Kôdô Sawaki: Narkotisierung der Wahrnehmung


Wo sich Gruppen bilden,
wird die Wahrnehmung betäubt,
und der Mensch hört auf zu verstehen,
was gut ist und was schlecht ist.

Es ist nicht so, dass wir Mönche
uns von der Welt zurückziehen
oder der Realität davonlaufen wollen.

Wir wollen einfach nicht
dabei mitmachen,
unsere Wahrnehmung zu narkotisieren.

Seit alten Zeiten wird geraten,
nach seiner Berufung
in Wäldern und Bergen zu suchen.

Wälder und Berge bedeuten hier
die transparente Welt.

Kôdô Sawaki

Eigentlich weiß jeder, wovon Kôdô Sawaki hier spricht: Menschen verhalten sich völlig anders als Einzelne und als Mitglieder einer Gruppe. Kôdô Sawaki sagt: “Wo sich Gruppen bilden, wird die Wahrnehmung betäubt, und der Mensch hört auf zu verstehen, was gut ist und was schlecht.” Ich erinnere mich an ein Vorkommnis aus meiner Jugendzeit. Ich musste immer mit der Straßenbahn eine bestimmte Strecke fahren. Oft passierte es, dass gerade ein Fußballspiel im nahen Stadion zu Ende gegangen war und die Zuschauer die Straßenbahn eroberten. Eroberten, anders kann ich es nicht ausdrücken. Eine Horde völlig verblödeter, schreiender, rücksichtloser menschenähnlicher Wesen überfiel die Waggons und nahm die bereits anwesenden Fahrgäste regelrecht in Geiselhaft. Ich weiß noch, dass ich regelmäßig fluchtartig den Ort des Schreckens verlassen habe.

Kôdô Sawaki spricht von der Narkotisierung der Wahrnehmung. Kaum taucht ein anderer Mensch auf, schon ist man nicht mehr bei sich, sondern beim anderen. Wie werde ich wahrgenommen? Wie muss ich verhalten, dass man mir nichts tut. Ja, wie muss ich mich verhalten, dass ich geliebt werde?

Ich erinnere gerade eine Szene mit einem kleinen Mädchen. Ich saß auf Gran Canaria am Strand, als sie auftauchte. Als sie bemerkte, dass ich zu ihr hinüberschaute, fing sie zu tanzen an. Kaum schaute ich weg, hörte sie mit dem Tanzen auf, um sofort wieder damit zu beginnen, wenn ich ihr zuschaute.

Mönche versuchen, die Narkotisierung zu beenden, indem sie in “Wäldern und Bergen” nach ihrer Berufung suchen. Es können natürlich auch die berühmten 40 Tage in der “Wüste” sein. Wälder, Berge, Wüste sind einerseits Metaphern, waren andererseits aber auch durchaus ganz real gemeint. Es geht um einen Rückzug von der Welt im Außen und eine Hinwendung zur sog. inneren Welt. Kôdô Sawaki bezeichnet diese als transparente Welt.

Heraklit  hinterließ uns den Satz: “Handelt nicht- und sprecht nicht wie im Schlaf!” Er weist auf dasselbe hin wie Kôdô Sawaki: Vermeidet es in einen narkotisierten Zustand zu geraten. Bei Mk 14, 37 findet sich der Hinweis: “Und er [Jesus] kommt und findet sie [die Jünger] schlafend und sagt zu Petrus: Simon, du schläfst? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?”

Wer einmal einer Katze zugeguckt hat, wenn sie eine Maus fangen will, weiß was Präsenz ist. Äußerste Wachsamkeit. Vielleicht hat einer von euch schon einmal den Film “Die sieben Samurais” von Akira Kurosawa gesehen. Ein Kampf zwischen zwei Samurais wurde in erster Linie entschieden durch den Grad der Wachheit bei den beiden Kämpfern.

Als Gegenpol möge das Bild eines völlig weggetretenen Menschen in einer Opiumhöhle dienen. Wir schaffen es natürlich locker auch ohne Opium, uns zu narkotisieren.

Ein Advaitin könnte jetzt sagen: Alles, was einen Anfang hat, wird auch enden. Aufmerksamkeit ist bewusste Konzentration, also Anstrengung, die nicht dauerhaft durchgehalten werden kann. Was soll also die ganze Mühe? Es geht doch darum, das zu sein, was weder Anfang noch Ende kennt.

Oder geht es darum, Gewahrsein zu sein: “Sieh den, der sieht!” (Geht es darum? Geht es überhaupt um irgendetwas?) Wer das einmal versucht hat und darin verweilt, ist absolute Präsenz. (Oder ist auch das Anstrengung, die enden wird? Gibt es überhaupt irgendetwas, das nie endet?)

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Kôdô Sawaki: sein eigenes Leben leben



Du kannst nicht einen einzigen Furz
mit deinem Nächsten austauschen.

Jeder einzelne von uns
muss sein eigenes Leben leben.

Dabei brauchen wir uns
keine Gedanken darüber zu machen,
wer von uns der Fähigste ist.

Kôdô Sawaki

Das gefällt mir so an dem Kerl: Er lässt es einfach so hochblubbern, wie’s ihm gerade kommt. Und er stellt einfach fest: So ist es. Und dann kann ich gucken, was bei mir hochblubbert. Also einen Furz mit meinem Nachbarn austauschen – Ideen hat dieser Bursche!  Wer will schon einen Furz austauschen und noch dazu mit seinem Nachbarn? Vielleicht stinkt dem seiner ja mehr als meiner? Nein, ich tausche nicht. Ich behalte lieber meinen. Aber er hat ja recht, der Kôdô Sawaki, tauschen geht ja gar nicht. Da muss ich mir also gar keine Sorgen bereiten, dass ich vielleicht ein schlechtes Geschäft machen könnte bei dieser Tauscherei.

Und Kôdô Sawaki hat auch recht, wenn er sagt, dass wir nur unser eigenes Leben leben können. Und dafür müssen wir uns ja nicht einmal anstrengen. Es lebt sich ganz von selbst dieses Leben. Ist das nicht wundervoll? Wir müssen gar nichts tun und in er Zwischenzeit macht unser Leben die ganze Arbeit!

Tja und der letzte Gedanke – wenn uns unser Leben gar nicht braucht, wenn wir es gar nicht sind, die es leben, was soll dann der Vergleich mit anderen, die ihr Leben ebenso wenig leben wie wir? – Wer der Fähigste ist? – Träum schön weiter, du darfst  gern der Fähigste sein. Ich werde dir diesen Titel ganz bestimmt nicht abspenstig machen.

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Padmasambhava: Die, die ihr Leben für Nichtigkeiten vergeuden, …



Es ist aber unbedingt notwendig, den Weg der Wahrheit zu gehen, der die Erlösung aus dem Ozean der Leiden unserer bedingten Existenz mit sich bringt. Ansonsten wird man dieses Leben hier als freier Mensch und unter derartig günstigen Bedingungen nicht noch einmal geschenkt bekommen.

Es wird dir eher gelingen, eine Erbse nach oben zu werfen, so dass sie an der glatten Oberfläche eines waagerecht an der Decke hängenden Spiegels kleben bleibt, als dieses Geschenk ein zweites Mal zu erhalten.

Eher wird es einer Schildkröte gelingen, die alle hundert Jahre aus den Tiefen des Meeres auftaucht, ihren Kopf durch ein zufällig auf der Wasseroberfläche dahintreibendes Joch zu stecken.

Eher wird es dir gelingen, ein Sesamkorn durch die Luft zu werfen und damit genau durch das Öhr einer Nadel zu treffen.

Wenn alle Lebewesen aus allen vorstellbaren Existenzbereichen eine Pyramide bildeten, so wären die gequälten Geister der Hölle und die Tiere der ganze Körper, die Halbgötter wären gerade die Oberfläche und die Menschen und Götter wären nur die oberste Spitze.

Denkst du daran, dass in einer Schaufel Erde so viele Tiere enthalten sind, wie es Menschen auf dieser Welt gibt, so wirst du einsehen, dass die Chancen auf ein menschliches Leben nicht so groß sein können.

Aber auch im menschlichen Leben gibt es noch fast unüberwindliche Hindernisse auf dem Weg der Wahrheit. So zum Beispiel, wenn du körperlich und geistig behindert bist, wenn du in schwierigen materiellen und geistigen Bedingungen und Unfreiheit lebst, wenn keine Lehre der Wahrheit bekannt ist oder nur falsche Ansichten vorherrschend sind. Auch dann hast du wenig Möglichkeiten, in die Lehre von der Erleuchtung einzutreten. Wenn du also in dieser Welt lebst, einen gesunden Körper hast, die Lehre der Wahrheit hören kannst, autorisierte Lehrer da sind und du frei deinen Wünschen folgen kannst, dann solltest du nach den höchsten Lehren der Wahrheit leben, sonst ist dein kostbares menschliches Leben verschwendet. Hier trennen sich die Wege, die zu Aufstieg oder Niedergang führen. Die, die ihr Leben für Nichtigkeiten vergeuden, sind zu bedauern.

aus: Padmasambhava, ”Die geheimen Unterweisungen”

Ach wie schön ist es doch, sein Leben für Nichtigkeiten zu vergeuden! Wenn der wüsste!

Also wovon redet dieser Padmasambhava da eigentlich? Meine Güte, der ist ja fast so gut wie unsere allerchristlichsten Seelsorger! Drohungen über Drohungen. Aber Phantasie hat er ja, das muss man ihm lassen. Das ist schon einfallsreicher als so’ne simple Hölle, wie wir sie kennen. Und natürlich geht er von einer Person aus, die begreifen soll, was für eine einmalige Chance ihr da entgeht, wenn sie sich nicht für den Weg der Wahrheit entscheidet.

Was ist das überhaupt, dieser Weg der Wahrheit? Auch Jesus soll ja darauf verwiesen haben: “Nur die Wahrheit wird euch frei machen!” Kann ein Stein unwahr sein? Aber dann fallen einem bestimmt gleich Pflanzen ein, die den Duft nachahmen, der bei der Fortpflanzung von einigen Insekten eine Rolle spielt. Auf diese Weise locken sie diese Insekten an und werden so bestäubt, ohne jedoch dafür Nektar liefern zu müssen. Also wenn das kein glatter Betrug ist! Und bei den Tieren? Also da gehört der Betrug ja fast schon zum guten Ton. Gehen all diese Pflanzen und Tiere nicht den Weg der Lüge und müssen dafür leiden, leiden, leiden?

Betrug gehört ganz offensichtlich zur notwendigen Ausstattung der Lebewesen im Überlebenskampf. Nun kommt also so ein Padmasambhava daher und flüstert geheimnisvoll in seinen geheimen Unterweisungen: Es ist unbedingt notwendig, den Weg der Wahrheit zu gehen, wenn ihr euer Leiden beenden wollt! Sollen all die Pflanzen und Tiere Selbstmord begehen? Nein, natürlich nicht. Zu ihnen spricht Padmasambhava ja gar nicht. Er spricht zu den Menschen, den einzigen Lebewesen, die glauben, autonome Entitäten zu sein, die einen freien Willen haben und sich für den Weg der Wahrheit entscheiden können oder eben für den Weg der Lüge und des Betrugs. Tja, was soll man da sagen?

Aber zurück zu den Nichtigkeiten, von denen Padmasambhava spricht: “Die, die ihr Leben für Nichtigkeiten vergeuden, sind zu bedauern.” Goethe fällt mir ein: “Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich ein Blümlein stehn, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön. …” Ein Blümlein – was für eine Nichtigkeit! Und mit so was hält sich nun unser Dichterfürst auf und verschwendet so sein kostbares menschliches Leben!

Also ich kann da nur sagen: Was für ein Segen, so sein Leben zu verschwenden!

Dieser Augenblick – die einzige Wahrheit.

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Michael Schmidt-Salomon: Keine Macht den Doofen


Was wir daher in der gegenwärtigen Situation brauchen, ist nicht moralische Empörung, sondern kulturelle Entblödung! Statt
»Empört euch!« sollte es heißen: »Entblödet euch!« Denn die große Konfliktlinie unserer Zeit verläuft nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen klug und blöde! Wohlgemerkt: Bei dieser Differenz von Klugheit und Dummheit geht es nicht um Eigenschaften einzelner Individuen (auch ein extrem hoher IQ bietet keinen wirksamen Schutz vor Hirnwurminfektionen), sondern um die Beschaffenheit soziokultureller Systeme (sind sie intelligent oder unintelligent designt, fördern sie Schwarmintelligenz oder Schwarmdummheit?)

  Falls ein Individuum in der Lage sein sollte, weiter zu sehen als andere, so ist dies eben nicht auf sein »grandioses Selbst« zurückzuführen, sondern auf den glücklichen Umstand, dass es innerhalb der kulturellen Matrix eher mit Gelée Royale der Bildung als mit Hirnwürmern der Verblödung in Berührung kam. Doch selbst an diesem Punkt kann man sich niemals sicher sein. Denn so weit wir auch immer sehen mögen, unser Denkhorizont ist stets begrenzt. (Das gilt selbstverständlich auch für den Verfasser dieser Zeilen: Schließen Sie aus dem apodiktischen Stil dieser Streitschrift bitte nicht, dass es hier darum gehe, »unantastbare  Wahrheiten« zu verkünden. Natürlich weiß ich, dass meine Denkergebnisse vorläufig und fehleranfällig sind. Doch gerade wenn man das weiß, sollte man seine Positionen möglichst klar auf den Punkt bringen. Warum? Weil dies die Chancen erhöht, dass der Unsinn, den man formuliert hat, von anderen, die weiter sehen, widerlegt werden kann.)

aus: Michael Schmidt-Salomon: “Keine Macht den Doofen”

Keine Macht den Doofen – also an dem Titel kam ich einfach nicht vorbei, den musste ich mir einfach besorgen. Schließlich wollte ich mir das neueste Pamphlet des Pfaffenfressers Michael Schmidt-Salomon (MMS) nicht entgehen lassen. Also, wer ist denn nun nach MSS ein Doofer? Es hat nichts mit dem IQ zu tun, sagt er und ich verkürze das mal auf den Intellekt. Es hat überhaupt nichts mit persönlichen Eigenschaften zu tun, sondern mit der Beschaffenheit soziokultureller Systeme und die Frage, ob diese Schwarmintelligenz fördere oder Schwarmdummheit. Eieiei aber auch – an wen wendet sich der MSS denn da nun? Wer soll denn sein Buch lesen: Ein soziokulturelles System oder ein Einzelner mit mehr oder weniger Intelligenz? MSS fährt anschließend aber fort: “Falls ein Individuum in der Lage sein sollte, weiter zu sehen als andere, …” – also doch mit individuellen Eigenschaften. Hätte mich ja auch gewundert.

Aber zurück zur wesentlichen Aussage von MSS: Die große Konfliktlinie verlaufe nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Klugheit und Dummheit. Gut und Böse sind Kategorien, die nicht nur die Pfaffen gerne verwenden, um ihre Schäfchen in die angeblich richtige Richtung zu lenken, sondern nicht weniger gern  auch die Politiker. Wie eng verquickt auch in unserem Land Politik und Religion sind, lässt sich unschwer an der Vita der meisten unserer Politiker ablesen. (Wer sind wir eigentlich, der Türkei Islamismus vorzuwerfen?) Wenn wir an George W. Bush und seine Achse des Bösen und seine Schurkenstaaten denken, können wir die Absicht klar erkennen, die hinter dem Urteil “Gut und Böse” steckt. Es geht um Macht und Unterdrückung und sonst um gar nichts. MSS fordert dagegen Intelligenz ein, Intelligenz, nicht Intellekt. Intelligenz bekommt dann eine Chance, sich ungehindert entfalten zu können, wenn der Hirnwurm der Verblödung an seiner weiteren Ausbreitung gehindert werde, wenn also endlich niemand mehr diesem Geschwätz von Gut und Böse Glauben schenken werde.  Sehr optimistisch scheint MSS hier allerdings nicht zu sein, und wenn wir die Kürung des neuen Bundespräsidentenkandidaten am letzten Wochenende betrachten, kann man seinen Pessimismus vielleicht sogar verstehen.

Mir hat sein Buch gefallen. Endlich mal wieder jemand, der Deutsch spricht! Wenn also der Hirnwurm der Verblödung anklopft und euch weismachen will, dass ihr jemand oder etwas wäret, so etwas vielleicht wie Wirklichkeit, Wahrheit, Absolutes, Selbst, Bewusstsein, Geist, Dharmakaya oder was auch immer: Seid auf der Hut!

(Danke, liebe Margarete, für deinen freundlichen Hinweis an den süßen Ernie!)

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U.G. Krishnamurti: Ihr Ziel ist es ja, selbstlos zu sein



Solange Sie etwas tun, um Ihr Ziel zu erreichen, erhält sich dieser Mechanismus andauernd selbst. Wenn ich den Ausdruck ‘sich selbst erhaltender Mechanismus’ benutze, meine ich damit nicht, daß es tatsächlich ein Selbst oder eine Wesenheit gäbe. Ich muß das Wort ‘Selbst’ gebrauchen, weil es kein anderes dafür gibt. Es ist wie die Selbstzündung, die Sie im Auto haben; sie hält sich selbst am Laufen. Nur daran ist dieser Mechanismus interessiert. Was immer Sie auch zu erreichen suchen – es ist eine egozentrische Tätigkeit. Wenn ich den Begriff ‘egozentrische Tätigkeit’ gebrauche, so interpretieren Sie das immer als etwas, das vermieden werden sollte, denn Ihr Ziel ist es ja, selbstlos zu sein. Solange Sie etwas unternehmen, um selbstlos zu sein, werden Sie ein egozentrisches Einzelwesen bleiben. Wenn die darauf gerichteten Bemühungen, ein selbstloser Mensch zu werden, einmal aufhören, dann gibt es auch kein Selbst mehr und keine egozentrische Tätigkeit. Also sind genau die Techniken, Systeme und Methoden, die Sie benützen, um Ihrem Ziel der Selbstlosigkeit näherzukommen, im Grunde nichts anderes als egozentrische Aktivitäten.

Unglücklicherweise hat die Gesellschaft uns weisgemacht, daß die Selbstlosigkeit ein erstrebenswertes Ideal sei; schließlich kann ein selbstloser Mensch der Gesellschaft nur von Nutzen sein, und deren eigentliches Interesse liegt darin, die eigene Kontinuität, den Status quo, aufrechtzuerhalten. So wurden all diese Wertvorstellungen, die wir akzeptiert haben und von denen wir glauben, sie seien es wert erhalten zu werden, vom menschlichen Verstand nur aus dem Grund erfunden, um sich selbst in Gang zu halten.

aus: U.G. Krishnamurti, ”Der Mut, allein zu stehen”

“Was immer Sie auch zu erreichen suchen – es ist eine egozentrische Tätigkeit.” Ein Schlüsselsatz. U.G. fügt hinzu: “Wenn ich den Begriff ‘egozentrische Tätigkeit’ gebrauche, so interpretieren Sie das immer als etwas, das vermieden werden sollte, denn Ihr Ziel ist es ja, selbstlos zu sein.”

Und so wird die Sache zum Selbstläufer. Egozentrisch zu sein gilt als pfui. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Ist zwar kaum jemand, aber so zu sein, gilt zumindest offiziell gesellschaftlich als richtig schick.

Die Sache mit unserem Ex-Bundespräsidenten hat das ganze Dilemma ja wieder mal schön deutlich gemacht. Wenn irgendetwas dran ist an den Berichten der Medien, so war unser Ex wohl alles andere als edel, hilfreich und gut und schon gar nicht selbstlos. Er hat anscheinend ziemlich egozentrisch gehandelt. Damit hat er sich allerdings als echter Bürgerpräsident und ausgesprochen volksnah erwiesen, denn auch die Bürger sind in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht besonders edel, hilfreich und gut oder selbstlos, sondern durchaus egozentrisch – und unter der Hand gesagt gilt der, der es nicht ist, als ziemlich dumm. Eigentlich war das auch gar nicht die Forderung an unseren Ex, eigentlich wirft man ihm ja im Grunde nur vor, dass er sich hat erwischen lassen. Nach außen hin den untadeligen Vorzeigemenschen spielen, heimlich seinen kleinen Vorteil suchen und sich dann zu allem Überfluss auch noch dabei erwischen lassen und dann alles abstreiten, das war dann wohl doch ein bisschen zu schäbig für das Bild eines Präsidenten, wo wir doch so gerne stolz wären auf unseren Präsidenten. – Also wenn ich das so lese, weiß ich eines ganz sicher: Bundespräsident möchte ich nicht werden, nicht ums Verrecken! Na ja, meine Chancen dürften seit gestern zugegebenermaßen eh nicht mehr allzu groß sein.

Gestern  war mein Thema “Für alle, die das “wahre Selbst zu kennen glauben.” Wer das zu kennen glaubt, der glaubt es ja vielleicht auch zu haben und will seinen kostbaren Schatz dann möglichst auch nicht mehr hergeben oder, so er dieses “wahre Selbst” noch nicht in seinen Besitz gebracht hat, will er es wenigstens in naher Zukunft ergattern. Sowas kann dann leicht zu einer lebenslangen Beschäftigung  ausarten. Wie hat Siddhartha Gautama doch weiland schon gesagt: Alles Leiden kommt vom Begehren. Und eine der klassischen Fußangeln für besonders Schlaue ist nun mal, das Begehren nicht mehr zu begehren. Na ja, und wenn das nicht so recht hinhaut, dann kann man ja wenigstens so zu tun, als ob … Und das kann ja nicht nur Politikern passieren, sondern auch ganz gewöhnlichen spirituellen Strebern,
also auch so Leuten wie du und ich.

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Für alle, die das “wahre Selbst” zu kennen glauben.


Als Eulenspiegel von Rom zurückreiste, kam er in ein Dorf, in dem eine große Herberge war. Der Wirt war nicht zu Hause. Da fragte Eulenspiegel die Wirtin, ob sie Eulenspiegel kenne. Die Wirtin antwortete: »Nein, ich kenne ihn nicht. Aber ich habe von ihm gehört, dass er ein auserlesener Schalk ist.« Eulenspiegel sprach: »Liebe Wirtin, warum sagt Ihr, dass er ein Schalk ist, wenn Ihr ihn nicht kennt?« Die Frau sagte: »Was ist daran gelegen, dass ich ihn nicht kenne? Das macht doch nichts; die Leute sagen eben, er sei ein böser Schalk.« Eulenspiegel sprach: »Liebe Frau, hat er Euch je ein Leid angetan? Wenn er ein Schalk ist, so wisst Ihr das nur vom Hörensagen; darum wisst Ihr nichts Eigentliches von ihm zu sagen.« Die Frau sprach: »Ich sage es so, wie ich es von den Leuten gehört habe, die bei mir aus- und eingehen.«

Eulenspiegel schwieg. Des Morgens stand er ganz früh auf und scharrte die heiße Asche auseinander. Dann ging er zum Bett der Wirtin und nahm sie aus dem Schlaf. Er setzte sie mit dem bloßen Arsch auf die heiße Asche, verbrannte ihr den Arsch gar sehr und sprach: »Seht, Wirtin, nun könnt Ihr von Eulenspiegel sagen, dass er ein Schalk ist. Ihr empfindet es jetzt, und Ihr habt ihn gesehen. Hieran mögt Ihr ihn erkennen.« Das Weib fing an zu jammern, aber Eulenspiegel ging aus dem Haus, lachte und sprach: »Also soll man die Romfahrt vollbringen.«

Funkensonntag, Feister Sonntag, Tulpensonntag, Küchle Sonntag, Faschingssonntag, Karnevalssonntag, Fastnachtssonntag, Herrenfastnacht, Pfaffenfastnacht, Priesterfastnacht oder wie auch immer – da könnte man ja vielleicht mal wieder an jenen Till Eulenspiegel erinnern, der die Leute auf ziemlich drastische Weise an ihre menschlichen Unzulänglichkeiten erinnerte. Eine ganz besondere menschliche Errungenschaft und Schwäche ist das ständige Vergessen dessen, was J. Krishnamurti mit dem Satz “Das Wort ist nicht das Ding” auf den Punkt gebracht hat. Ständig halten die Menschen die Beschreibungen von was auch immer für die Sache selbst und glauben mit den Beschreibungen die Sache zu kennen. Noch verrückter wird es, wenn es sich bei den Beschreibungen um Beschreibungen dessen handelt, was sich gar nicht beschreiben lässt. Sollte davon die Rede sein, können wir jedenfalls sicher sein, im Karnevalsumzug im Wagen der sog. spirituelle Menschen gelandet zu sein.

Im Winter verlangst du nach Pelzkleidung,
aber wenn der Sommer kommt,
wird sie dir zur Last
und du legst sie achtlos beiseite.

So ist es mit der Nachahmung der Lehre.
Sie hält die Leute warm bis zu dem Tag,
an dem die Sonne sie wärmt.

Dschelal ed-Din Rumi

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Georges I. Gurdjieff: Wohl dem, der eine Seele hat.



Wohl dem, der eine Seele hat.
Wohl dem, der keine hat.
Doch wehe demjenigen,
der sie nur keimhaft hat.

Georges Iwanowitsch Gurdjieff

Ähemm … was ist denn das nun wieder? Menschen mit Seele, Menschen ohne Seele? Also um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe mal wieder keine Ahnung, was in diesem Falle Gurdjieff damit gemeint haben könnte. Das ist einfach so wie mit einem Stein, den jemand in einen See wirft. Es macht “plop!” und dann gibt es diese hübschen Kringel. Sie gehen nach außen, sie gehen nach innen, … und irgendwann kommt wieder alles zur Ruhe.

Also “plop!”: Seele. Menschen haben eine Seele. Wohl dem jedenfalls, der eine hat. Und zwar eine, die nicht nur keimhaft angelegt ist, sondern, vermute ich mal, ausgereift ist. Und, so Gurdjieff, wohl dem, der überhaupt keine hat. Wir sprechen gern von einem seelenlosen Menschen, wenn wir von einem Menschen ohne Gefühl und Gewissen sprechen, von einem skrupellosen Verbrecher, einem kriminellen Diktator oder dergleichen. Aber das hat Gurdjieff vermutlich nicht gemeint, denn dass einem solchen Menschen besonders wohl ist, kann ich mir nicht so recht vorstellen.

Also meint Gurdjieff vermutlich etwas anderes mit dem Begriff Seele. Vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein seiner selbst? Könnte doch sein. Ein Baby beispielsweise kennt dieses Bewusstsein seiner selbst noch nicht. Es ist einfach – ohne dieses Bewusstsein. Und wenn für seine Bedürfnisse gesorgt ist, fühlt es sich vollkommen wohl mit sich selbst.

Keimhaft angelegt ist dieses Bewusstsein allerdings auch schon bei einem Baby. Aber es ist sich dessen noch nicht bewusst. Früher oder später taucht dieses Bewusstsein jedoch auf und das Fragen und Suchen beginnt. Jetzt genügt es nicht mehr, dass die Grundbedürfnisse des Betreffenden befriedigt werden. Jetzt tauchen all die Fragen auf: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich im Vergleich mit den anderen? Was ist mein Platz in  dieser Gesellschaft? Was ist der Sinn des Ganzen? Usw. usw. …

Wehe dem, sagt Gurdjeff. Denn dieser Weg des Suchens ist ein Schmerzensweg, ein Leidensweg. Viele bleiben ihr Leben lang auf diesem Weg und haben so Schmerz und Leid bis zu ihrem Tod als ständige Weggefährten. Manchmal geschieht es, dass diese Suche einfach aufhört. Dann ist nur noch Bewusstsein da und all das zermürbende Fragen und Suchen hat aufgehört. Einfach so.

Wohl dem, der eine Seele hat.

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