Hua Yan: Der Stil eines wahrhaft Übenden


Chan-Meister Lin Ji besuchte einmal den Meister Hua Yan. Als er auf Hua Yan traf, machte dieser gerade ein Nickerchen. Lin Ji weckte ihn sanft und sprach: „Die Mönche sind alle in der Halle beim Meditieren, warum bist du hier beim Schlafen?“ Hua Yan fühlte sich weder beschämt noch herausgefordert. Mit sanfter Stimme erwiderte er: „Der Stil eines wahrhaft Übenden ist anders als der normaler Leute.“ Kaum hatte Lin Ji diese Worte vernommen, umgriff er Meister Huas Stuhllehne und rief mit lauter Stimme nach dessen Diener. Der Diener kam herbei und Lin Ji ordnete an: „Bitte bring dem wahrhaft übenden Meister Hua Yan eine Tasse Tee.“ Hua Yan hatte keine Einwände, dass Lin Ji ungefragt seinem Helfer Aufträge erteilte. Lächelnd sagte er zu ihm: „Geleite diesen aus weiter Ferne gekommenen Gast in die Chan-Halle zu den anderen Mönchen, er hat die Kraft, sie alle zu erwecken.“

Lin ji hatte nun nichts mehr zu sagen, strich sich über die Ärmel und wollte sich sogleich wieder verabschieden. Beim Fortgehen rief er Hua Yan zu: „Du hast das Recht, im Schlaf zu üben. Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt keinen anderen Chan-Meister, der die Übenden auf solche Weise bewirtet.“

aus: Hans-Günter Wagner, „Das Kostbarste im Leben“

     Der wahrhaft Übende übt nicht mehr. Er lässt das Leben geschehen, wie es geschehen will und stellt sich ihm mit seinen Vorstellungen, Absichten und Plänen nicht in den Weg. Wenn ein Nickerchen angesagt ist, geschieht eben ein Nickerchen. Das scheint für Meister Hua Yan so selbstverständlich zu sein, dass er gar nicht auf die Idee kommt, sich zu rechtfertigen, als er von Lin Ji bei seinem Nickerchen „ertappt“ wird. Lin Ji fragt ihn anscheinend vorwurfsvoll: „Die Mönche sind alle in der Halle beim Meditieren, warum bist du hier beim Schlafen?“ Es ist keine Frage, es ist eine Provokation, ein Test. Und zur Freude von Lin Ji erweist sich Meister Hua Yan als ein wahrhafter Meister. Er antwortet: „Der Stil eines wahrhaft Übenden ist anders als der normaler Leute.“

Was ist der Stil eines „normalen“ Übenden? Da muss ich bloß an meine beiden Brüder und mich denken. Wir mussten jeden Tag eine Stunde Klavierspielen üben. Drei Stunden dieses elende Geklimpere, also das war echt nicht zum Aushalten. Carl Czerny. „Schule der Geläufigkeit“ etwa.  Vor Wut habe ich die Kante vom Deckel unseres Flügels mit meinen Milchzähnen völlig verbissen. Seit damals ist jegliches Üben für mich ein rotes Tuch und der Spruch „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe“ wurde zu einem meiner Lieblingssprüche. Dagegen waren Belehrungen wie „Ohne Fleiß keinen Preis“ mir stets zutiefst zuwider. Hatte mich denn je jemand gefragt, ob ich scharf auf ihren doofen Preis sei? Wenn ich dann so etwas lese wie die Antwort von Meister Hua Yan „Der Stil eines wahrhaft Übenden ist anders als der normaler Leute“, freu ich mich erst einmal wie ein Schneekönig. Was heißt das denn? „Wenn ich müde bin, schlafe ich, wenn ich hungrig bin, esse ich.“ Das macht jede Katze von mir aus so. Und das ist ihre „Übung des täglichen Lebens“. Und das war die Übung von Meister Hua Yan. Und jeder Preis, der über die „Übung des täglichen Lebens“ hinausging, ging ihm schlichtweg am Arsch vorbei. Lin Ji war davon restlos begeistert und meinte: „Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt keinen anderen Chan-Meister, der die Übenden auf solche Weise bewirtet.“ Er bewirtet die fleißig übenden Mönche, indem er den Stil des wahrhaft Übenden lebt.

Aber es stimmt schon: Ohne Fleiß keinen Preis.

 

 

 

 

 

 

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Osho: Lerne zuerst, wie du nichts tust


Es ist genau dasselbe wie beim „Geisterschreiben“: Man nimmt den Bleistift in die Hand, hält den Stift auf dem Papier, macht die Augen zu und wartet. Und wenn etwas geschieht, bewegt sich die Hand von allein – du bewegst sie nicht. Nach einiger Zeit spürst du ein Zucken in der Hand und sie fängt an, sich zu bewegen. Dann schreibt sie etwas, du kannst es lesen und du weißt doch, dass du es nicht geschrieben hast.

Genauso musst du es auch hier (beim Heilen mit den Händen) machen. Derjenige, den du behandeln willst, soll sich auf den Bauch legen und dann legst du deine Hände auf die Stelle, wo am meisten Energie ist, nämlich am unteren Teil der Wirbelsäule. Und wenn du einige Zeit wartest, wird die Energie der Person dich dorthin führen, wo es notwendig ist und wird dir zeigen, wie du dich bewegen musst, sie wird deine Hände führen.

Sei nicht ungeduldig, warte einfach, und dann spürst du plötzlich ein Zucken in deinen Händen und sie fangen an, sich zu bewegen. Du tust gar nichts. Gib jede Kontrolle auf und folge keiner Methode. Wenn du eine Methode kennst, wirst du sie vielleicht unbewusst ohnehin anwenden, aber wende sie nicht absichtlich an. Lass dich einfach von der Energie in Besitz nehmen.

Fang nicht mit kranken Leuten an, denn nur wenn du etwas tust, können Krankheiten übertragen werden. Eine Krankheit kann nur auf das Ego übertragen werden, nicht auf dich. Das Ego ist eine so große Wunde, dass es alle möglichen Krankheiten anzieht. Der andere wird dabei vielleicht geheilt, aber du wirst dann krank – das ist sinnlos. Lerne also zuerst, wie du nichts tust und nur alles geschehen lässt.

aus: Osho, „Vor allem nicht wackeln“

Dieser Textausschnitt klingt zunächst einmal wie eine Empfehlung an die Adresse von Heilern. Aber diese Empfehlung geht weit darüber hinaus. „Du tust gar nichts. Gib jede Kontrolle auf und folge keiner Methode. Die Energie wird dich dorthin führen, wo es notwendig ist und wird dir zeigen, wie du dich bewegen musst.“

Es gibt eine Meditation, die genau in diesem Sinn abläuft. Sie nennt sich Latihan Meditation. Du stellst dich einfach hin und tust nichts und wartest, ohne auf etwas Bestimmtes zu warten. Du bist einfach still und spürst in dich hinein. Wenn du ganz offen und empfänglich und meditativ geworden  bist, fängst du möglicherweise an dich ganz sanft zubewegen. Wichtig ist, du darfst es nicht absichtlich machen, es muss ganz von selbst geschehen. Irgendwann werden die Bewegungen vielleicht stärker und dein ganzer Körper fängt zu tanzen an. Und wieder: Versuche nicht zu tanzen. Lass dich tanzen, wenn du „getanzt wirst“! Und es gibt eine alte Sufi-Geschichte, hier nachzulesen „Der Mann mit dem unerklärlichen Leben„, eine Geschichte um Mojud und Khidr. Man könnte sagen, dass es hier um zwei Heilige ging, die sich ganz dem Lebensstrom ausgeliefert hatten. Klar, müssen das Heilige gewesen sein, denn wer schafft das schon, was etwa dieser Mann mit dem unerklärlichen Leben geschafft hat. Die Wahrheit ist natürlich, dass er gar nichts geschafft hat. Er hatte nur die Vorstellung verloren, dass er der „Schaffer“ ist. Er wurde einfach gelebt. Aber das ist beileibe nichts Besonderes, das werden du und ich ganz in derselben Weise. Der Einzige Unterschied zwischen Mojud und einem „gewöhnlichen Sterblichen“ war, dass er seine Vorstellung verloren hatte, sein Leben „selbst“ in der Hand zu haben. Nur eine Vorstellung – also bitte, wenn’s weiter nix ist!

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Steven Harrison: Was wir sehen, ist das, was wir sind


Wir können versuchen, selber zum perfekten Geliebten zu werden. Aber auch das ist sinnlos. Wir sind so konstruiert, dass wir stets schrecklich unzulänglich Liebende sind, die ständig versuchen, andere so zu manipulieren, dass wir das bekommen, was wir von ihnen haben wollen. Von diesem strategischen Handeln, das unseren Geist ausmacht, gibt es kein Entkommen. Es gibt keine Möglichkeit, uns zu reformieren, keinen Weg, uns zu verbessern. Geben wir die Vorstellung auf, dass wir dagegen etwas tun müssten. Begraben wir die Idee, perfekte Liebende zu werden oder den perfekten Geliebten zu finden.

Der Geliebte ist bereits in unserem Leben, jetzt in diesem Moment. Es ist die Person, die wir gerade anschauen. Es ist der Mensch, dem wir auf der Straße begegnen. Es ist der Mensch, den wir sehen, wenn wir durch die Tür unseres Hauses treten. Der Geliebte sind wir selbst, und was wir sehen, ist das was wir sind. Es ist die Tiefe unseres eigenen Herzens.

Im  Geist kann es nur darum gehen, etwas zu bekommen, nach etwas zu greifen und es behalten zu wollen. Wenn eine Begegnung außerhalb des Geistes stattfindet, sind wir automatisch in unserem Herzen und in Liebe mit allem. Das braucht keine Vorbereitung; Es ist das, was als Nächstes kommt.

Aber wollen wir das wirklich? Das ist die eigentliche Frage.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

„Wir sind so konstruiert, dass wir stets schrecklich unzulänglich Liebende sind, die ständig versuchen, andere so zu manipulieren, dass wir das bekommen, was wir von ihnen haben wollen. Von diesem strategischen Handeln, das unseren Geist ausmacht, gibt es kein Entkommen.“ Der Steven ist da knallhart. „Der Geist“ will manipulieren um zu bekommen, was er haben will. Wenn jemand “ im Geist“ ist, kann er unmöglich lieben und alle seine Versuche, dies dennoch hinzubekommen, können nur Versuche der Verschleierung der Tatsache sein, dass er auch weiterhin manipulieren will, um zu bekommen, was er haben will. Und Steven sagt ganz kategorisch: „Es gibt keine Möglichkeit, uns zu reformieren, keinen Weg, uns zu verbessern.“ Das muss man sich mal so in seiner ganzen Wucht auf der Zunge zergehen lassen. All unsere sog. pädagogischen, therapeutischen oder spirituellen Bemühungen werden kein Jota an der Beschaffenheit „des Geistes“ ändern können.

Von was für einem Geist ist hier eigentlich die Rede. Nun, „der Eine Geist“ Huang-pos ist hier sicherlich nicht gemeint, sondern wohl das, was gemeinhin als Verstand bezeichnet wird,  ich könnte es auch das „ich“-identifizierte Bewusstsein nennen. Und dieser sog. Verstand, diese Art von Bewusstsein, kann gar nicht anders arbeiten als stets zum eigenen Vorteil, auch und gerade, wenn er einer Mutter Theresa zugeordnet werden kann. Es ist absolut hoffnungslos, zu glauben, dass man da irgendetwas verbessern könne.

Steven sagt: „Wenn eine Begegnung außerhalb des Geistes stattfindet, sind wir automatisch in unserem Herzen und in Liebe mit allem.“ Das hat dann nichts mehr mit einem hoffentlich idealen Partner zu tun, sondern nur mit dem, was-ich-bin, wie das der Karl gestern genannt hat. Man sollte sich da nichts vormachen. Bei dieser Aussage geht es nicht darum, vielleicht doch noch eine ideale Beziehung zu bekommen, es geht um die Existenz der ganzen Menschheit. Wenn irgendetwas politische Auswirkungen hat, dann diese Aussage. Deswegen ist es auch blödsinnig, spirituell hochnäsig Leute zu verachten, die auch politische Themen nicht ausklammern. Wenn wir Menschen fortfahren, nur hinter unserem Vorteil herzujagen und uns weiterhin von dem abschneiden, was-wir-sind, wird unsere Vernichtung als menschliche Wesen kaum aufzuhalten sein. Wir werden nicht nur unsere Beziehungen zerstören, sondern auch, soweit das möglich ist, alles andere. Von dem katholischen Theologen Karl Rahner ist uns der Satz überliefert: „Der Fromme von morgen wird ein ‚Mystiker‘ sein, einer, der etwas ‚erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Dies könnte auch im Sinn des von mir eben skizzierten Hinweises zu verstehen sein.

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Karl Renz: Das Kleinste und das Größte


Wenn du wirklich auf die Dimension des Absoluten zugehst, wird es wirklich so sein … [pustet in die Luft]. Aber wenn dir ein Fingernagel abbricht, dann ist es so, als ob das ganze Universum bricht. Und du hast recht! Die gesamte Existenz erlebt es in diesem Augenblick und die gesamte Existenz bricht sich den Fingernagel ab.

Der nächste Schluck Kaffee oder sich den Fingernagel abbrechen – das ist von derselben Wichtigkeit, als würde das Universum im nächsten Augenblick kollabieren. Von der Qualität her gibt es keinen Unterschied. Die Qualität, das, was-du-bist, erfährt sich im Kleinsten und im Größten. …

Doch in diesem Augenblick bist du ganz bei deiner magischen, spirituellen Handlung, sie wird zur vollkommenen Realität für das, was-du-bist. Das Kleinste und das Größte. Und das ist eine nie zu Ende gehende Geschichte. Du gehst vom Kleinsten zum Größten, in alle Frequenzbereiche und Möglichkeiten und verwirklichst dich darin selbst. Auf jede mögliche Weise. Keine ist bedeutender oder weniger bedeutend, das ist das Schöne daran. – Der nächste Schluck Kaffee, der nächste Geschmack von nichts, beides trägt die Qualität dessen in sich, was du als Totalität des glückseligen Hintergrund-Tralalas bist.

aus: Karl Renz, „Heaven And Hell“Wer diesen Beitrag mit seinem schlauen Verstand zerpflücken möchte, kann dies natürlich gerne tun, er wird sicher dabei wie gewohnt recht behalten, aber ich fürchte, außer einer billigen Genugtuung wird er nicht viel davon haben. Ich empfehle ihm, lieber in die nächste Kneipe zu gehen und ein frisches Bier zu zischen. Hat er mehr davon.

Ich habe den Text von Karl gelesen wie ein Gedicht und hab mich sehr gefreut etwa über folgende Aussage: „Du gehst vom Kleinsten zum Größten, in alle Frequenzbereiche und Möglichkeiten und verwirklichst dich darin selbst. Auf jede mögliche Weise. Keine ist bedeutender oder weniger bedeutend, das ist das Schöne daran.“ Heute jagt alles hinter dem Größten her, hinter dem absolut Spektakulären. Und ansonsten herrscht völlige Gleichgültigkeit. „Mir doch wurscht“ scheint zum allgemeinen Credo geworden zu sein. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich ein Blümchen stehn, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.“ Wer hätte heute noch Augen dafür, wenn man doch auf seinem Smartphone jederzeit die neuesten Meldungen über weitere Goldmedaillen abrufen kann? Und ein Blümchen am Wegesrand ist mir echt so was  von wurscht!Viele Spiris haben das sogar zu einer besonderen Tugend erklärt: Gleichgültig zu sein gegenüber allen weltlichen Ereignissen und Dingen. Vielleicht hatte ich auch deswegen immer eine Abneigung gegen die klassische Meditation. Wie schrieb Laotse: „Wahrlich, ich habe das Herz eines Toren, so dunkel und wirr! Die gewöhnlichen Menschen sind hell und klar; nur Ich bin trübe verhangen. Die gewöhnlichen Menschen sind strebig-straff; nur Ich bin bang-befangen. Ruhelos gleich ich dem Meere; verweht, ach, bin gleichsam ich ohne Halt. Die Menschen machen sich nützlich all, nur Ich bin halsstarr, als ob ich ein Wildling wäre.“ Das war mir immer viel näher, als diese beherrschte Konzentration.

Karl: „Der nächste Schluck Kaffee, der nächste Geschmack von nichts, beides trägt die Qualität dessen in sich, was du als Totalität des glückseligen Hintergrund-Tralalas bist.“ Aahhh…!

 

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Ramesh Balsekar: Wer ist das Subjekt?


Die Gefangenschaft entsteht nicht durch die Dualität der Subjekt-Objekt-Beziehung, die der notwendige Mechanismus für das Universelle Bewusstsein ist, um die Phänomenalität wahrzunehmen. Das Spiel (lila) der Wechselbeziehung zwischen Menschen, das das Bewusstsein in sich selbst hervorruft, verursacht im mutmaßlichen Individuum Freude und Schmerz. Das ist allerdings keine Konsequenz, die sich aus dem Mechanismus der Dualität ergibt, sondern eine, die durch die Wirkungsweise des Dualismus entsteht. Der Dualismus führt dazu, dass sich jeder Einzelne als eine getrennte, autonome Entität begreift, als persönlich Handelnder, als das Subjekt aller anderen Objekte. Das verursacht die Gefangenschaft. Die grundlegende Tatsache hingegen ist, dass das Noumenon nur Subjekt ist – reine Subjektivität – und alle sind Objekte. Jeder Körper-Mind-Organismus kann nur in Übereinstimmung mit seiner zugrunde liegenden Natur leben, seinem Dharma. Daher lebt kein Wesen sein Leben, jedes Wesen „wird gelebt“.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Wenn Ramesh „Gefangenschaft“ sagt, müsste er eigentlich „das Gefühl der Gefangenschaft“ sagen, denn da ist weit und breit kein Individuum zu finden, das sich in Gefangenschaft befinden würde. Gestern hatte ich Hartmut Krauss im Blog mit seiner säkular-humanistischen Islamkritik. Nachdem ja hinter einem derart kritisierten Phänomen immer Menschen stehen, Mohammed, Ayatollahs, Imame, Mullahs, Muftis, … müsste auch hier, wenn wir dem Konzept von Ramesh folgen wollen, alles umgeschrieben werden, denn auch diese Menschen sind nichts als „gelebte Wesen“, wie es Ramesh ausdrückt. Wen kritisiert also Hartmut Krauss, wenn er den Islam kritisiert?

Auf dem Bild sind scheinbar zwei Individuen abgebildet, ein IS-Mörder und sein Opfer. Üblicherweise geschieht beim Betrachten des Bildes sofort eine Reaktion beim betrachtenden scheinbaren Individuum, etwa in der Art der Verurteilung des Mörders und des Mitgefühls für das Opfer. Ramesh: „Das Spiel (lila) der Wechselbeziehung zwischen Menschen, das das Bewusstsein in sich selbst hervorruft, verursacht im mutmaßlichen Individuum Freude und Schmerz.“ Das mutmaßliche Individuum in Gestalt des IS-Mörders empfindet vielleicht Gefühle von Rechtmäßigkeit, von Macht und Mordlust; das mutmaßliche Individuum in Gestalt des Opfers fühlt vielleicht totale Angst und Verzweiflung; das mutmaßliche Individuum in Gestalt des Betrachters der Szene spürt vielleicht Mitleid, Abscheu und Rachegefühle. All dies wird bei den Hindus „lila“ genannt, das große kosmische Spiel. Und zugleich ist aus hinduistischer Sicht klar, dass dies alles Maya ist, reine Illusion, nicht wirklich. Wirklich ist nur das Noumenon und nicht die in ihm erscheinenden Phänomene.

Was mach ich jetzt damit als armes Schwein, das es als Individuum gar nicht gibt? Na, ich natürlich gar nichts, mich gibt’s ja gar nicht. Damit ich jetzt aber nicht völlig der Verzweiflung anheimfalle und mich am nächsten Baum erhänge, macht Ramesch folgenden Vorschlag zur Güte:

Er sagt an anderer Stelle, dass ich so handeln muss, als ob ich einen freien Willen habe – in dem Wissen, das es in Wirklichkeit Gottes Wille ist. Das ist fast identisch mit der Aussage des deutschen Philosophen Hans Vaihinger: „Handle, als ob du der Handelnde wärst, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist.“ Dieser Vorschlag scheint „bei mir“ zu bewirken, dass „ich“ jetzt aufstehe, „mir“ einen Kaffee mache, wissend, dass nicht „ich“ es bin, der das jetzt macht. Das ist „Gott“ als ich. Und es ist auch „Gott“ als IS-Mörder, der „Gott“ als sein Opfer meuchelt.

Und „ich“ bin nur eine Figur auf „Gottes“ Spielbrett? „Er“ schiebt „mich“ hierhin, „er“ schiebt „mich“ dorthin, „ich“ reagiere innerhalb der vorgegebenen Parameter – und das war’s dann auch schon? Na ja, wer das kapiert hat, erlebt nach Werner Ablass den von ihm sogenannten Mindcrash. Der Werner hat ja nach eigener Aussage so eine Predigerprogrammierung. Ich hab natürlich auch meine Programmierung wegbekommen. Kriegt halt jeder sein Fett weg. Bei mir ist es das Hinterfragen-Müssen. Kaum ist eine Antwort aufgetaucht, muss ich sie schon wieder hinterfragen. Da ich das schon vorher weiß, spielen die gefunden Antworten eigentlich gar keine Rolle mehr. Werners Antwort ist ebenso wie das Konzept von Ramesh für mich einfach eine in Frage zu stellende Antwort. Deshalb hat mir auch Osho immer so gut gefallen, weil er dadurch, dass er sich ständig widersprochen hat, jede zuvor gegebene Aussage in Frage gestellt hat. Und so bleibt zuletzt nur Gewahrsein und das, was in ihm alles für’n komisches Zeug auftaucht. Und jede Aussage ist halt nur ein Konzept und nicht wahr. Und das Fatale an Konzepten ist, dass sie zu Glaubenssystemen entarten können.

Aber zu der Frage, ob „ich“ nur eine Figur auf „Gottes“ Spielbrett bin. Antwort: Nein. Ich bin Gott. Das ist ebenso wahr und nicht wahr wie die Sache mit der Spielfigur.

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AGM: Jenseits von rechts- und linkspopulistischer Propaganda


Von den Medien weitgehend unbeachtet hat sich auch eine (politisch unabhängige) säkular-humanistische Islamkritik konstituiert, die sich von der herrschenden Islamapologetik sowie von der rechts- und linkspopulistischen Propaganda klar und deutlich distanziert und für eine wissenschaftliche sowie evidenzbasierte Behandlung dieser essentiellen gesellschaftlichen Fragen eintritt. Diese „dritte Kraft“ vertritt Positionen, die von einem Großteil der Bevölkerung (oftmals weitgehend unabhängig von der sonstigen religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung) unterstützt werden.

aus: Kommunikations- und Aufklärungsplattform für islamspezifische Religionskritik

Der Begriff Anarchie beschreibt einen Zustand, in dem sich ein Individuum oder eine ganze Gesellschaft weder beherrschen lässt noch irgendwelche Ambitionen hat, andere Individuen oder Gesellschaften zu beherrschen. Mehr noch, ein derartiges Individuum oder eine derartige Gesellschaft ist sehr daran interessiert, dass auch andere Individuen oder Gesellschaften frei von jeder Beherrschung durch andere Individuen oder Gesellschaften leben können. Rosa Luxemburg brachte das ganz exakt auf den Punkt mit den oft zitierten Worten: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“

Anarchie ist damit immer „die dritte Kraft“ bzw. der Ort zwischen allen Stühlen oder jenseits jeder Doktrin. Damit befindet sie sich in unmittelbarer Nähe zum Gewahrsein, das keinen festen Standpunkt kennt, sondern sich aller Standpunkte nur gewahr ist. Das, was Mystik genannt wird, wurzelt im reinen Gewahrsein und nicht in irgendeiner Erscheinung, die in diesem Gewahrsein auftaucht. Damit wurden Anarchie und Mystik zum natürlichen Feind jedweder Doktrin. Zahlreiche Anarchisten und Mystiker bezahlten deshalb für ihre Grundhaltung mit ihrem Leben. In diesem Punkt waren weder die orthodoxen Religionen noch faschistoide politische Systeme besonders zimperlich. Ob Kreuzigung, Scheiterhaufen, Steinigung, Folter, KZ, … das Repertoire der Dualisten zur Unterdrückung bzw. Vernichtung der „Ketzer“,  „Ungläubigen“ oder „Vaterlandsverräter“ war und ist schon immer schier grenzenlos.

Der von Hartmut Krauss und der „Gesellschaft für wissenschaftliche Aufklärung und Menschenrechte“ z.Zt. so besonders herausgestellte Islam kann nur ein Beispiel sein für ein System der Unterdrückung und Unfreiheit, allerdings ein besonders krasses. Ich käme nicht auf die Idee, Hartmut Krauss zum Mystiker zu erklären. Er scheint eher ein Intellektueller zu sein. Da dieser Begriff jedoch vielfach mit Vorurteilen belastet ist, möchte ich seine Haltung lieber als die Haltung eines Wissenschaftlers bezeichnen. Und wiederum begegnen sich die Wissenschaftler der äußeren und der inneren Welt. Beide sind gekennzeichnet durch eine große Nüchternheit. Die Emotionalität etwa des blutrünstigen Mobs ist ihnen ebenso fremd wie der eiskalte Vernichtungswille irgendwelcher Machtstrategen.
Hartmut Krauss schreibt in dem oben verlinkten Beitrag u.a.: „Es ist daher erforderlich, dass sich diese Kräfte der humanistischen Aufklärung organisieren und somit auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden können.“ Genau hier ist möglicherweise ein richtig wunder Punkt zu finden, Schwäche und Stärke zugleich. Weder die Wissenschaftler der äußeren noch die der inneren Welt scheinen sonderlich interessiert oder befähigt zu sein, als Propagandisten für die eigene Sache in Erscheinung zu treten. Vielleicht schreiben sie ein Buch, aber ob das jemand liest oder nicht, ist schon wieder nicht von vorrangigem Interesse. So überlassen sie das Feld der Propaganda denen, die in erster Linie für ihre eigenen Interessen stehen und nicht für die der Wissenschaft. Und so scheint das nicht so recht was werden zu wollen mit der sog. Aufklärung.

Mir fallen gerade die alten chinesischen Taoisten ein, die in geradezu beispielhafter Weise die Wissenschaft der äußeren wie der inneren Welt in sich vereinigten und stets um ein Gleichgewicht der Kräfte bemüht waren.

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Tao-hsin: Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben

Ein Schüler wollte Tao-hsin verlassen, und trat vor diesen, um sich zu verabschieden. Tao-hsin fragte ihn: „Warum gehst du?“ Der Schüler antwortete: „Ich habe hier alles gelernt und möchte jetzt auf Wanderschaft gehen und die Suche fortsetzen.“ Daraufhin erwiderte Tao-hsin: „Wenn du alles gelernt hast, kannst du mir sicher eine Frage beantworten: Wenn du gehst, verlasse ich dich oder du mich?“ Der Schüler stockte.

Tao-hsin sagte später „Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben“

aus den verschollenen Schriften des Tao-hsin„Ich habe alles gelernt.“ Deutlicher kann man nicht dokumentieren, dass man noch gar nichts gelernt hat. Nicht einmal ein Schreinergeselle würde seinem Meister sagen: „Ich habe alles gelernt.“ Denn zu lernen gibt es immer noch was. Aber der Schreinergeselle könnte ja damit zum Ausdruck bringen wollen: „Von diesem meinem alten Meister habe ich alles gelernt. Mehr hat der einfach nicht mehr zu bieten. Und jetzt geh ich auf Wanderschaft noch zu diesem und jenem anderen Meister und guck mal, ob die mir noch was beibringen können, was ich noch nicht bei meinem Meister lernen konnte.“

Tao-hsin war kein Schreiner-Meister, soviel ich weiß. Er war ein Ch’an-Heini, ein Schüler von Seng-ts’an. Dem zu sagen: „Ich habe alles gelernt“, ist ja noch mal ne andere Nummer, als das seinem Schreinermeister zu sagen. Im Kapitel 48 des Tao Te King sagt Lao Tse: „Betreibe das Lernen: So mehrst du dich täglich. Betreibe den Weg: So minderst du dich täglich. Mindern und abermals mindern führt dich zum Ohne-Tun. Bleib ohne Tun – Nichts, das dann ungetan bliebe.“ Der „Schüler“ Tao-Hsins glaubte allem Anschein nach immer noch, dass es bei seinem Meister etwas zu Lernen gegeben hätte. Alles, was er bei ihm hätte lernen können, wäre allerdings gewesen, dass es nicht zu lernen, sondern nur zu verlernen gab, und zwar alles, was er je gelernt hatte. Hätte er das wirklich gelernt, wäre er voller Dankbarkeit einfach geblieben. Es hätte nicht mehr den geringsten Grund gegeben, wieder „auf Wanderschaft zu gehen und die Suche fortzusetzen“.

Heute erleben wir ja wieder diesen Guru- und Satsanglehrer-Tourismus. Hier schnappt man etwas auf, da schnappt man etwas auf, und, so Gott will, wird man irgendwann selbst ein Guru oder Satsanglehrer oder zumindest ein Bescheidwisser. Na ja, ich weiß ja nicht, wie das damals zu Tao-Hsins Zeiten war, aber ich frage mich, ob es auch schon damals diese marktschreierischen Angebote wie heute gab, Erleuchtunsgskongresse und ähnlichen Nonsens. Ich fürchte Ja. War ein Lao Tse je daran interessiert, seine Sichtweise preisgünstig an den Mann oder die Frau zu bringen? Die Legende erzählt, dass er von einem Zöllner genötigt wurde, seine Sichtweise aufzuschreiben, sonst wäre er nicht über die Grenze gelassen worden. Schließlich ging der Zöllner ja von einem Wissen aus, das da außer Landes gebracht werden sollte. Von einer Bezahlung wurde nichts überliefert, auch nicht davon, dass Lao Tse dem Zöllner „sein Wissen“ aufgedrängt habe. Heute gibt es zwischen einer Reklame für Viagra und für die sog. Erleuchtung kaum noch einen Unterschied. Alles wird einem marktkonform serviert und alles hat seinen Preis. Vielleicht war das auch schon zu Tao-Hsins Zeiten so, ich weiß es nicht. Dann wäre das Verhalten seines Schülers allerdings durchaus verständlich.

Priester ist ein Beruf, Satsanglehrer ist ein Beruf. Das ist wie mit den Couchs und den Psychotherapeuten. Das gehört schon fast zur Imagepflege, seinen eigenen Psychoanalytiker oder was weiß ich zu haben. Das wird eigenartiger Weise selten in Frage gestellt. Erzeugt jede Berufsgruppe ihre eigene Nachfrage oder erzeugt die Nachfrage eine Berufsgruppe? Ob es uns ohne sie schlechter ginge oder besser oder auch nicht anders? Blöde Frage. Sie sind da und man muss mit ihnen leben wie mit dem nächsten Schnupfen.

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