Tao-hsin: Der Lehrer hat sie vergessen


Hung-jen fragte Tao-hsin „Was unterscheidet einen Schüler von einem Lehrer?“ Tao-hsin antwortete „Der Schüler hat die letzte Stufe nicht erreicht, der Lehrer hat sie vergessen.“
Später fragte Hung-jen seinen Lehrer: „Was ist die letzte Stufe?“ Tao-hsin antwortete: „Freiheit.“

aus: „Die verschollenen Schriften von Tao-hsin“

Die letzte Stufe – oh mein Gott, da fallen mir all die Stufen der unterschiedlichen Geheimlehren ein, Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten, Theosophen, … Eine Einweihung folgt auf die nächste und irgendwann dann endlich kommt es zur letzten, zur allerallerletzten Einweihung. Jetzt hat der Kandidat 100 Punkte und das Gefühl: Da fehlt doch noch was. Aber: Nur nichts anmerken lassen. Jetzt bin ich der Meister aller Klassen und muss und kann den anderen zeigen, wie man Stufe um Stufe erklimmt. Ich bin der Großmeister mit Amt und Siegel. Ich hab’s erreicht.

Nach außen gekämmte, seitlich längere Barthaare mit hochgezwirbelten Enden. Damit der Bart seine Form nicht verlor, trug man über Nacht eine hinter den Ohren zu befestigende Bartbinde. Außerdem befeuchtete man ihn mit der vom Hoffriseur des Kaisers, François Haby, entwickelten Barttinktur der Marke „Es ist erreicht“, wonach der Bart seinen Namen „Es-ist-erreicht-Bart“ erhielt.

Sorry, aber an der Geschichte kam ich nicht vorbei. Die hat mir mein alter Herr des Öfteren erzählt. Erreicht werden sollte übrigens, so erzählte er mit einem Augenzwinkern, dass die hochgezwirbelten Enden des Schnurrbartes bis zu den Augen des Monarchen kamen. Kamen sie aber nicht. Kein Wunder, dass wir den ersten Weltkrieg verloren haben.

In der Geschichte von Tao-hsin und seinem Nachfolger Hung-jen geht es also um die Frage, was einen Schüler von einem Lehrer unterscheidet. Tao-hsin beantwortet sie mit dem Satz: „Der Schüler hat die letzte Stufe nicht erreicht, der Lehrer hat sie vergessen.“ Ich übersetze diesen Satz mal mit meinem Verständnis: Ein Schüler wird nie die letzte Stufe erreichen und immer nach ihr weiter suchen. Es wird nie genug sein. Und der Lehrer? Ich erinnere an die inzwischen schon zu Tode zitierte Frage von Ramesh: „Wen kümmerts?“ Dies bringt mich zu einer weiteren Geschichte, die über Tao-hsin und seinen Meister Seng-ts’an berichtet wird:

Der vierzehnjährige Tao-hsin trifft den 3. Ch’an-Patriarchen Seng-ts’an.
Tao-hsin
: Ich bitte um das Mitgefühl des Meisters. Bitte unterrichten Sie mich, wie man Befreiung erreichen kann.
Seng-ts’an
: Gibt es jemanden, der dich bindet?
Tao-hsin
: Es gibt keine solche Person.
Seng-ts’an
: Warum suchst du dann Befreiung, wenn du von niemandem eingeschränkt wirst?
Als er diese Worte hörte, war Tao-hsin erleuchtet.

Ich musste bei dieser köstlichen Geschichte gleich an das Video mit Ludmilla und Roland im Rahmen des sog. Erleuchtungskongresses 2016 denken, in dem Ludmilla dem Steven Harrison erzählt, dass das Thema „Erwachen und Erleuchtung“ sei. Und der Steven reagiert darauf wie Seng-ts’an auf die Frage von Tao-hsin, wie man Befreiung erreicht. Er beantwortet die Frage nicht, er stellt die Frage in Frage. Bei dem vierzehnjährigen Tao-hsin genügte das, um ihm die Verrücktheit der Frage klar zu machen. Als er diese Worte hörte, fiel bei ihm der Groschen.

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Bankei: Die Leute wussten sich keinen Reim drauf zu machen


Einmal, als Bankei das Dorf verließ, begegnete ihm der Bauer Hachirōemon.

„Wohin seid ihr unterwegs, Meister?“, fragte Hachirōemon.
„Zu Eurem Zuhause“, sagte Bankei.
„Habt ihr die Medizin mitgebracht?“
„Das habe ich allerdings.“
„Ich möchte, dass Ihr mich für diese Medizin bezahlt“, sagte Hachirōemon und streckte die Hand aus. Bankei spie ihm in die Hand. Sie johlten vor Lachen. Alle ihre Begegnungen waren mehr oder weniger von dieser Art. Die Leute wussten sich keinen Reim drauf zu machen.

Hachirōemon starb, den Kopf auf Bankeis Schoß gebettet. Seine letzten Worte, als er dort lag, waren: „Ich sterbe in der Mitte des Dharma-Schlachtfeldes. Ob Ihr wohl ein Wort für mich habt, Meister?
„Nur, dass ihr einen gewaltigen Gegner niederschlagen müsst“, sagte Bankei.
„Würdet Ihr das zulassen?“, fragte Hachirōemon.
„Es gibt nichts, was ich nicht zulassen würde“, sagte Bankei.

„Mann, du bist ein Buddha“ schrie Hachirōemons Frau auf. „Warum hast du mich nicht aus meiner Verblendung erlöst, bevor du mich verlässt?“
„Mein ganzer Körper, ob ich spreche oder schweige, tätig bin oder ruhe, ist das gesamte Wirken der Wahrheit“, antwortete Hachirōemon. „Ich habe dir stets und ständig die grundlegenden Dinge des Geistes offen dargelegt. Warum hast du sie nie verstanden?“

aus: Meister Bankei, „Die Lehre vom Ungeborenen“

Hachirōemon war wohl ein ziemlich sprunghafter und wenig berechenbarer Kerl und er galt bei den Leuten als ziemlich schwachsinnig. Umso unverständlicher war ihnen, dass zwischen ihm und dem Meister eine innige Verbindung entstanden war. Nicht einmal seine Frau ahnte, dass es sich bei ihrem Mann um einen Buddha handeln könnte. Aber das ist ja völlig normal. Meine Buddha-Natur kann auch keine Sau erkennen. Ist halt so: Nur Buddhas können Buddhas erkennen. Hihi. Ein Wunder, dass sie Bankei als Meister anerkannten, so kindisch, wie sich der mit seinem Freund Hachirōemon aufführte. Die beiden machten nur Quatsch, Nonsens und lachten sich dabei kaputt wie die Blöden. Zwei Buddhas. Das gefällt mir, offene Weite, nichts von heilig, kein Weihrauch und kein pastorales Gehabe. Einfach zwei Kindsköpfe.

Was gibt’s dazu noch zu sagen? Also von meiner Seite aus nix. Mir hat einfach die Geschichte gefallen.

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Wie kann den Palast wählen wollen, wer den Buddha gewählt hat?


Schon in seiner Jugend war Meister Dan Xia sehr belesen in den klassischen Texten. So begab er sich eines Tages in die Hauptstadt, um die kaiserliche Prüfung abzulegen. Wer diese Prüfung mit gutem Ergebnissen bestand, konnte mit großer Sicherheit einen gut bezahlten Beamtenposten bekommen. Auf dem Weg in die Hauptstadt traf er unerwartet einen alten Ch’an-Meister, dem er von seinem Vorhaben erzählte. Dieser blickte ihn erstaunt an und sagte nur: „Wie kann den Palast wählen wollen, wer den Buddha gewählt hat?“

Als er diesen Satz vernahm, wurde Dan Xia plötzlich von großer Klarheit ergriffen. Augenblicklich erkannte er sein Unterfangen als sinnlos und entschied, auf die Teilnahme an der Gelehrtenprüfung zu verzichten. Ohne in die Hauptstadt gelangt zu sein, trat er wieder den Rückweg an.

aus: Hans-Günter Wagner, „Das Kostbarste im Leben“

Hmm, „wie kann den Palast wählen wollen, wer den Buddha gewählt hat?“ Na ganz einfach, wenn „er“ gewählt hat. Diese Wahl geschieht, sie wird vorgefunden oder eben nicht vorgefunden, was ja auch völlig okay ist. Schwierig wird’s halt immer, wenn jemand meint, diese Wahl aus welchen Gründen auch immer treffen zu müssen, und noch schwieriger, wenn er dann gewaschen werden will, ohne sich dabei den Pelz nass zu machen. Er will den Vorteil dieser Seite und den Vorteil der anderen Seite. Er ist einfach nur gierig.
Im Logion 47 im Thomas-Evangelium sagt Jesus u.a.: „Es ist nicht möglich, dass ein Diener gleichzeitig zwei Herren dient. Er wird ehrerbietig dem einen gegenüber sein und dem anderen gegenüber überheblich.“ Buddha „wählen“ ist nicht besser oder schlechter als den Palast zu „wählen“. Nicht wollen und zugleich wollen – es ist einfach nicht möglich, beides gleichzeitig zu wählen. Darauf wollte der alte Ch’an-Meister den jungen Dan Xia aufmerksam machen. Das heißt auf gut Deutsch: Jeder Kompromiss kann nur ein fauler Kompromiss sein, der ins Elend führt.

Alle Religionen sind entstanden aus tausend faulen Kompromissen. Wir brauchen uns ja bloß ein wenig in die Geschichte des Christentums zu vertiefen, um sehen zu können, dass das alles fast ausschließlich etwas mit Politik und fast nichts mit der Figur zu tun hat, auf die sie sich beruft. (Ganz gut zusammengefasst z.B. hier). Niemand sollte glauben, dass es den anderen Religionen besser ergangen wäre.

Die alten Ch’an-Meister haben Buddhas Sutren zerrissen: „Triffst du Buddha unterwegs, töte Buddha!“ Sie waren weder Tao“isten“ noch Buddh“isten“, sondern totale Einzelgänger und schöpften nur aus sich selbst heraus und da waren sie nicht für den geringsten Kompromiss zu haben. Sie waren Bilderstürmer im besten Sinn, also keine Vandalen, die die Zeugnisse vergangener Kulturen zerstören mussten, sondern Menschen, die es ablehnten, sich ein Bild von dem zu machen, was absolut gestaltlos ist. Das kann jeder Einzelne nur in sich selbst entdecken und darüber kann nun wirklich beim besten Willen nicht diskutiert werden. Diskutiert werden kann immer nur über Beschreibbares, Vorstellbares, über Bilder, Worte, Dinge. Ein Konzil über das Namenlose abzuhalten, das Für und Wider zu erörtern und am Schluss über die Diskussionsergebnisse abzustimmen, das ist orthodoxe Religion, hat aber nichts mit dem zu tun, worum es etwa Jesus oder Buddha und den Ch’an-Patriarchen ging. Wer das Namenlose entdeckt hat, kann darüber, wie  man früher gesagt hat, bestenfalls Zeugnis ablegen, aber nicht diskutieren. Deshalb sind auch alle sog. Du-Botschaften hier völlig irrelevant.

„Wie kann den Palast wählen wollen, wer den Buddha gewählt hat?“, fragte der alte Ch’an-Meister den jungen Dan Xia. Den Buddha wählen heißt, das Namenlose entdecken und in ihm verweilen. Den Palast wählen heißt, dem, was Namen hat, zu dienen und sich und seine namenlose Wahrheit dafür zu verkaufen. Nochmal: Nicht, dass das eine besser als das andere wäre, aber da kann es keinen Kompromiss geben. Das schließt sich gegenseitig einfach aus.

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Leo Hartong: „Der Streich, den sich das Selbst selbst spielt“


Die Manifestation, wie sie „der Verstand“ sieht, wird immer auf der Grundlage von Gegensätzen ablaufen. Insofern ist das Erwachen nicht das Ende der Vorstellung, wie sie heute erscheint. Mit dem Erwachen kommt es zur Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte. Das macht dieses ganze Erwachens-Ding zu so etwas wie einem Streich, den sich das Selbst selbst spielt.

Wenn im Seil eine Schlange gesehen wird, ist das Seil trotzdem noch ein Seil. Wenn Vielfalt auf den Einen Bildschirm projiziert wird, ist es immer noch der Eine Bildschirm. Sobald klar ist, dass es wirklich kein getrenntes Wesen gibt, werden Vorlieben und Abneigungen nicht länger als Eigenschaften betrachtet, die zu „jemandem“ gehören, der sie erlösen muss. Sie werden jetzt als eine der zahllosen Möglichkeiten betrachtet, wie das Eine sich selbst erscheint – unzählige Variationen, aber alle von einem einzigen „Thema“.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“

„Mit dem Erwachen kommt es zur Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte“, sagt der Leo. „Wer erwacht denn dann?“, taucht natürlich sogleich als Frage auf. Und wer kommt zu dieser umwerfenden Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte? Alles, was hier zu lesen ist, Beiträge, Kommentare, sind nichts als auftauchende Gedanken, die so viel Wahrheitsgehalt besitzen, wie die Abermillionen Tröpfchen der aufbrausenden Gischt, die entsteht, wenn die Wogen des Ozeans gegen einen Felsen branden. Wenn kein getrenntes Wesen erwachen kann, kann denn das Selbst erwachen? Schläft das Selbst und wacht gelegentlich auf, blinzelt ein wenig und reibt sich die verklebten Äuglein? Und auf der Nadelspitze tanzen die Englein herum – wie viele, da streiten sich seit jeher die Gelehrten. Und „der Streich, den sich das Selbst selbst spielt,“ gehört natürlich in dieselbe Kategorie. Alles nur Unterhaltung. Wer hier ernsthaft nach Wahrheit sucht, wird sich hoffentlich schnell enttäuscht wieder aus dem Staub machen. Ebenso diejenigen, die hoffen, ihr angeblich so tiefschürfendes Wissen gegen das Wissen möglichst würdiger Gegenspieler ins Feld führen zu können. Um das Orakel von Delphi aus alten Zeiten zu bemühen: Hier tummeln sich Nicht-Wisser, die so weise sind, dass sie wissen, dass sie gar nicht wissen können. Wer über „die Wahrheit“ diskutieren will oder glaubt, ohne Drama nicht leben zu können, wird sich hier wohl kaum wohl fühlen.
„Wenn im Seil eine Schlange gesehen wird, ist das Seil trotzdem noch ein Seil.“ Der Leo stellt die Existenz des Seils nicht in Frage. Könnte man locker, denn schließlich ist auch das Seil nur eine Erscheinung. Aber dann wären wir wirklich sehr schnell bei den Engeln auf der Nadelspitze angelangt. Ausgangspunkt dieser Geschichte ist ja der Wandersmann, der in der Dämmerung eine gefährliche Schlange zu sehen glaubt, die sich jedoch bei Tageslicht als harmloses Stück eines Seils entpuppt. Auch ein Pferd könnte davor zurückscheuen. Das ist gut nachvollziehbar, sieht doch ein Stück Seil einer Schlange in der Dämmerung zum Verwechseln ähnlich. Und: Es könnte ja auch tatsächlich eine Schlange sein. Auch auf die Gefahr hin also, dass es sich um ein harmloses Stück eines Seils handelt, ist es also mehr als ratsam, sich in Sicherheit zu bringen.

Gestern erinnerte Osho an das sich drehende Rad, dessen Mittelpunkt absolut bewegungslos und still ist. Als der jugendliche Ramana auf seinen Arunachala kletterte, war er anscheinend nur noch diese bewegungslose Stille. Hätten sich nicht andere Menschen seiner angenommen, wäre er wohl verdurstet, verhungert und von irgendwelchen Viechern aufgefressen worden. Später sagte er zu Poonja, der auch gerne in seiner Stille geblieben wäre: „Geh und rette deine Familie vor den muslimischen Mordbanden.“ Er philosophierte nicht darüber, ob diese Mordbuben nur Erscheinungen seien oder nicht. Ein Seil ist ein Seil und unsere Erklärungen sind nicht das Seil, sondern nur Möglichkeiten, die gerade als Gedanken, Vorstellungen, Phantasien erscheinen. Ein Seil ist keine Schlange und eine Schlange kein Seil. Das ist zumindest eine praktische und damit ziemlich empfehlenswerte Version. Schützt vor Wahnsinn und anderen Unbilden.

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Osho: Gewahrsein vs. Beobachter


Dein inneres Sein ist ein Zuschauer, es ist nie am Tun beteiligt. Wann immer du glaubst, dein Tun sei Ausdruck deiner innersten Natur, handelt es sich um eine Identifikation. Dein Innerstes ist niemals tätig. Du kannst zu Fuß um die ganze Welt gehen – dein inneres Sein hat nicht einen Schritt getan. Du kannst tausende von Träumen haben – dein inneres Sein hat niemals einen Traum. Alle Bewegung bleibt an der Oberfläche. Tief am Grunde deines Wesens gibt es keine Bewegung. Alle Bewegung bleibt am Rand – genau wie beim Rad, das sich an der Peripherie dreht, aber in der Mitte wo die Nabe ist, still steht. Im Mittelpunkt bleibt alles, wie es ist, und das Rad rotiert um das Zentrum.Beobachte dein Verhalten, deine Handlungen, deine Identifikationen, und du gewinnst Abstand; nach und nach entsteht ein Abstand  – der Beobachter und der Ausführende werden zwei. Du kannst dich selber lachen sehen, du kannst dich selber weinen sehen, du kannst dir selber zusehen, wie du herumgehst, isst, liebst; du kannst viele Dinge tun, an allem teilnehmen, was um dich herum passiert und doch der Zuschauer bleiben. Du greifst nicht zu und wirst eins mit dem, was du siehst.

aus: Osho, „Tantra, die höchste Einsicht“

„Dein inneres Sein ist ein Zuschauer, es ist nie am Tun beteiligt“, sagt Osho und gleich darauf: „Beobachte dein Verhalten, deine Handlungen, deine Identifikationen, …“ Das innere Sein ist bereits der Zuschauer. Ihm muss nicht gesagt werden, dass es beobachten soll. Es ist bereits ständiges Gewahrsein. Beobachten ist ein Tun und der Beobachter eine Identifikationsfigur. Gewahrsein ist sich auch des Beobachters gewahr. Kennt wahrscheinlich jeder: Leute, die ständig in irgendeiner Ecke hocken und ihre Mitmenschen beobachten und dabei pausenlos innere Urteile fällen und Kommentare absondern. Das ist hier mit Sicherheit nicht gemeint! Es geht um das innere Sein als Gewahrsein, das niemals am Tun beteiligt ist, also niemals moralisiert, bewertet oder kommentiert. Dies kann unbewusst sein oder bewusst werden, das ist der Unterschied zwischen einem nicht-meditativen und einem meditativen Leben.

Osho empfiehlt: „Beobachte dein Verhalten, deine Handlungen, deine Identifikationen, und du gewinnst Abstand; nach und nach entsteht ein Abstand  der Beobachter und der Ausführende werden zwei.“ Für Menschen, die ein nicht-meditatives Leben führen, ist das der Anfang. Und der hat’s wirklich in sich. Ich weiß noch zu gut, wie ich als Jugendlicher daran schier verrückt geworden bin. „… der Beobachter und der Ausführende werden zwei.“ Genau daran. Du kannst völlig schizophren werden in dieser Gespaltenheit und total unfähig, noch spontan zu handeln. Du wirst zu deinem eigenen gefürchteten BIG BROTHER. Er wird allgegenwärtig und du kannst ihn nicht mehr abstellen. Stell dir vor: Wo immer du bist und was immer du tust, da ist immer noch ein Anderer da und beobachtet dich. Und dieser Andere steht für die gesamte menschliche Gesellschaft mit all ihren moralischen Verurteilungen. Es ist ein Albtraum. Kein Wunder, dass die Menschen lieber unbewusst bleiben wollen. Wer möchte schon bewusst seinem eigenen Wahnsinn begegnen. Aber wenn dieser Prozess erst einmal angefangen hat, ist er schwerlich wieder zu stoppen. Ich hab’s mit reichlich Alkohol versucht. Es ist mir nicht gelungen. Andere haben es mit harten Drogen versucht bis hin zu ihrem beabsichtigen oder unbeabsichtigten Suizid. „Beobachte dein Verhalten, deine Handlungen, deine Identifikationen, …“ Hätte ich bloß nie damit angefangen, denkt man oft genug – als ob es da je eine Wahl gegeben hätte. Und wenn man dann seine Mitmenschen betrachtet, die einfach völlig unbewusst maschinenhaft funktionieren und damit überhaupt kein Problem zu haben scheinen, beneidet man sie vielleicht sogar für einen Moment –aber nur für einen Moment und nicht wirklich.

Der Beobachter ist nicht dein inneres Sein, ist nicht dein Gewahr-Sein, er ist BIG BROTHER, der vorgibt, dein inneres Sein, dein Gewahr-Sein zu sein. Er ist nur eine weitere Traumfigur.

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Steven Harrison: Von hier aus keine Verbindung nach dorthin


Um die Wechselwirkungen der Wirklichkeit zu erforschen, werden wir sowohl von unseren persönlichen Selbstverbesserungsprogrammen absehen müssen als auch von der Idee der unpersönlichen Erleuchtung. Von hier aus gibt es keine Verbindung nach dorthin. Wir gelangen nur dorthin von dort aus. Kein psychologischer, spiritueller oder religiöser Entwicklungsprozess wird uns je von Nutzen sein – genauso wenig wie solche Prozesse uns schaden werden. Alle diese Prozesse sind komplett irrelevant. Wenn wir es schätzen, um „Lehrer des Weges“ herum zu sein und deren Nähe zu genießen, dann werden wir selbstverständlich weiter diese virtuelle Welt aufsuchen. Und diese Welt ist nicht weiter oder näher zu der Wirklichkeit als alle anderen künstlichen Realitäten. Wir können uns also entspannen.

Selbst wenn uns Größenwahn packen sollte, wir unserer tiefsten Bedürfnisse bewusst sind, wir von echter Spiritualität angetrieben werden und heiliger als alle religiösen Menschen zusammen sind – ob wir es mögen oder nicht: Auch dann sind wir nicht näher oder weiter zur Wirklichkeit als ein drogenabhängiger Verbrecher, ein Konsumsüchtiger oder ein TV-Junkie. In einem nicht-kausalen Universum, in dem die Wirklichkeit die Realität hervorbringt, sind wir alle eine Manifestation dieser Wirklichkeit. Wir sind alle gleich nah an der Quelle. Die Distanz zur Nicht-Existenz ist für jeden von uns genau null.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Idi Amin und der Mönch – beide nicht näher oder weiter zur Wirklichkeit? Erzähl das mal einem aufrechten Sucher, wo möglich einem Lätzchenträger oder sonstigem „Ordinierten“. Das ist jetzt beileibe keine Aufforderung, etwa in Idi Amins Fußstapfen zu treten, „weil’s eh wurscht ist“, was du angeblich so treibst. Es heißt nur, dass es, was den Abstand zur Wirklichkeit betrifft, nicht den kleinsten Unterschied macht. Wie Steven sagt: „Die Distanz zur Nicht-Existenz ist für jeden von uns genau null.“ Jetzt müsste ich eigentlich noch hinzufügen: Nichts verkehrt am Lätzchenträger oder Ordinierten, aber dann bitte auch nichts an Idi Amin, nichts verkehrt an nichts und niemandem. Alle Bemühungen, ein besserer Mensch zu werden, wie es von allen Seiten propagiert wird, und die daraus folgenden Prozesse sind, wie Steven sagt, komplett irrelevant: „Kein psychologischer, spiritueller oder religiöser Entwicklungsprozess wird uns je von Nutzen sein – genauso wenig wie solche Prozesse uns schaden werden.“

Es wäre vielleicht gut, hier festzustellen, dass der Steven das aus einer bestimmten Perspektive heraus sagt. Es ist ja nicht so, dass Tun nicht irgendein Ergebnis hervorbringen würde. Wer seine verdreckten Schuhe putzt, hat hinterher wieder blitzblanke Schuhe. Na ja, morgen werden sie wieder dreckig sein. Aber soll man deshalb ganz aufs Schuhputzen verzichten? Ich muss gerade an einen Ausspruch von Osho zur Primärtherapie denken: „Und morgen bist du wieder derselbe.“ Eine neue Therapie, neue Hoffnung beim Therapeuten, neue Hoffnung bei seinem Klienten – und morgen bist du wieder derselbe? Martin Schulz: Wir haben Fehler gemacht. Ich entschuldige mich dafür. Wir werden es besser machen – Seit an Seit. – Und morgen ist alles wieder, wie es immer war: „Wer hat uns verraten?“ Geht es dem Steven darum, das festzustellen? Er sagt: „Alle diese Prozesse sind komplett irrelevant.“ Irrelevant für wen? Wie können sie relevant sein, wenn da niemand ist, für den sie relevant sein könnten?

„Von hier aus gibt es keine Verbindung nach dorthin.“ Insofern sind all unsere Bemühungen, dorthin zu gelangen sowieso irrelevant. Unsere Bemühungen, wir: „In einem nicht-kausalen Universum, in dem die Wirklichkeit die Realität hervorbringt, sind wir alle eine Manifestation dieser Wirklichkeit.“ Wir können die Namasté-Geste bis zum Umfallen praktizieren – in Bayern denkt sich auch niemand was dabei, wenn er „Grüß Gott!“ sagt. Es soll  ja eigentlich einfach eine Erinnerung sein: Die Wirklichkeit muss sich nicht selbst grüßen. Das ist wirklich albern. Ich bin eine Manifestation dieser einen Wirklichkeit, du bist eine Manifestation dieser einen Wirklichkeit. Ich anerkenne mich und mein Gegenüber als Manifestation der einen Wirklichkeit. „Wir sind alle gleich nah an der Quelle. Die Distanz zur Nicht-Existenz ist für jeden von uns genau null.“

Der Nihilist
Der Nihilist
Weiß ums Verrecken nicht
Wer er ist
(Hihi)

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Karl Renz: Du machst einen Traum wahr


Jesus hat gesagt, dass du nur als nackte Existenz zu ihm kommen kannst. Kein Besitzender kommt jemals durch das Nadelöhr. Du kannst mich nicht treffen, solange du nicht vollkommen nackt bist, entblößt von allen Ideen davon, was du bist und was du nicht bist – die nackte Existenz selbst.

In dieser Nacktheit liegt das Paradies, weil niemand übrig bleibt, der erfreut oder nicht erfreut, glücklich oder unglücklich, wissend oder unwissend sein könnte. Das alles – es für wahr zu halten, als jemand der existiert, es für mich zu halten – das ist das Traumartige. Du machst einen Traum wahr, und dann bist du von den Einbildungen und Objekten gefangen genommen und wirst selbst zum Objekt. Dabei bist du DAS, was Herz ist. Und du hast es niemals verlassen, deshalb kannst du es nicht zurückgewinnen. Du kannst durch keine Technik und durch kein Verstehen werden, was-du-bist.

Dieses Verstehen ist kein Verstehen. Dieses Verstehen ist in Wirklichkeit das Wegfallen desjenigen, der verstehen kann. Aber das kann von demjenigen nicht erledigt werden. Es passiert von allein. Auf dieselbe Weise, wie es von selbst gekommen ist – das Verliebtsein in das Bild – fällt das Bild auch aus der Liebe , von selbst, und nicht durch ein Verstehen oder eine Technik oder durch andere Dinge, die der Meditierende getan hat.

aus: Karl Renz, „Eight Days in Tiruvannamalai“

Karl: „Das alles – es für wahr zu halten, als jemand der existiert, es für mich zu halten – das ist das Traumartige. Du machst einen Traum wahr, und dann bist du von den Einbildungen und Objekten gefangen genommen und wirst selbst zum Objekt.“ Da taucht etwas auf, dies oder das oder was ganz anderes und es zieht vorbei oder auch nicht, wird, warum auch immer, für wahr gehalten, für real, Identifizierung geschieht in der vorgestellten Beziehung zwischen einem Subjekt „ich“ und dem aufgetauchten Objekt, eine Geschichte dazu taucht auf, … ja, wie Karl es beschreibt: „… dann bist du von den Einbildungen und Objekten gefangen genommen und wirst selbst zum Objekt.“

Ist das ein Problem, ist das irgendwie „pfui“? Wenn ich vielen Spiris zuhöre, dann ist das ein Problem, es ist DAS Problem und total „pfui“ und sollte so nicht sein. Dabei ist auch das nichts anderes als ein weiterer Traum. Ich hab mir gerne die TV-Serie „Der junge Inspektor Morse“ angeguckt. „Was, du guckst noch Krimis?“ wurde ich bisweilen fast ungläubig gefragt. Ja, Himmel, Arsch und Zwirn, warum soll ich keine Krimis gucken? Ich guck ja auch Eichhörnchen oder Autos oder Facebook. Wo ist der Unterschied? Du bist einfach das, was du nicht nicht sein kannst und es taucht alles Mögliche und Unmögliche auf. Da taucht auch Identifizierung auf, mit Inspektor Morse oder wem oder was auch immer. Taucht auf und verschwindet. Schwierig wird’s halt, wenn es nicht verschwindet, wenn es für wahr, für real gehalten wird. Wenn ich jetzt rumlaufen würde als Inspektor Morse, würde man mich in die Klapse stecken. Wenn ich aber Psychiater in der Klapse wäre und mich für den Psychiater in der Klapse halten würde, dann fänden das alle völlig normal. Guten Tag, Herr Dr. Sowieso, würden die Leute sagen und sich selbst für weiß der Geier was halten. Der Schauspieler, der den Morse spielt, weiß, dass er nicht der Morse ist. Weiß er, dass er auch nicht der Schauspieler ist? Weiß er, dass er nicht „er“ ist? „Kein Besitzender kommt jemals durch das Nadelöhr. Du kannst mich nicht treffen, solange du nicht  vollkommen nackt bist, entblößt von allen Ideen davon, was du bist und was du nicht bist – die nackte Existenz selbst.“ Weiß er das? Weiß du das? Bist du das?

Entblößt von allen Ideen davon zu sein, was du bist und was du nicht bist, ist das Einzige, was spirituell genannt werden könnte, wenn man es denn unbedingt überhaupt benennen will.

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