Konrad Kustos: Die Moderne hat das Rad neu erfunden – viereckig

 

Bestenfalls in Form des Brechtschen V-Faktors als selbstverständlich intellektuell  gesteuerte Verfremdung darf das Unterbewusste noch mitspielen im Konzert der reinen Geistmenschen. Bis heute lebt die Moderne von diesem Anspruch, und wieder wagt es niemand, dem Kaiser zu sagen, wie unzureichend er gekleidet ist. Von Siegfried Kracauer stammt der schöne Satz: „An das Nichtmalenkönnen werden – seit es eine eigene Kunstform geworden ist – immer höhere Anforderungen gestellt.“

Kein Wunder, dass ein solches die Kunst ersetzendes Kunstprodukt auf die Unterstützung der von Oligarchen und Kritikern vertrauen muss – und kann. Sollte man nicht angesichts der Gräueltaten, die die Moderne an einem ganzheitlichen Kulturverständnis begangen hat, von modernder Kunst sprechen oder dann gleich auch noch das ‚r‘ zwei Stellen nach links verschieben? Eine moderne Kunst ist umso dekadenter, je aufklärerischer sie sich versteht, weil sie sich dabei von ihren intuitiven Wurzeln entfernt.

Wie viele andere Fehlentwicklungen wird das durch mangelnde Kommunikations- und Kritikfähigkeit befördert. In der inzestuösen Kulturszene wird nicht miteinander, sondern übereinander und voneinander geredet. Individueller Erfolg wird über Selbstdarstellung angestrebt statt über einen Wunsch nach Erkenntnis (kognitiver wie transzendenter Art) und über die Qualität des Kunstprodukts. Das konstruktive Streitgespräch weicht dem selbstüberzeugten Monolog. Innovation entsteht bestenfalls noch um der Innovation willen.

aus: Konrad Kustos, „CHAOS mit SYSTEM“

Religion ist ein hübsches Thema. Kunst als Thema ist mindestens genauso hübsch. Auch wenn ich euch allen mit meinem Butz auf den Keks gehen sollte, ich kann einfach nicht anders, als ihn immer wieder zu erwähnen. Heinz Butz empfahl uns gerne die alte Pinakothek in München oder etwa das Pergamonmuseum damals in Ostberlin. Dort sollten wir Skizzen von Bildern und Skulpturen der alten Meister machen und ihre Maltechniken erforschen. Ansonsten, ich schrieb es schon des Öfteren, war ihm wichtig, dass wir nach der Natur zeichneten und es auf eine meditative Weise taten. Er erzählte gerne Geschichten von den alten Zen-Malern oder etwa von den Zen-Meistern in der Kunst des Bogenschießens. Kunst und Religion waren bei ihm noch ganz nah beieinander und eigentlich überhaupt nicht zu trennen. Er liebte das Bauhaus und hier wiederum ganz besonders Paul Klee und Wassily Kandinsky. Er ging gewissermaßen mit ihnen in eine zunehmende Abstraktion, ein Weg, der nicht unbedingt der meine war.

Vielleicht kennt ihr die Geschichte von einem König, der einen Zen-Meister als Gärtner hatte. Der König war ein sehr gewissenhafter Schüler und irgendwann wollte er selbst einen ganzen Garten selbst gestalten und sie seinem geliebten Meister voller Stolz vorführen. Als er fertig war, zeigte er dem Meister den Garten. Der Garten war absolut perfekt. Die beiden schritten durch den Garten, aber der König sah, dass sein Meister immer trauriger wurde. Schließlich fragte er ihn, was ihn so traurig machte. Der Meister entgegnete: Dein Garten ist absolut perfekt und ich kann dir eigentlich nur meine Anerkennung aussprechen – aber er ist tot. Und er ging in eine Ecke des Gartens, in der ein großer zusammengerechter Blätterhaufen lag, griff mit beiden Armen tief hinein und warf die Blätter in die Luft, von wo der Wind sie über den ganzen Garten verstreute. „Spürst du es“, fragte er, „dein Garten fängt an zu leben?“

nicht perfekt, aber ich würde mich drin wohlfühlen

Die Fassaden unserer Häuser sind ungleich perfekter als der Garten des Königs und absolut tot. Auch eine Folge der missverstandenen Bauhaus-Ästhetik. Die Kunst hat längst den Kontakt zur Natur, zum Menschen, zum Lebendigen verloren und ist zur reinen Hirnwichserei geworden – genau wie die Religion. Das Zitat von Konrad Kustos bringt die Sache wirklich schön auf den Punkt: „An das Nichtmalenkönnen werden – seit es eine eigene Kunstform geworden ist – immer höhere Anforderungen gestellt.“ Wenn ihr in eine Buchhandlung geht und ein Buch in die Hand nehmt, so viel Nicht-Können ist kaum noch zu ertragen. Und ich denke an die alten Bücher, die mit so viel Liebe auf hohem Niveau gestaltet wurden. Man mochte sie gar nicht mehr aus der Hand legen.

Ich weiß, ich bin ein alter Sack und hoffnungslos „altmodisch“. Ich erinnere mich: In einer Ausstellung mit tibetischer Kunst sah ich eine kleine goldene Figur. Ein sitzender, nackter Mann. Er war kein bisschen so, wie ein Buddha üblicherweise dargestellt wird. Aber er war ein Buddha – für mich. Ich saß stundenlang davor und verlor mich völlig in ihm. – Ich gehe schon lange auf keine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mehr. Gerade fällt mir eine begehbare Plastik auf einer Dokumenta ein: In einem Metallgestell hingen von oben ganz viele Plastikschnüre herunter. Titel „Im Schilf“. Ich hätte heulen können. Wer einmal in seinem Leben durch hohes Schilf am Rande eines Sees gegangen ist, musste sich über die Ärmlichkeit und Erbärmlichkeit dieses „Kunstwerks“ entsetzen. Ich kann das Entsetzen von Konrad Kustos bezüglich zeitgenössischer „Kunst“ vollkommen nachvollziehen. Und es ist ein absolut treffendes Spiegelbild unserer Zeit, einer Zeit des Niedergangs.

Kunst

 

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Osho: Drei Möglichkeiten – Empirie, Logik und Metaphorik

 

Obwohl wir Worte brauchen, um die Leere zu erklären,
Ist doch die Leere selbst nicht sagbar.

Tilopa

Es ist gut, wenn man Folgendes versteht. Es gibt drei Möglichkeiten, sich der Wirklichkeit zu stellen. Die eine ist der empirische Weg, der Weg des wissenschaftlichen Geistes – das Experiment mit der objektiven Welt: Nichts zu akzeptieren, was nicht durch das Experiment bewiesen wurde. Dann gibt es den zweiten Weg, den des logischen Verstandes. Er experimentiert nicht – er denkt nur, er argumentiert, findet das Für und Wider heraus und kommt allein durch Denkprozesse, durch Verstandesarbeit zu endgültigen Schlüssen. Und dann gibt es schließlich noch den dritten Weg – den metaphorischen Weg der Dichtung und der Religion. Diese drei Zugangsmöglichkeiten gibt es – drei Dimensionen, durch die man Zugang zur Wirklichkeit sucht. […]

Ich kann es auch so sagen: Wissenschaft ist der Weg des Tageslichts, des hellen Mittags: Alles klar, deutlich, mit Trennlinien versehen, das Andere steht sichtbar vor dir. Die Logik ist der Weg der Nacht – man tastet im Dunkeln herum nur mit dem Verstand, ohne jede experimentelle Unterstützung, durch bloßes Denken. Und Dichtung und Religion sind Wege des Zwielichts, sie liegen in der Mitte: Der Tag ist nicht mehr, die Helligkeit des Mittags ist verschwunden, die Dinge sind nicht so deutlich und klar. Die Nacht ist noch nicht hereingebrochen, die Dunkelheit hat noch nicht alles eingehüllt. Helligkeit und Dunkelheit begegnen sich, ein sanftes Grau herrscht vor, weder Weiß noch Schwarz – Grenzen treffen sich und verschwinden, alles wird ununterscheidbar, alles wird zu allem. Das ist der metaphorische Weg.

aus: Osho, „Tantra – die höchste Einsicht“

Osho spricht von drei Zugangsmöglichkeiten und nennt dann die unterschiedlichen Wege. Ich betone das deshalb, damit nicht jemand auf die komische Idee kommt, sich für einen Weg entscheiden zu sollen. Ich war mal eine Weile im Giordano Bruno-Forum aktiv. Die Mitglieder bekannten sich alle zum Weg der Wissenschaft. Dass ich da auf allen drei Wegen herumeierte, schmeckte ihnen gar nicht und ich wurde sehr bald zur Persona non grata. Schließlich war man hier unter Atheisten, Humanisten, Transhumanisten, … und da war natürlich jedes Eintauchen in das Zwielicht der Dämmerung ausgesprochen fehl am Platz. Das stank einfach zu sehr nach Religion. Und die mieden sie wie der Teufel das Weihwasser.

Und auf der anderen Seite waren die Spiris. Die Spiris? Was sollen die denn mit der Logik am Hut haben? Naja, wenn man genau hinguckt … habt ihr euch schon mal mit Theologen unterhalten? Also ich rede jetzt nicht von den Ausnahmen, die gibt’s ja Gott sei Dank immer, auch nicht von den sog. Mystikern. Ich rede von denen, die sich irgendein heiliges Buch unter den Arm geklemmt und darauf ihr ganzes Leben und ihre Lehren aufgebaut haben. Der Ausgangspunkt ist gewissermaßen ein Axiom, das nicht in Frage gestellt werden darf. Der Rest ist dann sehr logisch und Blablah ohne Ende. Schließlich hat man ja für dieses Blahblah ein Hochschulstudium im Rücken.

Ja und dann wird’s mächtig zwielichtig. Osho beschreibt das so: „Helligkeit und Dunkelheit begegnen sich, ein sanftes Grau herrscht vor, weder Weiß noch Schwarz – Grenzen treffen sich und verschwinden, alles wird ununterscheidbar, alles wird zu allem. Das ist der metaphorische Weg.“ Also mit solchen Leuten kann man doch nicht reden, die haben ja nicht einmal einen Standpunkt. Ganz abgesehen davon lassen die gar nicht mit sich reden. Beweise für ihre haltlosen Behauptungen, denen sie selbst ständig widersprechen, haben sie auch nicht vorzuweisen. Also, was soll man mit solchen Verrückten anfangen? Sie sind zu absolut nichts nütze.

Alle drei Möglichkeiten oder Wege stehen jedem Menschen potenziell zur Verfügung und er muss sich für keinen ausschließlich entscheiden. Jede Ausschließlichkeit wäre eine Verarmung. Osho war jemand, der alle diese Wege und noch einige darüber hinaus schamlos benützt hat. Und hinter allem war ein Riesengelächter. Die Menschheit ist komplett wahnsinnig geworden und führt einen riesigen Totentanz auf. Auch dies ist eine Manifestation, die aus dem Dämmerlicht schemenhaft sichtbar wird. Schein oder Wirklichkeit – wer kann das sagen, wer kann das wissen? Da sein in welcher Form auch immer …

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Wei Wu Wei: direkte Einsicht und relatives Verstehen

     

Erkennen wir in aller Klarheit den Unterschied
Zwischen direkter Einsicht in ganzheitlichem Geist
Und dem relativen Verstehen durch den Intellekt,
Der den Geist in Subjekt und Objekt spaltet,
Verschwinden all die scheinbaren Geheimnisse.

Denn darin liegt der Schlüssel,
Der die Tore der Unwissenheit öffnet.

aus: Wei Wu Wei, „Nachrufe“

Direkte Einsicht in ganzheitlichem Geist und relatives Verstehen durch den Intellekt, das sind – ZWEI? „Wir“ können es ja unterscheiden. Aber wer ist es, der da unterscheidet? Es ist natürlich der Intellekt, der durch seine Fähigkeit, relativ verstehen zu können, auch in der Lage ist, Unterscheidungen festzustellen. Es kann also nicht darum gehen, den Intellekt mit seiner Unterscheidungsfähigkeit baldmöglichst zu eliminieren, da er beispielsweise den menschlichen Organismus dazu befähigt, Aussagen von Politikern, Versicherungsvertretern oder anderen menschlichen Exemplaren zu bewerten und so feststellen zu können, wer vermutlich gerade lügt und wer nicht.

Wer in erster Linie zu einer direkten Einsicht in ganzheitlichem Geist kommen will, tut dies erst einmal aus der Position des relativen Verstehens durch den Intellekt. Die Idee, über das relative Verstehen hinauszukommen, darf nun keineswegs dazu führen, den Intellekt zu verurteilen und auf irgendeine Weise eliminieren zu wollen. Der Intellekt kann ganz wunderbar dazu dienen, seine eigene Begrenztheit zu erkennen und sogar darüber nachzudenken, ob er nicht nur höchst nutzbringende Eigenschaften hat, sondern auch ausgesprochen hinderliche, und zwar immer dann, wenn er versucht, in seiner Begrenztheit das Grenzenlose zu erfassen. Der Intellekt ist nur eine Manifestation des ganzheitlichen Geistes und deshalb unfähig, diesen zu verstehen. Wenn er aber in seinem Bemühen das vollständige Scheitern erfährt, kann es sein, dass sich „die Tore der Unwissenheit“ öffnen.

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Huang-po: Stufenweiser Fortschritt?

 

Wegen der aus dem dualistischen Denken entstehenden Hindernisse wies Bodhidharma einzig darauf hin, dass der ursprüngliche Geist und die Substanz von uns allen in Wahrheit Buddha ist. Er bot keine falschen Hilfsmittel zur Selbstvollendung an, er gehörte zu keiner Schule, die stufenweisen Fortschritt lehrt.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Bodhidharma ist der Begründer des chinesischen Ch’an. Darin finden sich von Anfang an zwei Elemente, die für viele absolut unvereinbar sind: Das, wofür Gautama Buddha und Kashyapa stehen, symbolisiert durch das wortlose Hochhalten einer Blume, und das, was Bodhidharma bedingt durch die äußeren Umstände ins Spiel gebracht hat und wofür ich symbolhaft das Stichwort „Shaolin Kung Fu“ setze. Absolute Stille, offene Weite – nichts von heilig und wortloses Erkennen auf der einen Seite – und auf der anderen Seite ein Höchstmaß an aufmerksamem und bewusstem Handeln. Während es im ersten Fall in keiner Weise um stufenweisen Fortschritt geht, geht es im zweiten Fall nicht ohne ein jahrelanges intensives Training.

Für mich steht diese Haltung beispielhaft für das, was über Jesus gesagt wurde: „Ganz Gott und ganz Mensch.“ Oder ich denke an die Aufforderung von Jesus: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Da gibt es nicht diese unselige Trennung von Gott und der Welt, von Nicht-Handeln und Handeln. Von den „Weltlingen“ ist man das ja gewöhnt, dass das aber auch von den Spiris mit Fleiß und Eifer betrieben wird, erstaunt mich immer wieder. Aber es ist halt, wie es schon Heraklit feststellte: „Wachende haben eine Welt gemeinsam – Schlafende haben jeder eine Welt für sich.“ Kürzlich zitierte Werner Anahata Krebber den Dschuang Dsi: „Wo finde ich nur einen Menschen, der die Wörter zu vergessen weiß, so dass ich einige Worte mit ihm wechseln könnte?“ Das passt sehr schön dazu. In der Welt der Schlafenden finden sich nur Menschen, die ihre Wörter nicht zu vergessen wissen.

 

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Steven Harrison: Der Anfang der Erforschung von Bewusstsein

 

Indem wir das Ende der spirituellen Suche erreicht haben, sind wir eigentlich am Anfang angelangt – am Anfang der Erforschung von Bewusstsein. Dies ist kein Weg des Suchens und Findens; es ist nicht das Negieren von Gedankenprozessen oder das Verändern von irgendetwas. Es ist die Erforschung der Manifestation und der Gestaltwerdung der Totalität, die sich genau in dem ausdrückt, was kommt nach dem Jetzt – in meinem Körper, meinem Leben, meinen Beziehungen, in sämtlichen Formen und Ausdrucksweisen, die sichtbar sind, – und in allen, die nicht sichtbar sind.

Damit verlassen wir die Welt der Ideale und betreten eine frei fließende Wirklichkeit. Dies kann eine beängstigende Welt sein, weil sich darin die dunklen Energien und Leidenschaften nicht mehr kontrollieren lassen – jene Dinge, die wir zu kontrollieren gelernt haben. Es gibt keine Garantie, dass wir liebenswert, sanft oder irgendetwas sein werden; wir könnten beim genauen Gegenteil landen. Und es stellt keine besondere Herausforderung dar, wenn sich Mitgefühl in uns zeigen sollte.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

die holde Muse küsst des Dichters Stirn

Wenn wir das Ende der spirituellen Suche erreicht haben, verlassen wir die Welt der Ideale und betreten eine frei fließende Wirklichkeit, sagt Steven Harrison sinngemäß. Mit diesem Satz habe ich ganz unstatthaft die Anfänge der beiden Abschnitte zusammengefügt. Das bedeutet für mich nichts anderes als das Verlassen von idealistischen Vorstellungen zugunsten der Realität dessen, was gerade erscheint. Wenn nun Steven Harrison sagt, dass dies nicht das Negieren von Gedankenprozessen oder das Verändern von irgendetwas sei, will er damit sicher nicht sagen, dass wir zukünftig zur Untätigkeit verdammt sind, sondern dass wir die Manifestation und Gestaltwerdung der Totalität erforschen. Hierzu gehören selbstverständlich nicht nur unsere Gedanken- und Gefühlsprozesse, sondern auch alle unsere Handlungsimpulse und angeblichen  Handlungen. Während wir vorher der Annahme waren, unser Leben weitgehend planen und kontrollieren zu können, lassen wir uns jetzt zunehmend einfach überraschen, was geschieht – überraschen auch und vor allem von dem, was gerade aus uns heraus geschieht. Auf diese Weise ist unser Leben durch seine Unberechenbarkeit total spannend geworden.
U.a. erwähnt Steven, dass es keine besondere Herausforderung darstellt, wenn sich Mitgefühl in uns zeigen sollte. Wer die Beiträge im Zusammenhang mit Konrad Kustos erinnert, wird vielleicht den Eindruck von Rassismus und Unmenschlichkeit haben. Dieser Eindruck ist allerding völlig beheimatet in der Zeit, als noch die Ideale über die Realität gestellt wurden. Aus dieser Zeit stammen dann Gedanken wie „Ich habe Mitleid mit allen Hungernden, Vertriebenen, Ausgebeuteten oder sonst wie Gequälten dieser Welt.“ Aber das ist nur das Wiederkäuen von humanistischen Idealen. Kein Mensch liebt „alle Menschen“, das schafft nur ein Erich Mielke. „Alle Menschen“ das ist ein Abstraktum, genauso wie das angebliche Lieben derselben. Reine Einbildung also. Der unvergessliche Bundespräsident Gustav Heinemann sagte einmal „Ich mag nur Dinge mit Knochen und Substanz“ und die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, macht ihn beinah böse: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“

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Linji: Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt

 

Ihr Schüler von überall habt von diesem Alten namens Linji gehört und seid hierhergekommen, um ein Dharma-Gefecht zu erleben und mich mit euren gewitzten Fragen zu bezwingen. Doch als ihr auf die volle körperliche Präsenz dieses Bergmönchs traft, blieben eure Augen und Ohren offen stehen und ihr wart wie gelähmt. Verdutzt, wie ihr seid, fehlt es euch an Worten. Ich sage euch: „Ein Esel kann das Trampeln eines Drachenelefanten nicht aushalten.“ Ihr geht an verschiedene Orte, zeigt auf eure Brust, schlagt euch auf die Brust, schlagt euch auf die Rippen und sagt: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ Doch selbst, wenn zwei oder drei von euch hierherkommen, seid ihr zu nichts fähig. Pah! Mit diesem Körper und Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche Menschen zu täuschen. Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister. Was den Höchsten Weg angeht, so will er nicht durch Argumente und Debatten die Begeisterung erhöhen; er versucht auch nicht, leidenschaftliche Ketzer in die Schranken zu verweisen.  Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht. Auch wenn es verbale Lehren gibt, sind diese alle in den Kategorien von Ritualen, Rechten, dem Kausalgesetz der Drei Fahrzeuge, den Fünf Naturen, Menschen und Himmelswesen angesiedelt. Im Fall der Lehre vom vollständigen Erwachen ist dies jedoch anders.

Tugendhafte Mönche, missbraucht nicht euren Geist. Der große Ozean bewahrt keine Leichen auf, aber ihr wollt sie auf euren Schultern durch die ganze Welt tragen. Ihr erzeugt Hindernisse, weil ihr an euren eigenen Ideen hängt, und das wird euren Geist beschränken. „Wenn die Sonne nicht umwölkt ist, dann scheint ihr Licht überall. Wenn keine Trübungen in den Augen sind, dann gibt es auch keine eingebildeten Blumen in der Luft.“ Schüler des Weges, wenn ihr im Einklang mit dem Dharma sein wollt, dann lasst einfach keine Zweifel aufkommen. „Ausgebreitet zieht es sich durch den ganzen Dharmadhatu. Aufgeklaubt ist da nicht ein einziger Faden.“ Deutlich und klar leuchtet es allein und entbehrt doch nichts. Augen können es nicht sehen, Ohren nicht hören. Was ist es dann? Ein Altehrwürdiger sagte: „Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt.“ Schaut nur in euch selbst – was ist denn da sonst noch? Ich könnte ewig so mit euch sprechen. Doch jeder von euch muss es selbst erfahren. Passt gut auf euch auf!

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

Heraklit sagte: „Ein hohler Mensch pflegt bei jedem Wort erschreckt dazustehen.“ Er scheint ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben wie Linji: „Doch als ihr auf die volle körperliche Präsenz dieses Bergmönchs traft, blieben eure Augen und Ohren offen stehen und ihr wart wie gelähmt. Verdutzt, wie ihr seid, fehlt es euch an Worten.“ Was ist für Heraklit ein hohler Mensch? Er hat die Frage gewissermaßen in einem anderen Fragment beantwortet: „Vielwisserei führt nicht zum Erkennen.“ Genau darum ging es auch Linji, wenn irgendwelche angeblichen Schüler angekleckert kamen und ihn mit ihren gewitzten Fragen bezwingen wollten und dabei behaupteten: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“
Linji zitiert einen „Altehrwürdigen“ mit dem Satz: „Wenn du ein Ding benennst, hast du das Mark verfehlt.“ Wenn Linji beim Bäcker um die Ecke zwei Brötchen kaufen wollte, musste er wohl oder übel diese „Dinge“ benennen. Sonst hätte er nichts zum Frühstück zu beißen gehabt. Also hat er vermutlich das hier nicht mit „Ding“ gemeint. Gemeint hat er wohl das, womit diese Typen gerne herumprahlten: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ So was hätte Linji vermutlich nie von sich gegeben. Kürzlich zitierte Fredoo den WeiWuWei mit seiner „Abwesenheit der Anwesenheit der Abwesenheit“. Ich hatte gerade den fiesen Verdacht, WeiWuWei wollte damit die Erleuchtungsstreber nur in den Wahnsinn treiben. Heut hab ich’s mal wieder mit diesem wundervollen Heraklit: „Alles, was man sehen, hören und lernen kann, das ziehe ich vor.“ Denkt mal an meinen gestrigen Beitrag und die ganze Einwanderungsarie: Da wird der Journalist Konrad Kustos massiv bedroht, wenn er weiterhin seine Recherchen und Schlüsse veröffentlicht, und das von Leuten, die genau das vorziehen, was man nicht “ sehen, hören und lernen kann“: humanistische Phrasen. Des Kaisers neu Kleider sind halt immer noch hundertmal schöner als die Kleider, die man sehen und anfassen kann. Das ist das Kreuz mit den Spiris und Ideologen, dass sie unfähig sind, das Unsagbare im Sagbaren zu entdecken und es immer irgendwo jenseits von allem ansiedeln wollen. Fredoo hat das kürzlich so gesagt: „Es geht nicht um ein ‚richtig‘ dabei, sondern, wie ich vermute, um ein ‚endlich mal anders‘ lesen/zuhören …“ Das kann ich nur bestätigen.

 

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Konrad Kustos: Wer überleben will, …

 

So, wie die Globalisierung, schon lange bevor sie so hieß, begann, durch den Export westlicher Prinzipien der Welt die Stabilität nationaler Identitäten zu rauben, so funktioniert auch der umgekehrte Prozess negativ. Die weniger entwickelten Länder exportieren nicht Ideen, Kultur und Kapital, sondern Menschen. Für Humanisten ist das kein Problem, schließlich sind denen ja alle Menschen so gleich, dass sie weltweit austauschbar erscheinen. Schon deshalb scheinen ihnen Migranten sogar eine Bereicherung zu sein.

Für Realisten ist die Sache komplizierter, sagt ihnen die KKK [Kollektive Kybernetische Kompetenz] doch, dass kulturelle Unterschiede zu Problemen führen, erst recht, wenn diese Kulturen sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Wenn es schon Animositäten zwischen West- und Ostdeutschen, zwischen Bayern und Franken gibt, wenn allein Sprachbarrieren und machtpolitische Konkurrenz die Völker Mitteleuropas trotz gemeinsamer ethnischer und kultureller Entwicklung jahrhundertelang zu Feinden machten – wie sehr müssen sich Mitteleuropäer und Menschen aus mühsam als Demokratien getarnte Feudal- oder gar Stammeskulturen missverstehen?

Hinzu kommt die Xenophobie, eine natürliche Angst vor Fremden, die uns (und den Migranten) von der Evolution aus gutem Grund mitgegeben wurde. Wer überleben will, muss schon genau schauen, wer da kommt und plötzlich aus seinem Wasserloch trinken will. Dabei ist ein Austausch von Gütern und Ideen im Prinzip gut, weshalb es auch eine weltweite Kultur der Gastfreundschaft gibt. Aber der Begriff Gast sagt es schon: Irgendwann reist der Fremde auch wieder ab. Bliebe er, wäre selbst das kein Problem, dann würde er in die besuchte Kultur integriert, assimiliert wie einst die deutschen Einwanderer in Amerika. Solche Integration funktioniert aber nur so lange, wie die Leitkultur klar ist. Sobald sich Gettos oder autarke Lebensbereiche fremder Kulturen bilden, die der Integration widerstehen, sobald die Dominanz der Einheimischen als Basis eines Miteinanders zur Diskussion freigegen wird, sobald die angestammte Mehrheitskultur zu viele ihrer seit Generationen gesammelten Erfahrungen infrage gestellt sieht, gibt es automatisch erst Probleme und am Ende Bürgerkrieg. Und Niedergang sowieso.

aus: Konrad Kustos, „CHAOS mit SYSTEM“

„Die weniger entwickelten Länder exportieren nicht Ideen, Kultur und Kapital, sondern Menschen.“ In diesem Punkt muss ich dem Konrad Kustos ja ein bisschen widersprechen. Diese Länder exportieren sehr wohl auch z. B. den Islam. Da stehen etwa irgendwelche Salafisten auf dem Marktplatz und verteilen kostenlos ihren Koran. Das nur als Beispiel. Dass sie auch ihr fehlendes Demokratieverständnis, ihre fehlendes Aufklärtsein und und und exportieren, sei nur am Rand erwähnt.

Dieser Erdogan hat seinen Türken in Deutschland ja geradezu befohlen, ihren Stolz auf ihre eigentliche Heimat nicht zu vergessen und sich gegen alle Assimilierungsbemühungen dieses „Nazistaates“ mit aller Kraft zur Wehr zu setzen. Diese Deutschen scheinen die reinsten Borg zu sein:


Erdogan vergisst zu erwähnen, dass die Deutschen die Türken nicht erobert und anschließend versklavt haben, sondern dass die Türken freiwillig nach Deutschland gekommen sind als Gäste, als Gastarbeiter oder als Menschen, die in Deutschland ihre neue Heimat finden wollten. Diesem niedlichen Bild scheinen jedoch viele Türken in keiner Weise entsprechen zu wollen, was nicht heißen soll, dass es nicht viele Türken gibt, die genau diesem Bild entsprechen. Mein Heizungsinstallateur z.B. ist so einer. Intelligent, charmant, spricht fließend Deutsch und versteht sein Handwerk. Einfach jemand, der sich in der neuen Heimat eingerichtet hat und sich darin wohl fühlt. Er würde nie auf die Idee kommen, von den Deutschen gegen seinen Willen assimiliert worden zu sein. Das, was dieser Erdogan da treibt, ist einfach nur pathologisch, und die, die ihm folgen, sind es auch. Da wir ja im eigenen Land schon genug schwachsinnige und pathologische Einheimische haben, kann uns an einem Zustrom weiterer Verrückter weiß Gott nicht gelegen sein. Die Frage, was diese Migranten eigentlich bei uns wollen, die sich weder als Gäste noch als Integrierungswillige fühlen, ist nicht nur erlaubt, sondern geradezu zwingend geboten. Mir fällt dazu nur ein Wort ein: Aus der Sicht von Erdogan soll dieses Land kolonialisiert werden. Wir, die Einheimischen sind es, die assimiliert werden sollen. Jeder, der mich jetzt einen Nazi nennen will, hat einen gewaltigen Dachschaden, wenn er nicht sehen will, was offensichtlich schon seit geraumer Zeit hier abgeht.

Konrad Kustos sagt:Aber der Begriff Gast sagt es schon: Irgendwann reist der Fremde auch wieder ab. Bliebe er, wäre selbst das kein Problem, dann würde er in die besuchte Kultur integriert, assimiliert wie einst die deutschen Einwanderer in Amerika. Solche Integration funktioniert aber nur so lange, wie die Leitkultur klar ist.“ Na ja, Leitkultur, ist sie mir wenigstens klar? Ich weiß nicht so recht. Wenn ich mir so’ne Talkshow anguck, vielleicht mit einem Christen, einem Humanisten, einem Realisten, einem Atheisten, einem Professor und einem sog. Proletarier, und mich danach frage, ob mir jetzt das mit der Leitkultur klar geworden ist, muss ich passen. Wenn ich dann allerdings z.B. dem Erdogan zuhöre oder der Hillary Clinton oder der Angela Merkel – äähhh die passt nicht in die Reihe, die ist ja ne Deutsche -, weiß ich zumindest für mich, was nicht meine Leitkultur ist. In diesem Punkt allerdings kann ich Konrad Kustos nur widersprechen: Selbst wenn uns unsere Leitkultur absolut klar wäre, müsste sie doch entweder von den Neuankömmlingen freudig angenommen oder, wenn dem nicht so ist, von uns mit aller Entschiedenheit verteidigt werden. Letzteres ist jedoch mit Humanisten nicht zu machen, „für die das alles kein Problem ist, da ihnen schließlich alle Menschen so gleich sind, dass sie weltweit austauschbar erscheinen.“

Menschen sind nicht beliebig austauschbar, Tiere auch nicht und auch nicht die Pflanzen und nicht einmal Mystiker, die ja nach Robert Musil Männer/Frauen ohne Eigenschaften sind, die im Grunde jedoch nur Eigenschaften ohne Männer/Frauen sind. Na gut, ich sag also: Auch Eigenschaften sind nicht beliebig austauschbar.

 

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