Steven Harrison: Reine, rohe, kreativ-zerstörerische Elektrizität


Die Energie des Lebens klopft an unsere Tür, und das Einzige, was wir zu tun haben, ist es, aufzuhören, diese Tür zu verbarrikadieren. Dann entdecken wir, was wirklich ist.

Die Energie des Lebens ist frei von Ursache und Wirkung und frei von Moral. Sie ist unbeeinflusst von dem, was eben noch war. Sie kümmert sich nicht um Richtig und Falsch, um Vorlieben oder Abneigungen. Sie ist reine, rohe, kreativ-zerstörerische Elektrizität.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Das kommt dabei raus, wenn unsere Vorstellungen darüber, wie die Welt gefälligst im Sinne unserer Vorstellungen zu sein habe, verschwunden sind oder zumindest als völlig irrelevant erkannt wurden: Sie zeigt sich so, wie sie ist: „Die Energie des Lebens ist frei von Ursache und Wirkung und frei von Moral. Sie ist unbeeinflusst von dem, was eben noch war. Sie kümmert sich nicht um Richtig und Falsch, um Vorlieben oder Abneigungen. Sie ist reine, rohe, kreativ-zerstörerische Elektrizität.“ Dies sehen und akzeptieren bedeutet, das Kreuz des Lebens auf sich nehmen.

Das Kreuz ist die Vertikale und die Horizontale, Ewigkeit und Zeit im selben  Augenblick; das, was nicht von der Welt ist und das, was von der Welt ist; Gewahrsein und die Erscheinungen, die darin auftauchen, und ohne jede Trennung von der Energie des Lebens. Da gibt es kein „Ich bin hier und da ist diese reine, rohe, kreativ-zerstörerische Elektrizität.“ Da  ist nur das Sehen, dass ich völlig ungetrennt von dieser reinen, rohen, kreativ-zerstörerischen Elektrizität bin, wie auch immer sie sich gerade ausdrücken will. Der Kreis, der fester Bestandteil des keltischen Kreuzes ist, ist übrigens mehr als Dekoration. Er soll symbolisieren, dass Vertikale und Horizontale untrennbar eins sind: Form ist Leere und Leere ist Form.
Religionen und Philosophien sind nichts als Bollwerke gegen dieses Sehen. Die ganze sog. bürgerliche Gesellschaft ist nichts als eine Zusammenrottung von Menschen, die eisern beschlossen haben, dieses Kreuz des Lebens nicht tragen zu wollen, ja, seine Existenz einfach zu leugnen. Ein „reales“ Kreuz an der Wand inbrünstig anzubeten ist entschieden weniger beängstigend, als sich einzugestehen, dass wir nichts wissen und nicht die geringste Kontrolle über das Leben haben und dass wir als Akteure im Lebensfilm gar nicht vorkommen, sondern nur als handlungsunfähige Statisten. Und so bleibt uns nichts anderes übrig als wie irgendeine Figur in einem Spielfilm zu handeln, als ob wir die Handelnden wären.

Und was ist nun mit so’nem sonderbaren Heiligen wie etwa diesem Osho da oben? Der ist kein bisschen heilig. Der ist einfach diese reine, rohe, kreativ-zerstörerische Elektrizität, von der Steven Harrison da spricht, und das Gewahrsein, das sich da nicht einmischt. Aber das trifft natürlich nicht nur für Osho oder Jesus oder Buddha usw. zu, sondern für jedes lebende Wesen. Das, was ich da als Strom von Autos dargestellt habe, soll den Strom der Erscheinungen symbolisieren, also alle Manifestationen dieser reinen, rohen, kreativ-zerstörerischen Elektrizität. Ein lebendes Wesen mit bürgerlichen Moralvorstellungen messen zu wollen, ist daher so absurd wie das Ansinnen, etwa das Wetter mit bürgerlichen Moralvorstellungen messen zu wollen.

reine, rohe,
kreativ-zerstörerische
Elektrizität

Gestern zitierte Werner Anahata Krebber auf „Mystik aktuell
dankenswerter Weise den Hui Hai mit seinem Hinweis:

Denke dran:
Buddha und alle anderen lebenden Wesen
unterscheiden sich nicht voneinander.

 

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Osho: Die Bedeutung des Kreuzes, des Symbols der Christen


Ein einziger Moment kann zur Ewigkeit werden, weil Ewigkeit keine Frage von Länge, sondern von Tiefe ist. Das muss man verstehen: Zeit ist Länge, Meditation ist Tiefe derselben Energie. Zeit ist Länge: Ein Augenblick folgt einem anderen, sie bilden eine Reihe, eine Linie, einen linearen Verlauf – man bewegt sich horizontal, auf derselben Ebene. Tick…..tick…..die Sekunden vergehen…..aber die Ebene bleibt dieselbe. Was du erlebt hast, sind Augenblicke der Tiefe. Plötzlich rutschst du runter oder du rutschst rauf. Das ist beides dasselbe – in jedem Fall bist du nicht mehr auf der Horizontalen – du wirst vertikal.

Etwas kehrt sich um, und du rutschst aus dem linearen Ablauf heraus. Das macht Angst, weil der Verstand nur auf der horizontalen Ebene existiert. Der Intellekt bekommt Angst. Es sieht wie ein Tod aus. Es kommt einem wie Wahnsinn vor. Für den Verstand gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder du wirst wahnsinnig, oder du stirbst. Beides macht Angst und beides trifft in gewisser Weise zu. Dein Verstand stirbt, also versteht er genau, was los ist – und dein Ego stirbt. Und in gewisser Weise wirst du auch wahnsinnig, weil du über den Verstand hinausgehst, der das Monopol für geistige Gesundheit für sich in Anspruch genommen hat; der Intellekt hält alles, was innerhalb seiner Grenzen liegt, für geistig gesund, und alles, was drüber hinausgeht, für verrückt. Du überschreitest die Grenze, die Gefahrenlinie, und der Verstand sagt: „Achtung, halt! Komm zurück!“ Niemand weiß, ob du wieder zurückkommst, wenn du die Linie erst einmal überschritten hast. Aus diesem Grund bekommt der Verstand Angst.

Aber diese Augenblicke, wo du runter oder rauf rutschst, in die Höhe oder Tiefe gehst, sind sich gleich. Wenn du die horizontale Linie verlässt, bist du in der Ewigkeit; es gibt keine Zeit mehr. Und ein Augenblick kann wie die Ewigkeit sein, so als stünde die Zeit still. Wenn es keine Motivation, keine Beweggründe mehr gibt, hört auch die Bewegung der Zeit auf.

Das ist die Bedeutung des Kreuzes, des Symbols der Christen. Das Kreuz hat zwei Linien – eine waagerechte und eine senkrechte. Es ist sehr symbolisch, dass Jesus gekreuzigt wurde. Seine Hände liegen auf der waagerechten Linie, und sein Wesen in seiner Gesamtheit befindet sich auf der senkrechten Linie. Hände bedeuten Tun, Handlung; deshalb gibt es Taten nur auf der waagerechten Linie. Tust du nichts mehr, rutscht du in die andere Dimension. Wenn du nur noch bist, als reines Sein, rutschst du auf die senkrechte Linie des Kreuzes.

aus: Osho, „Und vor allem nicht wackeln“

Das, was gern „Unfall“ genannt wird, beschreibt Osho mit diesen Worten: „Plötzlich rutschst du runter oder du rutschst rauf. Das ist beides dasselbe – in jedem Fall bist du nicht mehr auf der Horizontalen – du wirst vertikal. Etwas kehrt sich um, und du rutschst aus dem linearen Ablauf heraus.“ Ich möchte hinzufügen, dass Osho das gerade dem Veeresh sagt, der eben aus einer Gruppe herauskam, inder ihm genau das passiert ist und der nun noch etwas durcheinander berichtet, was ihm da gerade Komisches geschehen ist. Für jemanden, dem dieser „Unfall“ noch nicht geschehen ist, ist Oshos Erläuterung möglicherweise völlig nutzlos, wenn nicht sogar hinderlich. Jetzt kann er sich wieder alles Mögliche vorstellen und gerät so nur noch tiefer in die horizontale Ebene des Intellekts hinein. Und auf dieser Ebene kannst du dich nur immer weiter von dem entfernen, um was es hier Osho geht.
Deshalb ist es auch so schwierig, sich mit einem Philosophen darüber zu unterhalten. Die können dir zwar möglicherweise eine Menge über die „philosophia perennis“ erzählen, haben sich aber meist vollständig von der Vertikalen abgeschnitten. Ein Baby lebt mit großer Wahrscheinlichkeit noch darin, kann dir aber nichts darüber erzählen. Sobald es darüber etwas erzählen könnte, hat es vermutlich schon den Kontakt dazu weitgehend verloren. Wenn die beiden Dimension miteinander vermengt werden, landet man nur im völligen Blödsinn. Es sind völlig unterschiedliche Dimensionen. Intellektuelle siedeln die Vertikale gerne im Reich der „Esoterik“ an und hoffen damit, beide irgendwie fassen und in die Tonne treten zu können. Sie haben die Vertikale einfach nicht verstanden, nicht weil sie blöd sind, sondern weil die Vertikale nicht zu verstehen ist. Und das zu verstehen, dass das nicht zu verstehen ist, da wir uns hier in einer ganz anderen Dimension befinden, dafür scheinen viele Intellektuelle tatsächlich einfach zu blöd zu sein.

Osho sagt: „Dein Verstand stirbt, also versteht er genau, was los ist – und dein Ego stirbt. Und in gewisser Weise wirst du auch wahnsinnig, weil du über den Verstand hinausgehst, der das Monopol für geistige Gesundheit für sich in Anspruch genommen hat.“ Ego ist nichts als ein Produkt des Verstandes, auf den sich die angeblich so Verständigen so viel zu Gute halten. Wer sich den Zustand der Welt betrachtet, dem sollten doch zumindest daran erste Zweifel kommen, ob die Probleme der Welt wirklich durch die sog. Vernunft zu lösen sein werden oder ob die von der Vertikalen abgeschnittenen Verstandesaktivitäten nicht ursächlich mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt in Verbindung stehen.
Wissen die Christen noch etwas von der ursprünglichen Bedeutung des Kreuzes? Ich fürchte nein. Sie sehen fast alle nur noch ihren Herrn Jesus Christus, der am Kreuz für ihre Sünden gestorben ist und sie so vor ewiger Verdammnis gerettet hat. Pustekuchen hat er. Sie müssen schon selbst sehen, wie sie wieder in die Vertikale kommen. Da hilft ihnen kein Gott und kein Engel und auch kein blutiger Leichnam am Kreuz. Das hätte ihnen so gepasst!

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Tschuang-tse: Wie man Vögel und Menschen fängt


Wenn ein Vogel dem Schützen I in den Weg kam, so traf dieser ihn sicher, daher fürchteten sich alle vor ihm. Wenn man aber aus der Welt einen Käfig macht, so vermag kein Vogel zu entschlüpfen.

So hat Tang den I Yin eingekäfigt, indem er ihn zu seinem Koch machte. So hat der Herzog Mu von Tsin um den Preis von fünf Widderfellen den Bai Li Hi eingekäfigt.

Doch ist es ganz unmöglich, einen Menschen einzukäfigen, wenn er nicht Begierden hat, durch die man ihn fangen kann. Ein Mensch, dem die Füße abgeschnitten sind, legt keinen Wert auf Schmuck; denn er ist jenseits von Lob und Tadel; ein zum Tode Verurteilter besteigt die höchsten Berge ohne Furcht, denn er hat mit dem Leben abgeschlossen …

aus: Tschuangtse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

Der hat bisweilen ja schon eine witzige Ausdrucksweise, der Herr Tschuang-tse. Aber was er sagen will, ist einigermaßen klar. Womit kann man denn dich einkäfigen? Oder heute würde man sagen: Wie hoch ist denn dein Preis? Schließlich wird gesagt: „Jeder hat seinen Preis.“ Kommt bloß auf die Höhe an. Manche sind billig zu haben, manche weniger billig, aber zu haben sind sie alle. „Was kostest du denn?“, fragt der Freier die Nutte, und die sagt ihren Preis. Vielleicht handeln sie noch ein bisschen, aber meistens werden sie sich sehr schnell einig. Ein Lob auf die Nutte, die ganz offen dazu steht, dass sie zu kaufen ist. Sie vielleicht nicht, aber zumindest ihre Dienstleistungen. Und die edle Bürgerschar, lässt an ihr kein gutes Haar. Dabei verkaufen sie ihre Dienstleistungen genauso und oft genug auch ihre Seelen, und wenn’s niemand sieht, schleichen sie sich auch gerne zu den ansonsten so Verachteten.
Doch ist es ganz unmöglich, einen Menschen einzukäfigen, wenn er nicht Begierden hat, durch die man ihn fangen kann, sagt Tschuang-tse. Na klar, haben die zwei da in ihrem Käfig ihre Begierden, sonst wären sie ja nicht drin in ihrem Käfig, in den sie sich ja schließlich selbst freiwillig begeben haben. Aber wer hat schon keine Begierden? Tschuang-tse holt zum eintscheidenden Schlag aus: „Ein Mensch, dem die Füße abgeschnitten sind, legt keinen Wert auf Schmuck; denn er ist jenseits von Lob und Tadel; ein zum Tode Verurteilter besteigt die höchsten Berge ohne Furcht, denn er hat mit dem Leben abgeschlossen …“ Sieht so aus, als müsse man dem Menschen erst die Füße abschneiden, damit er nicht mehr scharf auf Schmuck (Schuhe wären logischer) ist, und als müsse er erst zum Tode verurteilt werden, damit er seine Angst vor dem Tod verliert.

Spiel mir das Lied vom Tod

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Osho: Man kann es leben, aber man kann es nicht verstehen


Die eine, unbewusste, die tieferliegende Seite gehört zu dir, und an der Oberfläche kommt dieses Gefühl in Beziehung mit anderen zum Ausdruck. Leute, die an der Oberfläche leben, vergessen ihre eigenen inneren Schätze vollkommen. Wenn du deine Wut rauslässt, stößt du danach auf deine Liebe und auf dein Mitgefühl. Der Unrat muss hinausgeworfen werden, damit du das pure Gold in dir entdecken kannst.

Auf eines musst du achten: Versuche nicht, es zu verstehen. Das ist eines der grundlegenden Probleme, mit denen sich der gesamte Westen und das moderne Denken auseinandersetzen muss – dass wir immer alles verstehen wollen … aber das Leben ist im Grunde ein Geheimnis. Man kann es leben, aber man kann es nicht verstehen. Denn wenn du darauf bestehst, es zu verstehen, dann bleibst du an der Oberfläche. Der Intellekt bleibt immer an der Oberfläche, er kann nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen, aber dann bleibt er stecken. Nicht Tiefe sondern Länge ist die Dimension des Intellekts. Wenn du einen Gegenstand in seinen Einzelheiten kennen lernen willst, kann dich der Intellekt mit unzähligen Details versorgen, aber er kann nicht in die Tiefe gehen, er kann keine Tatsache vertikal in ihrer Tiefe ausloten. Denk also nicht darüber nach. Es gibt nichts zu verstehen.

Wenn du Wut fühlst, ist das alles, was du wissen musst; lass sie raus – wenn die Wut in dir bleibt, wirst du nie ruhig und still sein können ….. die Wut brennt immerzu wie ein Feuer in dir. Und sie wird äußere Vorwände finden, wenn du sie nicht ohne einen Vorwand rauslässt, wirst du dir einen Vorwand suchen – und das mach die ganze Sache viel komplizierter. Dann lässt du deine Wut an deiner Frau, deinen Kindern, deinen Freunden oder sonst jemand aus. Damit machst du alles komplizierter für dich, weil du den entscheidenden Punkt nicht verstanden hast.

aus: Osho, „Vor allem nicht wackeln“

Osho spricht hier drei Punkte an. Einmal: „Wenn du Wut fühlst, ist das alles, was du wissen musst; lass sie raus – wenn die Wut in dir bleibt, wirst du nie ruhig und still sein können.“ Dann: „Wenn du deine  Wut rauslässt, stößt du danach auf deine Liebe und auf dein Mitgefühl. Der Unrat muss hinausgeworfen werden, damit du das pure Gold in dir entdecken kannst.“ Und er sagt: „Das Leben ist im Grunde ein Geheimnis. Man kann es leben, aber man kann es nicht verstehen.“

Es gibt da so einen hübschen Spruch, der von Buddha stammen soll: „An Wut festhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der Andere dadurch stirbt.“ Den Wunsch kennt der eine oder andere vielleicht von sich. Man platzt vor Wut, hat aber tausend gut Gründe, sie zu verbergen, und hofft, den anderen möge der Schlag oder der Blitz treffen. Kleine Kinder bringen es noch fertig, wenn sich die Mutter nicht nach Wunsch verhält, mit den kleinen Fäusten auf ihr herumzutrommeln und zu brüllen: „Mama tot!“ (Und im nächsten Moment haben sie sie wieder herzinniglich lieb.) Aber wir werden ja erzogen, und damit haben wir das Elend an der Backe. Wir drücken unsere Wut nicht mehr aus, sondern halten sie fest. Und wenn dann gar jemand in das Spiri-Alter kommt, dann darf man gar nichts mehr außer Wasserleiche spielen. Und wenn sich jemand dann noch den allerletzten Rest geben will, dann muss er Guru, Meditations- oder Satsanglehrer werden.

Wird ein Guru noch wütend? Neinnnn, niemals! Der doch nicht. Gegangen, gegangen, jenseits gegangen, jenseits von allem. Jedenfalls scheint das das hehre Ziel von vielen Guru-Aspiranten zu sein. „Wenn du Wut fühlst, ist das alles, was du wissen musst; lass sie raus – wenn die Wut in dir bleibt, wirst du nie ruhig und still sein können“, sagt also Osho. Du wirst zu einem Vulkan und jeder in deiner Umgebung spürt es und bibbert schon davor, wann der große Ausbruch kommt. Dann sagt Osho also weiter: „Wenn du deine  Wut rauslässt, stößt du danach auf deine Liebe und auf dein Mitgefühl. Der Unrat muss hinausgeworfen werden, damit du das pure Gold in dir entdecken kannst.“ Wer seine Wut blockiert, blockiert auch den Rest seiner Gefühle. Ein Kleinkind schafft das mit links, in einem Moment seine Mama töten und im nächsten total lieben zu können. Es ist einfach im Fluss, aber nicht als Wasserleiche, sondern als quicklebendiges Wesen. Wer nun glaubt, wenn er einmal richtig an seine tiefste Wut kommen würde, die sich nicht mehr gegen eine andere Person oder Situation bezieht, hätte er gewonnen und würde fürderhin nur noch auf einer engelsgleichen Wolke von Liebe, Licht und Mitgefühl schweben, sieht sich möglicherweise von seinen frommen Vorstellungen getäuscht, spätestens dann, wenn ihn wieder die Wut übermannt oder –weibt.

Ja und dann sagt Osho etwas, worüber mein Herz vor Freude herumhüpft: „Das Leben ist im Grunde ein Geheimnis. Man kann es leben, aber man kann es nicht verstehen.“ Was für ein Schlag mitten ins Gesicht aller Intellektuellen, und wer glaubt nicht alles zur edlen Zunft der Intellektuellen zu gehören. Man muss da schon ein bisschen genau hingucken. Wenn jemand ständig wie ein angestochener Stier reagiert, wenn irgendjemand etwas sagt oder tut, was ihm nicht in den Kram passt, macht er mit Vorliebe den anderen dafür verantwortlich. Das ist ein intellektueller Vorgang. Und er zeigt die Blindheit für das, was ist. Da wird einfach wild heruminterpretiert, um sich vom Druck des Schuldgefühls zu befreien, das überhaupt nicht wahrgenommen wird. Aber man hat ja eine Erklärung und ist damit auf der sicheren Seite. Jetzt kann man sich schön über die Erklärung streiten und bleibt so blind wie vorher. Oshos Rat: Du bist wütend, jetzt denk nicht über das Warum nach. Bleib einfach bei deiner Wut. Sei wütend, auch wenn da keine Ahnung ist, wieso.

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Étienne de La Boétie: Die Natur der breiten Masse


Als Kyros [Kyros II wohl im Jahr 541 v.u.Z.] die Nachricht überbracht wurde, dass die Einwohner von Sardis rebellierten, wäre es für ihn ein Einfaches gewesen, sie mit Gewalt niederzuringen; doch wollte er weder solch eine schöne Stadt plündern noch ein Heer unterhalten, um sie zu kontrollieren; deshalb ersann er ein ungewöhnliches Vorgehen. Er errichtete in ihr Bordelle, Schänken und ließ öffentliche Spiele aufführen, und er gab einen Erlass heraus, dass die Einwohner all dies zu genießen hätten. Diese Art der Besatzung erwies sich als so wirkungsvoll, dass er nie mehr gegen die Lyder das Schwert ziehen musste. Dieses unglückliche Volk genoss es, alle Arten von Spielen zu erfinden; die Latiner leiteten sogar ein Wort von ihnen ab, und was wir Zeitvertreib nennen, bezeichneten die Latiner als ludi, so als wollten sie Lyder sagen. Nicht alle Tyrannen haben so offenkundig ihre Absicht gezeigt, die Opfer zu verweiblichen; tatsächlich aber haben, was der zuvor erwähnte Despot öffentlich verkündet und umgesetzt hat, andere Despoten heimlich als Mittel eingesetzt. Es ist in der Tat die Natur der breiten Masse, die in den Städten dichter gedrängt lebt, jemanden zu beargwöhnen, der ihr Wohlergehen im Sinn hat, und leichtgläubig demgegenüber zu sein, der sie zum Narren hält.

aus: Étienne de La Boétie, „Von der freiwilligen Knechtschaft“

Kriegt das eigentlich noch irgendein Otto-Normalverbraucher mit, was da mit ihnen gemacht wird? Eigentlich muss das doch jeder mal etwa im Geschichtsunterricht gehört haben,  wie man sich im alten Rom durch „panem et circenses“ das Volk gefügig gemacht hat. Dabei war das Angebot an die Römer im Vergleich zu dem, was wir heute geliefert bekommen, ausgesprochen bescheiden. Heute können wir uns ja kaum noch vor Angeboten retten. Wen kann es da noch wundern, dass nicht nur die Qualität der Angebote der sog. Unterhaltungsindustrie immer mehr in den Keller gegangen ist, sondern auch die Qualität des Angebots an sog. Volksvertretern. Das war nicht nur bei den ollen Römern so.
Erfunden haben soll also den Trick der Perser-König Kyros, genannt der Große, falls der ihn nicht auch schon von einem anderen Herrscher geklaut hat. So toll ist ja auch die Erfindung gar nicht. Jeder Dealer um die Ecke benützt diesen Trick. Zuerst mache ich dich abhängig und dann frisst du mir aus der Hand und zahlst jeden Preis. Wenn man sich die Zahl der Süchte betrachtet, mit denen wir es heute zu tun haben, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Drogensucht, Spielsucht, Kaufsucht, Sexsucht, Anerkennungssucht, Liebessucht, Machtsucht, Eifersucht usw. usw. und natürlich gibt’s für jede Sucht auch gleich eine Therapie, von der man dann wieder abhängig werden kann.

Also wäre die Frage sinnvoll: Wofür braucht der Mensch eigentlich seine Sucht? Also man kann auch Tiere süchtig machen, kein Problem. Wenn die an ein Objekt kommen können, ohne dass dies mit einem hohen Risiko oder nur mit enormer Anstrengung verbunden ist, können sie genauso zügellos ihrer Lust frönen wie Menschen. Ist es nur das? Geht es nur um Lustgewinn? Na ja, es geht genauso auch um die Vermeidung von Unlust. Möglicherweise ist dies sogar der stärkere Anreiz. Konflikte sind z.B. für die meisten Menschen mit Stress verbunden. Um diesen Stress zu vermeiden, müssen also Konflikte vermieden werden. So mal ganz platt verallgemeinernd und Vorurteile pflegend, geht der Chinese, um das Gekeife seiner Ehefrau zu vermeiden, in eine Opiumhöhle und träumt sich schöne Träume.

Étienne de La Boétie schreibt: „Nicht alle Tyrannen haben so offenkundig ihre Absicht gezeigt, die Opfer zu verweiblichen …“ Was könnte er damit gemeint haben? Ein Chinese in der Opiumhöhle wird nicht mehr „seinen Mann stehen können“. Der Begriff „verweiblichen“ ist eigentlich eine Unverschämtheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Auch ein Weib kann verdammt nochmal durchaus im übertragenen Sinn „ihren Mann stehen“. Gemeint ist also vermutlich, jemand, der einer Sucht verfallen ist, hat kein Rückrat mehr. Man kann mit ihm machen, was man will. So betrachtet kann das Ergebnis unserer Wahlen wohl niemanden überraschen. „Panem et circenses“ kriegen wir weiter geliefert – Herz, was begehrst du mehr.

Gibt es eigentlich so etwas wie „die Mutter aller Süchte“?

Vielleicht die „Ich“-Sucht? Die Sucht, statt einfach zu sein, sich als etwas abgesondertes Besonderes zu definieren? Aber bergen nicht auch manche Süchte die Hoffnung in sich, sich endlich loszuwerden und auf das große Vergessen?

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Karl Renz: Und dann?


Nichts verschafft dir Befriedigung. Alles ist leer. Weder Trinken, noch Freunde, keine Familie, keine Arbeit. Das alles (pustet in die Luft) – ist leer. Wie eine Leere. Keine Hoffnung mehr, in nichts kannst du mehr etwas Angenehmes finden. Davor warst du im Ashram und du warst so glücklich mit der Energie und dem ganzen Shakti Mist.  Jetzt ist es so leer. Selbst dieser Licht Mist, Kundalini – wer um alles in der Welt braucht so einen Mist? Das alles wird völlig leer, und das nennt man Gnade.

Und dann? Nichts dann. Du wirst einfach gekreuzigt, zu dem, was-du-bist – das ist alles. Du wirst vom Speer des Schicksals durchbohrt. Dein Schicksal ist es, dir Selbst bis in alle Ewigkeit ins Auge zu sehen. Es gibt kein „dann“. Es wird immer ein dann geben und ein dann und ein dann – endloses dann – die Hoffnung, dass es an ein Ende kommt – aber das hat kein Ende. Letzten Endes gibt es kein Ende.

aus: Karl Renz, „The Song Of Irrelevance“

Klingt ja nicht sehr berauschend, was der Karl da verzapft. Hört sich an, als ob’s ihm richtig Scheiße ginge. Shakti Mist, Kundalini Mist, alles leer und kein Ende. „Und das nennt man Gnade.“ Ist das Sarkasmus, meint er das so? Meine Fresse, da kann man sich ja glatt einen Strick besorgen und sich am nächsten Baum entsorgen.

„Nichts verschafft dir Befriedigung. Alles ist leer. Weder Trinken, noch Freunde, keine Familie, keine Arbeit.“ Sagt er so, der Karl. Kann ich so nicht sagen, hab ich auch gar keine Lust zu. Wenn ich morgens meinen ersten Kaffee schlürfe, finde ich das sehr befriedigend. Na gut, soll er leer sein, er schmeckt mir trotzdem. Und wenn ich mir was Feines zu essen mache, schmeckt mir das auch. Und wenn’s mir schmeckt, finde ich das sehr befriedigend. Ich weiß ja nicht, was mit dem Karl los ist, aber eigentlich macht er keinen besonders depressiven Eindruck auf mich. Aber wenn ich das lese, was er da oben so absondert, könnt ich glatt die Krise kriegen. Ich genieße, ich freu mich, mir stinkt was, ich reg mich auf, ich bin putzmunter oder schläfrig, … ja okay, okay, alles leer, ich kann’s schon nicht mehr hören.
Mir fällt gerade ein, dass ich schon mal das hier im Blog hatte – ich zitiere:

„Ikkyû verurteilt die Heuchelei und Anmaßung eines jeden, der vorgibt, davon frei zu sein und jegliche Körpersinnlichkeit transzendiert zu haben. Die weltabgewandten Praktiken seiner Zen-Kollegen sind für ihn nichts weiter als blindes Verfolgen vorgegebener Pfade, affektierte Selbstdarstellungen oder gar Lebenslügen und Dummheit. Um diesen Sachverhalt zu veranschaulichen, pflegte er seinen Schülern gerne folgende Zen-Geschichte zu erzählen:

Einst errichtete eine alte Frau auf ihrem Grundstück eine Hütte, um einen heiligen Eremiten darin wohnen zu lassen. Nach zwanzig Jahren dieser Gönnerschaft beschloss sie, die Weisheit dieses Mannes einmal zu testen. Als sie wie üblich ihre Magd mit demtäglichen Proviant für den Einsiedler losschickte, hieß sie ihr, ihn diesmal aufs Innigste zu umarmen und daraufhin seine Empfindungen zu erfragen. So lief das Mädchen zu dem Manne, setzte sich auf seinen Schoß und schlang seine Arme um ihn. ‚Was fühlst du jetzt?‘ fragte sie. Seine Antwort war: ‚Ein kahler Baum am kalten Fels, im Winter kennt er keine Wärme.‘ Die Magd lief zurück zu ihrer Herrin und berichtete ihr alles. Da erzürnte sich die Frau sehr und rief: ‚Zwanzig Jahre habe ich einen Blender hofiert! Gänzlich unempfindlich kann sich nur ein Heuchler geben oder ein Leichnam. Beides möchte ich nicht verehren!‘ Sie schickte den Eremiten in die Wüste und brannte die Hütte nieder.

Ich weiß ja nicht, ob der Eremit wirklich so ein Tugendbolzen war oder ob er nur Angst hatte, seinen täglichen Proviant und seine Bleibe zu verlieren, wenn er nicht tugendhaft geblieben wäre. Es ist schon ein Elend, wie man es macht, man kann es falsch machen. Ikkyû merkt jedenfalls dazu an, er würde an des Eremiten Stelle „Knospen treiben wie im Lenz.“
Und der Nitya merkt dazu an: Na, das hat doch was! Das ist nicht so’n Gejaule, wie das, was der Karl da heute vom Stapel lässt: „Das alles (pustet in die Luft) – ist leer. Wie eine Leere. Keine Hoffnung mehr, in nichts kannst du mehr etwas Angenehmes finden. … Du wirst einfach gekreuzigt, zu dem, was-du-bist – das ist alles. Du wirst vom Speer des Schicksals durchbohrt.“ Hu hu, mir kommen gleich die Tränen. Nichts von „Ich würde Knospen treiben wie im Lenz.“ Also den Karl hätte die alte Frau auch zum Teufel gejagt und die Hütte verbrannt, wenn sie ihn so gehört hätte. Es geht ja gar nicht darum, ob er nicht auch Recht hat. Dem Ikkyû war das auch völlig wurscht. – Ich liebe den Vergleich mit der indisch-modalen Musik, weil sie einen Punkt ganz klar stellt: Da ist dieser eine ewige (tonlose) Grundton und da ist die Melodie, die um ihn herumtanzt. Ikkyû war es immer wichtig, auch die Melodie zu feiern in all ihren Aspekten. Mit 77 begann er noch eine leidenschaftliche Beziehung zur blinden Shin, die vier Jahrzehnte jünger war als er. Was könnte die Melodie dem Grundton je anhaben? Der wird davon überhaupt nicht berührt.

Also wenn’s dem armen Karl nicht mehr schmeckt, dann ist das sein Ding. Mir schmeckt das Leben. Und wenn’s mir mal nicht schmeckt, dann mach ich die Mücke, anstatt hier in der Gegend rumzujammern: Es ist alles so leer, mein Gott ist das alles leer!

Wusst ich noch gar nicht, dass der Ronny auch so schön singen tutet.

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Omar Khayyâm: Was dann?


Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen –
was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen –
was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr –
nimm meinthalb an, es seien zweihundert gewesen –
was dann?

aus: Omar Khayyâm: „Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers“

Omar Khayyâm, „der Zeltmacher“, 1048 – 1131 in Persien, hervorragender Universalgelehrter, Philosoph, Dichter, Freigeist und Skeptiker, stellte gerne all die liebgewonnenen Selbstverständlichkeiten seiner Zeitgenossen in Frage.

„Was dann?“ ist eine wundervolle Frage. Wenn ich mir diese Frau oder diesen Kerl geangelt habe – was dann? Wenn ich dieses irre Auto gekauft habe oder mir ein Haus gebaut habe – was dann? Wenn ich diesen Satsang oder dieses Retreat mitgemacht habe – was dann? Wenn ich erst Kinder bekommen habe oder die Kinder aus dem Haus sind – was dann? Wenn ich wieder gesund sein werde – was dann? … Immer lebe ich auf eine hoffentlich bessere oder zumindest gute Zukunft hin oder auch eine schlechtere, wenn ich ein alter Schwarzseher bin, und vergesse völlig, dass mir das „Dann“ zeigen wird, dass sich überhaupt nichts geändert hat: Dass ich immer noch derselbe bin, der nicht einmal weiß, wer oder was er überhaupt ist, ja ob er überhaupt ist. Wenn – dann – die Zukunft bietet mir die Möglichkeit, an eine Vorstellung zu glauben, an ihr zu arbeiten und so einen Halt zu haben. Was wird aus mir, wenn ich mit all dem einfach aufhören, wenn mir dieser eingebildete Halt verloren gehen würde? Nicht auszudenken! Grusel! Wer bin ich ohne Zukunft?

Eingebildeter Halt? Die Ameise würde lautstark protestieren: „Der nächste Winter kommt bestimmt! Wer nicht hören will, muss eben fühlen oder er geht gleich ganz baden.“ Immer wieder krieg ich Mails von Leuten, die mich vor dem kommenden großen Knall warnen. Was ich mir nicht alles anschaffen soll für den Worst Case. Wasser, Brot in Dosen, Petroleum-Ofen, Armbrust und Pfeffer-Spray, Batterien, … Ooch nee, Kinder, hab ich alles schon mal mitgemacht, nicht noch einmal!

Also, kann schon sein, dass der Worst Case kommt. Was nicht alles so sein kann. Und – was dann? Wenn Omar Khayyâm irgendetwas nicht war, dann ein Moralist. Und auch keine Krämerseele. Jesus soll gesagt haben: „Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“ (mt 6:34) Hätte fast von der Grille kommen können. Nur den Schluss hätte die wohl anders ausgedrückt: Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Freude habe.“ Geht’s Omar Khayyâm oder Jesus überhaupt um diesen Ameisen-Grillen-Kram? Ich denke nicht. Beide waren weder suizidal noch doof. Aber es gab etwas, was für sie wesentlicher war als das schnöde Überleben des Leibes.

To be, or not to be, that is the question.
Live, or survive, that is the question.

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