dir gebührt der Preis für das, was du tust,
und dir gebührt der Preis für das, was du willst.

Abū l-Mughīth al-Husain ibn Mansūr al-Hallādsch

aAl-Hallādsch ist berühmt-berüchtigt für seinen staunend-jubelnden Ausruf: „Anā l-ḥaqq“, was soviel heißt wie: „Ich bin die (göttliche) Wahrheit.“ Wir erinnern uns an die überlieferten Worte von Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Al-Hallādsch wurde für seine Erkenntnis, die er immer wieder laut herausschrie, gefoltert und auf eine besonders sadistische Weise hingerichtet

Bestimmte Erkenntnisse kann man gar nicht oft genug wiederholen, denn – wer weiß – manchmal geschieht dadurch das Wunder, dass die Erkenntnis eines anderen zur eigenen Erkenntnis wird. Im Augenblick möchte ich noch einmal Adi Shankara zitieren:

Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,
da sie nur Vorstellungen erzeugen;
alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
da er sie nicht benötigt.

Al-Hallādsch (857 – 922) geht es um genau das, was Adi Shankara (788 – 820) schon so klar auf den Punkt gebracht hat. Statt vom Befreiten und vom Unbefreiten spricht er vom verhüllenden Schleier, der im einen Fall weggezogen und im anderen Fall nicht weggezogen wurde. Weggezogen von ihm, den Al-Hallādsch mit „du“ anspricht. Wüssten wir nicht von Al-Hallādschs „Anā l-ḥaqq“, könnten wir annehmen, er würde von einer göttlichen Entität sprechen, die getrennt von allen menschlichen Entitäten nach Gutsherrenart auf diese Einfluss nimmt. So aber können wir davon ausgehen, dass er – wie Fariduddin Attar – weiß, dass der Weg von Gott  zu Gott führt bzw. wie es Gabi Happe gestern dankenswerter Weise auf Facebook zitierte: „Das Meer bleibt immer das Meer, egal welcher Philosophie der Tropfen folgt.“ (Attar) Ob befreit oder nicht befreit, ob mit oder ohne Schleier, das Meer bleibt immer das Meer.

„Verzeih ihnen und sei ihnen gnädig“, sagt Al-Hallādsch, was natürlich Quatsch ist, wenn derjenige, der verzeihen und gnädig sein soll, gleichzeitig derjenige ist, der verschleiert bzw. vom Schleier befreit.

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Fariduddin Attar: Beides ist falsch


aEin Weiser wurde gefragt,
ob der Weg von Gott zum Menschen
oder vom Menschen zu Gott führe.
Er antwortete:
Beides ist falsch.
Der Weg führt von Gott zu Gott.

Fariduddin Attar

the-creation-of-adam

Darüber könnte man jetzt viel sagen. Man könnte sogar darüber diskutieren. Hab ich aber keinen Bock drauf. Man könnte sich auch einfach öffnen und wie Nisargadatta dem Sri Siddharameshwar vertrauen: „Glaub mir, du bist eins mit der göttlichen Wirklichkeit! Nimm dies als die absolute Wahrheit an. Deine Freude und dein Leid sind göttlich, alles kommt von Gott. Erinnere dich jederzeit: Du bist Gott, dein Wille geschehe!“

„Der Weg führt von Gott zu Gott.“
Oder vielleicht sogar:
Da ist kein Weg von Gott zu Gott.
Nur ein Tanz des Göttlichen.

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Kabîr: Ich bin der Sklave dieser Laune der Suche

 

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Oh, mein Freund!
Schau nach Ihm aus während Du lebst,
erkenne während Du lebst,
verstehe während Du lebst:
um im Leben die erlösende Befreiung zu ertragen.

Wenn Deine Bindungen nicht gebrochen werden,
während Du lebst,
welche Aussicht auf eine erlösende Befreiung
hast Du im Tode?

Es ist nur ein leerer Traum,
dass die Seele sich mit Ihm vereinigen wird,
weil sie dem Körper entkommen ist:
Wenn Er jetzt gefunden werden kann,
dann kann Er auch dann gefunden werden.
Wenn nicht, dann gehen wir fort,
um in der Stadt des Todes zu wohnen.

Wenn Du die Vereinigung jetzt hast,
dann hast Du sie auch danach.
Bade in der Wahrheit,
wisse den wahren Lehrer,
habe Vertrauen in den wahren Namen!

Kabîr sagt: Es ist die Laune der Suche, welche hilft;
Ich bin der Sklave dieser Laune der Suche.

aus: Kabîr, „Die Lieder des Kabir

Kabîr versucht in diesem Vers auf das Trügerische der Hoffnung hinzuweisen, dass die Seele sich nach dem Tod wieder in Ihm auflösen würde, dass der Tropfen wieder zum Meer würde. Er sagt: „Es ist nur ein leerer Traum, dass die Seele sich mit Ihm vereinigen wird, weil sie dem Körper entkommen ist.“ Wenn ich das richtig sehe, geht Kabîr mit dieser Aussage scheinbar von einer individuellen Seele aus, die solange inkarnieren wird, wie sie sich nicht während einer Inkarnation mit Ihm vereinigt hat.

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Es mag für den einen oder anderen etwas Pädagogisches haben. So etwas wie das Drohen mit einer Strafe: „Wenn du nicht …, dann gibt’s Saures!“ Er mahnt scheinbar zur Eile. „Schieb’s nicht auf die Zeit nach dem Tod, da wird gar nichts mehr passieren.“ Wenigstens droht er nicht damit, dass wir im nächsten Leben als Regenwurm wiedergeboren werden. Aber nein, ich denke nicht, dass Kabîr es so verstanden haben wissen wollte.

Ich kann ihn eher als Freund sehen. „Oh, mein Freund!“ sagte er ja auch und „erkenne während Du lebst, verstehe während Du lebst: um im Leben die erlösende Befreiung zu ertragen.“ Das hört sich für mich nicht nach einer Drohung an, sondern als der liebevolle Rat eines Freundes, der dabei helfen will, unnötiges Elend zu vermeiden. Kabîr sagt: „Wenn Deine Bindungen nicht gebrochen werden, während Du lebst, welche Aussicht auf eine erlösende Befreiung hast Du im Tode?“ Das scheint alles zu sein, worum es ihm geht: Brich alle Bindungen! Lass alle Anhaftungen los! Also auch den Glauben an Reinkarnation oder such dir was raus, zum Beispiel im Recht zu sein oder dass du der bist, wer du zu sein meinst, oder dass die Merkel doof ist … das fiele mir jetzt verdammt schwer, kann ich euch sagen.

„Wenn Du die Vereinigung jetzt hast, dann hast Du sie auch danach. Bade in der Wahrheit, wisse den wahren Lehrer, habe Vertrauen in den wahren Namen!“ Soviel ich weiß hatte Nisargadatta nur ein sehr kurzes Treffen mit Sri Siddharameshwar Maharaj. Dieser soll ihm empfohlen haben, so oft wie möglich bewusst „ich bin“ zu fühlen. Und er soll hinzugefügt haben: „Glaub mir, du bist eins mit der göttlichen Wirklichkeit! Nimm dies als die absolute Wahrheit an. Deine Freude und dein Leid sind göttlich, alles kommt von Gott. Erinnere dich jederzeit: Du bist Gott, dein Wille geschehe!“ Und Nisargadatta öffnete sich vollkommen für diese Worte und ihrem Sinn und vertraute dem, der sie sagte und machte ihn dadurch zu seinem Guru. Auch nach Jahrhunderten kann jemand zum Guru gemacht werden, einfach dadurch, dass man ihm vertraut. Vertrauen ist nicht Bindung, ist nicht Anhaftung, füge ich vorsichtshalber hinzu. Vertrauen ist vollkommene Öffnung. Bindung und Anhaftung verschließen alle Türen.

Kabîr sagt: „Es ist die Laune der Suche, welche hilft; ich bin der Sklave dieser Laune der Suche.“ So spricht kein Pädagoge. So spricht niemand, der an die Existenz einer individuellen Entität glaubt, die irgendetwas erreichen kann. Ich bin ein Sklave der Laune, kann auch so beschrieben werden: Niemand kann wissen, warum etwas ist, wie es ist. Gnade haben es manche genannt oder am Grabe von Gottes unerforschlichem Ratschluss gesprochen.
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Sa’di: wenn auf beiden Seiten Toren stehn

 

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Zwei Weise werden stets in Frieden bleiben,
Ein Kluger wird sich nie am Toren reiben,
Und wenn der Tor mit finsterm Grolle spricht,
Erheitert sanft der Weise sein Gesicht.
Bei zwei Verständ’gen wird kein Härchen brechen,
Auch nicht, wo sanfter Mann und Starrkopf sprechen;
Doch wenn auf beiden Seiten Toren stehn,
Muß auch die Kette selbst in Stücken gehn.

aus: Sa’di, Moṣleḥ oʾd-Din, „Rosengarten“

Also mal wieder ein Schwank aus meinem Leben, damit ihr ohne den geringsten Zweifel wisst, mit was für einem Toren ihr es zu tun habt. Kürzlich hatten wir auch in Hamburg das gefürchtete Blitzeis. Da ich seit meinem durch Schneeschippen hervorgerufenen Herzinfarkt vorsichtshalber nicht mehr zur Schneeschaufel greife, lasse ich schippen. Der vor Jahren bestellte Winterdienst war so unzuverlässig, dass ich ihm kündigte und für das nächste Jahr einen anderen Winterdienst beauftragte, der seine Arbeit ganz ordentlich machte. Dieses Jahr hatte ich aber noch nichts von ihm gesehen und auch noch keine Rechnung erhalten. Also rief ich da an und fragte nach, ob ich überhaupt noch auf ihrer Kundenliste stünde. Es meldete sich ein junges Mädchen, das von nichts was wusste. Dann aber hörte ich aus dem Hintergrund ein donnergrollendes Organ: „Sie haben gekündigt!“ Ich dachte, ich spinne. Ich kündige doch nicht und hol mir den nächsten Infarkt! Und jetzt bekommt ihr eine bühnenreife Inszenierung der Aussage von Sa’di: „Doch wenn auf beiden Seiten Toren stehn, muß auch die Kette selbst in Stücken gehn.“

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Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Nach dem letzten Schlagabtausch schmetterte der Cerberus den Hörer auf die Gabel, gibt’s ja heute auch nicht mehr, und ich stand mit hochrotem Kopf kurz vor dem nächsten Schlaganfall. Also setzte ich mich an meinen Rechner und schrieb der Lady, mit was sie in einem Schadensfall alles zu rechnen habe, falls sie kein Kündigungsschreiben vorlegen könne.
c
„Zwei Weise werden stets in Frieden bleiben.“ Die Rettung nahte in Gestalt einer weisen Frau, die sich mal eben in die Höhle des Cerberus, eigentlich ja einer Cerbera, begeben wollte. Zu meiner Überraschung kam sie unversehrt wieder zurück und strahlte über alle vier Backen. Die angebliche Cerbera hätte sich als eine ausgesprochen freundliche Frau entpuppt, die etwas verwirrt über meine Mail gewesen sei und gerade dabei war, mir freundlich ihr fehlendes Verständnis mitzuteilen. Die beiden weisen Damen waren sich sehr schnell einig, dass das Ganze auf einem Missverständnis beruhen musste und die Ex-Cerbera versicherte, dass ich noch auf ihrer Kundenliste stehen würde und ich mir keine Sorgen machen müsste. Hach, fiel mir da ein Stein vom Herzen und ich bedauerte zutiefst meine Torheit.

Aber irgendwie ließ es mir keine Ruhe. Wir konnte es sein, dass aus dieser schrecklichen Cerbera plötzlich eine liebenswürdige Weise geworden war? Mir fiel ein, ich könnte die Telefonnummer verwechselt haben. Vielleicht hatte ich ja tatsächlich den Winterdienst angerufen, dem ich vor Jahren gekündigt hatte. Ich guckte also auf der Fritzbox nach und tatsächlich, ich hatte die alte Firma angerufen und die Cerbera war also so was von im Recht! Oh Schande, Schande, Schande – Asche auf mein Haupt!

Was bin ich doch für ein Tor! Nix von weise, aber schon gleich gar nix!

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(… und ich hab mich so was von im Recht gefühlt!)

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Rumi: suche stets nach deinem inneren Wesen

 

maulana-jalaluddin-rumi

Wie kommt es
zu einer wirklichen Verbindung zwischen Menschen?
Wenn das gleiche Wissen
eine Tür zwischen ihnen öffnet.
Suche in jenen,
mit denen du zusammen bist,
stets nach deinem innersten Wesen.
Wie Rosenöl aus Rosen trinkt.
Selbst auf dem Grab eines Heiligen
legt ein Heiliger Gesicht und Hände nieder
und nimmt Licht auf.

Maulana Jalaluddin Rumi

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Na ja, der Rumi halt. 1207 – 1273  gab’s eben noch keine Smartphons. Heute hätte er in jedem öffentlichen Verkehrsmittel sehen können, wie gut bei uns die Verbindung zwischen Menschen klappt. Das ist natürlich nur ein ausgesprochen müdes Witzchen, über das niemand lachen kann, denn außer eines an Oberflächlichkeit kaum noch zu überbietenden, nichtssagenden Blablas findet da nichts statt, schon gar nichts von dem, was Rumi unter einer „wirklichen Verbindung zwischen Menschen“ versteht. Und was er darunter versteht, kann man aus seinen wenigen Worten vielleicht erahnen. „Selbst auf dem Grab eines Heiligen legt ein Heiliger Gesicht und Hände nieder und nimmt Licht auf.“ Na, erzähl das mal den jungen Ladies, die im Bus  auf Ihr Allerheiligstes starren! Die werden dich für total beknackt halten, reif für die Klapse.

Ich muss gestehen, ich habe kein Smartphon. Ich habe ein sog. Seniorenhandy mit extra großen Tasten, das ich so gut wie nie benütze. Aber für den Fall, dass ich mal auf der Autobahn eine Panne habe, könnte es ganz nützlich sein. In meiner Kindheit hatten wir kein Telefon zu Hause. Notfalls lief man zur Telefonzelle. Ansonsten schrieb man sich Briefe oder besuchte sich. Na ja und zu Rumis Zeiten gab es überhaupt kein Telefon, man sprach miteinander auf der Straße oder auf dem Marktplatz, besuchte sich und musste beschwerliche Reisen unternehmen, wenn man einen weit entfernten Freund treffen wollte.

Hat die Art, mit der wir kommunizieren, irgendetwas mit der Qualität der Verbindungen zwischen Menschen zu tun? Mir fällt aus alten Tagen das didaktische Prinzip der „Kindgemäßheit“ ein, später umgetauft auf den furchtbaren Begriff „optimale Passung“. Wir kennen aus der Tierhaltung den Begriff „artgerecht“. Eva Herman fällt mir ein, die für ein Aufwachsen der Kinder in einer möglichst heilen Familie ist und ein zu frühes Abschieben der Kinder in eine Kinderkrippe vermutlich für nicht artgerecht und kindgemäß hält. Aber die Eva gilt ja als Nazitusse und als absolut rückwärtsgewandt. Aber wir leben nun mal in einer globalisierten Welt und müssen uns nolens volens an sie anpassen. Optimale  Passung eben. Zum Beispiel so: Wir sterben nicht mehr ganz altmodisch zu Hause, sondern übergeben unseren Leib lieber in die Hände von Fachleuten. Dr. med. Matthias Thöns beschreibt uns in bewegten Worten, welche Segnungen da auf uns zukommen können:


Von der Wiege bis zur Bahre sind wir also bestens versorgt. Mein Gott, wie weit haben wir uns von uns selbst entfernt! So weit, dass kaum noch jemand fähig und willens ist, Rumis Worte in seinem Herzen zum Klingen zu bringen.

„Wie kommt es zu einer wirklichen Verbindung zwischen Menschen? Wenn das gleiche Wissen eine Tür zwischen ihnen öffnet. Suche in jenen, mit denen du zusammen bist, stets nach deinem innersten Wesen. Wie Rosenöl aus Rosen trinkt. Selbst auf dem Grab eines Heiligen legt ein Heiliger Gesicht und Hände nieder und nimmt Licht auf.“

Was meint Rumi mit dem gleichen Wissen? Wieso soll ich im Zusammensein mit dem anderen nach meinem innersten Wesen suchen und nicht nach seinem? Und was soll das für eine Geschichte sein, dass ein Leichnam, als Lebender heilig oder nicht, in seinem Grab Licht ausstrahlt – ist das physikalisch zu erklären?

Also ich seh‘ mich nicht als Fragen-Beantworter. Die Arbeit will ich niemandem wegnehmen. Ich würde mich wirklich wie ein Dieb fühlen. Und wer keine Lust hat, diese Fragen in sein Herz sinken zu lassen, der hat halt keine Lust. Dann würde es auch nichts bringen, wenn ich hier das Gscheiterle spiele.

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Die Frage, die bei mir auftauchte, war vor allem die: Hat das „Artgerechte“ irgendeine Auswirkung auf das menschliche Bewusstsein? Damit bin ich natürlich ganz bei der Behauptung von Karl Marx: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (Karl Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 9.) und bei Zhuang Zis Geschichte vom Ziehbrunnen und dem Maschinenherz.

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