Wo sich Gruppen bilden,
wird die Wahrnehmung betäubt,
und der Mensch hört auf zu verstehen,
was gut ist und was schlecht ist.
Es ist nicht so, dass wir Mönche
uns von der Welt zurückziehen
oder der Realität davonlaufen wollen.
Wir wollen einfach nicht
dabei mitmachen,
unsere Wahrnehmung zu narkotisieren.
Seit alten Zeiten wird geraten,
nach seiner Berufung
in Wäldern und Bergen zu suchen.
Wälder und Berge bedeuten hier
die transparente Welt.
Kôdô Sawaki
Eigentlich weiß jeder, wovon Kôdô Sawaki hier spricht: Menschen verhalten sich völlig anders als Einzelne und als Mitglieder einer Gruppe. Kôdô Sawaki sagt: “Wo sich Gruppen bilden, wird die Wahrnehmung betäubt, und der Mensch hört auf zu verstehen, was gut ist und was schlecht.” Ich erinnere mich an ein Vorkommnis aus meiner Jugendzeit. Ich musste immer mit der Straßenbahn eine bestimmte Strecke fahren. Oft passierte es, dass gerade ein Fußballspiel im nahen Stadion zu Ende gegangen war und die Zuschauer die Straßenbahn eroberten. Eroberten, anders kann ich es nicht ausdrücken. Eine Horde völlig verblödeter, schreiender, rücksichtloser menschenähnlicher Wesen überfiel die Waggons und nahm die bereits anwesenden Fahrgäste regelrecht in Geiselhaft. Ich weiß noch, dass ich regelmäßig fluchtartig den Ort des Schreckens verlassen habe.
Kôdô Sawaki spricht von der Narkotisierung der Wahrnehmung. Kaum taucht ein anderer Mensch auf, schon ist man nicht mehr bei sich, sondern beim anderen. Wie werde ich wahrgenommen? Wie muss ich verhalten, dass man mir nichts tut. Ja, wie muss ich mich verhalten, dass ich geliebt werde?
Ich erinnere gerade eine Szene mit einem kleinen Mädchen. Ich saß auf Gran Canaria am Strand, als sie auftauchte. Als sie bemerkte, dass ich zu ihr hinüberschaute, fing sie zu tanzen an. Kaum schaute ich weg, hörte sie mit dem Tanzen auf, um sofort wieder damit zu beginnen, wenn ich ihr zuschaute.
Mönche versuchen, die Narkotisierung zu beenden, indem sie in “Wäldern und Bergen” nach ihrer Berufung suchen. Es können natürlich auch die berühmten 40 Tage in der “Wüste” sein. Wälder, Berge, Wüste sind einerseits Metaphern, waren andererseits aber auch durchaus ganz real gemeint. Es geht um einen Rückzug von der Welt im Außen und eine Hinwendung zur sog. inneren Welt. Kôdô Sawaki bezeichnet diese als transparente Welt.
Heraklit hinterließ uns den Satz: “Handelt nicht- und sprecht nicht wie im Schlaf!” Er weist auf dasselbe hin wie Kôdô Sawaki: Vermeidet es in einen narkotisierten Zustand zu geraten. Bei Mk 14, 37 findet sich der Hinweis: “Und er [Jesus] kommt und findet sie [die Jünger] schlafend und sagt zu Petrus: Simon, du schläfst? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?”
Wer einmal einer Katze zugeguckt hat, wenn sie eine Maus fangen will, weiß was Präsenz ist. Äußerste Wachsamkeit. Vielleicht hat einer von euch schon einmal den Film “Die sieben Samurais” von Akira Kurosawa gesehen. Ein Kampf zwischen zwei Samurais wurde in erster Linie entschieden durch den Grad der Wachheit bei den beiden Kämpfern.
Als Gegenpol möge das Bild eines völlig weggetretenen Menschen in einer Opiumhöhle dienen. Wir schaffen es natürlich locker auch ohne Opium, uns zu narkotisieren.
Ein Advaitin könnte jetzt sagen: Alles, was einen Anfang hat, wird auch enden. Aufmerksamkeit ist bewusste Konzentration, also Anstrengung, die nicht dauerhaft durchgehalten werden kann. Was soll also die ganze Mühe? Es geht doch darum, das zu sein, was weder Anfang noch Ende kennt.
Oder geht es darum, Gewahrsein zu sein: “Sieh den, der sieht!” (Geht es darum? Geht es überhaupt um irgendetwas?) Wer das einmal versucht hat und darin verweilt, ist absolute Präsenz. (Oder ist auch das Anstrengung, die enden wird? Gibt es überhaupt irgendetwas, das nie endet?)










