Janusz Korczak: Wenn ich wieder klein bin


Wenn das ganze Waisenhaus schlief, lebte Korczak in seiner Mansarde so „bewußt“ wie Thoreau in seiner Hütte in Walden. Weil er sich auf diese mönchische Weise von Ehe und Familie, von Kartenspiel, Diners und Bällen ausgeschlossen hatte, war er frei, sich auf das zu konzentrieren, was für ihn die wesentlichen Dinge des Lebens ausmachte. Wenn Thoreau ein „Inspektor der Regen- und Schneestürme“ war, dann war Korczak der Beobachter jener Stürme, die über das Land der Kindheit hinwegfegten.

Eines Nachts im Jahre 1925 saß er an seinem Schreibtisch und zog Bilanz. Mit siebenundvierzig war die Zeit für ihn zum Begriff geworden, er bewegte sich auf das halbe Jahrhundert zu – kein respektables Alter für ein Kind. Sein Körper hatte ihn betrogen, er war zum Körper eines Erwachsenen geworden – eine der Ironien seines Lebens. Denn so sehr er sich auch unter Erwachsenen in ihrer scheinheiligen Welt bewegte, so sehr er ihnen glich mit seiner „Armbanduhr und dem Schnurrbart und dem Schreibtisch voller Schubladen“, so genau wußte er, daß er eigentlich ein Eindringling war. Die Praktikanten mochten jünger sein, aber in vielen Dingen waren sie nicht so jung wie er. Sie hatten nur die Jahre für sich. Wenn er ihnen helfen konnte, sich in jene Zeit zurückzuversetzen, in der all ihre Sinne noch offen waren, wenn es ihm gelang, die Wälle niederzureißen, die sie errichtet hatten, um das weinende Kind in sich abzuschotten, dann konnte er sie auch an die Gründe des scheinbar irrationalen Betragens von Kindern heranführen. Aber wie würde er sie – oder sich selbst – wieder jung werden lassen können? „Wenn ich wieder klein bin“, schrieb er auf ein Stück Papier und fuhr mit der ersten Zeile aus König Hänschen I fort: „Und das war so . . .“ Doch diese Geschichte handelte nicht von einem Märchenkönig, sondern von einem Lehrer mittleren Alters, der Korczak sehr ähnlich ist, im Bett liegt und tagträumt.

über Janusz Korczak „Die schönste Zeit“


Gott sei Dank bin ich hier Blogwart, sonst würde ich vielleicht noch rausgeschmissen werden, weil Loriot doch so gar nix mit dem Janusz Korczak zu tun hat. Hat er aber doch, behaupte ich mal frech. Der ist auch sein Leben lang ein Kind geblieben. Nur hatte er halt ein anderes Leben und ist anders damit umgegangen.

Ach Herrjemine, irgendwie erinnert mich Janusz Korczak in mancher Hinsicht fatal an mich. Und ich gehe mal davon aus, dass jeder von euch, der sich von ihm angesprochen fühlt, gewisse Ähnlichkeiten bei sich entdecken kann. Ich muss mich natürlich so wenig wie Thoreau um Waisenkinder kümmern und auch nicht wie dieser ein „Inspektor der Regen- und Schneestürme“ sein. Es ist diese Aversion gegen das, was „gesellschaftliches Leben“ genannt wird. Das war schon in jungen Jahren bei mir so und ich hatte mir seinerzeit ernsthaft überlegt, in ein Zenkloster zu gehen, aber das wäre nur eine andere Art gesellschaftlichen Lebens gewesen. Als ich dann später meinte, aus beruflichen oder politischen Gründen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu müssen, gelang mir dies nur, wenn ich meine Abneigung gegen diesen ganzen Zirkus mit ziemlich viel Alkohol betäuben konnte. Als ich mich dann immer mehr zurückzog, war Alkohol kein Thema mehr.
Besonders berührt hat mich u.a. diese Textstelle: „Sein Körper hatte ihn betrogen, er war zum Körper eines Erwachsenen geworden – eine der Ironien seines Lebens. Denn sosehr er sich auch unter Erwachsenen in ihrer scheinheiligen Welt bewegte, sosehr er ihnen glich mit seiner ‚Armbanduhr und dem Schnurrbart und dem Schreibtisch voller Schubladen‘, so genau wußte er, daß er eigentlich ein Eindringling war.“ Dieses Gefühl kenne ich so gut. Als junger Lehrer war mir immer klar, dass ich auf der falschen Seite stand. Und im Lehrerzimmer dachte ich oft: „Hoffentlich kriegt das hier niemand mit!“ Wenn die Sparkasse einmal im Jahr einen geselligen Abend für die Lehrkörper veranstaltete und es Gutscheine gab, Freibier und Selbstbedienung am Buffet, dann rutschten fast allen die Masken vom Gesicht und ich fühlte mich, als sei ich unter die Räuber gefallen. Diese Gier, dieses Hauen und Stechen! Und die sexuellen Anzüglichkeiten als der Alkoholpegel gestiegen war. Und am nächsten Tag wieder die höchsten moralischen Instanzen. Noch viel schlimmer wurde es für mich als Fortbildungsleiter vor allem auf Seminarleitertagungen. Jetzt war ich wirklich in der Welt der Erwachsenen gelandet und es war eine Welt zum Fürchten. Ach ja, die Erwachsenen – man erwartete ja von mir auch, dass ich einer sein solle. Als Kunsterzieher profitierte ich ein bisschen vom Künstlerimage und bekam einen kleinen Gaga-Bonus, aber es war insgesamt halt wirklich nur ein Scheißspiel! Mich wundert immer noch, dass ich das so lange ausgehalten habe. 16 Jahre!

„Wenn ich wieder klein bin“, schrieb Janusz Korczak auf ein Stück Papier. Ich machte damals Primärtherapie, um den ganzen Erwachsenenscheiß wieder loszuwerden. „… so ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder …“ – ich liege im Bett und tagträume … lalala …

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Janusz Korczak: Es heißt, er habe nur den Kopf geschüttelt

Dann ordnete Schmerling, der sadistische Chef der Ghettopolizei, der auch für den Umschlagplatz zuständig war, zu Rembas Entsetzen an, daß die Kinder aus den Waisenhäusern verladen würden. Korczak bedeutete seinen Kindern, sich zu erheben.

Es gibt einige, die sagen, daß in dem Moment ein deutscher Offizier sich durch die Menge drängte und Korczak ein Stück Papier überreichte. Ein einflußreiches Mitglied des CENTOS hatte sich an jenem Morgen bei der Gestapo für ihn eingesetzt, und es heißt, Korczak habe die Erlaubnis gehabt zurückzukehren, nicht aber die Kinder. Korczak habe nur den Kopf geschüttelt und den Deutschen fortgewinkt.

In seinen Memoiren schreibt Remba, daß Korczak den ersten Teil der Kinder anführte und Stefa den zweiten. Anders als die ansonsten chaotischen und hysterisch kreischenden Menschenmassen, die mit Peitschen vorangestoßen wurden, gingen die Kinder in Viererreihen mit ruhiger Würde. „lch werde diese Szene in meinem ganzen Leben nicht vergessen“, schrieb Remba. „Das war kein Marsch zu den Waggons, sondern ein stummer Protest gegen dieses mörderische Regime . . . eine Prozession, die kein menschliches Auge je zuvor erblickt hat.“

Als Korczak seine Kinder ruhig zu den Viehwaggons führte, machte die jüdische Polizei einen Weg für sie frei und salutierte instinktiv. Remba brach in Tränen aus, als die Deutschen fragten, wer dieser Mann sei. Ein einziger Klageschrei löste sich von denen, die noch auf dem Platz warteten. Korczak ging mit hocherhobenem Kopf, an jeder Hand ein Kind haltend, und seine Augen hatten diesen ihm eigenen Ausdruck, als ob sie auf ein Ziel in weiter Ferne gerichtet wären.

aus: Der letzte Marsch: 6. August 1942

Janusz Korczak war ein Held, man schrieb über ihn, Schulen wurden nach ihm benannt, Gesellschafen mit seinem Namen gegründet und Denkmäler errichtet. – Was man nicht alles so macht, um nicht selbst einfach man selbst zu sein.

Janusz Korczak verabschiedete die Kinder, die das Waisenhaus verließen, mit den Worten: Wir geben Euch nichts. Wir geben Euch keinen Gott, denn Ihr müßt ihn selbst in der eigenen Seele suchen, im einsamen Kampf. Wir geben Euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung Eures Herzens und durch Nachdenken finden. Wir geben Euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung, und Vergeben ist mühselig, eine Strapaze, die jeder selbst auf sich nehmen muß. Wir geben Euch eins: Sehnsucht nach einem besseren Leben, welches es nicht gibt, aber doch einmal geben wird, ein Leben der Wahrheit und Gerechtigkeit. Vielleicht wird Euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen. Lebt wohl, vergeßt es nicht. Das war vor Treblinka.

So spricht kein sog. Held. Janusz Korczak, auch „der Mann mit dem traurigen Antlitz“ genannt, ist mit seinen Kindern in das Vernichtungslager Treblinka gegangen und lieber mit ihnen gestorben, als ohne sie weiterzuleben. Mein Gott, wie hätte er sich fühlen müssen, wenn er sie, mit denen er sich so eng verbunden fühlte, im Stich gelassen hätte? Und genau das wäre es gewesen: Er hätte sie im Stich gelassen. Das hätte er nie fertig gebracht und er wäre daran zerbrochen, wenn er es gemacht hätte. War er deswegen ein Held? Er war jedenfalls kein Held, dem man ein Denkmal hätte hinstellen dürfen. Er tat, was er tun musste. Er war ein Held, der kein Held war. Er war einfach ein Mensch, ein Mensch mit einem großen Herzen.

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Janusz Korczak: Die Wette kann ich wahrscheinlich nicht annehmen

 

Es ist Freitagnachmittag. Eine lange Kinderreihe wartet in der Halle vor dem kleinen Vorratsraum, den Korczak jede Woche in ein Spielkasino mit einem einzigen Croupier umwandelt – nämlich ihm selbst.

„Also, was wettest du?“ fragt er Jerzy, einen achtjährigen Lauselümmel, der als erster in der Reihe steht. Die Kinder schließen Wetten über die Häufigkeit der Wiederholungen ihrer schlechten Angewohnheiten ab mit dem Ziel, diese Angewohnheiten abzulegen und dabei ein paar Süßigkeiten als Preis zu bekommen.

„Ich wette, daß ich mich diese Woche nur einmal prügeln werde“, sagt Jerzy.

„Die Wette kann ich wahrscheinlich nicht annehmen“, sagt Korczak, ohne von seinen Büchern aufzuschauen. „Das wäre dir gegenüber ungerecht.“

„Warum?“

„Weil du ganz sicher verlieren wirst. In der vergangenen Woche hast du fünf Buben verprügelt und sechs in der Woche davor, also wie willst du so schnell damit aufhören?“

„Ich schaff das.“

„Wie wär’s denn mit vieren?“

„Zwei“, argumentiert Jerzy.

Sie handeln noch ein wenig weiter und einigen sich dann auf drei. Korczak trägt es ins Buch ein und gibt Jerzy einen Bonbon aus dem Korb. Wenn Jerzy gewinnt, kriegt er drei weitere Bonbons am folgenden Freitag. Wenn er verliert, kriegt er einen verständnisvollen Blick, Mut zugesprochen und vielleicht ein Stückchen Schokolade zum Trost. Jerzy weiß, daß, ganz gleich wie viele Kämpfe er zugibt, Korczak seine Angaben niemals überprüfen wird – es ist Ehrensache.

aus: Janusz Korczak, „Zähmung der Bestie“

Gestern ließ ich den Prof. Bömmel noch einmal mit seiner Enttäuschung zu Wort kommen: „Bah, wat habt ihr für ne fiese Charakter!“  Janusz Korczak, den uns Alexandra vorgestern freundlicherweise in Erinnerung gebracht hat, wären die Worte des Prof. Bömmel vermutlich nie über die Lippen gekommen. Er wusste um die menschliche Schwachhheit und er konnte sie vollkommen annehmen. Der kleine Textauszug oben kann auf wundervolle Weise zeigen, wie kreativ und zutiefst liebevoll er als „Pädagoge“ damit umging.

Sollte jemand versuchen, Korczaks Wettbüro-Methode zu übernehmen, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit damit scheitern. Korczaks Methode war aus meiner Sicht keine Methode in dem Sinn, wie der Begriff „Methode“ allgemein verstanden wird, sondern Ausdruck von Korczaks unendlichem Verständnis für sich selbst und seine Mitmenschen und seiner überfließenden Liebe. Ich stell mir gerade eine Fortbildungsveranstaltung für Pädagogen vor, auf der Korczaks Methode diskutiert werden würde. Ich fürchte, man würde sie mit wirklich triftigen Begründungen in der Luft zerfetzen. Aber vielleicht gäbe es auch den einen oder anderen, der schweigend Tränen in den Augen hätte und zutiefst berührt wäre. Schweigend, weil darüber nicht diskutiert werden kann. Entweder wird es gespürt oder nicht. Diskutanten legen in der Regel keinen großen Wert auf’s Spüren. Sie errichten lieber so etwas wie die oben abgebildete Berliner Holocaust-Gedenkstätte aus Beton und haben damit ihrem angeblichen Schuldgefühl pflichtgemäß ausreichend Genüge getan.
Ich erinnere mich, wie ich als taufrischer Lehrer zur eigenen und zur Überraschung der Kollegen von den Schülern zum Vertrauenslehrer gewählt wurde. Sie hatten mich vermutlich gewählt, weil sie wussten, dass sie, wenn sie was angestellt hatten, zu mir kommen konnten und wir dann gemeinsam berieten, wie wir aus der Misere wieder rauskommen könnten. Auf der nachfolgenden Lehrerkonferenz wurde ich dann von einem Seminarleiter regelrecht vorgeführt. Ich hätte mir durch meine kumpelhafte Verbrüderung mit den Schülern deren Vertrauen erschlichen. Wir hätten hier einen pädagogischen Auftrag und den könnten wir nicht erfüllen, wenn wir uns auf die Seite der Schüler schlagen würden. – Na ja, ich wusste ja von Anfang an, dass ich im staatlichen Schuldienst eine absolute Fehlbesetzung war.

Wenn ich den Bericht über Janusz Korczaks Wettbüro-Methode lese, könnte ich lachen und heulen zur gleichen Zeit. Was für eine wundervolle Idee! Und wie er mit den Schülern zu ihren Gunsten herumfeilschte! Wenn ich so was lese, denke ich: „Zum Teufel mit diesem ganzen Advaita-Scheiß und dem dämlichen angeblich so spirituellen Geschwätz – was ist das alles neben dem Gefeilsche des Janusz Korczak mit seinen Lauselümmeln und Lausegören? Da könnten sich die ganzen Spiris ruhig mal ’n bisken wat schämen.

 

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Prof. Bömmel: Bah, wat habt ihr für ’ne fiese Charakter!

 

„Bah, wat habt ihr für’ne fiese Charakter!“ sagt Prof. Bömmel zu seinen Schülern, die ihm einen Schuh geklaut und versteckt hatten und nicht bereit waren, ihm zu verraten, wo sein Schuh war. Erst als der gefürchtete Dr. Brett das Klassenzimmer betrat, beeilten sich die Schüler, dem Bömmel seinen Schuh wiederzugeben. Die Aufführung des Films „Die Feuerzangenbowle“, aus dem diese Szene stammt, wurde 1944 vom Reichserziehungsminister untersagt, weil durch ihn Ansehen und Autorität des Schulwesens hätten in Misskredit geraten können. Adolf persönlich erlaubte dann seine Aufführung. Heinz Rühmann soll die Figur des Dr. Brett so gestaltet haben, dass sie nationalsozialistischen Vorstellungen von einem modernen Lehrer genügen konnten. Dr. Brett stand u.a. für Disziplin, Disziplin, Disziplin. Eine Sache, die dem Prof. Bömmel völlig fremd war. Wenn er vom Charakter seiner Schüler enttäuscht war, dann spielte er damit nicht auf eine durch Disziplin künstlich erzeugte Charakterstruktur an, sondern auf eine gewissermaßen angeborene Herzensgüte, die er selbst in reichem Maße besaß.

Man könnte Prof. Bömmel und Dr. Brett als Antagonisten bezeichnen ähnlich wie Lao Tse und Kung Fu Tse. Wer nun als Protagonist und wer als Antagonist zu bezeichnen ist, hängt wohl in erster Linie vom eigenen Standort ab. Ähnliches gilt auch für die Bezeichnungen „Primär- und Sekundärtugenden“.  Was mich betrifft, ist mir natürlich Prof. Bömmel, Lao Tse und das Fließen im Tao entschieden näher, als Dr. Brett, Kung Fu Tse und die Sekundärtugend Disiplin. Kürzlich erinnerte Gerhard Mehler in seinem Blog „Kopf und Gestalt“  an das berühmte Milgram-Experiment; hier einen Bericht über eine Wiederholung des sog. Milgram-Experiments durch polnische Forscher.

90% der Teilnehmer seien dabei bereit gewesen, ihre „Schüler“ mit immer stärkeren Elektroschocks für einen Fehler zu bestrafen. Dabei wurde der Tod des „Schülers“ billigend in Kauf genommen. Dieses Experiment zeigt, dass Disziplin niemals als Primär-Tugend betrachtet werden darf. Eine Erkenntnis, die in Deutschland beim Aufbau der Bundeswehr durch die Bezeichnung „Bürger in Uniform“ zum Ausdruck gebracht werden sollte. Inzwischen dürfte das schon wieder weitgehend in Vergessenheit geraten sein.

90% meiner Mitmenschen sind also anscheinend bereit, mich auf Anweisung einer Autorität hin zu massakrieren. Na, Prost Mahlzeit! Was die meisten bei uns noch nicht so richtig realisiert haben, dämmert ihnen vielleicht ein wenig, wenn sie den markigen Sprüchen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan lauschen. Und klar, die Todesstrafe für unfolgsame Bürger ist schon so gut wie beschlossene Sache. 90% – Das sind nicht nur Soldaten, Polizisten und sonstige Staatsdiener, sondern auch der ganz gewöhnliche Otto Normalverbraucher.

90% – die Wahrscheinlichkeit, dass auch du im Zweifelsfall dazu gehörst, ist ziemlich hoch. Es wird also Zeit, herauszufinden, wo du dich verortet hast: Lao Tse oder Kung Fu Tse. Ich könnte auch fragen: Lebst du schon oder überlebst du noch? So und jetzt wünsche ich viel Vergnügen mit der Feuerzangenbowle, falls ihr sie nochmal angucken wollte. Ein Film, den der Führer durchwinkte.


Oder ihr guckt euch vielleicht doch den Link an, den Alexandra gestern zu meiner großen Freude hier reingestellt hat: http://www.korczak.com/korczak.htm

 

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Swami Sivananda: Brahmans Freizeitvergnügen

 

Brahman hat die Welt nicht aus einer Sehnsucht heraus erschaffen oder aus einem Grund. Sie ist einfach SEIN Freizeitvergnügen, sie entspringt SEINER Natur. Sie wohnt IHM inne und ist nicht von IHM zu trennen. Manchmal sieht man auch einen reichen Mann oder einen Prinzen, der etwas ohne Grund und Absicht tut, aus reiner Ausgelassenheit. Ebenso spielen Kinder aus reinem Vergnügen. Der Mensch atmet ohne Grund und Absicht, weil es seiner Natur entspricht. So wie ein Mann der Freude aus reinem Überschwang grundlos zu tanzen beginnt, wenn er aus tiefem Schlaf erwacht, erschafft Brahman selbst diese Welt nicht aus einem Grund oder einer Absicht, sondern aus einer Unternehmenslust, die SEINER eigenen Natur entspringt, oder als Lila oder Spiel.

aus: Swami Sivananda, „Brahma Sutras“

Die Armen hatten wohl nix zu lachen und die Frauen auch nicht. Entweder tatsächlich oder weil das aus der Sicht eines Brahmanen ja noch schöner gewesen wäre, wenn die sich auch noch ihrer eigenen Natur gemäß verhalten dürften. Kinder, okay, okay, aber Arme und Frauen – ja, wie hammers denn? Am Ende wollen auch noch die Viecher ihrer Natur gemäß leben! So weit kommt’s noch!


So und jetzt vergessen wir mal unsere gute Brahmanen-Kinderstube, werter Swami, und billigen nicht nur Brahman, sondern auch der ganzen Welt zu, sich gemäß ihrer ursprünglichen Natur zu verhalten. Dann können wir durchaus zusammenkommen. Diese Welt kümmert nämlich nur aus einem einzigen Grund so vor sich hin, weil jede Menge menschlicher Idioten glaubt, diese Welt von ihrer ursprünglichen Natur entfremden zu müssen. Nicht einmal die Kinder dürfen noch so spielen, wie es ihnen entspricht. Ich kann mich selbst ja nur beglückwünschen zu der Gnade meiner frühen Geburt. In den Ruinen, die uns der Krieg hinterlassen hatte, hatten wir die aufregendsten Abenteuerspielplätze der Welt, so mit Bombentrichtern, rumliegender Munition und finsteren Gestalten in dunklen Kellern. Wenn ich heute die „Kinderspielplätze“ und die ständige Beaufsichtigung und Beschulung der Kleinen angucke, kann ich nur noch das heulende Elend kriegen.

Na ja, auch die komischen Brahmanen und ihre komische Ideologie entspricht einfach Brahmans kreativ-spielerischem Schaffensdrang. Und so hat Brahman ja nicht nur die Brahmanen erschaffen, sondern auch mich, der mal wieder was zum Rummeckern gefunden hat. Aber ich will ja nicht nur meckern. Dass der Swami meint, dass das Ganze ohne Grund und Absicht existiert, löst bei mir jedenfalls ein freundlich-grummelndes Nicken aus.

Also wenn der Swami auch den Armen und den Frauen und den Kühen und überhaupt jedem Wesen großzügig erlaubt, ihrer eigenen Natur gemäß auf dieser schönen Erde herumzutollen, bin ich ganz bei ihm.

 

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Huang-po: der Weg des Buddha

 

Es gibt keinen Erleuchteten und keinen Unwissenden, und es gibt kein Nichts. Wenn auch im Grunde die Dinge ohne objektive Existenz sind, so darfst du doch nicht denken, sie seien nicht existent, und wenn sie auch nicht existent sind, darfst du sie nicht als existierend denken. „Existenz“ und „Nichtexistenz“ sind empirische Begriffe und nichts anderes als Illusionen. Darum steht geschrieben: Was immer die Sinne auffassen, einschließlich gedanklicher Begriffe bis hin zu den Lebewesen, gleicht einer Illusion.“ Der Gründer unserer Schule [Da Mo alias Bodhidharma] predigte seinen Schülern nichts anderes als vollkommene Abstraktion, die zum Ausschalten der Sinneswahrnehmung führt. In dieser vollkommenen Abstraktion entfaltet sich der Weg des Buddha, während aus der Unterscheidung zwischen diesem und jenem ein Heer von Dämonen aufsteht.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Nicht vergessen, der Gründer von Huang-pos Schule hat eigenhändig die Mörderbande erschlagen, die das Shaolin-Kloster überfallen wollte. Ich vermute mal, dass er bei dieser Aktion, die Erscheinung der Banditen nicht vollkommen abstrahiert hat, was zur Ausschaltung der Sinneswahrnehmung geführt hätte. Und ich vermute weiter, dass auch seine Kung Fu-Ausbildung ohne Sinneswahrnehmung nicht möglich gewesen wäre. Was meint also Huang-po?

An anderer Stelle gibt Huang-po die Antwort auf diese Frage. Der Geist ist Buddha. Der Weg ist das Aufhören des begrifflichen Denkens. Wenn du nicht mehr Begriffe aufkommen lässt, wie Existenz und Nichtexistenz, lang und kurz, Selbst und Anderes, aktiv und passiv und Ähnliches, dann wirst du finden, dass dein Geist im Grunde Buddha, dass Buddha im Grunde Geist ist und der Geist der Leere ähnlich ist. Wenn ich den Huang-po richtig verstehe, geht es ihm um das begriffliche Denken und um unsere durch die Brille unserer Denkkonstrukte verschleierten Sinneswahrnehmungen. Nun beschreibt er den Weg zum Geist so, dass das begriffliche Denken aufhört. Also jetzt mal ehrlich: Bei wem von euch hat das begriffliche Denken schon aufgehört? Bitte Hand hoch! Waas? Ich sehe keine Hand? Nicht mal meine eigene! Unerhört! Jetzt haben wir so’ne klare Wegbeschreibung und wir Luschen kriegen nicht mal das gebacken.

Also jetzt mal ganz einfach (sag ich immer, wenn’s kompliziert wird): Was nehmen wir denn wahr? Also ich nehme wahr, was in diesem Augenblick erscheint. Das kann ein Vogel sein, der gerade vorbeifliegt oder dass mein Kaffee schon wieder kalt geworden ist oder dass ich mich gerade daran erinnere, dass die Merkel vor Jahren gesagt hat, dass Multikulti tot ist, oder dass es mich am rechten Schulterblatt juckt oder dass ich gerade mein rechtes Bein ausstrecke oder … ich will sagen: Es spielt absolut keine Rolle, was da gerade erscheint, es erscheint gerade. Und das ist auch schon alles, was ich weiß: Da erscheint gerade … und schon ist es wieder vorbei und Neues ist erschienen. Genau genommen, sehe ich ja gar nichts, sondern „das allsehende Auge“ sieht – ähem. Leider oder Gott sei Dank befindet sich etwa zwischen dem „Auge“ und dem Vogel eine Linse mit höchst individuellen Verfärbungen und Eintrübungen, sodass man nicht mehr sagen kann, dass der Vogel in seiner ursprünglichen Form gesehen werden kann. Und so geht es nicht nur dem Vogel, sondern auch allem anderen. Jedes „Ding“ hat seine eigene Linse, die wie eine Perle auf einer Perlenschnur neben unzähligen anderen Linsen aufgereiht ist. Ich hab ja befürchtet, dass es kompliziert wird. Wenn man für ein Bild so viele Worte zur Erklärung braucht, ist es ein Scheißbild, aber ich bin zu faul, ein neues zu basteln. Also, es ist wurschtegal, was ich denke, fühle und tue. Es ist wurschtegal, wie alle „Dinge“ durch verzerrende Linsen verzerrt werden, was immer gesehen wird, es wird als Erscheinung gesehen, die ihre ganz eigene Gültigkeit hat. Da sitzt einer seit Jahren auf dem Arunachala oder jemand beginnt gerade Kung-Fu zu trainieren oder jemand hat gerade zu gar nix Bock. Es macht keinen Unterschied. Es erscheint einfach. Erscheint, erscheint, erscheint, …

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Wider alle (falschen) Propheten

 

Als Propheten werden Leute bezeichnet, die aufgrund eines göttlichen Auftrags die absolute Wahrheit verkünden. Da es niemanden gibt, der die Existenz Gottes beweisen kann und schon gar nicht diesen göttlichen Auftrag für einen Propheten, da es also immer nur die Behauptung des angeblichen Propheten gibt, ein von Gott Auserwählter und Gesandter zu sein, bleibt den Hörern der Botschaft immer nur die Wahl, diese Behauptungen zu glauben oder es bleiben zu lassen.

Vorgestern zitierte ich Osho mit dem Hinweis: „Alles wird zum Schluss verschwinden, auch ich und du. Das einzige, was übrigbleibt, ist reines Bewusstsein.“ Sagt er und kann es aus meiner Sicht gar nicht wissen, weil er noch lebte, als er das sagte. Als ich vor 11 Jahren auf meinen Tod wartete, war da nur absolute Stille und ein geradezu himmlischer Frieden. Darüber kann ich berichten, nicht aber über das, was nach meinem Tod sein wird. Ich finde es ja toll, dass da so viele Propheten, Gurus und was weiß ich für Herrschaften auf der Erde herumschwirren. Sie haben mir schon viele Impulse gegeben, hier hinzugucken und dort etwas in Frage zu stellen. Und manchmal wurde ich auch zutiefst berührt von einer wortlosen Geste. Aber irgendeinen Glauben hat das bei mir nicht erzeugt. Es hat vielmehr die noch nicht bekannten Reste von Gläubigkeit bei mir zerstört. Das ist sowieso ein lustiger Weg: Zuerst als Baby glaubt man absolut gar nichts, dann wird man vollgestopft mit allen möglichen Glaubensinhalten, nur um den Rest des Lebens damit beschäftigt zu sein, diese Glaubensinhalte wieder zu erkennen und loszuwerden. Also, „Triffst du Buddha unterwegs, töte Buddha!“ oder etwas weniger blutrünstig „Ab in den Mülleimer mit allen Propheten!“

Kaum hab ich das gesagt, kommen die ersten leisen Zweifel. Warum sollte ich sie töten oder in den Mülleimer schmeißen? Sie tun mir doch gar nix – na ja, solange sie nicht ihre stumpfsinnigen Anhänger auffordern, mich zu killen, weil ich mich partout nicht zu ihren stumpfsinnigen Anhängern gesellen will. Aber solange sie nur predigen oder schlaue Bücher schreiben – soll’n se doch, ich muss es ja nicht glauben. Wenn ich es mir recht überlege, sind es ja gar nicht die Gurus und Propheten, die mir auf den Geist gehen, sondern ihre stumpfsinnigen Anhänger, die zu faul sind, sich selbst auf den Weg zu machen, wie es die Propheten oder Gurus vielleicht mal getan haben. Dieses Heer der Mitläufer, deren einziges Argument ist: „Aber es steht geschrieben, … “ oder „der Prophet hat gesagt, ….“ – da könnt’ste vor Verzweiflung mit den Fingernägeln den Kalk von der Wand kratzen. Also ich lass die Gurus und Propheten einfach in Ruhe und entsorge lieber das Heer der Gläubigen. Mit den Gurus und Propheten komm ich schon klar, aber mit den Hohlköpfen, die keinen einzigen eigenen Gedanken mehr selbst kreieren können, … nee, also die können mich mal alle.
Geht’s mir jetzt besser? Nö. Gurus und Propheten gibt’s und Gläubige gibt’s. Und alles ist Ausdruck der einen Quelle. Wer bin ich, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, wer oder was in den Mülleimer gehört und wer oder was nicht? Ich glaube, da gehört nur einer hinein: Mein dusseliger Kopf.

Nu is auch mein Kopf im Mülleimer.
Geht’s mir jetzt besser?
Nee, nix muss weg. Nicht mal der dusselige Kopf!

Ha, jetzt geht’s mir richtig gut.

 

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