Abraham Lincoln: Ein Mensch, der nie …

 

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Ein Politiker ist ein Mensch,
der nie das Übel an seiner Wurzel packt,
sondern immer nur dessen Folgen,
aber niemals die Ursachen bekämpft –
weil er sich nicht überflüssig machen will!

aus: Frederick Mayer, „Umdenken „

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Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen,
Obwohl er’s weiß, bei sich ganz still:
Er will nicht, was man von ihm will!

Eugen Roth

Nein, hier geht es nicht um den Anfang eines Gedichts von Eugen Roth, sondern um eine bemerkenswerte Aussage von Abraham Lincoln, dem 16. Präsidenten der USA. Selbst Politiker, betrachtete er seine Kollegen mit Argusaugen und kam so zu seiner Feststellung. Es gibt auch heute genügend Politiker, die Abraham Lincoln aus vollem Herzen zustimmen würden. Aber interessanterweise beschränkt sich das nicht auf Politiker. Ärzte sagen das über Ärzte, Lehrer über Lehrer, Pfarrer über Pfarrer, Wissenschaftler über Wissenschaftler usw. – vielleicht sollte man ja wirklich bei Eugen Roths „Ein Mensch“ bleiben, ein Mensch im Sinne von „ein Ego“.

Ein Mensch ist jemand,
der nie das Übel an seiner Wurzel packt,
sondern immer nur dessen Folgen,
aber niemals die Ursachen bekämpft –
weil er sich nicht überflüssig machen will!

oWie klingt denn das in deinen Ohren, denn zu den Menschen gehörst ja ganz offensichtlich auch du, sonst könntest du das hier gar nicht lesen. Klar gibt es Ausnahmen wie überall. Die Frage ist natürlich, ob ausgerechnet du, also ich will jetzt niemanden beleidigen, ob ausgerechnet du so eine Ausnahme bist.

„… weil er sich nicht überflüssig machen will!“ Wer sich als Pfarrer überflüssig macht, muss sich nach einem neuen Job umsehen und das gilt für jede andere Berufsgruppe in derselben Weise. Aber so oberflächlich dürfte Seng-ts’an den folgenden Satz nicht gemeint haben: „Wer zu den Wurzeln zurückkehrt, findet den Sinn.“ Gemeint ist der Satz vermutlich so: Willst du dich von deinen Wurzeln entfernen, indem du an der Idee von dir als einer von allem getrennten Entität festhältst, die glaubt, selbstständig handeln zu können, dann wirst du den Rest deines Lebens damit beschäftigt sein, vergeblich die Folgen dieser Haltung zu bekämpfen.

k„Ein Mensch“ unterscheidet sich im Allgemeinen kein bisschen von den Politikern und wenn, dann nur dadurch, dass er weniger Macht hat. Er unterscheidet sich auch nicht von den Priestern, die Osho mal zusammen mit den Politikern „die Mafia der Seele“ genannt hat. Insofern müsste man jeden Menschen der „Mafia der Seele“ zurechnen. Dieses ständige mit dem Finger auf „die da oben“ Zeigen, weist diejenigen, deren Lieblingsbeschäftigung das ist, ganz sicher nicht als die besseren Menschen aus. Mein Gott, wenn ich mir diese Hasstiraden gegen den angeblichen Hassprediger Trump angucke, weiß ich wirklich nicht, wer da der Bessere sein soll, falls Trump überhaupt der große Hassprediger ist, als der er dargestellt wird.

Ein Mensch ist jemand, der nie das Übel an der Wurzel packt.

mMensch, werde wesentlich!
Denn wenn die Welt vergeht,
so fällt der Zufall weg:
das Wesen, das besteht.

Angelus Silesius

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Osho: Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, …

 

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Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet,
der verfehlt ihre Wirklichkeit … – und damit die Wahrheit.
Wer behauptet, die Existenz sei leer,
der leugnet ihre Wirklichkeit – desgleichen.

aus: Seng-ts’an, „Hsin Hsin Ming“

Philosophie kann sehr listig sein. Haltet euch meinetwegen selbst zum Narren und redet euch ein, die Welt sei unwirklich. Aber warum müsst ihr das anderen beweisen und sie auch davon überzeugen? Wenn ihr das wisst, braucht ihr keine anderen überzeugen und ihnen Beweise und Argumente zu liefern, braucht ihr auch keine Philosophie. Das alles braucht ihr nur, wenn ihr es nicht wisst. Alle philosophischen Erkenntnismethoden dienen nur dazu, wirklich zu scheinen.

Es geht nicht um Beweise für die Unwirklichkeit der Welt. Dieses Sutra besagt: Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der verfehlt die Wirklichkeit … Und ihre Wirklichkeit ist das Göttliche, ihre Wirklichkeit ist das Wahre. Wer die Wirklichkeit dieses Baumes hier leugnet, der hat das Göttliche darin, die Wahrheit in dem Baum geleugnet. Der Baum ist nur eine Gegebenheit; alles Gegebene ist aber nur die Außenseite der Wahrheit. Der Vogel ist auch eine Gegebenheit, aber seine Wahrheit ist dieselbe. Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, mal als Stein, mal als Mensch – in lauter verschiedenen Formen. Fakten sind Fakten, aber in jeder von ihnen steckt, wenn man etwas tiefer geht, die Wahrheit. Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der hat das Formlose in ihr verleugnet.

aus: Osho, „Hsin Hsin Ming – The Book of Nothing“

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Der letzte Satz in dem Zitat ist der entscheidende: „Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der hat das Formlose in ihr verleugnet.“ Das Formlose in der Form und die Form sind untrennbar eins. Und doch wurden und werden beide immer wieder getrennt dargestellt. In Shankaras „Das Kleinod der Unterscheidung“ geht es genau darum, Form und Formlosigkeit zu unterscheiden, damit sie nicht ständig vermischt werden. Buddhas „Form ist Formlosigkeit, Formlosigkeit ist Form“ will auf die Einheit dieses nur konzeptuell Getrennten aufmerksam machen. Als Heinz Butz sein „Spüren Sie’s?“ flüsterte, gab es nur noch Zeitlosigkeit, und Form und Formlosigkeit waren nicht voneinander zu trennen. In dem Moment, in dem ich das einem anderen erzähle und gar noch erwarte, dass er das für die Wahrheit hält, bricht der Wahnsinn aus. Entweder glaubt mir der andere nicht, dann verschließt er sich vielleicht für diese Möglichkeit, oder er glaubt mir, dann ist wirklich alles zu spät. Lieber nicht glauben als glauben, das ist wenigstens das kleinere Übel, denn der Glaube lässt mich glauben, ich hätte es jetzt – das, was niemals zu haben ist.

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Seng-ts’an sagt: „Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der verfehlt ihre Wirklichkeit … – und damit die Wahrheit. Wer behauptet, die Existenz sei leer, der leugnet ihre Wirklichkeit – desgleichen.“ Das Hsin Hsin Ming ist weder ein Lehrbuch noch eine Bibel. Und Seng-ts’san wäre der Letzte gewesen, der gewollt hätte, dass man ihm glaubt. Seng-ts’an will einfach aufmerksam machen auf etwas, was sich ihm offenbart hat. Was du mit diesem Hinweis machst, ist ganz allein deine Sache und die wiederum ist nicht deine Sache, sondern das, was geschieht. Also bleibt dir nichts anderes übrig als zu schauen, was mit dir geschieht, während du diese überlieferten Zeilen liest. Und pass gut auf. Osho sagt: „Philosophie kann sehr listig sein.“ Im Rationalisieren sind wir alle Großmeister. Und im Predigen auch. Und dann soll uns der andere unsere Rationalisierungen auch noch bestätigen und glauben. Auf diese Weise können wir unsere eigenen Rationalisierungen noch besser glauben und uns bleibt jeder Zweifel erspart.

Osho sagt: „Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, mal als Stein, mal als Mensch – in lauter verschiedenen Formen.“ Ist das nicht fein? Sie erscheint sogar in deinen Rationalisierungen. Und darin, dass du Tomaten auf den Augen hast und das alles nicht wahrhaben willst.
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Karl Renz: Das Selbst ist reines Selbst

 

karl-renzDas Selbst genießt sich ununterbrochen, indem es das Selbst ist. Damit genießt das, was das Selbst ist, auch die Ungenießbarkeit dessen, was nicht das Selbst ist. Ja wirklich, du kannst die vollkommene Harmonie niemals stören. Sie kann durch nichts gestört werden. Und das, was gestört werden kann, ist nicht das Selbst. Das, was (das) Selbst ist, kümmert sich zu keiner Zeit um das, was nicht (das) Selbst ist. Das Selbst passt nicht auf, was sich als Selbst entfaltet. Das Selbst ist reines Selbst – und es ist selbst absolute und vollkommene Glückseligkeit und damit die Abwesenheit jeder Idee davon, was das Selbst ist oder nicht ist. Das ist das vollkommene Glück, und darin besteht die Perfektion des Selbst, dem nichts angetan werden kann. Es kann nicht vernichtet werden, und mit ihm kann nichts angestellt werden, weil es sich dabei nicht um ein Objekt in der Zeit handelt, das du bewegen oder nicht bewegen kannst. Damit läuft es immer wieder auf den Punkt hinaus: Sei vor dem, was Raum und Zeit sind. Erkenne oder erfahre einfach, dass das, was du bist, von dem nicht berührt oder verändert wurde oder werden kann, was wahrnehmbare, phänomenale Schatten sind.

aus einem Interview mit Karl Renz

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Mir kam der Text schon kürzlich in die Quere, aber ich habe mich gedrückt, irgendwas dazu zu schreiben. Mir fiel einfach nichts dazu ein. Ich kann ja nicht ständig den Shankara-Spruch zitieren. Okay, das Selbst ist einfach das Selbst. Und ob das Selbst sich nun ununterbrochen genießt, indem es das Selbst ist, ist eine kühne Behauptung, die nur das Selbst bestätigen könnte.

„Damit genießt das, was das Selbst ist, auch die Ungenießbarkeit dessen, was nicht das Selbst ist.“ Aha, es gibt also auch etwas, was nicht das Selbst ist. Sagt jedenfalls der Karl. Wie er sich aus dieser Behauptung  wohl wieder rauskriegt? „Das, was gestört werden kann, ist nicht das Selbst.“ Ich hab neuerdings schon wieder Wasser in den Beinen, sodass ich kaum noch in einen Schuh reinkomme. Das stört mich ganz gewaltig. Also mein Doc verschrieb mir ein Diuretikum, das ich gegen meine Herzschwäche vorübergehend nehmen solle, um meinem Herzen die Arbeit zu erleichtern. Weil mich das wirklich nervt, in keinen Schuh mehr vernünftig reinzukommen, hör ich auf meinen Doc. Aber bevor ich jetzt allzu sehr abschweife und hier meine Alterswehwehchen ausbreite, zurück zur Sache: Das Wasser in den Beinen ist nicht das Selbst, weil es mich stört. Alles klar? Oder doch nicht? Vielleicht stimmt das ja gar nicht, was der Karl da von sich gibt?

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Von sich geben tut der Kerl auch dies: „Das, was Selbst ist, kümmert sich zu keiner Zeit um das, was nicht Selbst ist.“ ‚Selbst first‘ oder wie? Hat’s wohl nicht nötig, sich darum zu kümmern, wie ich in meine Schuhe reinkomme, der feine Pinkel? „Es [das Selbst] kann nicht vernichtet werden, und mit ihm kann nichts angestellt werden, weil es sich dabei nicht um ein Objekt in der Zeit handelt, das du bewegen oder nicht bewegen kannst.“ Sag ich ja, feiner Pinkel, und ich kann sehen, wo ich mit meinen Objekten, äähhh Füßen, bleibe. Und jetzt kommt’s: „Damit läuft es immer wieder auf den Punkt hinaus: Sei vor dem, was Raum und Zeit sind. Erkenne oder erfahre einfach, dass das, was du bist, von dem nicht berührt oder verändert wurde oder werden kann, was wahrnehmbare, phänomenale Schatten sind.“ Also mit dem „vor dem“ steh ich ja auf dem Kriegsfuß. Da gefällt mir Tilopa besser, wenn er sagt: Mahamudra liegt jenseits von Hingabe und Weigerung. Meine Füße als „wahrnehmbare, phänomenale Schatten“ finde ich meinen Füßen gegenüber, die mich mein ganzes Leben getreulich getragen haben, ziemlich despektierlich, aber sei’s drum … ooch Mööönsch, ist doch sowieso klar wie Kloßbrühe, aber irgendwas in mir scheint sich zunehmend zu weigern, noch irgendwas Gewichtiges von mir zu geben. Langsam kann ich nur noch rumalbern.

bAlso wenn ich mir so’n Fuß von Buddha anguck, hätte sich sein Selbst vielleicht doch ein bisschen um diesen phänomenalen Schatten kümmern sollen. Ganz so dick sind meine Treter nämlich noch lange nicht. „Damit genießt das, was das Selbst ist, auch die Ungenießbarkeit dessen, was nicht das Selbst ist.“ Na, dieses Selbst soll mir mal im Dunkeln begegnen! Meine süßen Füßchen sind nicht ungenießbar. Gut zubereitet mit Pfeffer, Salz, Paprika und Knoblauch schmecken sie bestimmt ganz köstlich!

(Was es nun wirklich mit den wahrnehmbaren, phänomenalen Schatten auf sich hat, wird erst morgen der staunenden Öffentlichkeit preisgegeben.)

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Osho: du bist einfach der, der du bist


oshoMan sollte weder geben noch nehmen,
Sondern natürlich bleiben – denn Mahamudra
Liegt jenseits von Hingabe und Weigerung.

Tilopa

Und wenn du einfach natürlich bleibst, wenn du weder etwas ablehnst noch etwas akzeptierst, weder kämpfst noch kapitulierst, weder Ja noch Nein sagst, sondern den Dingen ihren Lauf lässt, dann geschieht alles, so wie es eben geschieht, und du mischt dich nicht mit deinen Vorlieben ein. Was immer geschieht, das nimmst du als geschehen zur Kenntnis; du modelst nicht daran herum, du lässt alles so, wie es ist. Dir geht es nicht darum, dich zu bessern, du bist einfach der, der du bist. Das ist sehr, sehr hart für deinen Verstand, denn der Verstand ist ein großer Selbstverbesserer.

aus: Osho, „Tantra – Die höchste Einsicht“

wDer Dalai Lama wusste: „Wo der Verstand aufhört, beginnt die Wut. Deshalb ist Wut ein Zeichen von Schwäche.“ Was der so alles weiß! Klingt, als ob er mal in einer christlichen Schule nachsitzen musste. Osho sagt: „Der Verstand ist ein großer Selbstverbesserer.“ Selbstverbesserer und Weltverbesserer. Der Verstand und der Dalai Lama. Und Laotse meint: „Meinst du etwa, du könntest das Universum ergreifen und es verbessern? Ich glaube nicht, dass du das kannst. Das Universum ist vollkommen, es kann nicht verbessert werden. Es zu verbessern heißt, es zu zerstören. Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.“ Wir Menschen sind seit geraumer Zeit dabei, sowohl uns wie die Welt zu verbessern. Der Zustand der Welt zeigt uns vermutlich mehr noch als unser eigener, wie wegweisend Laotses Aussage war. Und natürlich haben nicht alle Menschen Tomaten auf den Augen und sehen, was sie angerichtet haben, und glauben zu wissen, was falsch gemacht wurde, und glauben zu wissen wie man es richtig macht und wie man sich und die Welt retten und verbessern kann. „The same procedure as every year, James.“
uGestern schrieb TeggyTiggs: „… wenn ich es zu Ende denke, dann komme ich zu dem Schluss, dass ich dieses Denken gleich fallen lassen kann…und ich bin da, wo ich hin will…also in die Wolken gucken…“ Das ist natürlich auch gedacht, aber die Frage taucht vielleicht auf: Was wäre denn, wenn wir das Denken fallen lassen könnten und fallen ließen bzw. wenn da ganz von selbst kein Denken mehr auftauchen würde? Ich denke unwillkürlich an den Beinahe-Unfall, bei dem ich fast zwischen zwei sich entgegenkommenden Lkws zerquetscht worden wäre. Da war kein Denken mehr, da war keine Zeit mehr für’s Denken und doch geschah genau das Optimale in dieser Situation. Das Lenkrad wurde herumgerissen und mein Auto steuerte zielgenau in einen Feldweg, den ich vorher gar nicht bewusst wahrgenommen hatte – und das mit 120 km/h. Nie hätte ich das bei „klarem“ Verstand hingekriegt. Und als das Auto zum Stehen kam, lachte ich wie ein Blöder. Es war einfach nur total geil. Ich kam mir vor wie auf dem Autoscooter auf dem Jahrmarkt.

Sollten wir uns vielleicht den Neokortex veröden lassen? Osho sagt: „Dir geht es nicht darum, dich zu bessern, du bist einfach der, der du bist.“ Also, is nix mit Neokortex Veröden. Ich bin einfach der, der ich bin, und ich bin nun mal einfach so’n komisches Viech mit Verstand. Und der ist unter uns gesagt eine ganz wundervolle Fähigkeit, ohne die wir vermutlich längst ausgestorben wären. Nun also die große Preisfrage: Wie kann das gelebt werden, was Tilopa da sagt?

nMan sollte weder geben noch nehmen,
Sondern natürlich bleiben – denn Mahamudra
Liegt jenseits von Hingabe und Weigerung.

(wer jetzt vorsagt, liegt schon daneben)

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Karl Renz: Es gibt kein Entkommen

 

karl-renzEs gibt kein Entkommen.

Wenn du sagst, dass da niemand ist, ist da immer noch einer.  Um „da ist keiner“ zu sagen, muss einer da sein. Wenn du sagst, dass es kein Innen und Außen gibt, dann gibt es immer noch ein Innen und ein Außen, weil es jemanden geben muss, der sagt, dass es kein Innen und Außen gibt. Er ruft allein dadurch ein Innen und Außen hervor, dass er darüber spricht. Es gibt kein Entkommen.

Das ist immer noch Teil dieses Verstehens. Es ist immer noch Unwissenheit. Alles, was du definieren kannst, ist Unwissenheit. Alle Definitionen entspringen einem Definierenden und dieser Definierende ist sowieso ein Lügner. Deshalb ist alles, was der Definierende zu sagen hat, Lüge. Der erste Definierer „Ich“ ist bereits schon Lüge, schließlich ist er eine Imagination. Er ist nicht, was du bist, da du dem Lügner vorausgehst. Aus dieser Lüge geht nur Lüge hervor.

aus: Eight Days in Tiruvannamalai

 
Gestern schrieb ich in einem Kommentar zum Zikr der Sufis: „Scheiß-Aufklärung.“ Warum, weil Aufklärung den Verstand nicht transzendiert und auch gar nicht die Absicht hat, ihn zu transzendieren. Aufklärung kann einen Zustand des Beobachtens und Reflektierens erreichen, aber der Beobachtende und Reflektierende geht dabei nie verloren und soll auch gar nicht verloren gehen. Genau dies geschieht jedoch im Zikr. Die rhythmischen Bewegungen und das rhythmische Anrufen Allahs führen zu einem Überschreiten des Zustands des Beobachtenden und Reflektierenden. Ich hab das mal mit einem Sheikh in einem Hinterzimmer mit einer Freundin ganz ohne Trommeln oder Musik praktiziert. Es war wirklich beeindruckend.

 
„Wenn du sagst, dass da niemand ist … wenn du sagst, dass es kein Innen und Außen gibt, …“ – das ist der reflektierende Verstand. Er macht Aussagen und versucht zu verstehen bzw. zu erklären bzw. zu definieren. Derjenige, der all dies tut, wird dabei, während er dies tut, in keiner Weise in Frage gestellt. Verschwindet er denn, wenn er in Frage gestellt wurde? Wer stellt ihn denn in Frage? Der Infragesteller, der selbst auch wieder nicht in Frage gestellt wird. Und Karl sagt dazu aufmunternd: Es gibt kein Entkommen. „Der erste Definierer ‚Ich‘ ist bereits schon Lüge, schließlich ist er eine Imagination. Er ist nicht, was du bist, da du dem Lügner vorausgehst. Aus dieser Lüge geht nur Lüge hervor.“

Also ich finde das ganz wundervoll, wie der Karl das auf den Punkt bringt. Aber bringt das Verstehen dessen, was er aufzeigt, ein Verschwinden der Imagination und ein Erscheinen dessen, das dem Lügner vorausgeht? Jedes Erscheinen wäre ja schon wieder Imagination. Das, was dem Lügner vorausgeht, geht dem Lügner natürlich nicht voraus, da es jenseits von Raum und Zeit ist. Es ist schon immer allgegenwärtig. Die Sufis haben eine Methode gefunden, das zu sein, was jenseits jedes Lügners ist.

derwisch

 

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Dschuang Dsi: seine Natur nicht der Moral unterordnen

 

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Dass nun einer seine Natur der Moral unterordnet, und ob er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne. Dass einer seine Natur dem Geschmackssinn unterordnet, und wenn er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne. Dass einer seine Natur den Tönen unterordnet, und wenn er es darin noch so weit brächte, ist nicht das, was ich Hören nenne. Dass einer seine Natur den Farben unterordnet, und wenn er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich Schauen nenne.

Was ich gut nenne, hat mit der Moral nichts zu tun, sondern ist einfach Güte des eigenen Geistes. Was ich gut nenne, hat mit dem Geschmack nichts zu tun, sondern ist einfach das Gewährenlassen der Gefühle des eigenen Lebens. Was ich Hören nenne, hat mit dem Vernehmen der Außenwelt nichts zu tun, sondern ist einfach Vernehmen des eigenen Innern. Was ich Schauen nenne, hat mit dem Sehen der Außenwelt nichts zu tun, sondern ist einfach Sehen des eigenen Wesens.

Wer nicht sich selber sieht, sondern nur die Außenwelt; wer nicht sich selbst besitzt, sondern nur die Außenwelt: der besitzt nur fremden Besitz und nicht seinen eigenen Besitz, der erreicht nur fremden Erfolg und nicht seinen eigenen Erfolg. Wer fremden Erfolg erreicht und nicht seinen eigenen Erfolg, dessen Erfolg ist […]  unwahr und falsch, und ich würde mich seiner schämen angesichts der urewigen Naturordnungen. Darum halte ich mich auf der einen Seite zurück von allem Moralbetrieb und auf der andern Seite von allem zügellosen und unwahren Wandel.

aus: Dschuang Dsi, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

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Kennt ihr den noch? Also der Typ fiel mir wieder ein, als ich Dschuang Dsis Geschichte las. Alexander S. Neill, Freund von Wilhelm Reich und Gründer der genialen Summerhill-Schule sowie Autor u.a. des Buches „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill“. Dschuang Dsi sagt: „Dass nun einer seine Natur der Moral unterordnet, und ob er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne.“ Das Unterordnen der eigenen Natur, um dieses Thema ging es auch A.S. Neill. Das Wort „antiautoritär“ findet sich zwar in dem genannten Buchtitel, aber wahrscheinlich war das die Idee des Verlags. Neill soll diesen Begriff nicht sonderlich gemocht haben, weil er nur Missverständnisse erzeugen würde. Ich würde sagen, Neills Anliegen war weder das Autoritäre noch das Antiautoritäre, sondern ein Höchstmaß an Freiheit und Intelligenz im Spannungsgefüge zwischen der eigenen Natur des Einzelnen und der eigenen Natur aller Mitmenschen.
rViele sind überrascht, wenn sie Summerhill besuchen, dass diese angeblich antiautoritären Chaoten jede Menge Regeln für sich aufgestellt haben und dass es dort auch Sanktionen bei Regelüberschreitungen gibt. Zoë Neill Readhead, heutige Leiterin der Summerhill-Schule und Tochter von A.S. und Ena May Neill, zitiert ihren Vater: „Mein Vater hat immer gesagt, dass in einem guten Zuhause Eltern und Kinder gleiche Rechte haben. In einem schlechten Zuhause haben die Eltern zu viel Macht – oder die Kinder.“ In diesem Satz stecken schon die Begriffe autoritär und anti-autoritär. Letzteres ist ja auch nichts anders als eine Form des Autoritären. Neill und Dschuang Dsi geht es jedoch um Freiheit und die Verantwortung, die untrennbar zur Freiheit gehört, wenn Freiheit nicht bedeuten soll: „Alle Freiheit für mich und keine für dich.“ Dies wäre ja schon wieder im höchsten Maße autoritär. In Summerhill muss kein Schüler am Unterricht teilnehmen, er darf aber auch nicht seine Mitschüler oder die Ordnung, die sich die Schülerversammlung in Eigenverantwortung gegeben hat, beeinträchtigen.

Das Dschuang Dsi-Zitat schließt mit dem Satz: „Ich halte mich auf der einen Seite zurück von allem Moralbetrieb und auf der andern Seite von allem zügellosen und unwahren Wandel.“ Das könnte auch als Motto für Summerhill gelten.

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Mansūr Hallādsch: Dir gebührt der Preis für das, was du tust

 

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Hier sind deine Diener,
die sich versammelt haben,  um mich zu töten
aus Eifer für deine Religion und im Streben nach dir.

Verzeih ihnen und sei ihnen gnädig;
denn wenn du ihnen den verhüllenden Schleier weggezogen hättest wie mir, so würden sie das nicht mit mir tun.

Und wenn du mir dasselbe verdeckt hättest wie ihnen,
so wäre ich nicht in dieser Prüfung.

Dir gebührt der Preis für das, was du tust,
und dir gebührt der Preis für das, was du willst.

Abū l-Mughīth al-Husain ibn Mansūr al-Hallādsch

aAl-Hallādsch ist berühmt-berüchtigt für seinen staunend-jubelnden Ausruf: „Anā l-ḥaqq“, was soviel heißt wie: „Ich bin die (göttliche) Wahrheit.“ Wir erinnern uns an die überlieferten Worte von Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Al-Hallādsch wurde für seine Erkenntnis, die er immer wieder laut herausschrie, gefoltert und auf eine besonders sadistische Weise hingerichtet

Bestimmte Erkenntnisse kann man gar nicht oft genug wiederholen, denn – wer weiß – manchmal geschieht dadurch das Wunder, dass die Erkenntnis eines anderen zur eigenen Erkenntnis wird. Im Augenblick möchte ich noch einmal Adi Shankara zitieren:

Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,
da sie nur Vorstellungen erzeugen;
alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
da er sie nicht benötigt.

Al-Hallādsch (857 – 922) geht es um genau das, was Adi Shankara (788 – 820) schon so klar auf den Punkt gebracht hat. Statt vom Befreiten und vom Unbefreiten spricht er vom verhüllenden Schleier, der im einen Fall weggezogen und im anderen Fall nicht weggezogen wurde. Weggezogen von ihm, den Al-Hallādsch mit „du“ anspricht. Wüssten wir nicht von Al-Hallādschs „Anā l-ḥaqq“, könnten wir annehmen, er würde von einer göttlichen Entität sprechen, die getrennt von allen menschlichen Entitäten nach Gutsherrenart auf diese Einfluss nimmt. So aber können wir davon ausgehen, dass er – wie Fariduddin Attar – weiß, dass der Weg von Gott  zu Gott führt bzw. wie es Gabi Happe gestern dankenswerter Weise auf Facebook zitierte: „Das Meer bleibt immer das Meer, egal welcher Philosophie der Tropfen folgt.“ (Attar) Ob befreit oder nicht befreit, ob mit oder ohne Schleier, das Meer bleibt immer das Meer.

„Verzeih ihnen und sei ihnen gnädig“, sagt Al-Hallādsch, was natürlich Quatsch ist, wenn derjenige, der verzeihen und gnädig sein soll, gleichzeitig derjenige ist, der verschleiert bzw. vom Schleier befreit.

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